Durch das Jordantal zum
'Pompeji des Ostens'
- Nach Jerash -


Erst am Nachmittag brechen wir auf in Richtung Jerash (sprich: Dscharasch), von Madaba aus in nordwestlicher Richtung gelegen, und verfehlen auch prompt den direkten Weg, der über die Autobahn führt, landen stattdessen wieder einige hundert Meter unter dem Meeresspiegel im grünen Jordantal, das wir nun nach Norden durchfahren.
Mehrere kleine Orte liegen auf der Strecke, Orte ohne Hotels und Tourismus, sondern mit landwirtschaftlicher Prägung. Kleine Läden säumen die Durchgangsstraße. Eigentlich müsste man aussteigen, sich in ein Café (falls vorhanden) setzen und sich das lebendige Treiben anschauen, um etwas mehr über den Alltag in den Dörfern zu entdecken. Wir fahren jedoch weiter, denn bis nach Jerash ist es noch weit, so an die 100 Kilometer.
Ich fühle mich richtig schlecht. Eine Nacht mit durchschlagender Verdauung hat mich nicht nur um den Schlaf gebracht, sondern mir auch noch Kopfschmerzen beschert. Zusätzlich machen sich jetzt auch noch Gliederschmerzen breit. Ein Glück, dass ich zuvor die Reiseapotheke ordentlich aufgerüstet hatte. Auf Jerash möchte ich um nichts in der Welt verzichten und reiße mich zusammen.
Als wir unterwegs im Schatten anhalten, damit Alex draußen eine Zigarette rauchen kann, werden er und das Auto direkt von einem dichten Fliegenscharm überfallen. Nix wie weg hier!
Auf unserer Weiterfahrt weisen Schilder in diesem fruchtbaren Landstreifen auf verschiedene Programme hin, mit denen der Staat Projekte unterstützt, darunter auch ein jordanisch-deutsches zum Wassermanagement.
Die Straße führt vorbei an unzähligen grünen Dattelplantagen. Linkerhand immer die israelischen Berge, rechts der Aufwurf des braunen und gerölligen Grabenbruchs. Nur ab und an sieht man einen Baum oder Strauch dort oben, ein völliger Kontrast zur üppigen Vegetation hier unten im Tal.
Während der Fahrt stelle ich fest, dass unsere Straßenkarte von Freitag & Berndt nicht mit den Wegweisern harmoniert. Zusätzlich scheint es nicht üblich zu sein, den Durchfahrenden mit Schildern über den Namen des Ortes zu informieren, den man gerade durchquert. Zumindest nicht auf Englisch. Allenfalls ein Hinweisschild, dass nun (irgend)eine Ortschaft folgt, lässt dann eher die Geschwindigkeit drosseln als darüber aufzuklären, wie der Name lautet.


Die Abzweigungen, die wiederum ausgeschildert sind, bezeichnen Orte, die Freitag & Berndt nicht auf der Karte haben. Das heißt, wir wissen die ganze Zeit über nicht, wo genau wir uns befinden und fahren einfach nach Gespür weiter. Hauptsache, die Richtung stimmt. An einer Stelle nehmen wir auf diese Weise auch gefühlsmäßig eine Abfahrt.
Sofort führt die Straße wieder bergan und aus der Jordanniederung heraus. Über eine recht weite Strecke fahren wir dahin, durchqueren für uns namenlose Ortschaften.
Alex hält in einem der Dörfer mitten auf einer belebten Kreuzung an, weil eine Ampel gerade auf Rot gesprungen ist. Diese Ampel ist nicht etwa vor der Kreuzung aufgestellt, sondern unmittelbar dahinter – doch wozu? Wir stehen mitten im Weg, blockieren den Verkehr.
So langsam dämmert es, dass die Ampel für den Verkehr vor der Kreuzung gilt, und es absolut keinen Sinn macht, hier weiter stehenzubleiben. Also fahren wir bei Rot weiter und alle sind zufrieden.
Der Nachmittag neigt sich schon dem Ende zu, als wir in Jerash ankommen. Von weitem erkennen wir den Hadriansbogen mit einer dahinter liegenden größeren archäologischen Anlage. Doch wo befindet sich ein Parkplatz? Irgendwie trägt uns die Straße wieder vom Ausgrabungsgelände weg und mitten hinein in einen pulsierenden Suq.
Als wir mit unserem Latein am Ende sind, fragen wir einen Passanten nach dem Parkplatz am Ausgrabungsgelände. Er ist des Englischen nicht mächtig, klemmt sich jedoch flink hinter das Lenkrad seines Wagens und bedeutet uns, ihm zu folgen.
Im Nullkommanichts kommen wir am Ziel an und genauso schnell ist er auch schon wieder verschwunden. Das nenne ich Gastfreundschaft! Ebenso wie das immer wieder kehrende „Welcome to Jordan“, vom Straßenarbeiter, dem Gastwirt, dem Polizisten oder dem Passanten. Wir fühlen uns wirklich willkommen.
Gegen 17.00 Uhr lösen wir unser Eintrittsticket für 8 JOD pro Person. Für unseren Rundgang bleibt uns noch eine Stunde. Doch das macht nichts. Der Vorteil, den wir jetzt haben, ist die niedrige Touristenfrequentierung und dadurch eine relative Ruhe sowie das schöne, weiche, frühabendliche Licht, das die Anlage in lange Schatten taucht und uns somit ein Schauspiel der besonderen Art bietet.
In einer Halle, in der wir auch die Tickets erstanden haben, buhlen die Verkäufer um unsere Gunst, doch uns steht der Sinn jetzt nach geschichtlich-kulturellen Erlebnissen.
Jerash (in der Antike Gerasa genannt) ist „das beste und besterhaltene Beispiel einer spätantiken Provinzstadt im Nahen Osten“. (Dumont S. 155) Es ist erwiesen, dass sich hier bereits im 6. vorchristlichen Jahrtausend eine Siedlung befand, doch seine Blüte erreichte Gerasa als Dekapolisstadt (Zehnstädtebund im Nahen Osten) unter römischer Herrschaft ab dem ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert durch die guten Verbindungswege zu anderen Städten des Verbundes in der römischen Provincia Arabia. „Gerasa wurde (...) als Handelsplatz, aber auch dank der florierenden Landwirtschaft und der Erzvorkommen in seiner Umgebung reicher und reicher.“ (Polyglott, S. 66/67) Seine Bedeutung konnte Gerasa noch bis ins 8. Jahrhundert erhalten, doch nach dem Niedergang Roms und einem starken Erdbeben im Jahr 746 entvölkerte sich die Stadt vollständig. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde der verlassene Ort wieder entdeckt und besiedelt.


Wir betreten die antike Stadt durch den im Süden gelegenen Hadriansbogen, der zu Ehren des kaiserlichen Besuches im Winter 129/130 als ein Triumphbogen errichtet wurde.


Links, in einiger Entfernung am Hippodrom vorbei, schlendern wir über eine ca. 500 Meter lange Gerade; rechterhand ist der Weg gesäumt von einer Batterie von Campingbussen mit ausschließlich niederländischen Kennzeichen. Klischee pur! In den Stadtkern gelangen wir durch das breite und imposante Südtor.


Ein kurzer Stichweg führt über eine Treppe zum über achtzig Meter breiten, mit Säulen umgebenen Ovalen Forum, wo in antiker Zeit ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens stattfand.


Hinter dem gepflasterten Platz biegen wir in den eindrucksvollen Kolonnadenweg, den Cardo Maximus, ein.




Im Nachmittagslicht werfen die Säulen schon lange Schatten auf die Straße. Im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne kann man sich leicht vorzustellen, wie die Straße vor 2000 Jahren einmal von prächtigen Häusern gesäumt war und Kutschen über den breiten Weg holperten, während man am späten Nachmittag zusammen mit tausenden anderer Stadtbewohner zum Hippodrom strömte, um einem Pferderennen beizuwohnen.


Dort, wo heute die Säulenschäfte fehlen, hat man direkt auf die Sockel die Kapitelle gelegt, die die filigrane Feinarbeit des korinthischen Stils dokumentieren.


In diesem vorderen, südlichen Teil der Stadt befinden sich auch Zeugnisse früharabischer Architektur. So staunen wir über Beispiele der auch in der omayyadischen Kunst verwendeten Muschelkalotte.


Weiter durchschreiten wir den lichtdurchfluteten Kolonnadenweg in seiner so fantastisch erhaltenen Substanz.


Hinter einer großen Straßenkreuzung kann man noch die gut erhaltenen Überreste des Nymphäums, eines prachtvoll ausgestalteten Brunnens aus dem 2. Jahrhundert besichtigen. In den Nischen standen einmal Statuen. Überwölbt war der Brunnen von einer Halbkugel. Das Wasser, das sich aus löwenköpfigen Speiern ergoss, wurde in den Abwasserkanal geleitet, der unter der Hauptstraße Gerasas floss.



Daneben führen die Propyläen hinauf zum größten Heiligtum Gerasas, dem Artemistempel, den wir uns jedoch für den Rückweg aufsparen.



Kurz vor dem Ende der Kolonnadenstraße, die durch das Nordtor begrenzt wird, befindet sich das Nordtheater mit der Besonderheit zweier Ränge, die etwa 1500 Besuchern Platz boten.


Auf dem Rückweg erfreuen wir uns einmal mehr an den herrlichen frühabendlichen Lichtspielen der Säulenstraße.


Die Propyläen zum Artemistempel erscheinen mir wegen meiner schlechten körperlichen Verfassung fast unbezwingbar, doch ich gebe nicht auf. Leider muss ich nach ca. zwei Dritteln der Strecke passen - mir wird schwarz vor Augen; doch eine Ruhepause auf der breiten Treppe hält die Umdrehungen der Außenwelt an und bringt alles wieder ins Gleichgewicht. Obwohl mir bewusst ist, dass sich oberhalb der Treppe, außerhalb unseres Gesichtsfeldes, das eigentliche Heiligtum (neben weiteren interessanten Bauten) befindet, breche ich an dieser Stelle die weitere Erkundung ab.
Nicht zufällig wurde Artemis eines der zentralen Heiligtümer der antiken Stadt geweiht. Sie galt als Jagd-, Natur- und Fruchtbarkeitsgöttin, in Teilen des Vorderen Orients wurde sie jedoch auch als die Große Mutter verehrt. Entsprechend großzügig ist der gesamte Komplex angelegt.
Alex möchte sich die Ruinen genauer anschauen, während ich den guten Blick oben auf der Treppe sitzend auf das alte Gerasa und die neue Stadt Jerash genieße.




Alex berichtet später, dass wir die Besichtigung des oberen Bezirks in der Kürze der Zeit sowieso nicht geschafft hätten. Beispielsweise erregt eine ziemlich neu anmutende, wahrscheinlich rekonstruierte Vorrichtung mit einem Wasserrad die Aufmerksamkeit.



Auch die Ruinen verschiedener Kirchen aus dem 6. Jahrhundert befinden sich hier: die Peter und Paul Kirche mit prächtigen Mosaikböden und die Gedächtniskirche; der Komplex dreier Kirchen zu Ehren der Heiligen Johannes (der Täufer), Kosmas und Damian und Georg.
Es gibt sogar Kirchenbauten mit Bezug auf den nabatäischen Hauptgott Dhushara, der „in späterer Zeit häufig mit Dionysos, dem Gott des Weines und der Fruchtbarkeit, identifiziert wurde.“ (Dumont, S. 178). Darüber wurde um einen Brunnenhof eine Kathedrale und die Theodorskirche gebaut, die vom Cardo her über Propyläen zu erreichen waren.
Die Ruinen einer Omayyadenmoschee ebenso wie die Überreste eines Zeustempels können wir aufgrund der fortgeschrittenen Zeit leider auch nicht mehr besichtigen. Noch viele andere Sakralbauten, Bäder und zwei weitere Theater wurden im Laufe des letzten Jahrhunderts ausgegraben und erforscht; auch das Museum birgt sicherlich sehr interessante Funde. Nach einer Weile kehrt Alex von seiner kleinen Erkundungstour zurück.


Die alte Stadt liegt jetzt schon fast völlig im Schatten, während die letzten Sonnenstrahlen die Neustadt in spätherbstlichem Licht erstrahlen lassen. In dieser friedlichen Atmosphäre schlendern wir wieder über den Cardo Maximus zurück.



So kurz und ausschnitthaft unser Besuch in Jerash/Gerasa auch war, so eindrucksvoll hat sich die antike Stadt im Licht der untergehenden Sonne für uns präsentiert und die lange Anfahrt auf jeden Fall gelohnt.
Für die Rückfahrt nach Madaba erstehen wir am Kiosk noch ein paar Flaschen Wasser und verlassen Jerash schließlich in Richtung Autobahn. Jetzt beginnt ein Abenteuer, das sich Autofahren in Jordanien (bei Nacht) nennt.
Aus irgendwelchen Gründen sind sehr viele Kraftfahrzeuge ohne jegliches Rücklicht unterwegs. Bei einigen brennt zumindest eine Lampe (auf welcher Seite muss erraten werden). Andere fahren mit einem oder zwei Standlichtern, immerhin.
Den Mangel an Rücklicht macht das Flutlicht vorne wieder wett. Auch im Gegenverkehr scheint es nicht üblich zu sein, aufgeblendetes Fernlicht – zumindest vorübergehend – abzublenden. Mit Fernlicht kann man immer alles sehen, was sich vor einem abspielt, z.B. auch Vorderfahrzeuge ohne Rücklicht. Der Gegenverkehr schaut dann halt mal kurzfristig weg.
Dramatisch wird es, wenn plötzlich Fußgänger die Fahrbahn überqueren. Auch vor Autobahnen machen sie nicht halt. Daher empfiehlt sich eine tempomäßig sehr angepasste Fahrweise, auch wenn diese nicht jordanischem Standard entspricht. Denn die unerträgliche Langsamkeit, mit der Fußgänger sich auf Autospuren bewegen, wird durch die rasante Fahrweise als Autolenker wieder wettgemacht.


Auch auf andere Verkehrsteilnehmer ist zu achten.


Vorsicht ist auch in Kreuzungsbereichen geboten. Fahrzeuge, die nach rechts oder links abbiegen, neigen dazu, in einem weiten Bogen auszuholen. Diese Kurventechnik könnte auch mit dem kreuzenden Verkehr kollidieren, wenn man plötzlich ein Fahrzeug in Gegenrichtung auf der eigenen Spur vor sich hat.
Fährt man auf einer Schnellstraße oder Autobahn mit einem befestigten Mittelstreifen, kann man die Fahrtrichtung ganz einfach wechseln. Nicht etwa ein kompliziertes, für Fremde gleichwohl schweißtreibendes Auf- und Abfahrtssystem wie in unseren Breiten führt auf die entgegengesetzte Fahrspur, sondern ein schlichter U-Turn durch eine Aussparung in der mittleren Straßenbegrenzung! Dieser wird vorher kurzfristig per Schild angekündigt. Man fährt einfach auf die linke Spur, bremst ab (und somit auch den nachfolgenden Verkehr aus) und überlegt sich, ob man „amerikanisch“ oder weiter ausholend umeinander abbiegt. Alex und ich sind da gänzlich unterschiedlicher Meinung. Allerdings wird mir bei jedem U-Turn ob der für uns so unorthodoxen Art des Richtungswechsels etwas mulmig. Bei Dunkelheit macht das noch mehr Spaß!
Falls man auf gerader Strecke aus irgendwelchen Gründen ein Ausweichmanöver erwägt, muss man damit rechnen, am rechten (oder wahlweise linken) Straßenrand auf ein parkendes, unbeleuchtetes KFZ zu treffen. Oder auf einen Autofahrer, der beim Fahren angeregt mit einem Handy am Ohr telefoniert und vergessen hat, dass auch er Verkehrsteilnehmer ist. Alles in allem ein Nervenkitzel, der einen Fahrzeuglenker auf jeden Fall hellwach hält.
Und im Bereich von Ortschaften - sei es auf kleineren Landstraßen oder auf der Autobahn - muss man immer mit ziemlich plötzlich auftauchenden, von Menschenhand bewusst eingepflegten „Hubbeln“ quer über die Straße rechnen.


Diese werden zwar per Schild kurzfristig angekündigt, doch ist es ratsam, rechtzeitig vor Ortschaften abzubremsen. Beim schnellen Hinwegbrettern über die Hubbel sind die Stoßdämpfer nämlich einem ebenso schnellen Untergang geweiht. Immerhin, eine sehr wirksame Maßnahme zur Geschwindigkeitsbeschränkung, wo man doch so gerne schnell fährt!
Ach, was rede ich über jordanische Fahrkünste: Als wir an diesem Abend Madaba erreichen, verpassen wir einmal mehr unsere direkte Abfahrt zum Hotel und landen irgendwo in den Außenbezirken. Alex erwägt, hinter einer Ampel links abzubiegen, und übersieht dabei, dass er gerade als Geisterfahrer in eine Fahrbahn eingebogen ist. Sofort halten die anderen Verkehrsteilnehmer, die hier sehr zahlreich vorhanden sind, an. Niemand hupt, keiner beschwert sich. Alle warten geduldig, bis Alex gewendet hat und richtig abgebogen ist. Im Gegenteil, die anderen Autofahrer lächeln sich eins ins Fäustchen. So etwas kann ja schließlich jedem mal passieren, oder?


Über die Straße der Könige:
Von Madaba über Mukawir zum Wadi Al-Mujib


zurück zur Startseite