Rückkehr nach Naxos -
Herzhüpfen nach
20 Jahren


Auch am heutigen Reisetag sind wir schon früh unterwegs, checken aus dem Hotel in Kamári/Santorini aus und brechen zum Fährhafen auf. Um auf die andere Inselseite zu gelangen, müssen wir nach oben, bis zum Kraterrand, der von einer Wolke ganz dicht und dunkel umhüllt ist. Der Gegenverkehr kommt uns mit eingeschalteten Lichtern entgegen, als auch wir in den Nebel hineinfahren. Doch nach den ersten Metern auf dem Serpentinenweg bergab erstrahlt die Umgebung wieder im hellen Morgenlicht.
Den Hafen erreichen wir gerade rechtzeitig vor dem offiziellen Abfahrtstermin. Doch die Artemis lässt noch auf sich warten. Der Wind vom Vorabend hat sich zwar etwas gelegt, die kleinen Ausflugsboote schaukeln dennoch heftig am Anleger. Unentwegt strömen Menschen an Bord für einen Ausflug auf einer der kleinen Nussschalen in Richtung Thirassía oder Nea Kaméni. Entsprechend wuselig ist es im Hafengelände. Wir müssen uns auch erst einmal orientieren, damit wir unsere richtige Wartespur finden.
Das Ticket haben wir am Vorabend in Firá erworben, denn die Computer in einem Reisezentrum in Kamári hatten gestreikt. 13,00 Euro pro Person kostet die Überfahrt nach Naxos.
Mit einer halbstündigen Verspätung legt die Artemis schließlich an. In einer mittlerweile recht langen Schlange warten wir noch kurz am Terminal, dann können wir an Bord, verstauen unser Gepäck im Schiffsbauch und steigen die Treppen hinauf auf das Sonnendeck.
Hier ist genügend Platz, sodass sogar noch Sitze frei bleiben. An unserem luftigen Platz, im Schatten, freuen wir uns auf die Reise. Wir haben absichtlich eine langsamere Fähre gebucht, bei der man an Deck draußen sitzen kann, um alles mitzuerleben, was auf dieser mehrstündigen Fahrt geschieht, insbesondere die An- und Ablegemanöver auf den verschiedenen Inseln, die angesteuert werden: Thirassía, Ios, Síkinos, Folégandros und schließlich Náxos. Doch zunächst beobachten wir noch ein wenig das Geschehen im Hafen von Thíra.



Bei der Ausfahrt aus dem Hafen sehen wir die Silhouette der Hauptinsel Thíra zunächst nur durch den Dieseldunst der Artemis. Nach und nach wird die Sicht klarer. Noch einmal haben wir die Gelegenheit, uns dem Charme dieser wundersamen und einzigartigen Insel hinzugeben.



Wenige Zeit später erreichen wie das kleine Inselchen Thirassía mit seinem pechschwarzen Vulkangestein. Sie gehört mit zum Vulkankrater, doch im Gegensatz zu Thíra ist nur ein kleiner Teil des erstarrten Gesteins über der Meeresoberfläche sichtbar.


Tagesausflügler werden auch mit Segelbooten hierher gebracht. Eine Wanderung ist sicherlich sehr reizvoll. Klare Farben - das Tiefblau des Meeres und schwarzes Gestein - eine Freude für die Augen.


Kaum hat die Fähre angelegt, fahren wir auch schon wieder ab. Nur wenige Inselbesucher sind in dem kleinen Hafen Riva an Bord gekommen.

Die Artemis schaukelt immer wieder in langen Wellen von links nach rechts und zurück. Der Horizont verschwindet dann nach oben und schließlich wieder nach unten, über und unter die Rettungsboote, die sich in unserer Blickrichtung längsseits befinden. Doch hier erinnern mich die Bewegungen eher an das Schaukeln einer Wiege. Wir werden beide schläfrig.

Bis Ios ist es nicht weit. Viele junge Leute verlassen das Schiff. Die Neuankömmlinge schaffen es nicht mehr bis auf das Oberdeck. Im klimatisierten Salóni liegen sie auf Bänken und Polstern, um die nächtliche Party aus den Gliedern zu bekommen und neue Kräfte für Paros und Mykonos zu sammeln. Es ist sehr ruhig hier. Irgendwo an einer Wand baumelt ein Handy zum Aufladen.

Die Einfahrt in den Hafen von Síkinos vermittelt auf den ersten Blick Gemütlichkeit. Und auch wenn sie nicht zu den überlaufenenen Inseln gehört, hat auch dieses Eiland sicherlich viele eingefleischte Liebhaber.



Ein älterer Herr mit großem Schnauzbart winkt uns freudig zu und verabschiedet uns mit einem zugerufenen Kaló taxídhi - vielleicht hätte er selber gern einen kleinen Schiffsausflug unternommen.


Auch die Fahrt zur Nachbarinsel Folégandros dauert nicht lange. Dem Besucher, der den kleinen Hafen vom Schiff aus betrachtet, stechen zunächst die Wohnanlagen ins Auge, und es wird noch weitergebaut. Auch hier kommen nur wenige neue Passagiere an Bord.



Auf beiden Inseln kann man sicherlich viel Ruhe finden, ideal, um einmal so richtig auszuspannen beim Nichtstun oder Wandern durch die Kargheit.
Wir jedoch freuen uns jetzt auf unser nächstes Reiseziel: die Insel Naxos. Naxos war in den 80ern meine absolute Lieblingsinsel, auf der ich mich unsterblich in Griechenland verliebte. Dann erlebte ich Kreta, das mich über viele Jahre in seinen Bann zog.
Tatsächlich war ich 1991 das letzte Mal für eine Woche auf Naxos, danach hatte es sich nicht mehr ergeben. Vielleicht wollte ich aber auch einfach nur die schönen Erinnerungen aufbewahren, die mir in schwereren Zeiten in Deutschland Kraft gaben. Vielleicht wollte ich diese nicht durch neue, ganz andere und vielleicht enttäuschende Reiseeindrücke von Naxos überlagern.
In den 80ern war Naxos für mich der erfüllte Traum von Freiheit und Wohlergehen. In der Rückschau denke ich, dass die Erlebnisse auf dieser Insel, am Magic Beach von Agia Anna, mich sehr geprägt haben. Wenn ich heute an Naxos denke, dann immer mit einem Lächeln und einem sonnigen Gefühl, an ein internationales Miteinander, so wie es überall auf der Welt sein sollte. Es ist ein tolles Gefühl!
Nach zwanzig Jahren Abwesenheit habe ich endlich den Mut gefunden, mich auf das Neue einzulassen, ohne Vorbehalte, weil ich weiß, dass das Alte so stark ist, dass es erhalten bleiben wird, egal, wie sehr mich die neuen Erlebnisse beeindrucken werden.
Vor einiger Zeit hatte ich sowieso beschlossen, nunmehr (um etwas mehr Distanz zu schaffen) bloß noch als Touristin nach Griechenland zu reisen (obwohl ich das ja früher auch war). Aber es hatte mich in Sivas auf Kreta, nach meinem Grundstückskauf, schon ein wenig stolz gemacht, als Katína zu mir sagte, ich sei jetzt eine Sivianí! (War ich aber dann doch nicht.)

Solche Gedanken kreisen in meinem Kopf herum, als wir uns von Süden her Naxos nähern und die Fahrrinne zwischen Paros und Naxos durchqueren, aber immer näher an Paros, sodass man Einzelheiten auf Naxos zunächst mit bloßem Auge nur ganz verschwommen ausmachen kann.
Naxos – wie werden wir es erleben? Ich bin so neugierig! Von Fotos und Google Earth weiß ich ja, dass am Pláka-Strand innerhalb der letzten zwanzig Jahre sehr viel gebaut worden sein soll. Das kann ich mir kaum ausmalen.

Die Passage zwischen den beiden Nachbarinseln hindurch dauert sehr lange, meine Spannung steigt. Gerade mit Blick auf Paros kommt es mir vor, dass die Ortschaften sich erheblich ausgebreitet haben. Vielleicht täusche ich mich und war damals zu sehr auf Naxos konzentriert, als dass ich schon vor zwanzig Jahren wahrgenommen hätte, wie besiedelt Paros eigentlich ist. Und Entschuldigung, Páre, aber heute ist es nicht anders. Naxos ist mein Begehr!

Schade, dass die Fahrrinne in so weiter Entfernung zu Naxos verläuft. Ich verfolge trotzdem die Biegungen auf meiner Karte mit. Tiefe, helle Kuhlen im Berg werden sichtbar, wohl die Marmorbrüche.


Und dann, da bin ich mir sicher, kommen endlich die Strände in Sicht: Kastráki , gefolgt von der Pláka und Prokópius. Die Silhouetten sind mir doch noch vertraut, stelle ich mit klopfendem Herzen fest.
Schließlich umrunden wir den bebauten Stelída-Hügel, bevor unsere Fähre eine Kurve beschreibt und endlich auf die Chóra direkt zusteuert.



Ich freue mich sehr, als wir endlich auf der Insel landen. So viele Menschen gehen von Bord, dass mir schwant, wie viele neue Unterkünfte, Hotels und Pensionen dazugebaut worden sein müssen. Lassen wir uns überraschen.

Die Nachmittagshitze ist kaum zu ertragen nach dem angenehmen Fahrtwind, der uns den ganzen Tag begleitet hat. Wir hoffen, hier schnellst möglich ein Auto mit Klimaanlage mieten zu können. Den allerletzten Wagen erhalten wir noch in einer der Vermietungen im Hafen. Wir mussten uns schnell entscheiden, denn hinter uns standen schon andere Interessenten. Der Kleinwagen, ein Panda, ist Top in Schuss. Zusammen mit dem Vermieter belädt Alex das Auto, holt sich noch letzte Instruktionen, während ich mir die Hafenfront anschaue. Früher saß man in oder vor den Tavernen, oder auf Stühlen auf grobem Beton direkt am Kai, während Autos knapp am Tisch vorbeizischten.
Jetzt befindet sich auf dem breiten Streifen zwischen Häuserzeile und Hafenbecken eine Fußgängerzone mit überdachten Lokalen, das war eine gute Idee! Jenseits der angrenzenden Hafenstraße können Fußgänger auf einem zusätzlichen Bürgersteig direkt am Hafenbecken entlang promenieren.


Die Uferstraße ist zur weiteren Verkehrsberuhigung auch nur in einer Richtung befahrbar. Stadtauswärts nehmen die Autos eine Umgehungsstraße, eine kluge Entscheidung, die für einen guten Verkehrsfluss sorgt.

Wir sind hungrig und kehren daher hier am Hafen in eines der älteren Restaurants ein, setzen uns unter den breiten Sonnenschutz mit Blick auf den Hafen. Wir haben es nicht eilig. Eigentlich soll es nur eine Kleinigkeit werden, bestellen wir uns also ein paar Kalamarákia.
Die Kapelle auf dem Hafeninselchen sieht genauso aus wie früher, und auch bei späteren Besuchen der Chóra stelle ich fest, dass sich hier im Hafen – außer der Verkehrsberuhigung - nichts geändert hat. Ich erkenne alles wieder.


Bloß die Frauen, die damals am Fähranleger fast schon aggressiv darum buhlten, dass man sich doch ihre Unterkunft ansehen sollte, sind dieses Mal ausgeblieben. Entweder ist alles ausgebucht, oder man hat die schrillen Werbemethoden vielleicht verboten. Ich erinnere mich, dass mir einmal eine Frau trotz Abwehr meinerseits bis in den Bus gefolgt ist und an meinem T-Shirt herumgezerrt hat, um mich zu überzeugen. Diese Zeiten scheinen zum Glück vorbei zu sein.

Irgendwann tuckern wir mit dem Auto schließlich los. Die Umgehungsstraße kenne ich nicht, wir folgen einfach der Beschilderung in Richtung Agia Anna, erwischen auch die richtige Abfahrt und gelangen schließlich nach Agios Prokópios.
Popopó, hier steppt der Bär! Es ist fast kein Durchkommen, solche Menschenmassen frönen dem Strandleben und dem Bad im Meer, Tavernen und touristische Läden dicht an dicht.

Als wir uns durch die Massen hindurchgewuselt haben, biegen wir schließlich in den Hafen von Agia Anna ein. Trotz diesem irren Trubel erkenne ich alles wieder. Die Gorgóna gibt es noch, das Hafenrestaurant. Einen kleinen Taxistand hat man eingerichtet, und etliche Mietautos parken hier.


Weiter holpern wir über den Weg zur Plaka, umrunden den kleinen Fischerhafen, dessen Strand jetzt dicht von Badewilligen belegt ist. Auch hier ein Verkehr wie auf einer Hauptstraße.


Tatsächlich existiert auch das Fáros noch und natürlich das Parádisos. Kann mich aber nicht erinnern, dass vor 20 Jahren die berühmte Tamariske dort stand. Wir haben damals dort im Sand geschlafen, in der Nähe des Tavernenlichts, weil ich mich weiter weg in der Dunkelheit immer gefürchtet habe.


Meerseitig hat man einen Holzsteg angelegt, damit die Fußgänger nicht von den vielen Fahrzeugen umgenietet werden und die Passanten umgekehrt nicht den Autoverkehr behindern.
Unglaublich, wie viele Fahrzeuge unterwegs sind. Ständig weichen wir aus, fahren nur im Schritttempo. Ein Bus kommt uns jetzt auch noch entgegen. Linksseitig alles zugebaut mit Tavernen und Unterkünften.
Automatisch treibt es uns vom Haupttrubel immer weiter nach hinten durch. Irgendwann halten wir einfach mal an, wir haben ja noch keine Unterkunft. Sieht hier hinten irgendwie ganz nett und gemütlich aus. Wir haben uns vorgenommen, sechs Tage auf Naxos zu verbringen. Bin auf die Preise gespannt. In der ersten Unterkunft will man 80,00 Euro pro Nacht für das Doppelzimmer. Die zweite Unterkunft ist ausgebucht, doch man empfiehlt uns eine andere Möglichkeit etwa 100 m weit weg vom Strand: das Apollónia, zwei zusammengefügte Gebäude mit je 4 Studios, von zwei Schwestern mit ihren Familien bewirtschaftet.



Und was für ein Glück wir hier haben: Das riesige Zimmer (natürlich mir A/C und TV) ist mit einer kleinen Küche ausgestattet, wo man sich auch mal einen Kaffee kochen kann (oder auch mehr, wenn man will – doch wer will das schon bei dem guten Essen, das es überall gibt), hat auch genügend Ablageflächen, eine große Couch, jede Menge Kleiderbügel, eine geräumige Dusche ... Unsere Wirtin, Kiría Katerína, ist sehr nett und unaufdringlich, so wie ihre gesamte Familie. Stets werden wir freundlich gegrüßt. Zimmerservice gibt es täglich, Handtücher und Bettwäsche werden ebenfalls regelmäßig gewechselt. Liebevoll werden auch die Nachtgewänder drapiert, jeden Tag anders, was uns immer wieder schmunzeln lässt.
Auf der Riesenterrasse, direkt vor dem Zimmer, lassen wir es uns im Schatten gut gehen, blicken vorbei am Aegean Palace links vor uns bis auf’ s Meer und freuen uns, dass wir bei 40,00 Euro die Nacht unsere Ruhe und ausreichend Platz und Privatsphäre haben. Vom Straßenlärm, dem vielen Verkehr und den Massen, die sich tagsüber hier bewegen, bekommen wir jedenfalls nichts mit.

Kiría Katerína bringt uns Verschwitzten zunächst einmal einen eisgekühlten Frappé zur Begrüßung und ein Flasche kaltes Wasser. Das tut richtig gut. Nach einer längeren Zeit auf der Terrasse packen wir endlich unsere Koffer aus und richten uns für die nächsten Tage ein. Dazu gehört auch ein Einkauf im benachbarten Minimarkt. Ich meine, das Gesicht der Minimarktverkäuferin zu erkennen.
Zum Baden kommen wir heute nicht mehr; vielmehr suchen wir eine Taverne, wo wir am Abend bei gedämpftem Licht gemütlich essen wollen. Doch das Kerzenlicht gibt nicht viel her, sodass man die Gräten der Fische nicht sieht, die wir verspeisen! Egal, geschmacklich sind sie jedenfalls topfrisch, und die paar Fischknöchelchen werden wir auch überleben. Hier trinke ich auch das erste Fix meines Lebens, doch beide beschließen wir, beim Mythos zu bleiben, ist für unseren Geschmack leckerer.

Auf dem Rückweg, am späten Abend, gehen wir an diesem jetzt fast unbelebten Strandabschnitt direkt am Wasser entlang. Plötzlich überwältigen mich die alten Erinnerungen. Ich muss meiner Freude ganz laut Ausdruck verleihen, rufe in die Nacht hinein und hüpfe am Strand herum. Was mich so aus dem Häuschen bringt ist das wunderbar weiche Geräusch des heranschwappenden Wassers, das unsere Waden umspielt, der Duft von feuchtem Bambus, der Blick hinein in den Kosmos, auf das Band der Milchstraße mit ihren Abermilliarden von funkelnden Sternen (in der Nacht werde ich von Sternschnuppen träumen), der warme Sand, der zwischen den Zehen klebt. Was kann sich denn schon verändert haben, außer dass es jetzt (zumindest tagsüber) sehr viel mehr Menschen hierher zieht und dass man sich aufgrund dessen anders organisiert hat? Hütten werden keine mehr gebaut, und die 60ies bis 80ies sind nun mal überall auf der Welt passé. Doch wie sollten sich die Düfte, das sommerliche Wärmegefühl, die Sterne und das Meer in der kurzen Zeit verändert haben? Alles ist wie es war, und ich empfinde ein riesiges Glück, dies wieder erleben zu dürfen. Gänsehaut pur! Der Strand ist und bleibt für mich magic, das ist mein persönliches Naxos-Feeling!

Nur wenige gleichgesinnte Nacht-Strandgenießer treffen wir. Einige haben es sich auf den nun verwaisten Liegestühlen bequem gemacht. Langsam schlendern wir mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen vorbei und genießen das Gefühl einer lauen griechischen Sommernacht auf der Insel Naxos, am Meer, an einem Strand, an diesem Strand. Pure Magie!



Ausflug zur Traghéa - Ebene


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