Osternacht im
Ökumenischen Patriarchat


So wie wir es uns vorgestellt haben, beginnen wir unseren Urlaub: entspannt und locker, ohne Stress und Verpflichtungen. Während ich Kaffee koche, besorgt Alex aus einem der Läden neben dem Hotel ein paar Köstlichkeiten zum Frühstück: verschiedene Käsesorten, türkische Wurst, frisch gekochte, noch warme Eier, Oliven, Frischkäse mit Kräutern, Rosenmarmelade, Honig, Brot und O-Saft. Das beste daran ist, dass wir alles so gestalten können, wie wir es wollen, nicht zu einem Frühstücksraum rennen müssen, weil bald schon abgeräumt wird oder sich morgens schon in Menschenmassen aufhalten müssen, während man noch gar nicht richtig wach ist. Im Gegenteil, wir können uns Zeit lassen, und das bedeutet, dass wir nach dem Frühstück wieder eine kleine Schlafphase einlegen. So wird meine Erkältung bestimmt bald vergessen sein.

Am Nachmittag brechen wir auf zum Ökumenischen Patriarchat, in dem wir die Osternacht erleben wollen. Es liegt in Fener, auf der anderen Seite des Goldenen Horns. Zu Fuß ist es eine nicht unbeträchtliche Strecke, vom Taksim-Platz durch die İstiklâl-Straße, hinunter nach Karaköy/Galata über die Galatabrücke, und schließlich rechts hinauf nach Fener.


Richtig gespannt sind wir schon auf das Ereignis, sodass wir für die zahlreichen Ablenkungen der Fußgängerzone keinen Sinn haben.






An ihrem Ende führen Pflasterstraßen steil bergab, vorbei am Galataturm, in Richtung Galatabrücke. Wie immer versuchen die zahlreichen Angler ihr Glück von dieser ersten Brücke aus, die kurz hinter der Mündung des Goldenen Horns in den Bosporus liegt und einen grandiosen Blick auf die gegenüberliegenden Stadtteile des asiatischen Ufers bietet.




Auch hier sind neben den Touristen viele Einheimische unterwegs, genießen das Wochenende. Hinter der Brücke biegen wir nach rechts ab. Ein gutes Stück müssen wir noch zu Fuß an diesem wenig einladenden Boulevard entlang nach Norden gehen, eine unwirtliche Strecke für Fußgänger. Die Bürgersteige auf der linken Seite sind sehr schmal, meist zugeparkt und verdienen ihren Namen nicht; auf der rechten Seite ist es besser zu gehen, direkt am Wasser entlang, doch wir waren erst ein Mal hier und wissen nicht mehr so genau, wo wir später nach links, zur Kirche, abbiegen müssen. Daher bleiben wir lieber auf dieser Seite des Straße. Nach mehrmaligem Falschabbiegen und Nachfragen kommen wir gegen 22.00 Uhr am Gebäudekomplex des Ökumenischen Patriarchats an.
Im Hof ist ein Podest mit Mikrofon aufgebaut, doch wir betreten das Innere der Kirche, die sich langsam zu füllen beginnt. Das Mittelschiff ist den geladenen Gästen vorbehalten, nicht nur Griechen, sondern auch Gläubigen anderer orthodoxer Kirchen.
So erklimmen wir die Treppen zur obersten Galerie, im zweiten Stock, auf der wir noch Plätze an der Balustrade, finden. Diese vorderste Reihe ist mit hölzernen Kirchenstühlen bestückt, einer neben dem anderen, mit dem Rücken zum Kircheninnenraum. Im hinteren Teil der Galerie stehen in mehreren Reihen rot gepolsterte Stühle. Noch sind nur wenige besetzt, doch das soll sich bald ändern, denn immer mehr Besucher, mehrheitlich Griechen, finden den Weg hier herauf.
Auch die Seitenschiffe im Erdgeschoss sind schon gut besucht; in mehreren Reihen stehen die Menschen schon bereit, doch zu sehen ist für sie aufgrund der hohen Lehnen der Holzstühle, die den Innenbereich begrenzen, von außen nicht viel.
Dezent wird der Kirchenraum durch ein zartes Licht erhellt, nur gespeist durch die beiden Kristallleuchter, die in der Nähe der Altarwand hängen, und ein paar kleine Leuchten auf den Galerien.


Wir knien auf unseren harten Holzstühlen und genießen den freien Blick nach unten, wo ein Aufnahmeteam die Kameras klar macht, denn die Zeremonie wird im Fernsehen übertragen. Immer mehr Menschen strömen in die Kirche, alle haben lange, weiße Kerzen für den großen Augenblick mitgebracht. Unzählige Lorbeerblätter bedecken das gesamte Mittelschiff der Kirche. Ihr Duft, gepaart mit dem von Weihrauch, verleiht dem Raum einen Hauch von zarter Frische. Geistliche schauen noch einmal nach dem Rechten, bemüht, alles perfekt vorzubereiten. Entfernt sind Glöckchen zu hören.
Lautes Murmeln beschallt mittlerweile die Kirche, während wir ebenso gespannt auf den Beginn der Osterzeremonie warten. Auch unsere Etage hat sich schon gut gefüllt. Aus vielen verschiedenen Ländern sind Touristen anwesend, auch aus Deutschland, so wie unsere Sitznachbarn. Ganz andächtig blicken wir hinab zur Altarwand, denn für uns ist es etwas Besonderes, die Osternacht genau hier verbringen zu dürfen.
Ein amerikanischer Akzent dringt an mein Ohr, von jemandem, der sich genau hinter uns aufgestellt hat und seine Umwelt laut und penetrant über sein Wissen über Gott und die Welt informiert. Das nervt schon ein bisschen, denn eigentlich möchte ich, so wie viel andere um mich herum auch, die österliche Stimmung aufnehmen. Bald sucht er sich einen anderen Platz.
Gegen 23.00 Uhr ist die Kirche restlos gefüllt. Plötzlich erheben sich die Besucher im Erdgeschoss von ihren Plätzen. Eine lange Reihe von Priestern in ihrem Feiertagsgewand betritt die Kirche, schreitet durch den Mittelgang langsam nach vorne.


Unter Ihnen befindet sich auch der Ökumenische Patriarch, ebenfalls in einem hellen Feiertagsgewand, noch mit schwarzer Kopfbedeckung. Heute Abend wird er auf dem hohen Thron sitzen, anders als bei unserem letzten Besuch, als er daneben auf gleicher Höhe mit den anderen Geistlichen Platz genommen hatte. Während der Ankunft hat sich ein kleiner Männerchor formiert, je eine kleine Gruppe steht rechts und links vor der Altarwand. Sie summen eine Melodie, deren Intensität immer stärker wird, während sich einige jüngere Geistliche vor dem Patriarchen auf die Knie werfen, schnell aufstehen und anderen für das selbe Ritual Platz machen.


Mittlerweile hat der Chor seinen Gesangsrhythmus aufgenommen und bringt im Wechselgesang die Leidensgeschichte Jesu dar. Sie singen dabei so wunderschön, dass ich mich für eine Weile hinsetze und die Augen schließe. Auch andere lauschen andächtig der bedeutungsvollen Musik. Eine feierliche Stimmung hat uns alle ergriffen, eine kollektives friedliches und andachtsvolles Gefühl, das uns miteinander verbindet.
Nach etwa einer Dreiviertelstunde erreicht die Zeremonie ihren Höhepunkt: Alle Lichter werden gelöscht, während sich der Vorhang des Allerheiligsten in der Altarwand öffnet und einige Priester heraustreten, in ihrer Mitte der Patriarch, jeder mit langen, brennenden Kerzen in der Hand.


Die Deckenleuchten werden nun eingeschaltet, erhellen die Kirche nun mit strahlendem Licht. „Kommt und empfangt das Licht“, wird rezitiert, während das Kerzenlicht an die Kirchenbesucher weitergeben wird. Ganz langsam schreiten die Priester durch die Reihen in Richtung Ausgang. „Chrístos anésti“ (Christus ist auferstanden), sagen sie, und „Alithós anésti“ (Wahrlich, er ist auferstanden) antwortet man nach altem griechischem Brauch.


Mittlerweile ist das Kerzenlicht auch bei uns, in der zweiten Etage angekommen. Mit ehrfürchtigen Gesichtern schauen die Menschen den Priestern zu, wie sie die Kirche verlassen, denn die Zeremonie wird im Innenhof, unter freiem Himmel, fortgesetzt.
Viel bekommen wir davon nicht mit, denn der Weg die Treppe hinunter ist komplett verstopft. Also wieder nach oben. Dort kann man durch kleine Fensterchen in den Hof schauen. Was wir sehen, ist eine Menschentraube, die bis hinein in die Zufahrtsstraße reicht, alle mit brennenden Kerzen in den Händen, um so am feierlichen Brauch teilzuhaben.



Abgeschirmt von Security hält der Patriarch, mittlerweile mit einer goldenen Krone behütet, auf dem Podest die Osterrede.



Der Gottesdienst ist nach der Ansprache noch nicht vorüber, denn die Geistlichen kehren zurück in die Kirche.


Andere Besucher, darunter auch wir, strömen nach draußen, um etwas frische Luft zu schnappen. Unsere Kerzen lassen wir, wie viele andere auch, in der Glasvitrine im Vorraum der Kirche.


Im Hof und auch am Eingang sind Monitore aufgestellt, sodass die Besucher, die zuvor in der Kirche keinen Platz mehr fanden, den Gottesdienst hier draußen mitverfolgen konnten.


Als wir wieder vor dem Eingang, auf der Straße, angekommen sind, hören wir über Lautsprecher erneut den byzantinischen Gesang dieses begnadeten Chors. Auch andere bleiben stehen, um zu lauschen und innerlich noch ein wenig von dieser schönen Stimmung mitzunehmen.

Nach einer Weile zerstreuen sich die Besucher, warten auf die Fahrer ihrer Limousinen oder suchen sich ein Taxi. Leider wird unsere feierliche Stimmung getrübt durch einen Taxifahrer, der uns zum Taksim-Platz zurückbringt. Noch ergriffen von den Erlebnissen achten wir nicht darauf, dass keine Uhr mitläuft. Bei unserer Ankunft will er tatsächlich 50 Lira von uns haben, denselben Preis wie für die Strecke zum Flughafen, die dreimal so lang ist. Wir schlucken die Kröte, jedoch nicht ohne ihm mitzuteilen, dass wir von seinem Betrug wissen. Wer will schon in einen Streit verwickelt werden nach einem solch’ schönen und friedensstiftenden Erlebnis einer Osternacht im Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel.

Taksim-Kabataş-Karaköy


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