In biblischer Landschaft:
Nebo - Jordan -
Totes Meer



In der Nacht habe ich nur sehr wenig geschlafen, zu intensiv waren die Eindrücke des Vortages. Schon früh lausche ich der weichen, klaren Stimme des Muezzins. Sein Ruf ist warm wie ein Sommersonnenaufgang.
Kurze Zeit später stehe ich bereits unter der Dusche und lasse danach den Morgen auf dem Balkon unserer Frühstücksterrasse beginnen, blicke auf die erwachende Stadt. Kurz nach sechs Uhr ist es schon fast hell geworden.
Zu dieser Stunde sind - wie bei uns auch - die Berufstätigen unterwegs; man erkennt sie am zielstrebigen Schritt. Auch viele Frauen streben ihren Beschäftigungsorten zu. Kleine Busse halten unablässig vor unserem Hotel in beiden Richtungen, entlassen Menschen, nehmen neue auf.
Gegenüber haben schon zwei Läden geöffnet. In einem erhält man seinen Morgentee, ein stetes Kommen und Gehen. Vom heute stattfindenden Königsbesuch ist zu dieser Zeit noch nichts zu spüren bzw. zu hören.
Ganz langsam kommt Bewegung in den Frühstücksraum unseres Hotels - es duftet nach Kaffee. Heute Morgen lassen wir uns ein reichhaltiges Frühstück munden. Der Renner ist ein fester Joghurt, der ein wenig gesalzen ist. Hmmmmmm.
So gestärkt begeben wir uns auf unsere heutige Besichtigungstour - diesmal mit dem Auto. Wir haben vor, zunächst zum Mount Nebo zu fahren. Der berühmte Hügel liegt nur wenige Kilometer von Madaba entfernt.
Noch vor der Pilgerstätte nehmen wir einen Abzweig zur ausgewiesenen Mosesquelle. In Serpentinen führt ein Weg bergab, bar jeglicher weiterer Hinweisschilder. Unterwegs passieren wir ein größeres Gehöft mit grüner Vegetation drum herum. Hier scheint es also Wasser zu geben. Jenseits des Anwesens ist alles trocken und braun. Ob hier die Quelle liegt? Nichts zu sehen.


Wir folgen der asphaltierten Straße bis zu einem Abzweig, von wo aus in beide Richtungen nur noch Schotterwege weiterführen. Niemand begegnet uns. Sicherlich sind wir an der Quelle vorbeigefahren. Also drehen wir wieder um.
Nur einmal halten wir auf dem Rückweg kurz an, flüchten aber der vielen Fliegen wegen schnell wieder ins Auto. Vielleicht ist ja die ganze Gegend das Gebiet der Mosesquelle? Wir können das Geheimnis nicht lüften und fahren zurück zur Hauptstraße in Richtung Mosesberg, um dort am allgemeinen Touristenauftrieb teilzunehmen.
Dutzende Reisebusse rangieren auf dem überschaubaren Parkplatz, der zwischen zwei Hügeln angelegt ist. Einer jedoch ist für Touristen gesperrt, erklärt uns ein wachhabenden Polizist auf dem Parkplatzgelände.
Zusammen mit Besuchern aus fernen Teilen der Welt erklimmen wir die andere, zugängliche Bergkuppe. Am Eingang lösen wir ein Ticket für 1 JOD pro Person, das auch für den Besuch der Lot- und-Prokopius-Kirche gilt.


Kurz hinter dem Eingang des Geländes steht ein Monument mit der lateinischen Inschrift: Ein Gott, Vater aller über alle, das anlässlich des Papstbesuches im Jahr 2000 dort aufgestellt wurde.
Ein Stückchen weiter, in einem kleinen Park, befinden sich weitere Gedenksteine, vor und neben denen sich zunächst der Reihe nach die Mitglieder eine japanischen, später einer indischen Reisegruppe fotografieren lassen.


Dort erfährt man auf Arabisch und Englisch, dass wir uns bei der Mosesgedenkstätte auf dem Berg Nebo Siyagha befinden, einer den Christen heiligen Stätte, und dass das Heilige Land unter franziskanischer Obhut steht. Der Orden hatte den Hügel Anfang der 1930er Jahre erworben und systematisch archäologisch erforscht.
Weiter gehen wir bergan und erkennen, dass die byzantinische Basilika auf der Spitze des Hügels renoviert wird und für Besucher unzugänglich ist. Diese Tatsache nimmt unserem Besuch einen großen Teil seines Reizes, da das Ausstellungsgelände unter diesen Umständen recht zusammengeschrumpft ist, der Besucherandrang jedoch sehr groß.
Schade auch, dass wir durch die baulichen Maßnahmen die wertvollen alten Mosaiken im Innern der Kirche nicht zu sehen bekommen und uns mit hunderten anderer Menschen durch die Enge eines recht kleinen Ausstellungsgebäudes bewegen müssen, sodass wir kaum einen Blick auf das dort befindliche Bodenmosaik erhaschen können. Die Stimmung ist durch das Gedränge ein wenig hektisch. Außerdem ist es ziemlich heiß.
An einem Ende der kleinen Halle steht (die Replik?) eine(r) Säule, auf der alle Namen und Titel eines römischen Imperators genannt sind.


Daneben die Abschrift der berühmten Mescha-Stele aus dem 9. Jahrhundert v. Chr., die 1868 im nicht weit entfernten Dhiban von einem Missionar entdeckt wurde. Das Original befindet sich – wie so viele Kunstschätze aus anderen Ländern - im Louvre.
Mescha war ein Moabiter-König, der auf diesem Basalt-Stein in phönizisch-althebräischer Schrift seinen Sieg über die Könige Israels der Omri-Dynastie rühmt:
„Und Kamosch sagte zu mir: Geh, nimm Nebo von Israel! So ging ich bei Nacht und kämpfte gegen sie von Tagesanbruch bis Mittag, und ich besiegte sie und erschlug alle, 7000 Männer, Knaben und Frauen, Mädchen und Dienerinnen, denn ich hatte sie zur Vernichtung Aschtor-Kamosch geweiht.“ (aus dem Text der Mescha-Stele - Dumont S. 261; Kamosch war die höchste göttliche Instanz in Moab)


Im Louvre haben wir ein paar Jahre später abseits in einem Raum, der auch andere Ausstellungsstücke aus Jordanien zeigt, die berühmte, etwas über einen Meter hohe Mescha-Stele (unten rechts im Bild) besichtigt.



Wir verlassen das Ausstellungsgebäude auf dem Berg Nebo und folgen dem Weg zu einem kleinen Gebetsraum, wo wir von einer Nonne empfangen werden, die einfach nur am Eingang steht und einen Zeigefinger auf die Lippen gelegt hat zum Zeichen dafür, dass wir uns ruhig verhalten sollen. Das tut hier aber keiner. Es gibt ein paar Bankreihen, auf denen man sich niederlassen kann. Vorne ein Altar mit einem Foto von Papst Paul II an der Wand dahinter und Bruchstücken eines Mosaiks.
Der Rundweg führt nach dem Kapellenbesuch zu DEM Aussichtspunkt des Hügels. Außerhalb der Basilika-Baustelle, an der höchsten, zugänglichen Stelle, steht direkt hinter einem Zaun ein metallenes Symbol: ein Kreuz für die Kreuzigung Jesu, umwunden von einer metallenen Schlange, die er nach der Überlieferung Moses in der Wüste errichtet hatte:
„Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.“
(4. Buch Mose 21, 4-9)


Faszinierend ist hier oben tatsächlich der Blick über das Jordantal und das Tote Meer bis hinüber in die israelischen/palästinensischen Gebiete. Bei klarem Wetter kann man die relativ nah gelegene, wohl älteste Stadt der Welt, Jericho, und Jerusalem auf der Bergkette sehen.


Nach alttestamentarischer Überlieferung soll Moses kurz vor seinem Tod von hier aus auf das verheißene Land geblickt haben.
"Und Mose stieg aus dem Jordantal der Moabiter auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho. Und der HERR zeigte ihm das ganze Land: (...) und das Südland und die Gegend am Jordan, die Ebene von Jericho, der Palmenstadt, bis nach Zoar. Und der HERR sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen.
So starb Mose, der Knecht des HERRN, daselbst im Lande Moab nach dem Wort des HERRN. Und er begrub ihn im Tal, im Lande Moab gegenüber Bet-Peor. Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag. Und Mose war hundertundzwanzig Jahre alt, als er starb."

(Deuteronomium/5. Mose, Kapitel 34)


Im Dumont Kunstreiseführer wird interpretiert, dass die Bibel-Archäologie dazu neige, „diesen mosaischen Aussichtsplatz mit Khirbet es-Syagha zu identifizieren. (...) Zum einen genießt man von es-Syagha – nicht aber von einem nahen, heute als Jebel en-Nebo (Berg Nebo) bekannten Hügel – den besten Blick über Totes Meer und Jordantal (...). Zum anderen belegen historische Zeugnisse und der archäologische Befund, dass bereits vor eineinhalb Jahrtausenden auf es-Syagha des Propheten gedacht wurde. (...)“ (Seite 265). Nebo wird auch in anderen Textstellen benannt, unter anderem im Onomasticon des Bischofs Eusebius von Caesarea.
Nachdem wir es von oben ausgiebig betrachtet haben, möchten wir nun hinab zum Toten Meer fahren. Alex ist schon ganz wild auf ein Bad im salzigen Wasser. Jäh stürzen wir uns hinab in die Senke, 400 Meter unter dem Meeresspiegel.



Einige Beduinensiedlungen befinden sich am Wegesrand, daneben eine Kamelherde nebst Eselchen und einer extrem langohrigen Ziegenherde.







Kurz danach der Hinweis auf einem Schild, dass wir uns einem Checkpoint nähern. Die Geschwindigkeit ist zu reduzieren. Polizisten fragen, wohin wir wollen. „Dead Sea“ lassen wir als Ziel verlauten und mit einem „Welcome to Jordan“ werden wir entlassen. Am Ausgang steht ein Fahrzeug mit einem Soldaten, der sich an einem auf dem Dach montierten Maschinengewehr festhält.


Grünes Land, das wohl direkt am Fluss entstanden ist (den wir jedoch nicht erkennen können), hat auch zum Bau einer neuen Siedlung geführt. Im Hintergrund erkennt man verschwommen die judäischen Berge.


Doch bevor wir zum Toten Meer kommen, sehen wir einen Abzweig zur Baptism Site, der Taufstelle Jesu am Jordan. Genau da wollten wir doch auch noch hin, nach Bethany Beyond The Jordan (beyond = jenseits, von israelischer Seite aus gesehen).
Der Zugang zu dem weiträumigen Gelände ist bewacht. Wir werden zu einem Parkplatz geleitet. Weiter dürfen wir alleine mit dem Auto nicht fahren, denn wir befinden uns in der Grauzone zur israelischen Grenze hin, die in diesem Fall der Jordan-Fluss bildet. Das Eintrittsticket kostet 7 JOD pro Person und schließt sowohl einen Shuttle-Service als auch eine Führung mit ein.
Da das Gefährt (d.h. die Pritsche mit den Sitzbänken auf einem Pickup) bereits voll besetzt ist, dürfen wir im klimatisierten Wageninneren Platz nehmen. Woher wir kämen, fragt der Fahrer. Ich stelle mich vor und gebe wieder mit Alex’ Herkunft an. Yunan sei er. Das versteht hier jeder und alle scheinen die Yunans zu mögen. German, na ja, nichts Herausragendes, aber OK. Immerhin.
Auf unserer Fahrt kommen wir an verschiedenen, ganz unterschiedlich anmutenden Kirchen vorbei, die relativ neu aussehen. An einer Stelle stehen gleich vier davon, darunter auch eine koptische und eine armenische. Später passieren wir auch eine Moschee.
Immer wieder blitzt eine große, vergoldete Kuppel auf. Diese gehöre zu einer griechisch-orthodoxen Kirche, klärt uns der Fahrer auf.


Er zeigt uns auch die Richtung, in welcher Jericho liegt, das wir aufgrund des diesigen Wetters jedoch nach wie vor nicht sehen können. Aber sie ist ganz in der Nähe, diese Stadt, in der die ersten Menschen in der Gegend schon früh (in der Mittelsteinzeit) eine feste Siedlung gründeten und weiterentwickelten!
Auf dem Palästina-Mosaik in der Georgskirche von Madaba konnten wir die griechischen Buchstaben der mit Palmen verzierten Stadt deutlich erkennen: IERIXO. Wie schade, dass man nicht mal eben dorthin kann!


Die Karte bezeichnet ganz in der Nähe noch zwei andere Stellen: zum einen ΒΕΘΑBAΡΑ ΤΟΥ ΑΓΙΟΥ ΙΩΑΝΝΟΥ ΤΟΥ ΒΑΠΤΙΣΜΑΤΟΣ, (Bethabara, des Heiligen Johannes des Täufers); auf der anderen Seite des Jordan sind zwei Stellen mit Ainon (Quellort) und Sapsafas (Oasenwiese) bezeichnet. Laut Dumont (S. 149) kann man Bethabara übersetzen mit „Haus der Furt". So war es wohl, dass die Pilger einen breiten, z.T. reißenden Fluss überqueren mussten, um zu den Taufbecken zu gelangen, die auch nicht direkt am Ufer des Jordan lagen, sondern von Quellwasser gespeist wurde.
Ein wenig verwirrend, wird doch die Taufstelle immer als „jenseits" des Jordans erwähnt. Bethabara ist jedoch auf der Palästina-Karte auf der Westseite (also „diesseits") eingezeichnet!
Im Dumont heißt es dazu auf Seite 151: „Offenbar verlagerte sich das Zentrum der religiösen Verehrung (...) Mitte des 6. Jahrhunderts auf das Westufer des Flusses, hinüber nach Bethabara. Der Grund dafür mag gewesen sein, dass die Quellen im Ostauslauf des Wadi el-Kharrar nach und nach versiegten."
Die Lutherbibel von 1912 spricht auch von einer Taufstelle jenseits des Jordans (also auf der heutigen jordanischen Seite):
Des Täufers Zeugnis über sich
Und dies ist das Zeugnis des Johannes, da die Juden sandten von Jerusalem Priester und Leviten, daß sie ihn fragten: Wer bist du? Und er bekannte und leugnete nicht; und er bekannte: Ich bin nicht Christus. Und sie fragten ihn: Was denn? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin's nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein! Da sprachen sie zu ihm: Was bist du denn? Daß wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst? Er sprach: Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Richtet den Weg des HERRN! wie der Prophet Jesaja gesagt hat.
Und die gesandt waren, die waren von den Pharisäern. Und sie fragten ihn und sprachen zu ihm: Warum taufst du denn, so du nicht Christus bist noch Elia noch der Prophet? Johannes antwortete ihnen und sprach: Ich taufe mit Wasser; aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt. Der ist's, der nach mir kommen wird, welcher vor mir gewesen ist, des ich nicht wert bin, dass ich seine Schuhriemen auflöse. Dies geschah zu Bethabara jenseits des Jordans, wo Johannes taufte. (Johannes 1, 19-28 - Lutherbibel von 1912)

Wir werden bald mit eigenen Augen sehen, wo man die Taufstelle Jesu vermutet, denn schon nach wenigen Minuten erreichen wir unser erstes Ziel, einen kleinen Parkplatz, an dem wir alle aussteigen und unseren Reiseführer treffen. Bei sehr hohen Temperaturen freuen wir uns über jedes bißchen Schatten auf dem angelegten Rundweg, in dessen Verlauf uns unser Guide die Sehenswürdigkeiten an den verschiedenen Stationen im besten, sehr gut verständlichen Englisch erläutert.
Zunächst gehen wir zu einer Stelle dicht am Jordan, wo wir einen ersten Blick auf die trübe Brühe werfen können. Nach belegbaren Angaben, so erklärt man uns, sei der Fluss einmal über sechzig Meter breit gewesen, in der regenreichen Jahreszeit sogar noch breiter. Sein ursprüngliches Bett sei also mit dem heutigen Verlauf nicht mehr zu vergleichen.
Wie man liest, ist das Gewässer stark kontaminiert und aufgrund von überproportionaler Wasserentnahme zur landwirtschaftlichen Bewässerung vom Austrocknen in nächster Zukunft bedroht, wenn nicht schnell Abhilfe geschaffen wird.


Bei unserer nächsten Station blicken wir auf die überdachten Ruinen einer Johanneskirche, die belegen, dass schon sehr früh zu dieser Stätte hin gepilgert wurde, ebenso wie Fragmente sehr alter Mosaiken, die man auch in die frühen Anfänge des Christentums datiert und die den Zusammenhang mit der Bedeutung dieser Stätte herleiten. Insgesamt hat man bisher die Reste von fünf Kirchen ausgegraben.




An unserer nächsten Station fällt zunächst ein neues Mosaik ins Auge, das nach Auskunft unseres Guide nach genauen Angaben von Pilgern der frühen Jahrhunderte nach der christlichen Zeitenwende nachgezeichnet worden ist und belegt, dass an der dargestellten Vertiefung tatsächlich Jesus getauft worden sein soll. Über einen Kanal sei Wasser hierher geleitet worden, denn die Taufen hätten nicht im damals reißenden Gewässer des Jordans stattgefunden.

Im Dumont Kunstreiseführer heißt es dazu:
„(...) führen breite Steinstufen in ein geräumiges Taufbecken. Es wurde ebenso wie zwei Zisternen (oder weitere Taufbecken?) am Hügelfuß über einen Aquädukt von den Quellen im Nordosten des Wadi el-Kharrar her mit Wasser gespeist.“ (S. 150)


Das gesamte Gelände konnte erst nach 1994, dem Jahr, in dem der Friedensvertrag zwischen Jordanien und Israel in Kraft trat, archäologisch erkundet werden. Die Bedeutungsgebung der Ruinen als Taufstelle Jesu ist also noch relativ jung.

Eine weitere Widmung in Form eines Mosaiks erfuhr auch die Heilige Maria von Ägypten, die Patronin der Sünderinnen und Büßerinnen, die der Legende nach - geläutert von allen Liederlichkeiten - ein frommes und asketisches Leben in der jordanischen Wüste führte.
Vor ihrem Tod habe sie von dem Mönch Zosima die Hl. Kommunion empfangen. Von ihm sei sie auch hier begraben worden.
Sie ist die Namengeberin der Samariáschlucht auf Kreta.

Wir folgen dem Rundweg und nähern uns zum Abschluss nochmals dem Jordan. Doch zuvor erblicken wir die griechisch-orthodoxe Johanneskirche, deren Bau in den Jahren 2003/2004 von der Stavros Niarchos Foundation finanziert wurde. Ihre vergoldete Kuppel leuchtet weithin sichtbar. Das Innere ist reichlich geschmückt mit Gemälden.


Gleich neben der Kirche findet man über eine überdachte Holzterrasse hinunter zum Fluss, der auch hier nur wenige Meter breit ist. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Gebäude mit einer israelischen Fahne. Niemand ist dort zu sehen. Es handelt sich wohl um eine moderne Taufstätte, die sicherlich zu besonderen Gelegenheiten gut besucht ist.


Auf der Holzterrasse auf unserer Seite des Jordan zelebriert eine osteuropäische Reisegruppe eine stimmungsvolle Messe und singt am Ende gemeinsam ein Lied.
Zwei Treppen-Zugänge führen über wenige Stufen hinunter zum Fluss. An einem wird ein Interview aufgezeichnet. An dem anderen stehen Menschen, um einmal die Hand in den Fluss zu tauchen.
Ein Mann ist dermaßen begeistert, dass er mit einer metallenen Kaffeetasse Wasser aus dem Jordan schöpft und es seiner Frau über den Kopf kippt. Alle sind ziemlich ergriffen von der Legende des Ortes. Die alte Pilgerstätte aus frühchristlicher Zeit hat heute an Beliebtheit nichts eingebüßt.
Während der anschließenden Besichtigung der griechisch-orthodoxen Kirche ruft uns unser Guide wieder zusammen: „Hello, MY group.......", um gemeinsam zurück zum Shuttle-Parkplatz aufzubrechen. Dort steigen wir wie selbstverständlich auf die Vordersitze des Wagens, auf dessen Pritsche der Rest der Gruppe Platz genommen hat, diesmal mit einem anderen Fahrer, der uns auf der Rückfahrt wieder auf diesselben neuen Kirchen aufmerksam macht.
Auch er fragt uns, woher wir kämen und ich frage ihn ebenfalls, ob er Jordanier sei. Eher eine rhetorische Frage. Doch er antwortet voller Inbrunst: “Ich stamme aus der Familie Al ... Meine Familie kommt aus Saudi-Arabien, aus dem Hedschas. Seit 1450 leben wir hier, aber auch in Syrien und Libanon. Wir sind sehr viele.“ Wir gratulieren ihm zu seiner Abstammung und mit stolzgeschwellter Brust bringt er uns zum Parkplatz.
Nachdem wir wieder bei unserem Auto angekommen sind, möchten wir endlich ans Tote Meer. An den Niederungen des Nordufers gibt es für uns keine Zufahrt und im weiteren Verlauf lediglich ein paar Luxushotels, deren Eingänge gesichert sind wir Fort Knox. Ansonsten abweisende Wüste und Ödnis an der Küste.


Mit einem Mal entdecken wir das Schild Amman Public Beach und zahlen 15 JOD Eintrittsgeld pro Person, ein gesalzener Preis. Dafür gibt es einen Poolbereich, viele Sitzgelegenheiten, ein Restaurant und kleinere Bars sowie einen Zugang zum See mitsamt Plastikstühlen und Süßwasserduschen; letztere sind – wie wir gelesen haben - unerlässlich nach einem Bad im Salzwasser.


Der Poolbereich ist voll belegt mit Touristen, sodass wir uns bergab an das schattenlose Ufer des Sees begeben. Glücklicherweise sind – wie auch schon am Vortag – ein paar Schleierwolken aufgezogen, die die Kraft der Sonne erheblich mildern.
Nach einem Fußbad in Ufernähe beschließe ich, mir den Salzsee lieber von außen zu betrachten. Mehr als 30% Salzgehalt hat das Wasser, meine Haut würde mir bei einem Bad wahrscheinlich in Fetzen abfallen.
So ganz ungefährlich ist das Plantschen hier auch nicht. Auf einem großen Schild, schon am Eingang des Strandbades, wird darauf hingewiesen, den Kontakt mit Augen und Lippen zu vermeiden. Falls man sich an dem Wasser verschlucken sollte, könnte dies lebensgefährlich werden.


Alex hingegen nimmt ein Vollbad in der Salzlake. Sobald er versucht, sich im Wasser auf den Bauch zu legen, dreht es ihn automatisch wieder um. Bei fast allen Badenden gucken die Füße vorne aus dem Wasser. Ich finde, es sieht ziemlich komisch aus.
Zwei Bikininixen, die völlig mit schwarzem Schlamm einbalsamiert sind, präsentieren ihre Körper am Strand durch unablässiges Auf- und Abgehen. Ich kann mir vorstellen, dass die hoch geschlossene, arabische Abteilung, die auf einigen Stühlen an der Uferlinie Platz genommen hat, dies nicht unbedingt toll findet.
Von rechts herrscht mich eine stramme Österreicherin an: „Wo gibt’s denn hier den Schlamm?“ Als ich sie verwundert ob des barschen Tons anschaue, glaubt sie, ich verstünde kein Deutsch, geht und lässt mich in Ruhe weiter da sitzen.
Eine andere junge Dame aus Austria cremt sich und ihren Bikini bis auf den letzten Fetzen und für jeden sichtbar, in einer langen Zeremonie hingebungsvoll mit Schlamm ein. Ihr Mann, ein dickbäuchiger, älterer Herr, ergötzt sich offensichtlich an diesem Anblick. Die muslimischen Strandbesucher schauen peinlich berührt weg. Nachdem die Frau sich vollkommen einschmiert hat, geht sie in’ s Wasser, und im Nu ist der ganze Schlamm wieder weg.
Die einheimische Familie hat den Vater im Rollstuhl mitgebracht. Schlaganfall, tippe ich. Er kann nicht alleine aufrecht stehen, doch einer der Söhne hebt ihn hoch und stützt ihn bei seiner Stehübung. Wie schön muss es für den stark behinderten Mann sein, hier in einer Wellness-Oase mit seinen Lieben bei warmen Temperaturen und im milden Licht zusammen zu sein. Was will man in diesem Augenblick mehr?
Alex kommt aus dem Wasser und hält mir einen geschliffenen Stein entgegen. Jetzt führt er mir einen Trick vor: In Sekundenschnelle zerquetscht er den Stein mit der Hand und zum Vorschein kommt Salz. Solche Klumpen liegen auch am Strand im Sand. Oder ist das sowieso alles Salz? Vor 50 Jahren war dieser Strand noch mit dem Wasser des Toten Meeres bedeckt!



Als mir die kleinen, kitzeligen Fliegen, die mich die ganze Zeit über schon quälen, zu viele werden, tauche ich meine Arme in die Salzbrühe, in der Hoffnung, dass mich die Plagegeister dann in Ruhe lassen. Weit gefehlt! Es ist, als ob sie gerade das Salz sehr mögen! Was bleibt, ist ein glitschiger Film auf der Haut, der nicht trocknet und sich nur mit Süßwasser wieder ablösen lässt. Ein sehr merkwürdiges Vergnügen!
Im Laufe des Nachmittags haben sich bei mir Kopfschmerzen eingestellt, und so freue ich mich am Ende, als wir wieder in Richtung Hotel aufbrechen. Ein letzter Blick zurück auf eine traumhafte, in einen dunstigen Schleier gehüllte Landschaft, die ihre Geheimnisse auf der anderen Seite des Salzsees nicht preisgeben möchte.




Gemütlich fahren wir noch eine kleine Weile an der salzverkrusteten Küste entlang.


Sobald wir jedoch die landschaftliche Depression verlassen haben, legen sich meine Kopfschmerzen. Ob es etwas mit den Druckverhältnissen so tief unter dem Meeresspiegel zu tun hatte?
Obwohl wir den Dead Sea Panorama Komplex mit seinen Aussichtspunkten heute nicht mehr aufsuchen, bleiben wir auf der Rückfahrt doch noch mehrmals stehen, um uns dem gigantischen Blick über einen Teil des Jordantals und das Tote Meer mit beginnendem Sonnenuntergang hinzugeben.



Eine Wahnsinnslandschaft, in der wir uns hier befinden, mit so vielen verschiedenen Highlights auf kleinstem Raum! Wir genießen dieses Land in vollen Zügen und sind glücklich und dankbar, dass wir diese Reise ermöglichen konnten.



Durch das Jordantal zum 'Pompeji des Ostens' - Nach Jerash


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