Badetag in Aqaba


Unser letzter Tag in Aqaba soll ein Strandtag werden. Doch vorher möchten wir unbedingt unsere Neugier befriedigen und die kurze Strecke in Richtung Sa’udi Border fahren. Unterwegs fallen uns einige luxuriöse Hotelanlagen auf, die noch recht neu aussehen.


Doch wir sind mit unserem Bedouin Garden Village sehr zufrieden und freuen uns über die ruhige Lage, ein paar Meter von der Straße entfernt.
Fünf Kilometer vor dem Übergang nach Saudi Arabien halten wir an. Sicherlich wäre man nicht entzückt über herumfotografierende Touristen im näheren Grenzbereich.


Gleich hinter dem Übergang vermuten wir Raffinerien, denn weithin sichtbar husten drei hohe Schlote unablässig dicke Rauchschwaden in die Luft, und immer wieder kommen Tankwagen von dort und fahren in Richtung Aqaba.
Ein Schild weist hier, auf jordanischer Seite, auf ein Industriegebiet, einen Truckport und das Königliche Tauchzentrum (Royal Diving Center), eines von mehreren in und um Aqaba, hin.
„Nur wenige Meter von der Küste entfernt ist das Wasser bereits über hundert Meter tief. Tauchern bietet das den Vorteil, dass sie nicht erst weit hinaus aufs Meer fahren müssen, um die Tauchgründe zu erreichen. Anfänger haben neben dem großartigen Taucherlebnis auch immer die sichere Küste in unmittelbarer Nähe." (Nelles Jumboguide., S. 253) Jetzt wird es Zeit, dass auch wir bald ins Wasser kommen!
Der Wind pfeift uns heute ziemlich um die Ohren, doch die Wassertemperaturen sind angenehm warm. Wir leihen uns Flossen und Schnorchelzeug im Hotel für 6 JOD pro Person (und Tag). Alex schnorchelt gerne, schon seit seiner Kindheit, ich dagegen habe keine Ahnung davon.
Am nur mäßig frequentierten Strand suchen wir uns einen großen Sonnenschirm aus und bereiten uns gleich auf einen Schnorchelgang vor. Alex zieht die Flossen an, setzt Brille und Luftschlauch auf und ist weg. Ich watschele mit den Flossen wie eine große Ente über den Strand und versuche, irgendwie ins Wasser zu kommen. Jedes Mal, wenn ich den Kopf unter Wasser tauche, strömt Wasser durch die Maske in Nase und Mund. Ich schlucke beträchtliche Mengen. Gut, dass wir nicht am Toten Meer sind. Da das Wasser nur bis knapp über die Waden reicht, ist es schwierig, sich immer wieder aufzurichten, um zu atmen und das Equipment gerade zu rücken; die Flossen behindern mich enorm. Bleibe ich im Wasser liegen, spülen die Wellen einen größeren Wassernachschub unter die Maske. Sie sitzt einfach nicht dicht. Ziemlich enttäuscht breche ich den Schnorchelgang ab, werfe Maske und Flossen an den Strand, paddele noch ein wenig herum und verfluche meine Unfähigkeit. Dann setze ich mich unter den Schirm und blase Trübsal.
Alex kommt irgendwann heraus und schwärmt mir von der Unterwasserwelt vor. Ich überlege es mir doch noch mal, lasse die blöden Flossen weg, habe nur die Badelatschen an und tausche die Maske mit der von Alex. Ahhhhhh, die sitzt gut! Endlich kann ich auch die Atmung durch den Luftschlauch koordinieren, ohne Wasser zu schlucken.
Alex nimmt meine Hand und zieht mich im Wasser langsam zu einer bestimmten Stelle, nur wenige Meter von der Uferlinie entfernt. Hier erlebe ich eine wahre Offenbarung! Gemeinsam schweben wir über den Korallen, die wie große Schüsseln eine Vielzahl von Fischen beheimaten. Unter uns entdecke ich eine Seeigelgroßfamilie mit riesigen Stacheln. Es ist wirklich ratsam, nicht ohne Latschen oder Flossen ins Wasser zu gehen, denn Seeigel entdecken wir danach noch an vielen Stellen, auch direkt in Ufernähe.
Schwarze Fische mit einem hellen Fleck in der Schwanzflosse und schwarz-weiß-gestreifte Fische umschwimmen uns. Ich lasse Alex’ Hand los und strecke sie nach den Fischchen aus. Neugierig kommen sie näher, doch berühren sie mich nie. Ein Stück Brot oder Käse hätten sie aber sicherlich genommen.
Ich fühle mich so aufgehoben wie im Mutterleib, in einer Blase schwimmend. Die geräuschlose Welt und die freundlichen Lebewesen hier unten vermitteln ein solches Wohlbefinden, dass mich innerhalb der nächsten Stunde niemand mehr aus dem Wasser bekommt.
Ein länglicher, beige-braun getarnter Fisch liegt im Sand. Ich hätte ihn für eine Muschelschale gehalten, doch als Alex ihn anstößt, schnellt er nach vorne, zu einer anderen Stelle im Sand. Ein weiterer kommt dazu. Es handelt sich wohl um Sandbarsche.
Das Sehvermögen unter Wasser ist durch die Taucherbrille ein anderes. Wo ich über Wasser ohne Brille kaum den Weg zur Uferlinie erkenne, sieht die Welt durch die Taucherbrille unter Wasser vergrößert aus. Dadurch bin ich auch etwas verunsichert, wenn ich über die Korallenbänke schwimme, weil die Entfernungen im seichten Wasser schlechter einschätzbar sind und ich mir nicht die Beine aufschrammen will. Lieber schaue ich mir die Gebilde von der Seite an, denn die bunten Fische schwimmen überall herum.
Ein großes Seeigelgehäuse liegt auf dem Boden. Drum herum kreisen zwei größere graue Fische. Vielleicht gibt es ja noch leckere Seeigelreste!
Meine ganze Aufmerksamkeit zieht jedoch ein dunkelblauer Fisch auf sich. Er hat einen flachen, senkrecht ausgerichteten Körper, ist ungefähr so groß wie eine Hand mit gespreizten Fingern und besitzt eine leuchtend gelbe Schwanzflosse. Er ist der einzige, derart Leuchtende in der Umgebung. Lange Zeit folge ich ihm, schwebe über ihm an der Wasseroberfläche. Bald erhält er Gesellschaft, doch sein Gegenüber ist recht farblos, mittelgrau. Immer wieder durchstöbern sie den Sand nach Fressbarem. Ich folge dem (den beiden?) Rotmeer Doktorfisch(en), bis mir langsam kalt wird.
Alex kommt zu mir herübergeschwommen, und während wir langsam zurück zum Ufer paddeln, erwischen wir noch einen ganz leuchtend bunten, kleineren Fisch mit knallgelben Flecken, wie er sich gerade blitzschnell vor unseren Blicken in der Windung einer Koralle verbergen kann. Er ist der einzige, der sich versteckt, denn viele andere sind immer wieder neugierig näher gekommen, für mich ein sehr sinnliches Empfinden in dieser Unterwasserwelt.
Noch ein wenig genießen wir den Strand, wärmen uns auf und lassen die Badekleidung am Körper trocknen, bevor wir zu einer Siesta aufbrechen. Auf dem Rückweg schauen wir uns in der Hotelanlage die Tafeln an, auf denen im Roten Meer vorkommende Fische abgebildet sind und erkennen einige wieder.


Auch größere Exemplare von Haien sind vertreten, doch wir machen uns keine Sorgen, denken nicht einmal daran, dass einige davon auch dem Menschen gefährlich werden könnten.
Einige Wochen später lesen wir, dass ein Weißspitzen-Riffhai vor der ägyptischen Küste Touristen angegriffen und getötet hat. Es scheinen mehrere gewesen zu sein. Ob die auch in ganz seichtem Wasser anzutreffen sind? Eigentlich hat mich dieser Schnorchelausflug dermaßen begeistert, dass ich noch Wochen danach davon träume. Es ist die Stille und der Kontakt mit den Meeresbewohnern, die mich so in den Bann gezogen haben. Jetzt kann ich auch die begeisterten Taucher verstehen, die in der Tiefe um alte Wracks herumschwimmen, um sich Fische und Korallen anzuschauen. Aber Haie?? Obwohl es in etlichen TV-Dokumentationen immer wieder heißt, dass Haie nicht per se gefährliche Monster sind, würde ich keinem gerne in 10 Metern Tiefe frei schwimmend begegnen.
Doch an diesem sonnigen Oktobertag machen wir uns darüber keine Gedanken. Vielmehr freuen wir uns auf ein Nachmittagsschläfchen vor dem Fernseher in unserem Zimmer, auch wenn er nur einen einzigen englischsprachigen Sender empfängt: Press-TV, am ehesten vergleichbar mit N-TV im deutschen Fernsehen. Man wird über Nachrichten aus der Region und aus aller Welt informiert. Die Beiträge werden ständig wiederholt.
Wir erfahren beispielsweise, dass während der so schwierigen Verhandlungen um die Verlängerung des Siedlungsbaustopps auf der Westbank israelische Siedler einige Olivenhaine palästinensischer Bauern kurz vor der Ernte angezündet und den Familien damit jegliche Lebensgrundlage genommen haben. Es gibt Augenzeugen dafür, dass israelische Soldaten nicht nur zugeschaut, sondern die Siedler noch ermuntert haben sollen. Menschen weinen verzweifelte und wütende Tränen.
In einem anderen Sender läuft die arabische Version von 9Live, mit blinkenden Zahlen und Rätseln und einer Moderatorin, die auf Anrufer wartet.
Es gibt auch einen Sender, auf dem den ganzen Tag lang der Koran zitiert wird, in Laut und Schrift. Und in einem anderen Programm sieht man hunderte arabische Männer, die sich alle in einer stundenlangen Zeremonie begrüßen, die zumindest alle einen Mann begrüßen, vielleicht einen Prinzen? Zum Gruß stupst man zweimal mit der eigenen Nase an die des Gegenübers.
Auch Tänze werden gezeigt. Dutzende arabische Männer auf einem Platz, in Reihen nebeneinander stehend, sich wiegend. Manche haben Säbel in der Hand und führen Scheinkämpfe aus. Keine einzige Frau in Sicht.
Mein Lieblingssender zeigt ein meditatives Kamelprogramm. Ununterbrochen schreiten oder laufen Kamele von rechts nach links oder von links nach rechts. Ganze Herden sind unterwegs. Mal braune, mal beige und auch weiße Tiere. Immer wieder wechseln sie die Richtung zu einschläfernder Instrumentalmusik. Langsam aber sicher fallen mir darüber die Augen zu. Bei uns zu Hause zählt man zum Einschlafen Schafe, und hier halt Kamele. In Wirklichkeit umschwimmen mich jedoch gedanklich die kleinen, bunten Fische im warmen Meereswasser. Völlig entspannt und mit einem wunderbaren Wohlgefühl schlafe ich ein.
Nach der Siesta treten wir aus unserem klimatisierten Zimmer (25 Grad) nach draußen und uns stockt fast der Atem: Der Wind hat sich gelegt und es ist jetzt bei Sonnenuntergang noch sicherlich 10 Grad wärmer als im Raum, eine Temperatur mindestens wie auf Kreta im August bei Südwind. Eine heiße, windstille, tropische Nacht im Vierländereck um Aqaba, knapp unterhalb des 30. Breitengrades.


Rückreise


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