Teil 1: Von München über Thíra nach Páros
Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2011


Nie hätte ich mir das träumen lassen. Intensive Suche nach einem neuen Job, und es zieht sich unangenehm lange hin. Schließlich Aussichten, bald auf bekanntem Terrain wieder anzufangen. Soll, kann ich da überhaupt wegfahren?
Nachdem einiges geklärt ist, schau ich mal bei TUIfly und bei Condor nach. Stoße auf ein extrem günstiges Flugangebot von DE, wie es nur im Juni und vielleicht noch in der ersten Julihälfte, wenn die bayerischen Schulferien noch nicht angefangen haben, aufscheinen kann. Da meint sogar meine Frau, ich solle das doch buchen. Ein Flug hin nach Sandoríni für 49,- Euro, alle Gebühren inklusive, ein Rückflug ex Iráklio für denselben Billigtarif. Selbst wenn etwas (Positives) dazwischenkäme, könnte ich diese 98,- Euro in den Wind setzen, ihren Verlust noch verkraften.

Nur vier Tage später sitze ich in der Frühmorgenmaschine nach Thíra, die besser gefüllt ist, als es der kurzfristige Sonderpreis vermuten ließ. Mag sein, dass es mehr Kurzfristbucher auf Spartrip gab, als ich es mir vorstellen konnte, oder auch nicht.
Mein Fensterplatz rechts (also ohne Blendung durch die Morgensonne) gewährt mir großzügig eine Schrägansicht von oben auf Kastoriá und seinen See. Vólos und einen kleinen Teil des Pílio darf ich ebenfalls sehen. Ganz Nord-Évvia tut sich mir unverschleiert auf. Athína-Pireás/Piréas, das breit hingestreute weiße Städtekonglomerat, ein weiterer Blickfang.
Später erkenne ich die Westhälfte der Insel Mílos. Dann eine traumhafte Vision: die Chóra von Folégandhros mit ihrem Steilabfall zum Meer. Kurz darauf liegt ein Teil Ías (Oías) unter mir, schöner als den Ort finde ich die sich mit diversen Grün- und Ockertönen schmückende terrassierte Landschaft östlich davon.

In meinem bisherigen Leben bin ich zuvor erst ein einziges Mal auf Sandoríni eingeschwebt, und das ist lange her, war noch zu Zeiten von Aero Lloyd, in einer MD-80 oder -81.
Auch eine A-320 von Condor hat einiges zu bieten, wenn es um den Landeanflug auf das Vulkanhufeisen geht. Es wird noch eine große Schleife über dem Meer nach Südost mit anschließendem Eindrehen auf den großen Militärflugplatz von Süd her geboten. Dabei sieht man sogar von einem F-Platz aus noch bis kurz vor der Anfluggeraden ein bisschen vom Inselsüdosten mit seinem höchsten Inselberg, während der Abtauchphase des rechten Flügels, der großen Kurvendreherei. Ein wenig Anáfi im Dunst beglückt mich zusätzlich.
Erfreut, die so markante und hübsche Kapellenkombi auf dem Felsen gerade außerhalb des Airports wiederzuerkennen, mache ich mich auf das Rumpeln des Landevorgangs gefasst. Alles klar, und wir rollen auf ein kleines betoniertes Rechteck unterhalb des Empfangsgebäudes zu. Hier haben höchstens zwei oder drei Flieger Platz. Aber wir sind eh die Einzigen weit und breit.

Fünf grimmig dreinblickende Gestalten mit lockigem pechschwarzen Haar und grellgelben Signalwesten machen sich daran, auf der benachbarten Staubfläche das einzig sichtbare Entladerampenfahrzeug in Gang zu bringen. Dann steht man draußen im leisen Wind auf der Gangwayplattform und möchte fast heulen, so vom Zufall und Glück begünstigt, wie man ist. Ein Bus fährt gegen den Uhrzeigersinn die rechte der beiden Zufahrtsrampen zum bescheidenen Terminal hoch, es wirkt auf mich wie das Erklimmen der Vorfläche vor dem Haupt-Treppeneingang eines englischen Landsitzes.
Schon hört man irgendwo „Die Deutschen sind da!“, die Gepäckentladezeit hält sich noch in Grenzen und die wartenden Hotel- und Reisebranchen-Typen geraten in Unruhe, halten ihre Schilder hoch.

Zielstrebig suche ich den nahen Ausgang und mache ein einziges wartendes Taxi aus. Auf einen Bus möchte ich mich heute nicht einlassen, zu viel Umweg.
Die junge Fahrerin hat schon einen anderen Fahrgast, erst später merke ich, dass der Schweigsame Engländer ist. Aber von zwei Parteien besetzt, das bringt gleich 40,- Euro zum Hafen, nicht nur 20. Für die paar Kilometer ein stolzer Preis. Das wäre bei uns eher billiger.
Sei’s drum, dafür bin ich nach etwa 20 Minuten schon unten in Athinió(s).

Ich hatte nämlich einen Plan. Möglichst schnell nach Páro(s), um den Tag voll auszunutzen, und den folgenden Vormittag. Dann rüber nach Síros (i.e. Sýros), zum ersten Mal, für einige Tage.
Aus diesem Grund nehme ich auch den hochpreisigen Katamaran, die Flyingcat 4, in Kauf, die bereits um 12:00 Uhr losdüst, für stolze 42,50 Euro, da stößt es mir schon sauer auf – aber das ist günstig, sagt mir die Ticketverkäuferin, denn am Vortag, noch Mai, hätte es etwa 10 Euro mehr gekostet. Häh, eine Verbilligung – wo gibt’s denn so was in Elládha? Sollte nicht die einzige Verbilligung sein, zu meinem großen Erstaunen. Das Essen und der Kaffee und das Bier und der Wein: da wo ich einkehrte, war all das häufig (wenn auch nicht immer) ebenfalls günstiger zu haben als im Vorjahr (!).
Jedenfalls wäre die Blue Star erst um ca. 15:30 Uhr losgefahren und erst gegen 19:00 Uhr in Páro angekommen. Die Flyingcat 4 ist nach eindreiviertel Stunden dort, um 13:45 Uhr, einziger Zwischenstopp ist Íos.

Unvorstellbar, diese Massen unten im Hafen von Santorin! Der Juni unterscheidet sich in dieser Hinsicht doch merklich vom Mai. Tausende in Warteposition. Und wirklich viele Hunderte werden in meinen Katamaran einsteigen.
Getränkekauf im Souvenirshop gleich gegenüber der offenen, überdachten Wartehalle am Kai (also nicht der offiziellen weiter hinten). Die ältere Frau ist unglaublich nett und zuvorkommend, die Preise sind unerwartet niedrig – passt gar nicht zu hier unten, wo man in den Cafés ganz schön blecht.
Was für eine Hitze das wird, schon an meinem ersten Tag in GR!

Kleiner Spaziergang zu den strahlend weißen, zugesperrten Kapellen rechts vor dem Beginn der Serpentinen, eine ruhige Ecke, obwohl sich nun Parkplätze dahinter erstrecken.
Zurück zum Gepäck, schließlich in die offizielle Wartehalle, zu den Massen.

Mein roter Katamaran von Hellenic Seaways mit der riesigen VODAFONE-Aufschrift trifft von Kreta her (Iráklio) ein. Er manövriert schaukelnd an den Kai, muss seitlich anlegen, da er keinen Heckausstieg hat. Aus zwei Ausgängen ergießen sich die Tagesausflügler von Kreta, es dauert eine Ewigkeit, bis die alle an Land sind. Kaum zu glauben, wie viele Menschen in so ein immer noch relativ kleines Boot passen.

Dann geht’s rein in den Kahn, ein Schub vorne, der nächste hinten, und so weiter. Nach vielleicht 25 Minuten sind alle drin, sind die Koffergebirge draußen im Heckbereich und drinnen zu beiden Seiten des Aufgangs zur Business Class (diese im 1. Stock, sozusagen) in Stellagen und darüber hinaus notdürftig verstaut.
Leider darf man auf diesem Schiff nirgendwo raus an die frische Luft. Bei den beiden Speedrunner (II bzw. III) und beim Mega Jet, die von Santorin nach Kreta fahren, ist das anders, auf denen gibt es frei zugängliche Open-air-Decks bzw. das offene Heck (beim Mega Jet). Fährt man mit dem Flyingcat 4, ist man drinnen gefangen und fotografiert notgedrungen durch verschmutzte Scheiben.
Ziemlich frustrierend. Nicht gerade das, was mir behagt. Ich hab’s gern an der frischen Luft. Ich mag es, wenn ich mit der grandiosen Bucht von Íos von einem Freideck aus konfrontiert werde, nicht hinter einer trüben Fensterscheibe.

Mit knapp 75 km/h fliegen wir übers Wasser. Die armen Meeresgeschöpfe, die von den messerscharfen Flanken des Bootes möglicherweise verletzt werden. Es gibt ja keinen eigentlichen Schiffsboden unter Wasser, nur ganz dünne Wände, die in die Fluten eintauchen.

Íos, diesmal keine Schau, zu eingeengt der Blickwinkel. Nur wenige verlassen das Schiff. Wenige der überwiegend jungen Leute, die dieses Boot füllen.
Keine Nachwuchsprobleme für den GR-Tourismus, möchte man meinen! Es sind in erster Linie junge Englischsprechende und Franzosen bzw. Belgier, weniger Deutschzungige. Und es ist so, dass die Mehrheit in GR lediglich die Abfolge Santorin – Paros – Mykonos sieht, sonst wohl nur noch Athen. Ein Großteil beschränkt sich sogar nur auf Santorin und Mykonos und überspringt Paros.
So reist heute ein Großteil der Schnelltouristen. Blick aufs Handy oder das iPod, oder das mitgebrachte Notebook, statt aus dem langweiligen Fenster. Man muss nur eben mal dagewesen sein, macht Spaß. Hauptsache, viele digitale Fotos zum Herzeigen im Gepäck. Und Hauptsache, was los, auf Mykonos!

Wär ja eigentlich interessant, die Fahrstrecke. Zwischen Stróngilo und dem viel größeren Klotz von Dhespotikó zischen wir durch, dann weiter, westlich an Andíparos vorbei mit Einblicken auf abgelegene Strände. Ich glaube, das hab ich in umgekehrter Richtung und viel langsamer und einprägsamer mal auf einem G.A.-Schiff gemacht. War es die Dhímitra oder die Dhimitroúla? Zwischen Felsen durch rasen wir auf den Hafen von Parikiá zu, endlich wird abgebremst.

Man ist irgendwie erlöst, wenn man aus so einer schnellen, anonymen, supercoolen Kiste aussteigen darf.

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2011

Páros – länger als geplant



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