Taksim - Kabataş -
Karaköy


Am Morgen ist der Himmel grau bedeckt, die Temperaturen sind jedoch moderat. Eigentlich hatten wir für heute einen Schiffsausflug geplant, doch sind wir nach wie vor so müde, dass wir den Ausflug verschieben. Als wir um die Mittagszeit bereit für einen Spaziergang sind, reißt auch die Wolkendecke auf. Bei herrlichstem Sonnenschein und 20 Grad brechen wir schließlich auf.
Mich hat es immer schon interessiert, wie die Gegend des alten Galata, des heutigen Karaköy, aussieht. Sie liegt an der Mündung des Goldenen Horns in den Bosporus. Schon seit byzantinischer Zeit spielte sich das Leben um den Hafen herum ab, war geprägt von Fischmärkten und Schiffsverkehr. Der Name trägt dem Rechnung: Karaköy heißt übersetzt „Schwarzes Dorf“ und wurde dem Stadtteil aufgrund der vormals vom schwarzen Russ der Dampfer bedeckten Häuser gegeben.
Um dorthin zu gelangen, werden wir nicht die Route über die İstiklâl einschlagen, sondern jenseits des Taksim-Platzes eine der Straßen bergab, in Richtung Bosporus, wählen. Von dort aus braucht man sich nur nach rechts zu halten und der Uferlinie zu folgen, um schließlich zur Galatabrücke in Karaköy zu gelangen. Vom Taksim-Platz aus fährt seit 2006 auch eine unterirdische Standseilbahn in zwei Minuten hinunter zum Bosporusufer, nach Kabataş.


Weil wir schon mal auf dem Taksim-Platz sind, besichtigen wir zunächst den benachbarten Gezi-Park, der im Sommer 2013 in die Schlagzeilen geriet, als er für ein Einkaufszentrum weichen sollte. Der Park ist mittlerweile ein Sinnbild für einen heftigen Protest geworden gegen die Vernichtung von Grünflächen und einer Stadtentwicklung, die es billigend in Kauf nimmt, dass historische Gebäude weitflächig abgerissen und neue, teure Wohn- und Geschäftseinheiten entstehen, was wiederum nur gut Betuchte anzieht und schlecht Verdienende immer weiter verdrängt und ausgrenzt.
Eigentlich habe ich mir den Park größer vorgestellt. Ein paar Blumenbeete wurden angelegt, doch einige Rasenflächen sind wohl ein Opfer der Auseinandersetzungen geworden. Auf den verbliebenen Grünflächen sitzen junge Leute und auf Bänken die älteren um einen großen Brunnen herum, im Schatten hoher Bäume, sehr idyllisch, eine grüne Lunge zum Luftholen vom großstädtischen Alltagsstress.


Zurück auf dem Taksim nähern wir uns dem Denkmal des Staatsgründers Atatürk, das mitten auf dem großen Platz steht, ebenfalls von Blumenbeeten umrankt. Auch hier halten sich viele Menschen auf, sitzen lässig auf den niedrigen Umzäunungsgittern.


Rechterhand lassen wir die Einmündung der İstiklâl liegen, passieren die Treppe zur Fünikular (Standseilbahn) in Richtung Kabataş und biegen ein in eine Straße, die zunächst nach links und dann weiter bergab, in Richtung Bosporus und Kabataş führt. Gnadenlos brennt die Sonne jetzt herab, fast schon könnte man einen Hut auf dem Kopf vertragen. Bald passieren wir einen Außenfachbereich der Technischen Universität mit einem merkwürdig geformten Gebäude, und gegenüberliegend eine Megabaustelle.
Kurz vor Ankunft am Bosporus ist der Dolmabahçe-Palast ausgeschildert, Residenz der Sultane und des Harems zur Zeit der Hinwendung des Osmanischen Reiches nach Europa ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Vorbei an der Bezmi Alem Valide Sultan Cami (Moschee) befindet sich nur wenige Meter oberhalb der Zugang zum Gelände des Palastes. Und wo wir schon mal da sind, beschließen wir, uns das prunkvoll ausgestattete Gebäude von innen anzuschauen.
Wegen der unglaublichen Menschenmassen haben wir schon Probleme, den Parkplatz zu betreten. Reisegruppen werden hineingeschleust, Busse und Autos füllen jeden Zentimeter aus. An einem Infostand sagt man uns, dass wir heute wohl kein Glück mehr haben werden, weil die Besucherzahl limitiert und alles ausgebucht ist.
In entgegengesetzter Richtung, also in Richtung Altstadt und Karaköy, bleiben wir zunächst auf der am Bosporus liegenden Seite der breiten Fahrstraße, lassen uns von AIDA-Touristen, einheimischen Sonntagsausflüglern und Fußballanhängern (in schwarz-weiß, also Anhänger aus dem benachbarten Stadtteil Beşiktaş) vorschieben. Auch am Fährhafen Kabataş herrscht reger Betrieb, ein Gewusel von Autos und Menschen. Hier legen unter anderem die Schiffe in Richtung Prinzeninseln ab.
Gleich beim Hafen liegt ein lieblicher, kleiner Park. Endlich bekommen wir das zu sehen, was das städtische Tulpenfestival ausmacht: Blumenbeete mit verschiedenen Tulpenarten in allen Farben. Ein süßer Duft liegt in der Luft, einfach herrlich, hier bei Frühlingstemperaturen auf einer der Bänke zu verweilen.


Links die Bezmi Alem Valide Sultan Cami, rechts dahinter der Dolmabahçe-Palast


















Später gehen auf der anderen Straßenseite im Schatten weiter, wo weniger Fußgänger unterwegs sind. Eine bunte Treppe zieht unseren Blick an. Barış için el ele - Für die Einigkeit Hand in Hand, eine stille Aufforderung, am rechten Rand auf den Beton gesprüht, zum vergangenen Weltfriedenstag am 1. September eine Menschenkette gegen Diskriminierung und Rassismus zu bilden.


Eine ganze Weile traben wir in Richtung Altstadt auf dem schmalen Bürgersteig dahin und erreichen den Bezirk Tophane. Die alten Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehören zur Mimar-Sinan-Universität mit ihren verschiedenen Fakultäten, auch die der schönen Künste.


Mimar Sinan war einer der überragenden Baumeister seiner Zeit. Er lebte zwischen 1490 und 1588 und schuf fast funfhundert Gebäude, von denen heute noch etliche, gerade in Istanbul, erhalten sind. Auch der neben dem alten Universitätsgebäude gelegene Komplex der Kılıç Ali Pasha Moschee, am Bosporusufer, die er ausgangs des 16. Jahrhunderts – selbst schon 90jährig – entwarf, stellt ein Zeugnis seines überregionalen Schaffens dar.
Die Gebäudegruppe besteht aus einer Moschee, einem Hamam, das wieder in Betrieb genommen wurde, einer (ehemaligen) Schule, einem Brunnen und einem Mausoleum mit dem Grab des Kılıç Ali Pascha, eines Großadmirals.




Die Gestaltung von Wänden und Kuppeln der Moschee ist vergleichbar mit einem von Mimar Sinans Meisterwerken, der Süleymaniye, in der Nähe des Goldenen Horns. Auch die Kılıç Ali Pasha Moschee besticht durch ihre Helligkeit im Innenraum, die - wie so viele andere kirchliche Bauten aus osmanischer Zeit - der Agia Sofia nachempfunden wurde.





Sehr schön gestaltet sind auch die Buntglasfenster, jedes in anderen Farben.


Auf dem flauschigen Teppich haben sich im Eingangsbereich nur wenige Touristen niedergelassen. Man flüstert, was im Kontrast zum Lärm vor der Tür als sehr angenehm empfunden wird. Ein Ort der Stille und Ruhe, bis sich eine französische Familie mit unablässig kichernden und schnatternden Teenie-Mädchen neben uns hinsetzt. Ihre Geduld, dort zu bleiben, ist nur von kurzer Dauer, und so schieben sie bald wieder ab und lassen uns noch ein wenig Ruhe, bevor die Menschenmassen uns draußen wieder empfangen werden.
Im Kontrast zu den historischen Gebäuden der Osmanischen Zeit befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Moschee das bekannte Museum Istanbul Modern, das seit zehn Jahren vielfältige Anregungen aus der heutigen Zeit bietet.
Siebzig Meter hoch erhebt sich auf der anderen Straßenseite der Galata-Turm, imposantes Zeichen vergangener genuesischer Hoheit.


In diesem Viertel, in dessen Gässchen wir jetzt herumschlendern, laden zahlreiche Cafés und diverse Süßigkeiten-Geschäfte zum gemütlichen Verweilen ein. Eines der Geschäfte hat sogar eine Diabetiker-Abteilung. Ich kann es kaum glauben, bei all dem unwiderstehlichen Naschwerk.






Um die Ecke liegt schon der Schiffsanleger von Karaköy, von dem die Fähren von und nach Üsküdar und Kadıköy, auf der gegenüberliegenden asiatischen Seite des Bosporus, an- und ablegen. Einige haben sich hier auf winzigen Schemeln auf ein Schwätzchen niedergelassen, während andere ihr Anglerglück versuchen. Die Luft ist vom Duft gebratener Fische erfüllt. So schön, dieser Platz!


Und da liegt sie vor uns, auf der Halbinsel, jenseits des Goldenen Horns: die historische Altstadt mit den markanten Wahrzeichen, dem Turm von Topkapı und dem rot leuchtenden Gebäude der alt ehrwürdigen Agia Sofia.


Alleine um die gesamte Szene am Anleger zu betrachten, die schaukelnden Schiffe, das sanft schwappende Wasser, den Geruch nach Fisch in der Nase, tausende von Menschen um einen herum und dann die grandiose Sicht auf die historischen Gebäude, hier am Schnittpunkt von Asien und Europa, im Schmelztiegel der Nationen, lohnt es sich, in einem der Lokale auf einen Tee Platz zu nehmen, und einfach das fremde, quirlige, pralle Leben aufzunehmen. Es soll nicht das letzte Mal sein, dass wir an diesem Ort landen.


Bevor wir den Rückweg antreten, gehen wir noch die paar Schritte hoch zur Galatabrücke, wo sich am frühen Abend ebenfalls zahlreiche Angler eingefunden haben. Dieser Blick über die Stadt lässt ein tiefes Gefühl für diesen besonderen Ort entstehen.

Den Rückweg werden keinesfalls zu Fuß antreten, zu steil wäre der Hügel für uns hinauf nach Pera/Beyoğlu. Stattdessen stellen wir uns mit vielen anderen an der riesige Kreuzung an der Galatabrücke auf, wo man als Fußgänger vor den Ampeln kaum Platz zum Stehen findet, der Autoverkehr ebenso wie wie eine Straßenbahn nur wenige Zentimeter vor der eigenen Nasenspitze vorbeidonnert, bevor die Ampel auf Grün springt und man eiligen Schrittes die gegenüberliegende Straßenseite aufsucht.
Dort, wo der Bürgersteig am engsten ist, sitzt eine Großfamilie, mitten im Staub und Dreck, zu Füßen aller Passanten, sodass man förmlich über sie stolpert. Aus Syrien kämen sie und bräuchten Geld. Ihre Herkunft akufen wir ihnen nicht ab, spenden aber trotzdem.
Wenige Meter weiter liegt der Eingang zur Tünel, eine der ältesten Standseilbahnen der Welt, die uns hinauf zur İstiklâl ziehen wird. Auch sie verkehrt, wie alle anderen Bahnen im erweiterten Innenstadtbereich, im Minutentakt. Kaum ist die eine Bahn weg, kommt die nächste schon wieder und lädt Passagiere ein. Allerdings haben wir bei hereinbrechender Beinschwere und Müdigkeit noch die gesamte İstiklâl, vor uns, und am heutigen Sonntagabend wird der Menschenstrom nicht abreißen, ganz im Gegenteil.


Langsam quälen wir uns durch die Menge und bleiben schließlich zum Abschluss wieder in der Blumenpassage hängen, wo das Leben seinen Gang geht und unser Abendessen von ohrenbetäubender Musik begleitet wird. Am Ende hat man auch uns ins Visier genommen. Alex wünscht sich ein Lied, das die Musikanten sofort als Griechisch, „Yunan“ identifizieren, besser gesagt, als Kleinasiatisch, das von Griechen gesungen wurde. Den Text singen sie nach griechischer Manier mit den entsprechenden Stellen, die im Gegensatz zur türkischen Fassung nicht entschärft sind. In Ermangelung von Kleingeld wechseln zwanzig Lira den Besitzer, noch ein Lied gestattet man uns, dann werden neue Musikempfänger ins Visier genommen.
Während unseres Abendessens hören wir draußen lautes, rhythmisches Rufen. Vielleicht eine Demonstration? Fußballfans, so die Auskunft der Kellner, die flugs zum Ausgang der Blumenpassage geeilt sind, um Neuigkeiten aufzuschnappen. Gleich gehen mir die Bilder durch den Kopf, die in den letzten Monaten durch die Medien gegangen sind, mit Wasserwerfereinsätzen und Tränengasneben auf dem Taksim-Platz und der schmalen İstiklâl. Hoffentlich wird heute alles friedlich bleiben!
Der Lärm draußen verstummt schon bald, und so können wir einigermaßen beruhigt noch eine Weile hier sitzen und den Tag ausklingen lassen.
Ich bin froh, als wir später den überfüllten zweiten Teil der İstiklâl überwunden haben. Der Taksim-Platz ist fast zur Gänze von Polizisten – Mann neben Mann - abgesperrt, etliche Wasserwerfer und anderes Polizeigerät stehen an einer Ecke. Wie wir später erfahren, hatten Fußballfans verschiedener Vereine dagegen protestiert, dass man neuerdings durch ein neues Ticketsystem sehr viele persönliche Daten preisgeben muss. Von den Protestierern ist weit und breit nichts mehr zu sehen.
Weiträumig müssen wir den großen Platz nun umrunden, um schließlich in die Straße zu unserem Hotel abzubiegen. Kurz davor quert ein Schuhputzer unseren Weg, eine Bürste ist ihm heruntergefallen. Alex hebt sie auf, überreicht sie dem jungen Mann, der sich lächelnd bedankt, sich flugs vor mich hinsetzt, einen meiner Füße auf seine Putzvorrichtung hebt und anfängt, den Schuh mit einer Bürste zu bearbeiten. Währenddessen erzählt er uns die Geschichte seiner schwangeren Frau kurz vor der Niederkunft, die einen Kaiserschnitt erwartet, der 3000 TL kosten wird, also 1000 Euro, wie er umrechnet. Er müsse sehr hart dafür arbeiten. Mein zweiter Schuh ist mittlerweile auch fertig, und ohne mit der Wimper zu zucken verlangt er 80 TL, fast 30 Euro. Wir müssen ihn ziemlich ungläubig angeschaut haben, denn er verbessert sich rasch auf 18 TL, sein Englisch sei nicht gut. Noch immer sind wir perplex, haben wir die Leistung doch gar nicht bestellt. Mittlerweile mischt sich ein telefonierender Passant ein. Woher wir kämen? – Aus Deutschland. – Daraufhin redet er auf den Schuhputzer ein, dessen Preis jetzt plötzlich nur noch bei 8 TL liegt. Die geben wir ihm schließlich und gut ist. Ich bin froh, als wir wieder im Hotel sind. Schön war unser Tag, gespickt mit vielen Impressionen. Müde sind wir jetzt von all dem prallen Leben. Eine Pause gibt es in Istanbul nur nachts, zu Hause oder im Hotel.

Ausflug zu den Prinzeninseln


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