Von Petra nach Aqaba


Heute werden wir Petra verlassen und bis zum südlichsten Zipfel Jordaniens, ans Rote Meer, nach Aqaba fahren.
Noch einige Schmankerl liefert unser Hotelwirt in Wadi Musa. Als wir die über die Buchungsmaschine angekündigte Möglichkeit, per Scheckkarte zu bezahlen, nutzen wollen, akzeptiert er dies dann doch nicht. Die Gebühren seien zu hoch, meint er lapidar, wir sollen Bargeld besorgen. Die Geldzapfautomaten der Umgebung sind defekt, und heute ist Feiertag, d.h. die Banken haben geschlossen. Irgendwie schaffen wir es dann doch, innerhalb der nächsten halben Stunde eine funktionierende Zapfanlage zu finden und sind froh, auschecken zu können und aus diesem Hotel zu verschwinden.
Die Besichtigung Petras wollten wir aber um keinen Preis missen. Petra ist einmalig! Doch das ganze touristische Drumherum war sehr anstrengend, wie man auch den angespannten Gesichtern vieler anderer Touristen entnehmen kann. Deshalb freuen wir uns auf etwas Entspannung und biegen fröhlich auf den Kings Way ein, um nach dem bildungskulturellen Teil unserer Reise zum Ausklang ein paar Tage am Meer zu verbringen.


Bei der Ausfahrt aus dem Kessel des Wadi Musa können wir noch einmal das herrliche Landschaftspanorama mit den Shara Mountains aufnehmen, die Petra umgeben.



Wie schon im ersten Abschnitt unserer Reise, führt die Königsstraße durch ein zunächst abwechslungsreiches, dann aber immer spärlicher bewachsenes Gebiet. Wir fahren durch eine Hügellandschaft, durchqueren einige Ortschaften auf einem Hochplateau. Doch bald schon begleitet uns nur noch braunes Geröll.


In der Geröllwüste stehen häufig Beduinenzelte, in der Mitte des Nichts. Vielleicht ist eine Zisterne in der Nähe, doch für uns ist es nur schwer vorstellbar, in einer solch öden Landschaft zu wohnen, und sei es auch nur vorübergehend.



Bald schon biegen wir auf die breite Wüstenautobahn ein, die östlichste Nord-Süd-Verbindung, die so gut ausgebaut ist, dass man mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 110 Stundenkilometern dahinbrettern kann.




Wir fahren jetzt durch eine karge, platte Ebene, die allerdings von Felsblöcken in weiterer Entfernung durchbrochen wird. Rötlicher Sand schimmert am Straßenrand, Ausläufer des berühmten Wüstenabschnitts Wadi Rum. Hoffentlich werde ich Alex noch zu einem Ausflug in diesen Teil der jordanischen Wüste überreden können!




Immer näher rücken die Felsen, in denen man eigentümliche Maserungen sieht. Sind das offen liegende Erze?



Auf der rechten Seite erkennt man die Versuche, die Autobahn gegen herabstürzende Gesteinsbrocken zu schützen. Hänge wurden teilweise plattgewalzt, breite Regenrinnen sollen herabstürzendes Wasser ableiten, wahrscheinlich unter der Straße hindurch in das breite Flussbett auf der linken Seite.
Die Erde im Hintergrund sieht aufgewühlt aus, doch beim zweiten Hinschauen dürfte es sich auch eher um ein natürliches, trockenes Wadi handeln, mit denselben Schutzmaßnahmen gegen Wassermassen und Erdrutsche wie auf der anderen Straßenseite. Und auch zu Recht, denn jenseits des Wadis verlaufen die Schienen der Aqaba Railway Corporation (einem Abzweig der Hedschasbahn zwischen Medina und Damaskus), deren Züge abgebautes Phosphat aus der jordanischen Wüste zur weiteren Verarbeitung und Verschiffung nach Aqaba bringen.


Nachdem wir die weit vor Aqaba gelegene Zollstation passiert haben (insbesondere LKWs werden unter die Lupe genommen), erkennen wir vor uns eine Gruppe von Radfahrern, Touristen, die auf der Autobahn ebenfalls gen Aqaba rollen.


Noch vor der Stadtgrenze von Aqaba informiert ein Schild, dass man sich in der Aqaba Special Economic Zone (ASEZ) befindet, die für den Ausbau der Region geschaffen wurde. Tourismus, Industrie, Dienstleistungen, Handel, Logistik, Transport, aber auch Bildung und Gesundheitswesen sowie Umwelt sind die zu entwickelnden Themenfelder.
Die Wirtschaftszone ist eine privatwirtschaftliche Entwicklungsinitiative für die Maximierung von zollfreien und steuerbegünstigten Aktivitäten auf dem nur 27 Kilometer langen Küstenstreifen Jordaniens. Eine eigens geschaffene Authority entwickelt und koordiniert die Aktivitäten insbesondere in Bezug auf den Seehafen, den Flughafen und den historischen Teil von Aqaba. Vorgesehen ist die Entwicklung in einem Zeitraum von 2001 bis 2020, mit der finanziellen Gewichtung von 50 % im Tourismussektor, 30 % bei verschiedenen Dienstleistungen, 13 % in der Schwer- und 7% in der Leichtindustrie an.
Aqaba, dank seiner strategisch günstigen Lage zwischen Asien und Afrika schon seit vielen Jahrhunderten ein wichtiger Stützpunkt, auch für Reisende nach Mekka, hat sich seit seiner Zerstörung im Ersten Weltkrieg dank finanzieller Hilfen zu einer modernen 100.000-Einwohner-Stadt gemausert. Beispielsweise wurden zwischen den Jahren 2002 bis 2006 im Rahmen des EU-Programms IS-ASEZA die Bereiche Tourismus, Handel, Umwelt und Nahrungslabors mit 10 Millionen EUR gefördert.
Zwei längerfristige Vorhaben mit einem Vielfachen dieses Volumens sind in den letzten 2 Jahren gestartet worden: Marsa Zaved der Gesellschaft Maabra aus Abu Dhabi und Saraya Akaba der gleichnamigen libanesischen Real Estate Development Company.
Im Marsa-Zaved-Projekt will man innerhalb der nächsten 30 Jahre durch Verlegung des Hafens näher zur saudiarabischen Grenze hin auf einer dadurch entstehenden Freifläche des alten Hafengebietes von 3,2 Millionen qm Anlagen mit über 3.000 Hotelzimmern bauen mit allem, was das touristische Herz angeblich begehrt: Geschäfts- und Freizeitzentren und einer Anlegestelle für Kreuzfahrtschiffe.
Darüber hinaus rechnet man in den nächsten Jahren mit der Verdoppelung der Bevölkerung und damit auch einer enormen Nachfrage nach Wohnraum. 30.000 Villen, Stadthäuser und Appartement-Türme sollen entstehen. Das Budget beträgt 10 Milliarden Dollar.
Das Saraya-Akaba-Projekt zielt mit einem Budget von 1 Milliarde Dollar auf den Bau einer gigantischen Tourismusanlage auf mehr als 630.000 qm an der Nordspitze des Meeresausläufers. 756 Wohneinheiten, Appartements, Hotels, und ebenfalls Einkaufs- und Vergnügungseinrichtungen sollen auf einer künstlichen Lagune entstehen.
Auch schon vor einhundert Jahren war der wichtige Hafen Aqaba heiß umkämpft: „Durch den aufwirbelnden Staub bemerkten wir, dass Aqaba in Ruinen lag. Die wiederholten Beschießungen durch die englischen und französischen Kriegsschiffe hatten den Ort zu einem Schutthaufen gemacht. Die Häuser ringsum standen in Trümmern, trübe und kümmerliche Überbleibsel (...) Seit Monaten war Aqaba das Ziel und der einzige Gegenstand unseres Wollens gewesen.“ So beschreibt T.E Lawrence („Lawrence von Arabien") seinen Einzug in Aqaba, aber auch die leeren Gefühle gepaart mit Hunger nach der Einnahme der Stadt (1917 während der Arabischen Revolte gegen die Osmanen). Was für eine Entwicklung: Die zerstörte Stadt vor hundert Jahren einerseits, und die milliardenschweren Investitionsprojekte der heutigen Zeit!
Der Autor von Kurt Schröders Reiseführer bemerkte noch 1956: „Hinter einer Schlucht tauchen die ersten Barackenlager britischer Truppen auf. Rechts ein großes Benzindepot (...), durch dessen Umzäunung die Straße an Akaba vorbei zum Meer führt. Der Strand ist mit Resten weißer und roter Korallenzweige, Seeigeln und Muscheln übersäht.“ Und dann, überhaupt nicht mehr an das heutige Nachhaltigkeitsprinzip angepasst, meint er: „Mit einem Hammer kann man die Korallenstämme losschlagen, die dicht unter dem Meeresspiegel wuchern.“ (S. 179) Heutzutage würde man dafür wahrscheinlich ins Gefängnis wandern.
Bei unserer Einfahrt nach Aqaba erwartet uns eine sehr saubere Stadt. Palmengesäumte Straßen führen zunächst an wenigen ärmlicheren Straßenzügen vorbei, die kurz darauf von neuen Wohnsiedlungen abgelöst werden. Schon bald erhält man einen Blick über die Stadt, das sich verjüngende Wadi Araba und das israelische Eilat im Hintergrund.



Da wir nicht wissen, wo sich unser Hotel befindet, orientieren wir uns zunächst in Richtung Innenstadt und landen hinter einem großen Kreisel im Hotelviertel. Dort sehen wir ausschließlich die großen, bewachten Kästen der Megaketten. Kein Mensch kennt unser Hotel, das der Beschreibung nach vergleichsweise klein sein soll. Irgendwann finden wir doch noch jemanden, der uns den Weg zur South Beach Street beschreiben kann. Diese führt nämlich komplett aus der Stadt heraus.


Das Blau des Meeresausläufers begleitet uns im weiteren Verlauf der Schnellstraße. Nach einem Strandabschnitt erreichen wir ein weiteres industrielles Hafenareal. Einige riesige Frachter werden beladen, auch Fabriken oder Silos sind zu erkennen. Hier wird sicherlich das kostbare Phosphat für den Export verladen.


Ca. 10 Kilometer vor der saudi-arabischen Grenze, sind wir im Bedouin Garden Village gelandet. Nur die wenig befahrene Straße, die zur Sau'di-Border führt, trennt das Bedouin Garden Village vom Sandstrand. Wenn man sich in den Zimmern aufhält, bekommt man von der Straße überhaupt nichts mit. Für die miserable Unterkunft in Wadi Musa werden wir hier reich entschädigt. Wir erhalten einen großen Raum, in dem eine mehrköpfige Familie Platz hätte. Die Einrichtung ist sehr liebevoll gestaltet. Farblich geschmackvolle Bettwäsche, hell getünchte Wände, Satelliten-TV, Klimaanlage und Deckenventilator sorgen für eine behagliche Atmosphäre.
Außen gibt es neben dem Pool mehrere lauschige Sitzkarrees mit Bänken und Matratzen, auf denen man so richtig relaxen und herumgammeln kann. Ein idealer Ort zum Runterschalten und – wenn man möchte – Kennenlernen anderer Besucher in einer ungezwungenen Atmosphäre.







Ein kleines Restaurant, in dem es ein recht spartanisches, aber ausreichendes Frühstück und am Abend auch gegrillten Fisch gibt, befindet sich im Eingangsbereich.
Auch wenn es weiter nördlich, in Madaba und Petra, nicht gerade kühl war, so merkt man in Aqaba doch, dass wir hier ein anderes Klima haben. Obwohl die Abenddämmerung schon angebrochen ist, ist es noch immer sehr heiß, trotz einer lauen Brise. Wir freuen uns auf das Meer und schlendern sofort nach Bezug unseres Zimmers zum Strand. Viele Sonnenschirme sind in den Sand zementiert, deren Benutzung kostenlos ist. Liegen gibt es keine.
Am heutigen freien Tag sind auch einige arabische Familien hierher gekommen. Fast alle sitzen auf Decken im Sand, einige haben sich Plastikstühle mitgebracht. Rechts schnorcheln einige Jungs an einer Nargilé, auf der anderen Seite werden Grillfeuer angeheizt.
Vor uns im Meer ist ein größerer Bereich mit Seilen und Bojen als Schwimmareal abgegrenzt. Noch immer baden einige Besucher im warmen Wasser. Auch wir fackeln nicht lange und stürzen uns in die lauen Fluten. Herrlich! Danach kuscheln wir uns in unsere Handtücher und sind nun bereit für den Sonnenuntergang. Welch’ wundervolles, weiches Leuchten die untergehende Sonne von Ägypten herüberschickt!



Die Lichter der beiden Städte Aqaba und Eilat am Nordausläufer dieses Meeresarmes sind bereits eingeschaltet. Die jordanische und die israelische Stadt liegen aus dieser Perspektive so nah beisammen, dass man kaum eine Grenze erkennt. Hier war es also, wo im August dieses Jahres fünf Raketen eingeschlagen sind. Kaum zu glauben, so friedlich erscheint uns die Umgebung. Ist dieser Frieden tatsächlich so trügerisch?


Ausflug in die Wüste:
Wadi Rum


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