Über die Straße der Könige:
Von Madaba über Mukawir
zum Wadi Al-Mujib


Unser Ziel für die nächsten drei Tage heißt Petra. Wir packen unsere Koffer, checken aus dem Mosaic-City-Hotel aus und lassen diese wunderschöne, ursprüngliche Stadt schon bald hinter uns.
Für die Fahrt nach Süden haben wir uns für die Straße der Könige entschieden, die mittlere der Nord-Süd-Verbindungen, zwischen der östlichen Wüstenautobahn und der im Westen verlaufenden Strecke nahe der israelischen Grenze.
Man kann davon ausgehen, dass die beiden ersteren schon vor langer Zeit als Transportwege genutzt wurden: die östliche, die eher im Flachen verläuft, jedoch nur wenige Orte streift und von der Wüste gesäumt wird; die Königsstraße hingegen durchquert tiefe Wadis (Täler) und führt über Hügel und Berge.
Christen pilgerten auf ihr schon vor über 2000 Jahren ins Heilige Land, Moslems nutzen sie auf dem Weg nach Mekka. Kreuzfahrer bauten die Festungen von Kerak und Shobak aus; beide Burgen liegen ebenfalls am Kings' Way. Auch die Nabatäer nutzen den Weg als Handelsroute, liegt doch Petra, die ehemalige Hauptstadt des nabatäischen Reiches, nicht weit von ihr entfernt. Auch durch Madaba führt diese Verbindung zwischen Nordsyrien und dem Roten Meer und so folgen auch wir dem alten Handels- und Pilgerweg.
Die Landschaft, die wir zunächst durchqueren, glauben wir zu kennen. Man wähnt sich in Griechenland!



Olivenplantagen und angelegte Felder, dazwischen mediterrane Bäume und Sträucher, dornige, verdorrte Büsche und staubiges Brachland. Selbst die heutige Architektur – Betonhäuser mit Flachdächern – ist identisch.
An den Ortschaften erkennt man, dass wir uns in einer wohlhabenden Gegend aufhalten. Was uns dabei auffällt ist, dass entgegen anderen Gegenden in der arabischen Welt die Häuser nicht durch Mauern vor den Blicken Fremder geschützt, sondern offen sind.
Noch eine ganze Weile begleitet uns rechter Hand der Blick auf das blau-schimmernde Tote Meer zwischen den braunen Hügeln, ein reizvoller Farbkontrast.


Auf unserer Route bleiben wir weitestgehend mehrere hundert Meter über dem Meeresspiegel und können so einen Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs in der Depression um das Tote Meer und das Wadi Araba, der trockenen Verlängerung des Jordantals südlich des Salzsees, überschauen. Hier also befindet sich die geologische Nahtstelle, zwischen der afrikanischen und der arabischen Erdplatte!
Die Höhendifferenz zwischen Normalnull am Roten Meer und der Tiefstelle um das Tote Meer wird im Verlaufe des Wadi Araba nach Süden hin wieder ausgeglichen.
Leider haben wir nicht soviel Zeit (und das im Urlaub!), um alle Sehenswürdigkeiten auf dieser Strecke mitzunehmen. Etliche Schilder weisen auf sehenswerte Stätten hin, die in unserem Reiseführer nicht vermerkt sind. Vielleicht aber in denen von Reisenden anderer Glaubensrichtungen? Denn so, wie viele Christen hierher kommen, um auf biblischen Spuren zu wandeln, gibt es auch in der jüdischen und moslemischen Religionsgeschichte wichtige Verbindungen zu dieser Gegend.
Gerne hätten wir Dhiban besucht, den Fundort der Mescha-Stele und fantastischer Mosaiken, oder in den heißen Quellen und Wasserfällen von Hammamat Ma'in gebadet, doch wir wollen heute noch in Petra ankommen, und die Route über die Landstraße 35 zieht sich lang und kurvenreich durch Täler und über Berge dahin. Andererseits: Wer braucht bei Temperaturen von über 30 Grad ein Bad in einer heißen Quelle?


Eine Bergkuppe hat unseren Blick trotzdem gefangen, und so folgen wir kurzfristig einem Abzweig in Richtung Mukawir, dem alten Machärus, in dem Herodes der Große einmal residierte. Schon von weitem sind die (nicht antiken) Säulen auf der Hügelspitze erkennbar.



Die nach ihm benannte und in den Sprachgebrauch eingegangene Herodesfestung, die auch schon zuvor anderen Herrschern gedient und von ihnen befestigt und weiter ausgebaut worden war, birgt ein trübes Kapitel der Bibelgeschichte: Es soll in dieser Palastanlage gewesen sein, wo Herodes Antipas Johannes den Täufer gefangen hielt, weil dieser ihn wegen seiner zweiten Ehe mit Herodias getadelt hatte. Die Tochter von Herodias, Salome, becircte ihren Stiefvater durch einen Tanz derart, dass der ihr die Erfüllung eines jedweden Wunsches versprach. Im Sinne ihrer Mutter wünschte sie sich den Kopf des Johannes; auf Herodes' Geheiß soll Johannes daraufhin geköpft worden sein. Diesem Thema widmen sich auch die Mosaikkünstler in Madaba.


Die Straße mündet nach wenigen Kilometern in einen Parkplatz auf einem Hügel gegenüber der Festung, mit überdachtem Aussichtsplatz direkt dahinter. Der Eintritt kostet 1,5 JOD pro Person.
Wegen der Hitze kommt es mir zunächst nicht in den Sinn, zu den Ruinen hochzusteigen. Einer der angestellten jungen Männer macht es uns jedoch vor und läuft! leichtfüßig geradeaus den Hang hoch. Die lästigen Fliegen und mehr noch, unsere Neugier, treiben uns schließlich an. In brütender Mittagshitze klettern wir schließlich auf einem Weg, der um den Hügel herum angelegt wurde, bergan, gefolgt und schließlich überholt von einer spanisch schnatternden Reisegruppe.


Wären wir etwas früher angekommen, hätten wir einen himmlischen Frieden hoch oben auf der Spitze zwischen dem alten Gemäuer (den Grundmauern des Palastes und seiner Luxusthermen) genießen können.
Was mir jedoch besonders gut gefällt ist die Aussicht über einen großen Teil des Toten Meeres nach Süden und nach Norden bis zum Jordangraben; und direkt gegenüber, auf israelischer Seite, der Blick auf die judäischen Berge. Traumhaft!


Nach einer schweißtreibenden Rückkehr zum Auto schätzen wir einmal mehr die Aircondition, während wir zurück zur Königsstraße fahren. Ganz unerwartet kommt das nächste Highlight schon bald in Sicht: Der tiefe, quer zur Straße verlaufende Abbruch in das Wadi Al-Mujib. Atemberaubend!


Wir müssen einmal bis zur Talsohle und auf der anderen Seite wieder hinauf. An einer Kurve, von wo man einen weiten Teil des Tales überblicken kann, hat man einen kleinen Park- und Aussichtsplatz eingerichtet.


Einige Händler bieten ihre Waren auf den Begrenzungsmauern feil. Großartig ist die Sicht nach unten auf den Talgrund, wo eine Staumauer ein blaues Gewässer zurückhält, und auf die Erhebungen der gegenüberliegenden Talseite. Mehrere hundert Meter beträgt der Höhenunterschied von der Kante bis hinunter in die Talsohle. Der Gran Canyon Jordaniens wird dieser Einschnitt auch genannt, ein Fotomotiv, nicht nur für uns.



An den Gesteinsschichten, die hier zutage treten, kann ein Geologe sicherlich einen größeren Teil der Erdgeschichte dieser Region ablesen.


Der blaue See, den wir später über die Staumauer überqueren, wird gespeist durch die Sturzregen der Winterzeit. Im Laufe des heißen Sommers wird das Wasser allerdings brackig. Was damit geschieht, bleibt uns verborgen. Weder sehen wir eine Turbine, die z.B. Energie erzeugt, noch erkennen wir Pumpen oder Leitungen, durch die das Wasser in größerem Stil irgendwohin gebracht werden könnte. Auch keine Anlage, die aus Brackwasser Trinkwasser macht.



Wir reden mit einem einheimischen Passanten, fragen, wozu das Wasser verwendet würde. „Für nichts!“ ereifert er sich, lediglich die paar Bauern, die dort im Tal leben, würden mit einem winzigen Bruchteil des Wassers ihre Felder bewässern. Man müsste diese Möglichkeit doch ganz anders nutzen können, bei der Wasserknappheit, unter der Jordanien leidet, meint er. Tatsächlich erkennen wir nur wenige Felder.


Bei unseren späteren Recherchen finden wir heraus, dass die 2003 fertiggestellte Dammkonstruktion ein griechisch-bosnisch/herzegowinisch-deutsches Projekt ist.
Nach Überquerung des Dammes haben wir auf der gegenüberliegenden Seite schon fast wieder den Bergrücken erreicht, als wir am Straßenrand plötzlich ein einladendes Freiluftcafé passieren. Schnell den Rückwärtsgang rein; dieses originelle Lokal wollen wir uns doch nicht entgehen lassen!


Als wir aus dem Auto steigen, kommt uns gleich der Wirt entgegen. Sammy, so stellt er sich vor, lädt uns ein, in den tiefen Polstern Platz zu nehmen, direkt vorne an der Kante.


Dieser Weitblick - was für eine landschaftliche Dramatik! Unglaublich schön!



Während Sammy und sein Küchenmann den Kaffee für uns aufbrühen, genießen wir die Ruhe in der windigen Höhe, unter der jordanischen Sonne, und sinnieren ein wenig über Trockenheit und Wasserarmut in diesem Land.


Exkurs: Wasserproblematik


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