Von Mírtos nach Psarí Foráda und zur Küstensiedlung Sidonía und Eindrücke aus Tértsa
(21. Oktober 2006)

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2006


Weswegen bin ich eigentlich nach Mírtos gekommen? – Um es nach etlichen Jahren wiederzusehen, das in den beiden vergangenen Jahrzehnten mehrfach besuchte. Aber nicht allein deshalb. Die westliche Umgebung hinter Tértsa zu erkunden, bin ich da. Nach Psarí Forád(h)a zu exkursieren (das "dh" soll als Aussprachehilfe dienen: ein WEICHES englisches Ti-äitsch!) – ohne Auto, das ist der Grund. Mit dem Mountainbike, wenn irgend möglich.
Und niemand wusste bei uns zu Hause genau, wie weit es nun eigentlich ist, welche Straßen es wirklich gibt, wo irgendwelche Feldwege abzweigen, ob die Einträge auf der Road–Editions–Map Eastern Crete 1:100.000 wirklich verlässlich sind. Nur einen Tipp bekam ich übers Internet: etwa 1 km hinter Tertsa (grob geschätzt) böge ein Feldweg zur Küste ab, den müsse ich nehmen.
Lauter vage Versprechungen, und es sollte auch nicht alles stimmen, der entscheidende breite Feldweg direkt in den Ort Psarí Forádha hinein ist auf der Road–Editions–Karte leider NICHT eingezeichnet, und abbiegen tut der erst etwa 4 km westlich von Tértsa.

Das morgendliche Mírtos – sehr hübsch, sehr friedvoll. Man ist froh, nicht in einem isolierten Großhotel, sondern in einem echten Dorf zu wohnen, in dem nach und nach das Leben erwacht, der Müllwagen durchrattert, der große Kiosk (mit einem Bild des Lyraspielers und Sängers Manolis Alexákis aus Ríza – unweit von Mírtos – auf der Innenseite der Eingangstür; der hat in seinen jungen Jahren wunderschön gesungen, mit viel G'fühl, jetzt ist er nur noch ein Abklatsch seines früheren Ruhms) und die Geschäfte öffnen, Tavernen geputzt werden, sich erste Kafeníogäste einfinden, um acht die erste Riege strammer Engländer zum Frühstück an stets demselben Tisch in der Ecke antritt.
Die hatten das Zimmer direkt neben meinem, ebenfalls einen kleinen überdachten Balkon mit Meerblick über zwei Häuserreihen hinweg, eine gewisse schlichte Idylle, aber keine Natur zwischen sich und der See. Auf dem Vordach tief unter uns ein jaulender Kater, dem gar nichts zu passen scheint, der bestimmt nur zu den ihn nicht beachtenden Katzen drunten in der Gasse will, es aber ohne menschliches Zutun nicht schafft.
Im Wesentlichen ist es bis nach zehn recht still in solchen Orten, eher bis elf.

Weil man schon ahnt, dass es kein sooo weiter Weg sein wird, beeilt man sich nicht sonderlich, bricht nicht schon bei Tagesanbruch auf. Nein, den ersten Nes schlürfe ich ganz gelassen, und vom Bäcker hol ich mir auch noch was. Der zweite Kaffee wird jedenfalls in Tértsa fällig werden.
Spaziergang am Restaurant Plátanos vorbei aus dem Ort hinaus, über die Landstraße rüber, dann den Feldweg hinter am Bach entlang. Das Gittertor ist leicht aufzukriegen, und da steht es schon, mein am Vortag ausprobiertes, bestelltes und bezahltes angerostetes Vehikel von Mountainbike.

Als ich das Dorf nach West hin verlasse, fällt mir als Erstes die Yoga–Gruppe auf, ungefähr zwölf Leute, die unter fachkundiger Anleitung mal erstarrt, mal arg verrenkt im milden Morgenlicht ihre langen Übungen am Strand, 500 m weg vom Ort absolvieren, die geschlossenen Augen nach West–Ägypten hin ausgerichtet. So etwas findet man jetzt überall auf Kreta, in etlichen Touri–Orten, auch ganz abgelegenen.

Langsam strample ich die Küste entlang, Kurve um Kurve, Gerade um Gerade. Der Weiler Vátos ist erreicht, die kleine Steigung. Das Gefälle. Die erneute Steigung. Dann die Erdpiste, schließlich wieder der Asphalt, und nach etwa 20 Minuten rolle ich in Tértsa ein, links die ersten Strandbäume. Das Kafenío der alten Frau, die erste, schon nachsaisonal geschlossene Taverne über dem Strand, die zweite, noch geöffnete, ein Tisch ist mit Einheimischen besetzt. Da trink ich meinen zweiten Nes, frage nach dem Weg. 8 bis 10 km seien es noch bis Sid(h)onía, meinen sie, der Abzweig komme erst nach einigen Kilometern, es sei schon noch ein Stück.

Aber welches Stück, Leute! Nichts für Sonntagsradler. Es geht auf breiter Asphaltpiste ständig bergauf, gleich am Ortsende von Tértsa, und nur wenige Minuten dauert es, bis man merkt, dass 18 Gänge hier auf Dauer nicht ausreichen werden. Ja Petro, Du mit Deinem Motorrad, oder Ihr geübten alpinen Bergradler, Besitzer teuerster, erlesenster Draht–, ach was: EDELMETALL–Esel, mit Euch kann ich mich nicht unbedingt messen. Ich bin an den südwestlichen Ausläufern der Münchner Schotterebene zu Hause, am Rand des Dachauer Mooses (= Moores), da, wo die Nebelwände stehen, wenn es nur unwesentlich näher an München noch Schönwetter hat, ich bin alles in allem ein Flachland–Radler mit gemäßigten Bergambitionen, allerdings mit einem nicht geringen Maß an Ausdauer oder besser Durchhaltevermögen, wenn's drauf ankommt.

Klar, die Steigungen waren schon beim ersten Blick auf die Karte ganz unzweideutig offenkundig geworden, aber man hofft halt doch, dass es nicht ganz so schlimm wird. Den ersten halben Kilometer hab ich noch volle Kraft, schau noch runter ins grüne Tal hinter Tertsa, das ich hoch über seiner Westseite entlangfahre; hinten eine paar Häuser, eine Kirche.
Schieben ist besser als Knieschmerzen und Sehnenriss wegen Pedaltretens mit äußerstem Kraftaufwand, so steig ich ab, keuche mich aus und starte die Schiebetour.
Die Straße dreht auf Treibhäuser zu, ein Feldweg geht links neben ihnen ab. Vorbeischieben, und wieder bergauf, nach einem kurzen Radelintermezzo. So wechseln sich nun Schiebestrecken mit kürzeren Fahrstrecken ab, manch eine Schweißperle verpufft auf dem Asphalt, und als ich zu den gut gelaunten Albanern hochgekurvt bin, die Treibhäuser am Straßenrand errichten bzw. reparieren, hab ich immerhin noch die Energie, dem einen, der besonders freundlich nach meiner Herkunftsstadt fragt, eine griechische Gegenfrage zu stellen, aus welcher albanischen Stadt genau ER denn stamme; ich aus München, er aus Berat.

Das macht Mut, ein so nettes Zwischenspiel, deshalb steige ich bei jeder Gelegenheit gestärkt auf, ungern ab, vorbei an erstaunlich vielen Freiland–Tomatenkulturen, fifty–fifty abwechselnd mit Treibhauspflanzungen, denn in dieser Gegend Kretas ist das Klima üblicherweise besonders mild, und da sind Plastikplanen nicht unbedingt erforderlich – erinnert mich etwas an die Weinbaugegenden Unterfrankens, wo ich neidvoll planenlose Garten–Tomatengewächse überleben sah, während sie bei uns zu Hause im Alpenvorland wegen Dauerregens verrotteten.

Flachere kleine Wegstrecken wechseln sich mit längeren Steigungen ab, nur wenig leichtes Gefälle dazwischen, Ölbäume, und irgendwann ist, um eine letzte Kurve herum, ein neu gebautes, hellocker oder gelblich gestrichenes Kapellchen erreicht, mit Einfassungsmauer und an einer der beiden Längsseiten aufgesetztem Türmchen aus weißen Ziegelsteinen sowie einer betonierten Fläche drum herum, von dem aus sich auf einmal Ausblicke nach West und nach Nord, die langen Hänge hinauf eröffnen.

Schön, wie da das in die Breite gezogene Gipfelhorn des "Kératos" (Tschäratos) über einen Sattel der Westhänge der großzügig geformten, gewiss nicht engen Talung unter mir herüberspitzt, eine hübsche Gegend herübergrüßt, deren meernahe Landstriche mir einigermaßen vertraut sind. Etwas näher und weiter oben, nördlicher, eine Kuppe mit drei rotweiß gestreiften Sendemasten.
Das Allerschönste aber ist das Versprechen in Form eines breiten Feldweges, der sich auf der anderen Straßenseite, von der Kapelle aus gesehen, hinunterwindet, ja eher furchterregend jäh hinunterstürzt, nicht irgendwohin, sondern sogar mit Wegweiser versehen, hin zu meinem Ziel.
Und in die andere Richtung, aus der ich gekommen bin, signalisiert ein weiterer Wegweiser: 4 km bis Tértsa, ein Witz für einen Autosesseltouri, gell, ihr Bequemen, die ihr euch mit eurer Fotoausbeute brüstet, die so leicht zu schießen war, Ziel mühelos erreicht, nur etwas Benzin verbraucht, iss ja wurscht!? Euer Wagen hat euch hingebracht, ihr habt euch nicht bemühen müssen, höchstens beim Kartenlesen.
Für den Radler gelten andere Gesetze. Steigungen hat man nicht so gern, logo, überraschenderweise gleichermaßen ungern jähes Gefälle auf unbefestigten Holperpisten.
Da schieb ich doch lieber abwärts; hätte ich zuvor nicht gedacht, je so eine Untat zu begehen.

Nach Psarí Foráda sind es angeblich 2 Kilometer, steil bergab, erst um ein Gehöft herumkurven, nein, keine Hunde, dann in leichterem Gefälle auf eine Wegverzweigung vor einem Kap zu, an der es schließlich nach rechts weiterhin steil hinuntergeht.
Die Rauchschwaden der Müllkippe sind nicht zu umgehen, der Weg führt direkt vorbei an den perversen Schönheiten einer griechischen Dorfumgebung. Das Kleinmoped mit Kiste hinten drauf, das gemächlich vorüberhoppelt, weckt in mir Sympathien für die Underdogs unter den Kleindörflern.
Dann erreiche ich die zugesperrte Olivenbauernkooperative, vermute ich mal, oder das großzügig gestaltete "Presshaus" am Dorfrand, im österreichischen Idiom, ich meine allerdings das köstliche Öl hier, nicht den edlen Rebensaft dort.

Zweihundert Meter weiter rolle ich in den Weiler Psarí Foráda hinein, der von der Höhe aus größer gewirkt hatte als er in Wirklichkeit ist. Von weiter oben war das auf einem Hügel erbaute Kirchlein gut zu sehen, die weißen Häuser zu seinen Füßen um die Windungen der Teerstraße von Kalámi herunter ausgebreitet. Das Örtchen wirkt wie ausgestorben, als ich es bis zu seinem oberen Ende durchradle. Nahe der Einmündung meines Staubweges wird selbst erzeugter Honig angeboten, auf einem Schild im Vorgarten. Ein Mann mit Kind bricht gerade zu einer Autofahrt auf, wird verabschiedet, die Frau antwortet zunächst nicht auf meine Fragen; erst als der Ehegatte das Fenster herunterkurbelt wird mir versichert, dass ich mich tatsächlich in Psarí F. befinde, Sidonía sei weiter unten am Meer.

Längst hatten sich die Häuserzeilen hinter dem langen Strand da unten gezeigt, schon auf meinem Erdweg von der Kapelle ganz oben an der Höhenstraße aus. Nun ist es noch ein guter Kilometer bis, nach Passieren der Abzweigung des Feldwegs nach Árvi (durch zwei total verdrehte Wegweiser angedeutet, die den Eindruck erwecken, man müsse wieder umkehren und die Teerstraße bergauf nehmen!) die ersten Häuser von Sidonía erreicht sind. Im Taleinschnitt Kulturpflanzen, auch ein paar Bananensträucher. Westwärts ist die einen Abhang über der Küste entlangführende Staubpiste von meiner Asphaltstraße aus gut einsehbar. Erst einmal versichere ich mich bei einem Mädchen am Straßenrand, dass das auch wirklich die Strecke nach Árvi gewesen ist, bevor ich nach einem größeren Gefälle das Konditorei–Kafenío links liegen lasse, daneben eine Polizeistation.

Etwa 50 m weiter treffe ich auf die Uferstraße vor dem tamariskengesäumten Strandbereich. Ein paar Kafenía und Tavernen säumen sie, insbesondere um die platzartige Ausbuchtung herum, auf der ich angekommen bin.
Samstagmittag, und es überrascht mich, so viel Leben anzutreffen in einer derartig abgelegenen Siedlung. Während die Frauen vor ihren Häusern, auf ihren Terrassen Putz machen, findet man den zugehörigen männlichen Part im Kafenío, die meisten in dem der hier als einzige sichtbaren Pension "Villa Írida", oder drüben unter den Bäumen beim Strand. Alle Blicke sind auf mich Ankömmling gerichtet, überall grüßen mich Kinder erwartungsvoll mit "hello!". Ich komme mir vor wie um Jahrzehnte zurückversetzt in ein Kreta des erst zaghaft beginnenden Tourismus, kann andererseits natürlich nicht erwarten, im letzten Oktoberdrittel gerade hier unten noch Urlauber vorzufinden. Frage mich, warum nur alles so gebaut ist, als ob es sich um einen, wenn auch ziemlich mickrigen und etwas unschönen, kleinen Badeort handele.

Mein erster Weg gilt dem östlichen Strandende, einige hundert Meter vorbei an einer ununterbrochenen Häuserzeile bzw. Tamariskenkette mit abgestellten Autos, nur ab und zu einem Boot, ein paar Netzen usw. Ganz im Osten führt ein Feldweg hoch, wieder weg von der Küste; diesen könnte man sicher auch nehmen, und er endet höchstwahrscheinlich oben bei der großen Wegverzweigung etwa 200 oder 300 m bergauf vom Müllplatz außerhalb von Psarí Foráda, an dem ich ja vorübergeschoben habe.
Ich stell das Rad bei einer hübschen Felsformation ab, einer Wand, die den gut 1 km langen Strand nach Osten hin begrenzt. Eine Formation mit einer Bänderung in verschiedenen Schwarz–, Grau– und weißlichen Tönen, die mich an die so hübsche Faltung von Ágios Pávlos erinnert, aber nicht so dramatisch verdreht und verschlungen erstarrt ist wie diese, deren Schichten nur leicht gekrümmt, eher parallel verlaufen. Draußen im Meer noch zwei oder drei dunkle Felsen, diesem Kap vorgelagert. Sie sind schon von fern, von den Stränden um Tértsa herum, zu sehen.

Mein zweiter Weg führt mich die Uferstraße zurück, über die "Platía", bis ans westliche Strandende. Dorthin geht es auf einer kümmerlichen Piste, erst löchriger Asphalt, dann Feldweg, die im Hof eines Privatanwesens endet, hinter einer langen Mauer etwas überhöht über dem Wasser. Das dort hantierende Ehepaar zeigt sich nicht sonderlich überrascht, als ich vor ihnen auftauche, grüße und gleich wieder wende. Außer diesem Anwesen wirkt der Ortsteil ziemlich trostlos, trist und verlassen.
Der Strand ist hier allerdings am schönsten. Denn die östlichen zwei Drittel des Ortsstrandes zeichnen sich durch weit ins Wasser hinausragende Felsplatten aus, die, wesentlich schlimmer als etwa in Kalamáki und am Kommós–Strand, meist auch noch aus dem kühlen Nass herausragen, nicht gerade einladend für Badebegeisterte. Da hat der westliche Abschnitt doch weit mehr zu bieten. Aber so richtig wohlfühlen könnte ich mich im Herbst hier nicht.

Zurück zum Zentrum des Geschehens, nachdem ein versuchter Abstecher eine Seitengasse hinter blind in einem kleinen Hof endete. Eine Oma lässt sich nicht beeindrucken, alles ausgesprochene Stoiker, hier unten.

Ich schieb zum Strand in der Dorfmitte. Neugierige Buben mit Fahrrädern fragen, woher ich komme, wundern sich, dass ich es von Mírtos her geschafft habe. Kommt wohl nicht oft vor, so ein Radlerbesuch eines Fremden.
Soll ich mich an einem der Tische unter den Uferbäumen niederlassen, oder besser gegenüber, an der landwärtigen Seite des Uferplatzes? Ich verspreche mir von einem Besuch des Lokals der "Villa Írida" mehr, denn dort sitzen die meisten kaffeeschlürfenden Dörfler, durch Sonnenschirme geschützt. Für mich ist nur mehr ein paar Meter weiter drinnen Platz, an einem strategisch günstigen Durchgang zwischen dem Innenraum und den Stühlen draußen. Da herrscht zwar ein Putzchaos (echter Samstagsputz, in Sid[h]onía!), aber zum Abstellen meiner Limo reicht es gerade noch. Von der Hausherrin erhalte ich Auskunft. In den ersten Oktobertagen hätten sie noch Gäste gehabt. Die Studios mit Kochgelegenheit, Kühlschrank und Fernseher kosteten in der Nebensaison 40 Euro für zwei, als EZ 30 Euro.
Nach Schulbussen hab ich mich nicht erkundigt. Aber bei derart vielen Kindern und einer durchgehend geteerten Straße müsste es sie eigentlich geben, nach Áno Viánno, zum Gymnasium.

Bald hab ich genug von Sidonía, so nett die Ecke auch sein mag, und so vergleichsweise ursprünglich. Kein einziges Leihauto mit Touristen hab ich gesehen.
Zurück geht es ja lange bergauf, und das möchte ich lieber früher als später hinter mich bringen.

Es lockt zwar der recht steinige Feldweg am östlichen Ende des Strandes, aber ich nehm lieber den breiteren, besseren, bequemeren Weg, den ich auch gekommen bin.
Das Stück bis nach Psarí Forádha lässt sich noch gut hochradeln. Ab der Olivenmühle schieb ich wieder.
An der Feldwegkreuzung bei der Linkskurve ein Stück über dem Müllplatz angelangt, nehme ich Neugieriger noch den mittleren der meerwärts abzweigenden Erdwege, der auf konstanter Höhe das Vorgebirge zu umrunden scheint und trotz mehrerer großer Wasserlachen gut mit dem Rad zu befahren ist.
Ich befinde mich oberhalb einer Streusiedlung zwischen Treibhauskulturen, es ist bestimmt Káto Vígles.
Gut möglich, dass mein Weg in einen anderen gemündet wäre, der hinunterführt zurück nach Sid(h)onía, denn die Felsen im Meer vor dem Kap beim Strandende von Psarí Forád(h)a zeigten sich bereits wieder tief unter mir, aus einem der einzeln stehenden Gehöfte klingt kretische Musik. Da ich auf den Ringschluss nicht unbedingt angewiesen bin und der MM–Verlag auch von sich aus noch etwas tun sollte für ein weiteres Update seines Kreta–Fohrers (damit ihm nicht irgendein Wanderführer in Buchform zuvorkommt), genieße ich noch ein Weilchen den Ausblick und kehre dann zum Hauptfeldweg zurück. Bald ist die neue Kapelle mit ihrer Einfriedung an der praktisch unbefahrenen "Hauptstraße" nach Tértsa erreicht.

Nach kurzer Rast und wehmütigem Blick hinüber zum oberen Ende des Tschäratos–Berges begebe ich mich auf eine erholsame Bergabrolltour zwischen Oliven, Tomaten offen und Tomaten bedeckt. Ein erneutes "Hallo!" zu den Albanern, erneute Rückblicke zum Kap von Sidonía aus größerer Höhe, und bald darauf kurve ich über der Westflanke der grünen Bachtalung von Tértsa ein.


TERTSA–Eindrücke:

Unten angelangt, wende ich mich gleich wieder nach West, radle über einen staubigen Autoparkplatz, schiebe ein steiles Stück schlechten Feldwegs hoch hinüber zu einem schönen Strand. Parke mein Rad und steige eine Böschung zu einem Felsen hinunter, gehe dann zur Engstelle bei einer Höhle vor, an ihr vorbei und befinde mich sogleich im Reich der Nacktbader aus Mírtos, die ihre Autos unweit der Tavernen von Tértsa abgestellt haben und das Ostende eines langen, sehr hübschen Kleinkieselstrandes in Beschlag genommen haben – weiter westlich wäre er völlig leer.
Das ist wohl "das Höchste, Beste", strandmäßig, was man sich als Mírtos–Tourist gönnen kann, wenn man sich nicht gleich für eine Unterkunft in Tértsa entscheidet.

Dann besichtige ich noch das Tal von Tértsa mit seinen paar Häuschen und einer Kirche. Von der Straße oben ist mir ganz hinten ein Wohnmobil aufgefallen, und wer weiß, vielleicht ergibt sich ein Gespräch. Die Piste hinter beginnt gleich nach der ersten Taverne, wenn man aus West her kommt. Sie führt vorüber an einem anderen Restaurant, über diesem die wohl größte Unterkunftsmöglichkeit des Kleinortes, ein älteres griechisches Paar sitzt an einem der Tische, keine Essensgäste – die nehmen lieber weiter vorne in einem Strandlokal Platz.

Hinten im Tal klopft ein einsamer Bauarbeiter an einem Rohbau herum, seine Hammergeräusche beschallen das Tal, er lächelt mir zu. Bei der Kirche mehrere Häuser, die wie Zweitwohnsitze von Ausländern wirken, vor einem der Häuser arbeiten welche im Garten.
Weiter hinten wird es grüner, eine Wiese neben einem Bachlauf, der wohl gerade kein Wasser führt, dafür von den vielfältigsten Bäumen umstanden ist. Rechts oben am Hang arbeitet man auf Feldern, oder in Gemüsepflanzungen.
Endlich ist das Wohnmobil erreicht, mit einem Schatten spendenden Vorbau, alles offen, Gerätschaften, Spielsachen, aber keiner da. Autokennzeichen: N.
Hundert Meter weiter, oben auf einem Hang mit Büschen, ein notdürftig errichtetes "Haus", eines von ausgesprochenen Robinsonen. Als ich mich unten nähere, taucht eine große männliche Gestalt mit längerem Haar auf, ich sehe zwei Kinder herumhüpfen, höre sie quieken, eine junge Frau beaufsichtigt sie.
Der Mann ruft auf Griechisch herunter, ob ich was wolle, und dass ich doch das Wohnmobil in Ruhe lassen solle. Er ist wohl Grieche, während die Frau wahrscheinlich das Nürnberger Element verkörpert. Jetzt will ich doch nicht weiter stören und verabschiede mich unmittelbar nach meiner Begrüßung.

Im Ort zurück, wende ich mich nach Ost und suche das alte Kafenío von Sofía auf (so heißt sie, glaube ich), vor dem ein paar ältere Griechen Platz genommen haben. Hier erhoffe ich mir, etwas vom örtlichen Wein zu bekommen, aber die alte Frau, die nicht mehr so gut auf den Beinen ist, hat keinen, na wenigstens ein kleines Bier, dennoch Frust.
Im Innenraum meiner Verhandlungsstätte um ein Gläschen Chíma steht gleich neben der Eingangstür das große Doppelbett (!), in dem die gute Frau nächtigt, dann einige wenige Tische vor dem Tresen. Hinten raus eine Tür zu einer schmalen Terrasse, auf die ich mich gleich verziehe, um ein wenig Strandluft zu schnuppern. Trocknende Früchte und Bohnen werden beiseite geräumt. Das war also leider nichts, mit Wein.

Den gibt es dafür in meiner Frühstückstaverne von heute Morgen, weiter westlich. Dort lasse ich mich auf ein verspätetes Mittagessen unter Baumkronen nieder, froh darüber, dass noch drei weitere Tische besetzt sind. Einer davon mit einer Kleingruppe von Briten, Holländern und wohl einem Schweizer, ein anderer mit einem jungen deutschen Paar.

Den Wein besichtige ich zuerst im Kühlschrank, damit ich nicht von dem im Alupack bekomme, dem Allerweltswein. Ganz gutes Essen haben sie hier, bin bis in die Küche vorgedrungen.
Es fällt leicht, derartig gestärkt nach Mírtos zurückzuradeln.

Meine noch verbliebenen Energien strample ich mit einem Abstecher von Mírtos auf der Überlandstraße hoch zur Abzweigung Richtung Míthi und Máles ab (wo ich den Linienbus wenden sehe, der Fahrer hat wohl übers Handy erfahren, dass oben niemand auf ihn wartet), noch etwas weiter sogar, bis über die neue Kirche links der Straße hinaus, aber bis Mourniés schaffe ich es denn doch nicht mehr, will auch nicht, obwohl es so nah wäre.

Viel Neues durfte ich heute auskundschaften und erleben, die letzten mir unbekannten Orte zwischen Tsoútsouros und Mírtos in Augenschein nehmen (denn bis über Fáflangos hinaus bin ich von Keratókambos her über Árvi schon gewandert), eine Strecke abfahren, die auf kleinen Inseln wie etwa Megísti/Kastellórizo schon deutlich mehr als ein Längsprofil ausgemacht hätte. Alles relativ, je größer die Insel, desto relativer eben.

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2006

Von Mírtos nach Móchlos



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