Petra -
       Durch den Siq
            zum Khazne


„In Petra begründet das Fantastische die Norm. In Petra bekommt das scheinbar Unmögliche eine Bedeutung. In Petra hat sich die Natur mit einer ihrer eigentümlichsten Kreationen zur Schau gestellt und die Grundsätze umgeworfen, die sie sich in der Nacht der Zeiten selbst gegeben hat: unvorhersehbare Formgebung, unglaubliche Farbabstufungen, anderswo undenkbare Kontraste.“
Und im Weiteren verspricht Fabio Bourbon in der Einleitung zu seinem Buch Petra – Die geheimnisvolle Felsenstadt: „ (...) wenn Sie von Ihrer Reise zurückkommen, werden Sie in einer Ecke Ihres Herzens einen Schatz tragen.“ (S. 8/9)
Auch wir haben uns verleiten lassen, denn die Freude auf dieses Wunder war der ursprüngliche Motor unserer Reise nach Jordanien, und jetzt sind wir tatsächlich hier angekommen.


Das Petra der Nabatäer
Ursprünglich stammten die Nabatäer aus dem Nordwesten Arabiens. Schon vor 400 v. Chr. wanderten sie in Südjordanien ein und wurden dort sesshaft.
Ihren Reichtum und ihre aufsteigende Macht erzielten sie durch einen blühenden (Zwischen-) Handel aufgrund der günstigen Lage Petras zu den Hauptkarawanenwegen: der Seiden- und vor allem der Weihrauchstraße. Weihrauch und Myrrhe aus Arabien, Gewürze und Seide aus Indien, Elfenbein und Tierfelle aus Afrika gehörten zu ihren Haupthandelsgütern.
In seiner Hochzeit dehnte sich das Königreich der Nabatäer von Südsyrien im Norden bis nach Aqaba im Süden, wahrscheinlich sogar bis zum Jemen, und von Palästina und Negev im Westen bis in die Arabische Wüste und in den Irak aus.
Ihr kaufmännischer Erfolg mag denn auch erklären, dass die sichere Abgeschlossenheit beduinischer Lebensform in der Wüste weitestgehend zugunsten von Sesshaftigkeit aufgegeben wurde.
Die Nabatäer kamen nicht „(...) als militärische Eroberer, sondern als Handelspartner, es bestand für sie nicht die Notwendigkeit, die eigene Identität durch kulturelle Abgrenzung zu schützen (…).“ (Dumont, S. 310)
Insbesondere in der Architektur spiegeln sich die Einflüsse anderer Kulturen wider. Über griechisch-römische Bauarten, auch assyrisch-mesopotamische, ägyptische u. a. geben die gut erhaltenen Gebäuden Petras Auskunft. Trotzdem verstanden es die Nabatäer, ihren eigenen Stil weiterzuentwickeln.
Im Laufe der Zeit jedoch schwand ihre kulturelle Stärke, z. T. wegen der sich ausbreitenden Vormachtstellung der Römer, aber auch wegen der Verschiebung der Karawanenwege und der nachlassenden Nachfrage nach Weihrauch. Das Königreich der Nabatäer war dem Untergang geweiht und Petra, die blühende Hauptstadt, entvölkerte sich und verfiel.
Viele Jahrhunderte lang schlummerte das antike Petra für die Außenwelt in der Vergessenheit. Eingebettet und umgeben von einer hohen Felskette, den Shara-Bergen, war das Gelände von außen nicht einsehbar.


Ein junger Forschungsreisender, der Schweizer Ludwig Burckhardt, geriet eher durch Zufall nach Petra, als er sich im Jahre 1812 von Amman nach Shobak, der mittelalterlichen Kreuzritterburg, aufmachte, und unterwegs von einer „verlorenen Stadt“ erfuhr. Unter einem Vorwand ließ er sich nach Petra führen und entdeckte die alte Stadt wieder für die restliche Welt.
Seit dieser Zeit kamen zahlreiche Reisende, die nach und nach die Geheimnisse um Petra lüfteten. Zu ihnen gehörten der französische Graf Léon de Laborde (später Generaldirektor des französischen Nationalarchivs) und sein Begleiter Louis Linant de Bellefonds (1828), der Amerikaner John Lloyd Stephens (1836), der schottische Landschaftszeichner und Lithograf David Roberts (1839) und die beiden Gelehrten Rudolf Ernst Brünnow und Alfred von Domaszewski (1898).
Im Buch von Fabio Bourbon sind einige stimmungsvolle Zeichnungen dieser frühen fremden Besucher Petras abgebildet, die die monumentalen Bauten in ihrer ursprünglichen Landschaft wiedergeben.
Frank Rainer Scheck schwärmt im Dumont Kunstreiseführer: „Eine Wanderung durch den Talkessel von Petra mit seinen unzähligen Grabfassaden gehört zu den großen Erlebnissen im Nahen Osten. (…) Die Aura des Geheimnisvollen ist Petra geblieben – trotz aller archäologischen Aufhellung und gegen alle touristische Betriebsamkeit.“ (S. 301)
Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet hier eine derart reiche Hochkultur über viele Jahrhunderte blühen konnte. Denn vor den Nabatäern waren schon andere Menschen in der Region sesshaft geworden. Wir datieren die Epoche um 7.000 v. Chr, dem frühen Neolithikum. Von den Ausgrabungen in den schwer zugänglichen Bergen nördlich von Petra hat man entsprechende Hinweise hergeleitet. Der Ort heißt Ba’ja.
Die Siedlung können wir zwar nicht besichtigen, doch ist es ergreifend zu wissen, dass die ersten zivilisatorischen Bemühungen genau hier einen ihrer Ursprünge hatten.


Vom Visitorcenter durch den Siq zum Kazneh
Es ist heiß, als wir mit dem Auto hinunter zum Eingang des Geländes fahren. Die wenigen Meter zu Fuß vom Parkplatz bis zum Visitor Center vermitteln uns einen anfänglichen Eindruck der bevorstehenden Hitzeschlacht, die heute wahrscheinlich auf uns zukommen wird. Dem Touristenstrom nach Petra scheint dies jedoch keinen Abbruch zu tun, denn auf dem Busparkplatz reiht sich Wagen an Wagen. In unmittelbarer Nähe stehen auch die riesigen Luxushotelkästen wie das Möwenpick und das Crown Plaza mit Preisen ab 200 JOD pro Nacht im Doppelzimmer steil aufwärts.
Einen wahren Tourismusboom hat Petra in den letzten Jahrzehnten erlebt, denn im Reiseführer Schröder hieß es noch in der 1956er Ausgabe: „Hinsichtlich des Besuchs von Petra kann der Reisende (...) mit dem Taxi bis Wadi Musa weiterfahren und dort in der dafür eingerichteten Polizeistation unterkommen. (S. 27) Der wachhabende Offizier zeigt auch den Raum, wo man sich auf einem Petroleumkocher einfache Mahlzeiten zubereiten kann. (...) Reisende, die im Philadelphia Hotel in Amman für eine Unterbringung im Campinglager Petras gebucht haben, ersuchen den Polizeileutnant (in Wadi Musa) um Beschaffung von Pferden für sich und das Gepäck und reiten gleich weiter. Nach einer guten Stunde wird die kleine Zeltstadt erreicht.“ (S. 169) Schaut man sich die Umgebung des Eingangs zum Gelände heute an, kann man sich kaum vorstellen, wie touristisch jungfräulich dieses vor 50 Jahren ausgesehen haben mag.
Am Ticketschalter im Visitor Center müssen wir beim Lösen der Zweitageskarte zunächst unsere Ausweise vorzeigen. Unsere Namen werden auf den Tickets aufgedruckt. Auf einem Aushang kann man sich vorab über die Preisstaffelung informieren. Bis 31. Oktober 2010 betragen die Preise noch 33 JOD für das Tagesticket, 38 JOD für zwei Tage und 43 JOD für drei Tage, pro Person. Danach erlebt Petra einen ordentlichen Preisanstieg: in der Staffelung wie zuvor 50, 55 und 60 JOD pro Person für overnight and cruise visitors, wohingegen sogenannte day visitors mit 90 JOD! für das Ticket zur Kasse gebeten werden. Worin der Unterschied zwischen beiden Touristengruppen besteht, können wir nur erraten: Vielleicht sind die Touristen der zweiten Kategorie solche, die sich nur für einen einzigen Tag in Jordanien aufhalten (z.B. während eines Tagesausflugs von Israel, Ägypten, Syrien oder dem Libanon aus). 1 Jod entspricht etwas mehr als 1 Euro! In unserem Ticket eingeschlossen, so lesen wir, sind als besondere Leistungen eine Führung über die Hauptstrecke (4 km) auf Englisch oder Arabisch, Zugang zum Museum und Resthouse, ein Pferderitt vom Visitor Center bis zum Siq-Eingang (ca. einen Kilometer) sowie freie Broschüren und Karten. In und um das Visitor Center kann man auch Geld wechseln, Wasser und Sonnenhüte kaufen oder was auch immer an Tourismus-Artikeln und Andenken angeboten wird. Wir sind jedoch schon gut gerüstet, haben zwei große Wasserflaschen dabei, Kopfbedeckung und Tücher, um uns vor der Sonne zu schützen.
Zunächst möchten wir uns einen kleinen Überblick verschaffen, auf eigene Faust losziehen, bevor wir uns eventuell einer Führung anschließen. An Kartenmaterial gibt es nur die auf einem kleinen Faltblatt, die ich auch schon bei Ebay für 1 EUR erstanden hatte. Nur für die grobe Richtung interessant, aber nicht wirklich aufschlussreich. Doch verirren kann man sich im inneren Stadtgebiet kaum, obwohl das Gelände insgesamt sehr weitläufig sein soll.
Hinter dem Visitorcenter führt ein ca. ein Kilometer langer Schotterweg zum Eingang einer Schlucht (Siq), die ebenfalls ca. einen Kilometer lang ist und einen natürlichen Zugang zum Stadtgelände Petras bildet.
Nachdem wir die Schranke hinter dem Visitorcenter passiert haben, werden wir gleich angesprochen, ob wir nicht zur Schlucht reiten wollen? Links vom Eingang, in einer kleinen Senke, warten etliche Pferde und deren Halter auf Kundschaft. Uns ist jedoch noch nicht danach, denn viele andere Eindrücke fordern uns jetzt heraus. Wir sind so gespannt auf Petra, und wir wollen uns durch nichts ablenken lassen!


Also lassen wir die Pferde stehen und machen uns zu Fuß auf den Schotterweg zum Siq. Schon auf den ersten hundert Metern erkennen wir links und rechts mächtige Bauten aus nabatäischer Zeit.




Über die Bedeutung der merkwürdigen Klötze der Djinn-Blöcke gibt es unterschiedliche Meinungen. Zum einen könnte es sich um Wasserspeicher handeln (abgeleitet von der arabischen Bezeichnung), zum anderen um Statuen für die Schutzgeister des Wassers, denn dort verläuft die alte Leitung, die das Wasser vom Wadi Musa nach Petra brachte. Allerdings wird auch mehrfach die Auffassung vertreten, dass es sich um Grabdenkmäler handeln könnte.


Ein markantes Gebäude beherbergt das Obeliskengrab und das Triklinium Bab as-Siq. Dem oben gelegenen Obeliskengrab haben die mächtigen, ca. 6 Meter hohen Zinnen, die dem ägyptischen Stil nachempfunden sind, seinen Namen gegeben; das sich darunter befindende Triklinium ist mit Liegebänken ausgestattet und diente wahrscheinlich der Totenwache.



Mit uns sind noch viele andere Menschen unterwegs, meist in Reisegruppen. Sie kommen aus aller Welt, die Kunsthungrigen und Historienfans.
Nicht weit entfernt ertönen im Sekundentakt rhythmische, dumpfe Schläge einer Trommel. Eine Gruppe in antiken Uniformen und mit Lanzen bewaffnet exerziert auf einem kleinen Platz am Eingang des Siq. Meine Gedanken gleiten ein wenig nach Kleinbonum.



Als ich die „Wachen“ fotografieren möchte, lächelt mich einer von ihnen unter seinem Metallhelm, der ihm bis über die Augen gerutscht ist, an und meint leise: „Hello“. Das Metall der Helme wird sich in der prallen Sonne ganz schön aufgeheizt haben, denn die Jungs sind mächtig am Schwitzen. Nachdem abschließend ein Spalier gebildet wurde und zwei der „Wachen“ am Eingang des Siq Stellung bezogen haben, begeben wir uns nun in den kühlen Schatten, den die glattgeschliffenen, hohen Felsen der schmalen Sandsteinschlucht bieten.


Der Eingang zur Schlucht war noch zu Zeiten Burckhardts von einem hohen Bogen überspannt, der jedoch während eines Erdbebens 1896 eingestürzt ist.
Langsam tauchen wir ein in diese andere Welt. Um etwa 2.000 Jahre drehen wir das Rad der Zeit zurück. Auch in nabatäischer Zeit wurde der Siq ständig durchwandert von Karawanen, Pilgern und Händlern, die sich in der Stadt mit frischem Wasser versorgen oder Handel treiben wollten. Der Durchlass war damals wie heute der Hauptzugang zur Stadt.



Bereits nach wenigen Metern in der kühlen Schlucht zeichnen sich verschiedene Schattierung des glatten Sandsteinfelsen ab. Gigantisch, dieses Farbenspiel, wir ahnen aber noch nicht, welches Farbkaleidoskop wir später noch zu sehen bekommen.


Obwohl viele Menschen mit uns unterwegs sind, verlieren sie sich auf dem leicht abschüssigen Weg. Es gibt auch einige Gruppen, die nur wenige Stunden Zeit zu haben scheinen. Deren Programm ist so straff, dass sie fast schon im Laufschritt durch den Siq eilen und nur wenige Augenblicke vor den wichtigsten Sehenswürdigkeiten verbleiben, wie wir später erleben werden. Und so freuen wir uns einmal mehr, individuell unterwegs zu sein und über unsere Zeit selbst bestimmen zu können.
Wortgewaltig gibt ein Guide einem Paar, das hinter uns herkommt, in englischer Sprache Erklärungen: Anfang der 1960er Jahre habe eine französische Reisegruppe Petra besuchen wollen. Die in der Region lebenden Beduinen hätten schon vorher gespürt, dass sich eine Naturkatastrophe anbahnte und die Gruppe davor gewarnt, durch den Siq zu gehen. Diese habe sich jedoch nicht beirren lassen. Kaum hätten sie sich auf den Weg gemacht, sei eine gewaltige Flutwelle in die Schlucht geschwappt und hätte die Menschen erfasst und ihre Körper hin und her an die Felsen geworfen. Ihre Leichen habe man später im Wadi Araba gefunden, der Fortsetzung des Jordangrabens jenseits des Toten Meeres nach Süden hin.
Hufgetrappel ist im Siq zu hören, als wir uns auf einer Bank niedergelassen haben, um die eigentümliche, stille Atmosphäre aufzunehmen. Und schon kommt uns ein Beduine in einem Wagen entgegen, der von einem Pferd im Laufschritt gezogen wird. Pferd und Wagen sind bunt geschmückt. Der Kutscher sieht verwegen aus, mit arabischer Kopfbedeckung und mit Khol geschminkten Augen.
Als Pferd und Kutsche vorbei sind und auch das Echo des Hufgetrappels verklungen ist, lugt ein Reptil aus einem Felsspalt hervor. Bei jeder Annäherung anderer Besucher verschwindet der Kopf wieder hinter dem Stein, nur eine Pfote schaut heraus. Dann traut es sich wieder hervor.


Wenn man sich die Felsen genau anschaut, entdeckt man – auch in luftiger Höhe – Kulthöhlen, Votivnischen und Reliefs, Zeugnisse der kulturellen/architektonischen Eigenheiten des nabatäischen Volkes.





Auffallend ist auch das Aquädukt, das zu beiden Seiten der Schlucht in den Fels gegraben wurde, um die Stadt mit Wasser zu versorgen. Zum Schutz vor Überschwemmungen während der regenreichen Zeit hatte man allerdings am Eingang des Siq einen Damm gebaut und die Wassermassen der Sturzregen ableiten können, für die damalige Epoche eine architektonische Meisterleistung. Um Petra auch in der heutigen Zeit zu schützen, hat man auf diesen Damm eine weitere Konstruktion gesetzt.


Immer tiefer mäandert der Weg zwischen den Felsen hinab. „Der Eindruck, den der Reisende von der (...) Schlucht bekommt, ist überwältigend. Hundert Meter hohe, in den verschiedenen Nuancen des Rot glühende Felswände steigen beiderseits in den blauen Himmel (...) Manchmal treten die Felswände so dicht zusammen, dass man kaum den Himmel über sich sieht.“ (Schröder, 1956, S. 173)


Und dann, ganz plötzlich und unvermutet, taucht ein hellrosa Zipfel glattgeschliffenen, ja scheinbar polierten Gesteins im Gegenlicht in einem Spalt zwischen den Felswänden auf: das Khazne! Wir verharren, es ist ein mystischer Augenblick. Hier und heute verwirklicht sich unser Traum. Der Anblick ist so unbeschreiblich ergreifend, dass wir zunächst nicht weitergehen. Ebenso ergeht es vielen anderen. Hier stockt einem der Atem ob des zarten, von Menschenhand Geschaffenen und im Kontrast zu den unbehauenen Felsen der Umgebung Dargebrachten. Die Baumeister haben allen Respekt, ja alle Ehrfurcht, in diesem Meisterwerk vor ihrem Hauptgott Dushara ausgedrückt, dem Gott aus Stein, Herr über Felsen und Gestein, als sie das Khazne aus einem Fels herausmeißelten.


So wie wir verharren auch die anderen Besucher noch immer, viele nähern sich nur ganz langsam dem Ausgang der Schlucht, um diesen großartigen Augenblick der Entdeckung in seiner Gänze zu erfassen und auszukosten. Es soll auch Menschen geben, die bei dieser erstmaligen Begegnung mit dem Khazne geweint haben. „Der Anblick ist atemberaubend, in einem Maße, dass ihm keine der zahllosen Beschreibungen gerecht wird (...).“ (offizielles Infoblatt Petra)
Wüsste man es nicht besser, so könnte die Macht dieses Augenblicks den englischen Poeten John William Burgon zu seiner Hymne auf Petra inspiriert haben, dessen beide letzten Zeilen weltberühmt geworden sind.

“It seems no work of Man's creative hand,
by labour wrought as wavering fancy planned;
But from the rock as if by magic grown,
eternal, silent, beautiful, alone!
Not virgin-white like that old Doric shrine,
where erst Athena held her rites divine;
Not saintly-grey, like many a minster fane,
that crowns the hill and consecrates the plain;
But rose-red as if the blush of dawn,
that first beheld them were not yet withdrawn;
The hues of youth upon a brow of woe,
which Man deemed old two thousand years ago,
match me such marvel save in Eastern clime,
a rose-red city half as old as time.”

„... find’ mir ein solches Wunder außer im Morgenland,
eine Stadt, rosarot, halb so alt wie die Zeit.“


Diese Wortgewalt erstaunt umso mehr, als der Dichter Petra nie gesehen hat. Sein einfühlsames Erleben rührt aus den Erzählungen anderer.
Langsam tasten wir uns weiter vor, mit jedem Schritt wird der Ausschnitt, durch den wir das Khazne sehen, größer. Details der monumentalen Fassade enthüllen sich vor unseren Augen.


Schließlich mündet die Schlucht in einen größeren Platz. Nun bietet sich das Khazne Firaoun („Schatzhaus des Pharao“ - eine Bezeichnung, die zwar geheimnisvoll klingt, historisch jedoch jeglicher Grundlage entbehrt) in seiner vollen Größe dar. Besucher stehen staunend vor dem Werk der antiken Baumeister, die die knapp 40 Meter hohe Fassade dieses Gebäudes in vollkommener geometrische Akkuratesse aus einem Sandsteinberg herausgeschält haben. Begriffe wie Weltwunder kommen einem in den Sinn.


Man mag sich gar nicht fortbewegen, wird von dem monumentalen Gebäude, vielleicht das Mausoleum des nabatäischen Königs Aretas IV (9 v. Chr. bis 40 n. Chr.), regelrecht absorbiert. Lange möchte man hier verharren und das Khazne von allen Seiten und aus allen Blickwinkeln betrachten. So mag es wohl auch den Reisenden vor 2000 Jahren ergangen sein, die staunend ob dieser Perfektion und Größe in das Stadtgebiet geleitet wurden.
Viele Besucher sind am Ausgang der Schlucht stehen geblieben, um das Khazne nun in seiner Gänze aufzunehmen. Sie recken die Hälse und schauen nach oben, um die perfekten korinthischen Kapitelle ebenso wie die harmonisch eingefügten Halbgiebel und die Tholos in der Mitte zu bestaunen, auch Reste der früher in den Nischen platzierten Statuen, die leider den Bilderstürmern späterer Jahrhunderte zum Opfer gefallen sind. Zum Teil sind sogar noch die Einschusslöcher zu sehen!






Zwei Kamele liegen malerisch in der Mitte der Freifläche zwischen Schluchtausgang und Khazne. Wenn man will, kann man die Erkundung Petras auf ihnen reitend fortsetzen.


Wir jedoch schlendern ganz langsam weiter, müssen das Erlebte zunächst einmal verdauen. Wie kann es sein, dass ein altes Gebäude einen derart in den Bann zieht? Welche technischen Mittel hatten die Nabatäer zur Verfügung, die sie in die Lage versetzten, mit einer solchen geometrischen Genauigkeit zu arbeiten? Und wodurch sind sie überhaupt auf die Idee gekommen, derartige Monumentalbauten auf diese Art zu schaffen: nicht Stein auf Stein zu errichten, sondern sie aus dem Fels herauszuschälen? Die Nabatäer – ursprünglich ein Nomadenvolk, das in der Wüste lebte!




Petra - Fassadenstraße, Theater und Königswand


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