Petra - Stadtgebiet


Wie gut, dass wir noch einen zweiten Tag in Petra haben! Für heute haben wir uns vorgenommen, das eigentliche Stadtgebiet Petras und Ed-Deir zu besichtigen, das auch das „Kloster“ genannt wird. Doch bei Ed-Deir handelt es sich ebenso wenig um ein „Kloster“ wir beim Khazne um ein „Schatzhaus“, sondern vielmehr um ein weiteres monumentales, hoch oben in den Bergen gelegenes Mausoleum.
Die Abfahrtszeit des vielgepriesenen, kostenlosen Shuttle-Busses des Hotels wird uns auf Nachfrage mit „at any time“ angekündigt, während sich der Zuständige im Sessel räkelt und überhaupt nichts tut. Wir nehmen daraufhin ein Taxi. Die Taxipreise variieren von Mal zu Mal: An diesem Morgen kostet eine Fahrt 3 JOD, am Abend in umgekehrter Richtung 5 JOD und ein anderes Mal 2 JOD. Man kann also nach Herzenslust handeln. Der Fahrer des Taxis an diesem Morgen ist sehr gut aufgelegt. Er spricht Alex auf Arabisch an und legt eine CD auf mit Musik von Fayruz, der berühmten libanesischen Sängerin. Während wir also die kurze Strecke bergab in Richtung Petra rollen, genießen wir für einen Augenblick diese vollkommene Musik, Alex mit feuchten Augen, der Fahrer mit glücklichem Gesicht und ich ebenfalls entzückt ob dieser spontanen Darbietung.


Nachdem uns der Taxifahrer am Visitor Center in Petra abgesetzt hat, beschließen wir, heute mit dem Pferd bis zum Eingang des Siq zu reiten. Noch nie habe ich auf einem Ross gesessen. Mit Kennerblick bietet mir einer der Guides ein zahmes, weißes Pferdchen an. Als wir lostraben, sitze ich ganz komfortabel, habe aber nach ein paar Metern das Gefühl, seitlich herunterzukippen. Das Pferd ist geduldig und erfahren, denn es dreht sein Hinterteil genau in die richtige Richtung, um mir Halt zu geben, bis ich mich an den Sitz gewöhnt habe. Wenig später überhole ich Alex lässig in leichtem Trabschritt, der auf seinem nicht minder zahmen Gaul verwegen wie Indiana Jones daherreitet.
Am Ziel angekommen möchten wir jedem der Guides 1 JOD Bakschisch in die Hand drücken, denn der Ritt war im Ticket inbegriffen. Doch sie verlangen jeder 5 JOD! Das kann doch wohl nicht wahr sein! Auch unser Hinweis auf das Ticket interessiert sie nicht, denn schließlich müssten die Pferde ja versorgt werden. Wir geben ihnen verärgert 5 JOD zusammen und beschließen, heute überhaupt keine ihrer Dienste mehr in Anspruch zu nehmen.
Erst als wir die Schlucht betreten, verfliegt der Ärger wieder. Und ein weiteres Mal erleben wir die eigentümliche Atmosphäre in diesem Felsriss, dem langgezogenen Eintritt nach Petra.




Am Khazne angelangt bestaunen wir wieder für eine Weile mit vielen anderen Besuchern die einzigartige Fassade und erleben die Atmosphäre drum herum.





Wir möchten weiter, haben noch einen ordentlichen Fußmarsch vor uns, durchqueren den Äußeren Siq, bewundern einmal mehr die unzähligen Fassaden und die Architektur des Theaters und lassen uns von der Monumentalität der Königsgräber beeindrucken.
Die Sicht auf diese Königswand hat sich seit gestern – neben dem Khazne – zu meinem Lieblingsblick hier entwickelt. Es ist die Einzigartigkeit der einzelnen Gebäude und ihr harmonisches Zusammenspiel, was mich so fasziniert.
Im Verlauf unseres weiteren Weges werden wir zwischendurch immer wieder die Aussicht auf diese Wand haben, die auch aus luftiger Höhe als etwas Besonderes erscheint; dann besticht allerdings – in meinen Augen – weniger das Urnengrab, sondern eindeutig das breite Palastgrab links außen.
Auf dem Boden, in der Nähe der Königswand, sitzt ein älterer Mann und spielt ein Instrument mit einer Saite, die aus Ziegenhaar gezwirbelt ist, ebenso wie der Streichbogen. Wir hören ihm eine Weile zu, die Musik klingt eigentümlich und wiederholt immer wieder dieselbe Tonfolge.



Nach diesem kurzen Zwischenspiel biegen wir nach links in die Säulenstraße ein. Erst hier beginnt der innere Stadtbezirk Petras, im hinteren Teil begrenzt vom Temenos-Tor, das einmal mit schweren Holztüren versehen war, und den heiligen Bezirk Petras vom Rest der Stadt trennte.



Die Säulenstraße ist nicht vergleichbar mit der von Jerash, die jetzt sichtbaren Säulenstümpfe in Petra wurden rekonstruiert. Allerdings ist es leicht vorstellbar, wie der gepflasterte Weg von großartigen Bauten umsäumt war. Es gab ein Nymphäum, von dem heute leider auch nicht mehr viel zu sehen ist.
Jedoch stehen im hinteren Teil der Straße, auf der linken Seite, zwei interessante Ruinen: zum einen die des Großen Tempels, und daneben die von Qasr el-Bint.
Steigt man die wenigen Stufen zum Großen Tempel empor, dem größten freistehenden Gebäude Petras mit einer Grundfläche von über 7.500 qm, erreicht man zunächst eine große rechteckige Steinterrasse.




An der einen Seite der Freifläche wird gerade ein Videoclip gedreht. Eine – wie es scheint - bekannte junge Sängerin zieht die Aufmerksamkeit der Jugendlichen auf sich, die bewundernd in einigem Abstand zuschauen dürfen, wie immer wieder dieselbe Stelle des Musikstücks abgespielt wird und die junge Frau sich dazu bewegt. Gegen die Sonne wurden große Schirme aufgespannt, die Crew ist voll bei der Sache.
Hinter der Freifläche befinden sich weitere Gebäudeteile, die um das Allerheiligste angelegt sind, darunter sogar ein Theater, das etwa 600 Personen fasste; die Ruinen eines nabatäischen Bades und mehrerer Zisternen konnten neben dem Tempel freigelegt werden.


Besondere Verdienste haben sich Mitglieder der Brown University in Providence, Rhode Island/USA erworben, die mit der Abteilung für Antiquitäten/Jordanien diese Ausgrabungen seit 1993 vorgenommen haben. Die Restaurierung dauert gegenwärtig noch an.




Eine ältere Beduinin sitzt auf einem erhöhten Mauervorsprung und lädt mich ein, neben ihr im Schatten Platz zu nehmen, es sei sehr heiß. Sie sitzt dort alleine und hat ihr spärliches Angebot am Rand der Freifläche, in Sichtweite ausgelegt.
Die Geschäfte gingen heute nicht so gut, jammert sie ein wenig auf Englisch, nachdem sie meine Hand ergriffen und in ihren Schoß gelegt hat. Ihre Handflächen sind rau von der Arbeit vieler Jahrzehnte. Ich frage sie, warum sie sich nicht zu den anderen am Hauptweg gesellt, dort wären viel mehr Touristen. Nein, wehrt sie ab, das hier sei ein guter Platz.


Sie lächelt mich an und ich mag sie, weil sie nicht so penetrant buhlt wie die anderen Verkäufer. Ihr Gesicht ist wettergegerbt und ihre herzlich-warmen Augen erzählen von früher, als sie in einer der Grabhöhlen oder in einem Zelt zusammen mit ihrer Familie hier in Petra lebte. Die Zeiten haben sich geändert.
Ob ich mir nicht doch ihren Schmuck anschauen möchte? Nein, das möchte ich jetzt nicht, sage ich ihr ehrlich. Wir seien eigentlich unterwegs nach Ed-Deir, und die Zeit sei schon etwas vorangeschritten. Sie versteht. Wenig später, beim Abschied, winke ich ihr noch einmal zu.
Nicht weit vom Großen Tempel entfernt befindet sich der sogenannte Löwen-Greif-Tempel, der seinen Namen u. a. den gut erhaltenen Reliefs mit entsprechenden figürlichen Darstellungen verdankt. Während ich nämlich im Schatten gesessen habe, hat Alex auf seiner Erkundungstour noch so einige Schätze entdeckt.


Ein weiterer Tempel befindet sich auf gleicher Höhe zum Großen Tempel: der Qasr el-Bint (erbaut um die Zeitenwende), von dem man annimmt, dass er der Gottheit Dhushara gewidmet war.


„Auch der Hauptgott der Nabatäer wohnte im Stein – war Stein. Seinen ursprünglichen Namen kennt man nicht, später wurde er – zumindest regional – als Dhushara (…) bezeichnet, was soviel wie Herr des Shara heißt. Mit Shara wiederum war jener Höhenzug gemeint, der (...) Petra überragt.“ (Dumont, S. 314) Diese große Bedeutung von Stein lässt auch erklären, warum der Ort noch heute mit seiner griechischen Bezeichnung Petra genannt wird.
Kolossal reckt sich das nach ägyptischem Vorbild konstruierte Eingangstor des Qasr el-Bint über 20 Meter empor.


Der gute Erhaltungsgrad der Außenwände ist auf eine damals angewandte „neue“ Bautechnik zurückzuführen, indem Holzstreben in das Mauerwerk integriert wurden und so für eine wesentliche bessere Stabilität gegen Erdstöße und Sturzfluten sorgten. Und so ist es heute das einzige freistehende Gebäude Petras, das noch derart gut erhalten ist.


Der Tempel hat eine fast quadratische Grundfläche und ist mit reichlich Geröll übersäht, sodass man seine Dimension eher von außen bestaunen kann. Dahinter befinden sich die Ruinen großer Opferaltäre, deren Areal bis in das Mosestal (Wadi Musa) hineinreicht.


Im Schatten des Eingangs suchen wir etwas Schutz vor der Hitze, trinken Wasser und lauschen den Ausführungen eines Reiseleiters. Ein Paar sitzt hinter uns auf Steinblöcken und liest interessiert in einem Buch; andere beobachten die ankommenden und wieder weggehenden Touristen, von denen viele schon etwas überfrachtet wirken. Man sollte bei einem Besuch Petras tatsächlich an seine eigenen geistigen Aufnahmekapazitäten denken, bevor sich die Erkundungstouren nur noch als ein Ablaufen von zig Sehenswürdigkeiten gestalten. Irgendwann gleichen sich die Grabhöhlen und die Wege werden beschwerlich. Weniger ist manchmal tatsächlich mehr, und so verzichten auch wir auf die Besichtigung der vielen Ruinen und Höhlen in der Nähe des Qasr el-Bint, sondern bereiten uns innerlich auf den Aufstieg nach Ed-Deir vor.


Petra - Ed-Deir


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