Über die Straße der Könige:
Vom Wadi Al-Mujib über Kerak
nach Wadi Musa / Petra


Nicht nur das Wassermanagement ist ein spannendes Thema in dieser Region, sondern auch die entstandenen Naturreservate bergen biologische Schätze. Durch die zahlreichen Windungen, die das Tal beschreibt, kann man (auch mit Guide) durch tiefe Schluchten, durch Bäche und kleinere Flüsse im Wadi Al-Mujib wandern und sich gleichzeitig im kühlen Nass erfrischen. Raubvögel haben hier ihr Revier. Auch Zugvögel rasten gerne in diesem Gebiet. Vor den Schlangen allerdings sollte man sich hüten.
Nicht weit entfernt vom Wadi Al-Mujib, im etwas südlicher gelegenen Dana Nature Reserve mit über 300 qkm Fläche, kommen auch andere, größere Wildtiere wie Hyänen, Schakale und Wölfe vor.
An dieser Stelle erzählt Sammy, der beduinische Café-Wirt, in dessen originellem Freiluftcafé wir immer noch sitzen, eine Geschichte, die er durch eine Videoaufnahme auf seinem Handy dokumentiert hat und uns anschauen lässt. Vor einiger Zeit habe sein Onkel über den Verlust einiger Schafe geklagt. Daraufhin habe man sich nachts auf die Lauer gelegt und gesehen, wie eine mordlustige Hyäne ein Schaf nach dem anderen gerissen habe. Mordlustig deshalb, weil ein Tier ausgereicht hätte, um den Hunger der Hyäne zu stillen. Er habe sich daraufhin von der Regierung die Genehmigung eingeholt, das Tier erlegen zu dürfen, denn Schafe seien in Jordanien sehr teuer: 250 bis 300 JOD koste ein Tier. In einer der darauffolgenden Nächte hätte man die Hyäne dann eingefangen, und an der Stelle übergibt er uns sein Handy mit dem Film. Darauf sind die toten Schafe dokumentiert und es ist zu sehen und zu hören, wie das gefangene Tier sich mit fletschenden Zähnen und wildem und aggressivem Geheul und Geknurre gegen die Gefangenschaft wehrt. Schließlich sei die Familie über den Verlust von 30 Tieren so erbost gewesen, dass man es erschossen und den Hunden zum Fraß vorgeworfen habe.
Wir wissen nicht, ob sich diese wie auch andere Geschichten genauso abgespielt haben, jedoch sind sie gut und spannend erzählt, und so hören wir noch anderen Schilderungen dieses Mannes mit den gepflegten Händen zu.


Schließlich, nachdem wir eine Weile hoch über dem Tal gesessen und aromatischen Tee und besten Kaffee aus stilvollem Porzellan geschlürft haben, meint Sammy, ich solle mir von seinen ausgestellten Verkaufswaren etwas als Geschenk aussuchen. Ich hatte sowieso vor, nach Mitbringseln für zu Hause zu schauen und finde einige schöne Stücke.


Insbesondere haben es mir eine Schmuckdose aus Holz und ein silberner Armreif mit eingefassten Steinen angetan. Nachdem ich mir diese ausgesucht habe (mir ist klar, dass das keine Geschenke von Sammy an mich sind, doch ich bin ganz gespannt, wie das Verkaufsgespräch sich weiter entwickeln wird), meint mein Gegenüber, jetzt würde er mir eine Kette schenken. Diese mit den vielen kleinen bunten Perlen wiederum gefällt mir dermaßen gut, dass ich sie fortan während unserer Reise ständig trage. Sammy, jetzt völlig in seinem Element, zeigt mir alle Gegenstände, die sein kleiner Laden zu bieten hat, insbesondere Schmuck unterschiedlichster Machart, Selbstgefertigtes, Trödel und Nippes.
Zwischenzeitlich sind noch ein paar Bekannte angekommen und räkeln sich in den Polstersesseln, amüsieren sich ob der Versuche, mich zum Erwerb weiterer Gegenstände zu bewegen. Der Preis für den Armreif und die Schmuckdose erscheint uns angemessen, und schließlich verabschieden wir uns, nicht ohne auch Sammy's Crazy Place, wie er ihn nennt, einen Besuch abgestattet zu haben.


Gerade als wir ins Auto steigen wollen, hält ein weiterer Wagen. Die drei jungen US-Amerikaner, zwei Männer und eine Frau, scheinen mit dem Wirt wohl bekannt zu sein. Wir nehmen uns gegenseitig wahr, grüßen, verabschieden uns aber auch gleich wieder und setzen unseren Weg nach Süden, in Richtung Wadi Musa/Petra wohlgelaunt fort. Wieder bewegen uns auf einer Hochfläche, durchqueren karge Ebenen, fahren durch üppige Alleen und passieren größere Ortschaften.






Am späten Nachmittag gelangen wir schließlich zur mittelalterlichen Kreuzritterburg Kerak. Die sie umgebende Stadt hatte während vieler Jahrhunderte, schon vor dem Bau der Burg, eine strategisch wichtige Bedeutung.


Kir-Moab oder Kir-Heres hieß die Stadt im ersten Jahrtausend v. Chr., Characmoba ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. (vgl. Dumont, S. 283) Während der arabischen Eroberung bis zum Beginn der Kreuzzüge fand die Stadt kaum mehr Erwähnung. Doch wer „Kerak besaß, kontrollierte das Südende des Toten Meeres, konnte Teile Palästinas abriegeln und die ostjordanischen Karawanen abfangen.“ (Dumont, S. 284)


Diese Überlegungen mögen dazu geführt haben, dass Balduin I, König von Jerusalem, die Mauern der Festung instand setzen ließ. Eine befestigte Burganlage wurde jedoch erst während des zweiten Kreuzzuges im Jahr 1142 durch Payen le Bouteillier fertiggestellt. Wenige Jahrzehnte später übernahm durch Heirat mit Stephanie von Milly der französische Kreuzritter Reinald von Chatillon, ein als grausamer Herrscher in die Geschichte eingegangener Mensch, die Führung. „Balduin III. war schlecht beraten, als er sich mit der Verbindung einverstanden erklärte, denn Rainald offenbarte sofort brutale Charakterzüge, als er nach seiner Hochzeit den Patriarchen verhaften ließ und ihn mit honigbestrichenem Kopf der syrischen Sonne und den Fliegen aussetze.“ (Geschichte der Kreuzzüge, S. 112) Im Jahr 1188 fiel die Burg an Saladin, Sultan von Ägypten, ein allseits respektierter Herrscher in Ost und West, der kurze Zeit später auch Jerusalem eroberte. Rainald von Chatillon „hatte Saladin durch (...) unüberlegte Handlungen schon früher ergrimmt, als er ohne Rücksicht auf Frieden oder Krieg Pilgerzüge nach Mekka angriff und die Küste des Roten Meeres in einem aufsehenerregenden Beutezug plünderte.“ (Geschichte der Kreuzzüge, S. 127) Der Überlieferung nach enthauptete Saladin den gefangengenommenen Burgherrn mit eigener Hand.
Auch in den Folgejahren wurde die Burg strategisch genutzt und weiter ausgebaut, doch bei einem Erdbeben ausgangs des 13. Jahrhunderts stürzten mehrere Türme ein. Nach und nach verlor die Stadt im Laufe der folgenden Jahrhunderte an Bedeutung.
Mit unserem Auto quetschen wir uns zwischen zig Reisebussen hindurch. Einen Parkplatz bietet uns einer der Schnellrestaurantbesitzer direkt beim Eingang zur Burg unter der Bedingung an, dass wir später zu ihm zum Essen kommen.


„Für die Besichtigung der Zitadelle lasse man sich in der Polizeipräfektur hinter dem Serail den Schlüssel geben“, heißt es 1956 in Kurt Schröders Reiseführer‚ Jordanien und Libanon’. Heute lockt Kerak eine Vielzahl von Touristen an. Der Eintritt in die Festung kostet 1 JOD pro Person. Eine neue Brücke führt an einer Stelle über den alten, mehrere Meter breiten Graben, der die Burg umgibt. Auf Schautafeln werden auf dem Gelände geschichtliche Zusammenhänge erklärt. Nicht nur Informationen über An- und Ausbauten aus der Kreuzritterzeit, sondern auch aus den Jahrhunderten davor und danach werden erläutert.




Zufällig treffen wir die drei amerikanischen Studenten, denen wir auch in Sammy’ s Place begegnet sind, und spontan laden sie uns ein, sie auf dem Rest ihrer geführten Tour zu begleiten. Hier erfahren wir auch, dass die beiden gut erhaltenen Gewölbe Pferdeställe waren. In jeden der Ställe passten um die 200 Tiere.




Durch ein verzweigtes Gangsystem gelangen wir in die verschiedenen Teile der Burganlage. Nicht alle Gebäude sind jedoch zugänglich.


Schaut man aus einer der Fensteröffnungen oder durch eine Schießscharte, erkennt man, warum Kerak sich so gut als strategischer Punkt eignete: die Umgebung ist nach allen Seiten hin hervorragend überschaubar.


Auf dem Rückweg zum Eingang ist die Abenddämmerung schon weit vorangeschritten. Wieder beglückt uns das warme Licht in diesem Land.



Nach unserem Kurztrip ins Mittelalter machen wir unser Versprechen wahr und kehren nach etwa einstündiger Besichtigung im Schnellrestaurant ein. Unsere Bestellung bellt der Wirt in Form einer Kriegserklärung in die Küche.
Erst als ich die Toilette aufsuche, die sich etwa zwei Meter, nur durch eine Falttür getrennt, vom Herd entfernt befindet, bezweifle ich, ob die Wahl des Lokals so gelungen war. Wasser zum Händewaschen erhalte ich vom herbeieilenden Koch direkt aus der Pulle. Eigenartigerweise habe ich das Essen besser vertragen als in so manch anderem Lokal, das wir noch später besucht haben.
Schon fast dunkel ist es, als wir nach Wadi Musa/Petra aufbrechen. Und die Nacht hätte uns innerhalb weniger Minuten mit undurchdringlicher Schwärze umgeben, wäre nicht bereits der zunehmende Mond aufgegangen.
Wir selbst können nicht einschätzen, wie weit es noch ist, doch diejenigen, die wir fragen, bedeuten uns, dass wir noch eine ziemliche Strecke vor uns haben. Um Zeit zu sparen hätten wir auch die Stichstraße zur Autobahn nehmen können, um später wieder nach Wadi Musa abzubiegen. Doch wir bleiben auf der Königsstraße (35) und raten und fragen uns durch die Nacht.
Außerhalb der Ortschaften kommen wir auf der Landstraße gut voran. Sehr gut sind die reflektierenden Markierungen am Fahrbandrand (gelb) und in der Mitte (weiß), anhand derer man sich bei Dunkelheit sehr gut orientieren kann. Auch engere Kurven sind alle per Schild angekündigt.
Bergauf und bergab fahren wir, vermuten den Abzweig bei At Tafilah richtig, kämpfen uns durch das Auto- und Fußgängergewirr der Ortschaften auf unserem Weg. Wieder bestaunen wir die Autorücklichter jordanischer Wagen: mit und ohne Glas, rot und weiß, ein- oder zweiseitig funktionierend oder gar nicht.
Shobak, mit der alten fränkischen Kreuzfahrerfestung Montreal, ist schon ganz in der Nähe. Dort, wo die Straße ohne Hinweise verläuft und uns in die Irre zu führen scheint, fragen wir jedes Mal vorsichtshalber nach. Doch weit ist es jetzt nicht mehr, sodass wir das sehr lebendige Wadi Musa kurz vor 22 Uhr erreichen und unser Hotel an der Durchgangsstraße auch auf Anhieb finden.
Der Ort Wadi Musa ist benannt nach dem gleichnamigen Tal des Moses und liegt nur ein bis zwei Kilometer vom Eingang Petras entfernt. Es gibt Menschen, die glauben, dass Moses in diesem Tal Wasser aus einem Stein geschlagen hat. (vgl. Dumont, S. 324)
Man begegnet uns verhalten. Das Zimmer, das uns im Erdgeschoss zugewiesen wird, ist nach dem Hotel in Madaba eine herbe Enttäuschung: winzig, lieblos und rein funktional eingerichtet. Die Kleiderstange, die als offener Kleiderschrank fungiert, kann nur durch eine Kletterpartie über ein Bett erreicht werden. Der überall ausgelegte, gemusterte Teppichboden bedarf einer ganz dringenden Grundreinigung. In Ermangelung ausreichender Steckdosen muss man sich zwischen Fernsehen und Klimaanlage entscheiden. Öffnet man ein Fenster, blickt man in ca. einem Meter Entfernung auf eine hohe Betonmauer. Zur Auflockerung schaut ein ausgestopfter Reiher durch das Fenster herein. Was soll’ s? Wir sind nur drei Nächte hier, auf der Durchreise.
Uns steht jetzt, am späten Abend, eher der Sinn nach ein wenig Relaxen und einem Spaziergang durch den Ort. Ein kühles Bier käme jetzt recht. Doch Wadi Musa ist ein moslemisch geprägter Ort. Alkohol gibt ist weder in Lokalen und schon gar nicht in Geschäften zu kaufen. Im Gegenteil: Bei unserer Nachfrage wird uns bedeutet, dass die Einnahme alkoholischer Getränke verpönt ist. Schließlich erfahren wir, dass es in einem einzigen Hotel am Ort, dem Elgee-Hotel im Zentrum, doch eine Bar gibt. Im Foyer des Hotels, hinter einem Paravent, sitzt ein englisch-deutsches Paar mit denselben Gelüsten. Wir bestellen Philadelphia-Bier, ein köstlich mundendes, in Jordanien gebrautes Lagerbier. Ich komme mir sündig vor, wie wir da – abgeschottet vom Rest des Hotelpublikums – schon fast heimlich unser Bier schlürfen. Dieses Gefühl legt sich jedoch rasch, als wir erfahren, dass man sich die vermeintliche Missachtung moslemischer Sitten gut bezahlen lässt: Stolze 6 JOD kostet eine Dose!
Das Paar am Nebentisch sieht ziemlich frustriert und mitgenommen aus. Sie hätten nicht vorgebucht, erzählen sie, und sich nun schon so viele Unterkünfte angesehen. Die meisten Häuser scheinen ausgebucht zu sein, es ist Hauptreisezeit. Man habe ihnen in einem Hotel ein Doppelzimmer für 100 JOD angeboten. Die Bitte nach einer Vorbesichtigung habe man abgeschlagen mit den Worten: „Das gleiche Zimmer haben wir heute auch schon für 600 JOD verkauft. Nehmt es oder lasst es. Aber vielleicht ist es in wenigen Minuten weg.“
Wie es scheint, sind wir mit den 35 JOD für die vorgebuchte Kaschemme noch gut bedient. Der Preis ist nicht wesentlich günstiger als der für das Mosaic-City-Hotel in Madaba. Qualitativ jedoch liegen Welten dazwischen. Offensichtlich ist man in und um Petra herum der Meinung, dass die Unterkünfte nur aufgrund der Nähe zur weltberühmten archäologischen Stätte einen kräftigen Aufpreis verdient haben.
Am darauffolgenden Morgen stellen wir fest, dass die Toilettenspülung in unserem Bad defekt ist. Wir reklamieren, und man verspricht uns, diese bis zum Abend zu reparieren.


Petra - Durch den Siq zum Khazne


zurück zur Startseite