Santorini -
Kamári und Firá


Alex streikt! Ich bin der Meinung, wenn man nur zwei Tage auf Santorini ist, sollte man so viel wie möglich zu sehen bekommen. Alex hingegen macht mich darauf aufmerksam, dass wir jetzt schon mehrere Tage in Griechenland sind und noch kein einziges Mal im Meer waren. Da hat er allerdings Recht. Und mehr noch: Es ist auch heute so heiß, dass man am Strand doch vielleicht besser aufgehoben ist als in der Blechbüchse. Bestimmt werde ich ihn aber später noch zu einem kleinen Ausflug überreden können.

Langsam schlendern wir die kurze Strecke über die verkehrsberuhigte Hauptstraße von unserer Unterkunft in Richtung Meer.


Es braucht nicht lange, bis wir uns einen Schirm mit zwei Liegen ausgesucht haben. 7,00 Euro kostet das Set am Tag. Die Schirme haben genügend Abstand voneinander, sodass ein wenig Privatsphäre bleibt.


Kaum haben wir in der zweiten Reihe Platz genommen, besetzen neben uns drei redselige junge Japanerinnen den Platz, rücken zu uns auf. Sie haben sich wirklich viel zu erzählen. Zwei von ihnen bleiben vollständig angezogen, bewachen die dicken Kameras, während die dritte mit Schwimmärmchen sich als Badenixe entpuppt. Eine der beiden anderen trägt zeitweise sogar eine weiße Atemmaske; sieht irgendwie merkwürdig aus, gegen welche Einflüsse will sie sich hier schützen?
Ein Deutscher mit Cowboyhut und Goldkette marschiert am Strand auf und ab. Sein Filius taucht aus dem Wasser auf. Auf dem Weg zurück zum Schirm hat er allerdings die Temperatur der aufgeheizten Kieselsteine für die bloßen Fußsohlen unterschätzt. In einer affenartigen Geschwindigkeit hüpft er von Stein zu Stein und zieht die Beine dabei hoch wie ein Storch. Dabei stößt er bei jedem Bodenkontakt einen spitzen Schmerzensschrei aus. Insgesamt wäre diese Gangart bei den Monty Pythons sicherlich als einer der „silly walks" aufgenommen worden.
Hinter uns sitzt jetzt ein spanisches Paar, schräg links vor uns ein italienisches. Auch junge Griechen sind in unserer direkten Umgebung. Einige asiatisch aussehende Menschen bieten am Strand ihre Dienste als Masseure und –innen an.
Alex kommentiert das internationale Strandleben später: „Ich dachte, ich sei in Griechenland. Geografisch bin ich zwar in Griechenland, ich bin aber auch irgendwo in der Welt.“

Kleine Piepmätze landen auf den Kieseln, schauen, ob es etwas zu picken gibt. Sie sind sehr zahm und zutraulich. Wir lassen uns Cola in Bechern mit viel Eis servieren und frönen dem Planespotting oder dösen vor uns hin. Totale Entspannung!
Zwischendurch kühlen wir uns immer wieder im Meereswasser ab. Gut, dass ich vor dem Urlaub noch ein paar Gummischuhe erstanden habe. Die Kiesel als Untergrund hätten mir sonst das Badevergnügen verleidet.
Viele Strandbesucher schwimmen auch zum vorgelagerten Felseninselchen und sonnen sich dort ein wenig.
Insgesamt war es eine gute Idee, den Tag am Strand zu verbringen. Allerdings haben wir keine Ahnung, was wir falsch gemacht haben, denn zurück im Zimmer erkennen wir, dass wir beide – trotz Sonnenschutz und Aufenthalt im Schatten – einen ordentlichen Sonnenbrand abbekommen haben. Er tut zwar nicht besonders weh (ein Glück!), doch die Farbe verheißt nichts Gutes (und mir schwant schon, dass sich meine Sonnenallergie bereits auf den Weg gemacht hat).


Ausflug nach Firá

Am Nachmittag ist es mir gelungen, Alex zu einem Besuch in Firá zu überreden. Wieder bezaubern uns die schönen Eukalyptusalleen zwischen Kamári und Episkopí Ghoniás. Wir cruisen ein wenig südlich von Firá herum, halten dann und wann, schauen uns die wunderschöne Landschaft mit ihren Weinfeldern an (und zwischendurch kopfschüttelnd auch die verbrannte Haut) und fahren schließlich nach Firá hinein. Einen Parkplatz finden wir am Ortseingang, alles ist bestens geregelt. Ein wenig schlendern wir geradeaus über die Hauptstraße und biegen schließlich ab in Richtung Kraterrand.
Ein Geschäft mit allerlei Artikeln speziell für Touristen zieht unsere Aufmerksamkeit an. Vielleicht finden wir ein Fläschchen Santorini-Wein als Mitbringsel.
Eine der Verkäuferinnen im Inneren des Ladens spricht uns sogleich an, doch wir möchten uns erst einmal selbst orientieren, denn hier gibt es wirklich viel zu sehen. Die Dame redet jedoch unablässig auf uns ein. Wir bedeuten ihr, dass wir uns erst ein wenig umschauen wollen, wir sie aber später gerne zu Rate ziehen möchten. Unsere Worte verhallen. Mit immer schriller werdender Stimme preist sie die Waren an. So schnell wie sie redet, können wir gar nicht zuhören. Bevor wir noch nervöser werden, verlassen wir schließlich den Konsumtempel. Kaufen wir halt nix! Diese etwas nervige Erfahrung wird die einzige ihrer Art auf unserer gesamten Reise sein. Wir nehmen es locker.
Jetzt haben wir Lust auf ein Eis. Für die Kugel zahlen wir 2,00 Euro. Sie ist riesig und schmeckt hervorragend; für den Kaffee zahlen wir später 4,00 Euro, immer noch preiswerter als in Athen in Sichtweite zur Akropolis.
Klar, es ist nicht billig, und man kann über teure Preise in touristischen Ländern philosophieren; doch so schlimm, wie ich immer dachte, erscheint mir das Ganze dann doch nicht. Auch für das Essen zu verschiedenen Gelegenheiten auf der Insel zahlen wir nicht mehr als in anderen Regionen Griechenlands, in denen wir in diesem Urlaub waren. Sicherlich macht es auf die Dauer jedoch schon einen preislichen Unterschied, ob man die Urlaubstage in Firá oder auf der anderen Inselseite verbringt.
Mit dem Eis in der Hand schlendern wir über den angelegten Kieselweg durch Firá am Kraterrand entlang.


Nach jeder Wegbiegung bewundern wir die Aussicht: Firá, ausgebreitet auf einem Hügel, geschmückt und herausgeputzt; die Caldera im Gegenlicht mit den Kraterfragmenten und den neu entstandenen Inseln in der Kratermitte; das Treiben um die Kreuzfahrtriesen herum, die Boote, die die Inselbesucher wieder abholen und zum Schiff bringen; Oia mit seinen weißen Häusern an der Inselspitze. Und immer wieder der Blick entlang des Vulkangesteins.





Mit uns sind noch viele andere unterwegs; uns gefällt das Flair. So wie die anderen knipsen wir, was das Zeug hält, schauen in die feudalen Eingänge verschiedener Luxusunterkünfte, freuen uns an den kleinen Besonderheiten und darüber, dass wir uns für Santorini auf dieser Reise entschieden haben, auch wenn unser Aufenthalt nur zwei Tage dauern soll.
Auf der Platía quetschen wir uns durch eine lange Reihe von Inselbesuchern, die an der Seilbahnstation anstehen und mit selbiger wieder zu ihren Kreuzfahrtschiffen fahren möchten.


Andere wagen den Weg über die gewundene Treppe, die steile Skála, bergab oder entscheiden sich gleich für ein Biotaxi.



Weiter gehen wir ortsauswärts in Richtung Firostefáni. In einem größeren Lokal am Kraterweg legen wir bei einem Frappé ein Päuschen ein. Am Nachbartisch hat eine Frau dem Kellner offenbar von ihren verbrannten Füßen erzählt. Gleich kommt er mit dick in Plastik eingewickelten Eiswürfeln, und erklärt ihr gestenreich, dass sie den Beutel unter den Tisch legen und mit den Füßen drüberrubbeln soll. Dankbar nimmt sie das Angebot an, und bald scheint es ihr etwas besser zu gehen.

An dieser Stelle sei der Service auf dieser Insel erwähnt, den wir bisher hier erlebt haben, er ist wirklich 1A. Die Leute sind gut drauf, hilfsbereit und nett. Vielleicht hat sich etwas geändert, denn früher las man immer wieder von „Abzocke“ und Unfreundlichkeit den Gästen gegenüber.
Kein einziges Mal ist uns das begegnet, auch nicht sonst irgendwo in Griechenland, und wir sind bis ganz in den Nordosten gefahren. Ich hatte eher den Eindruck, dass sich alle über den boomenden Tourismus freuten, und dass der Rubel rollt. Auf Santorini ist in der Hochsaison für den Ausstehenden jedenfalls keine Spur von Krise zu bemerken!
Ob in Firá, in Oia, in Kamári oder im Hafen: stets ist man uns hilfsbereit und mit Respekt begegnet, hat uns freundlich bedient, war oft zu einem kleinen Scherz aufgelegt. Wir haben unseren Besuch auf dieser Perle der Ägäis in vollen Zügen genossen; wie oft im Leben sitzt man schon auf einem Vulkan und speist mit den Göttern? Unglaublich das Licht, tatsächlich zum Abheben!

Immer weiter treibt es uns hinaus in Richtung Firostefáni. Obwohl Alex zu Beginn überhaupt nicht weit gehen wollte, hat er jetzt doch Gefallen an dem schönen Spaziergang über den Kraterweg gefunden. Immer wieder halten wir und schwärmen uns gegenseitig von der einzigartigen Inselschönheit vor.



Nicht nur die irren Panoramablicke, sondern auch der Kraterweg selbst mit seinen kleinen Details am Rande begeistern uns immer wieder auf's Neue.







Als es zu dämmern beginnt, kehren wir wieder um in Richtung Ortsmitte. Irgendwo unterwegs werden wir sicherlich ein kleines Eckchen finden, von dem aus wir einen weiteren fulminanten, ägäischen Sonnenuntergang betrachten können.
Böiger Wind ist wie aus dem Nichts aufgefrischt, als wir in einem winzigen Terrassencafé einkehren, um das Tageshighlight zu zelebrieren.




Die Sicht von hier ist noch famoser als am Vorabend: Thirassía und Nea Kaméni vor uns, Oia ganz rechts, weiße Häuser auf dunklem Fels. Eines der Kreuzfahrtschiffe verlässt die Caldera in Richtung Sonnenuntergang. Die Passagiere werden Santorini, das gerade jetzt in dieses überirdische Licht gehüllt ist, in traumhafter Erinnerung behalten.


Allerdings versinkt die Sonne heute sang- und klanglos im Dunst. Da wir nicht wieder in tiefschwarzer Nacht nach Kamári fahren möchten, brechen wir schon bald auf. Doch das himmlische Farbenspiel, das wir auf dem Rückweg erleben, grenzt tatsächlich schon fast an Kitsch.


Neben diesen ungeheuren Farben des Sonnenuntergangs und der Besonderheit, sich auf einem Vulkan zu bewegen, ist es der Verdienst der Inselbewohner, dass die Gäste sich wohl fühlen. Mit allen, auch den einfachsten Mitteln, wird man verwöhnt, sodass Menschen aus aller Welt herbeiströmen. Santorini ist eine Insel, die jeder nach seinem Gusto genießen kann.
Wir waren mit Kamári als Aufenthaltsort sehr zufrieden, weil der große Ort alles hat, was wir brauchen: eine gute touristische Infrastruktur, die sich in vielen Restaurants verschiedener Geschmacksrichtungen, Geschäften, guten, bezahlbaren Unterkünfte, die auch während der Hochsaison noch Platz haben, einer tollen Strandpromenade zum Chillen in diversen Strandcafés, ausdrückt. Viel Lebendigkeit und in dem Teil, in dem wir gewohnt haben, trotzdem Ruhe. Der Strand unbeschallt.
Auch wenn zu lesen ist, dass der Ort ein Anziehungspunkt für Pauschalreisende sein soll, kann man auch als Individualtourist sein Fleckchen finden. Wo liegen eigentlich die Unterschiede? Pauschaltourismus ist längst kein Synonym für Massentourismus. Wichtig für uns ist es, dass man als Tourist nicht nur als Geldesel behandelt wird und dass wir genügend Ruhe finden, um uns zu erholen. Und genau das ist uns in Kamári gut gelungen.
Begeistert hat uns hier auch die eingerichtete Fußgängerzone an der Strandpromenade und in der näheren Umgebung unseres Hotels, sodass man nach Herzenslust und völlig stressfrei herumschlendern kann.
Um nach Kamári zu kommen, braucht man auch kein Auto, sondern kann die regelmäßige Busverbindung von und nach Firá nutzen.
Wir haben uns hier wunderbar wohl gefühlt, so das Fazit unseres Kurzaufenthaltes.

Im Restaurant Alexis an der Strandpromenade von Kamári kehren wir später zu unserem Nachtmahl ein. Dort gibt es ein zusammengestelltes Menü mit verschiedenen Fischsorten: einem Rotbarsch, einer Dorade, Oktopussalat, Kalamária und einer Riesengarnele mit Kartoffeln und Salat für 14,00 € die Platte. Alles frisch. Wir schlemmen und genießen unseren letzten Abend auf Santorini bei auffrischendem Wind.
Der georgische Kellner hat Erfahrung mit dem Festklemmen der Papiertischdecken bei Windstärke 7, während der Salat mir bei einem Windstoß prompt von meiner Gabel geweht wird, aber gerade noch rechtzeitig vor Erreichen des Nachbartisches auf der Erde landet.
Als wir etwas später zurück zu unserer Unterkunft kommen, hat man seitlich auf allen Stufen des Treppenaufgangs und im Flur selbst Gläser mit Teelichtern aufgestellt, richtig kuschelig.



Rückkehr nach Naxos - Herzhüpfen nach 20 Jahren


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