Rundtour: Chóra -
Nordwestküste - Apóllona
- Filóti - Pláka


Nach unserem Altstadtbummel verlassen wir mit dem Auto Naxos-Stadt in Richtung „Villages“, durchqueren einen Teil der in den letzten zwanzig Jahren enorm gewachsenen Neustadt und gelangen schließlich auf die Asphaltstraße, die Chóra mit Apollóna entlang der Nordwestküste verbindet. An einer Müllkippe brettern wir schnell vorbei; und da fällt es mir schon auf, dass es längst nicht mehr so viele wilde Kippen gibt wie früher, als auch der sonstige Müll fein säuberlich an jedem Straßenrand verteilt wurde. Es hat sich einiges getan in Sachen Umwelt.
Links am Straßenrand liegen riesige Wellenbrecher aus Beton, für diese Gegend etwas unpassend. Vielleicht werden sie hier irgendwo hergestellt oder einfach nur zwischengelagert.

Die Straße führt nun etwas weiter weg vom Meer in die Höhe. Wir passieren zahlreiche trockene Flussläufe, wo sich das Wasser in den regenreichen Zeiten von den Bergen herab ins Meer ergießt. In der heißen Jahreszeit zeugen Rinnen mit Oleanderbewuchs vom immer noch feuchten Erdreich.


Schließlich fahren wir wieder bergab hinein in ein fruchtbares, grünes Tal und durchqueren die beiden Dörfer Galíni und Engáres.



Die Landschaft ist geprägt von vielen Feigenbäumen, Feldern und Wein, der hier wohl gut gedeiht, daneben immer wieder Bambusgeraden, die die Felder begrenzen und vor Wind schützen. Wir fahren durch schattige Eukalyptus- und Platanenalleen, anschließend wieder über freie Strecken, das tiefblaue Meer zur Linken. Der Ormos Amítis, eine kleine Badebucht, ist gleich über mehrere ausgeschilderte Zufahrten zu erreichen.


Im weiteren Verlauf jedoch stellen wir fest, dass die Vegetation immer karger wird, obwohl sich die Straße nicht besonders hoch über Meereshöhe hinzieht. Niedriges Buschwerk wechselt dann mit kahlen Stellen in der umgebenden Hügellandschaft rechtsseitig.

Zwei Stauseen soll es laut Karte hier geben, und einen (in Richtung Skepóni) erkenne ich als solchen schon von weitem an der steilen Staumauer, die jedoch nur aus losem Geröll zu bestehen scheint. Dies jedoch nur auf der Talseite, der Rest ist aus Beton.


Noch immer gibt es, im Gegensatz zu den vielen ausgetrockneten Bachbetten, die wir unterwegs überqueren, ausreichend Wasser, wie wir vermuten für die Bewässerung landwirtschaftlich genutzter Flächen.
Nach den Winzweilern Chília Vrísi und Kámpos begegnen uns nur noch einzelne Häuser. Wir fragen uns, was einen in eine solche Wildnis verschlägt. Für uns nicht nachvollziehbar ein Haus zu bauen, das weit entfernt von der Hauptstraße, nur über einen Feldweg erreichbar, mitten auf einem Hügel liegt. Soviel Wunsch nach Privatsphäre – Abkehr von der Geselligkeit? Oder die Suche nach der Erholung der blank liegenden Nerven? Auf jeden Fall sehr einsam gelegen.


Auf dem weiteren Weg bis nach Agiás erleben wir wieder die Kräuterdüfte, die wir bei Moutsoúna entdeckt hatten. Eine Ziege steht mitten auf der Straße, rührt sich bei unserem Näherkommen keinen Millimeter vom Fleck, schaut uns an, als ob sie dächte: „Das hier ist mein Gebiet, wagt euch ja nicht an den Thymian!“ Gnädigerweise bequemt sie sich dann doch einige Zentimeter zur Seite, damit wir durchkommen. Nur wenige Meter dahinter steckt eine dicke Artgenossin kopfüber im Kräuterbusch. Kein Wunder, dass der naxiotische Joghurt dermaßen gut schmeckt! Wohl soll es ihr bekommen!

Das letzte Stück bis Agiás, im hohen Nordwesten, steigt über Serpentinen ein wenig bergan. Agiás heißt einer der Relikte aus venezianischer Zeit, ein verfallener viereckiger Turm, in exponierter Lage, und das gleichnamige Kloster weiter unterhalb im geschützten Tal.
Beim Näherkommen erkenne ich, dass ich hier schon einmal anlässlich einer Jeeptour im Frühjahr 1986 war; damals gab es nur einen unbefestigten Schotterweg entlang der Nordwestküste.


Der Wohnturm von Agiás ist arg baufällig; ein Drahtgitter wurde zur Seite geschoben und gibt zwar den Eingang in die Ruine frei, doch ich bezweifle, ob dies so gewollt ist. Relikte der alten Ölmühle sind gut auszumachen; auch die Treppe hinauf in das Gebäude ist erhalten, doch traue ich mich nicht hinein, falls nicht doch ein Stein herabweht und mir auf den Kopf fällt. Bemerkenswert jedoch die gute Rundumsicht durch die alten Fensterlöcher in der Mauer.





In einem der früheren Standardwerke, im Touristenführer der Insel Naxos von Georg M. Melissinos, kann man in der 1980er Ausgabe nachlesen, dass der Turm zu der Zeit noch bewohnt war (S. 39). Kaum zu glauben, wenn man sich den fortschreitenden Verfall der Ruine heute betrachtet.
Ein schmaler Fußweg führt unter niedrigen Baumästen bergab. In einem effektiv über den Weg gespannten Spinnennetz hängen dicke Brocken für die Besitzerin.
Unterhalb der Ruine steht ein Wohnhaus, privat, wie es scheint, doch zur Zeit ist niemand dort. Natürlich könnten wir auf dem Pfad bergab schnell zum gleichnamigen Kloster gelangen.


Doch die hohen Temperaturen verheißen für den steilen Weg zurück nach oben nichts Gutes, und so lassen wir es sein, und kehren zur Fortsetzung unseres Rundweges zum Auto zurück und loben ein weiteres Mal die Errungenschaften der Technik und allen voran die Erfindung der Autoklimaanlage. 200 Meter über dem Meer genießen wir die gute Sicht auf das Meer.



Vom Nordkap sind wir nun nicht mehr weit entfernt. Die Böden scheinen trocken, braun und ausgedorrt. Felsen zieren die Spitzen der Hügel, die steil ins Meer abfallen.




Nach unserer Kaprundung gleiten wir hinab ans Meer, nach Apóllona. Zunächst weichen wir einem entgegenkommenden Bus aus und warten dann noch eine Weile, bis eine Ladung Kartons von der Straße abtransportiert ist. Dann können wir weiter. Vor uns erstreckt sich nun der größte Teil der Bucht mit der kleinen Mole und den Restaurants direkt am Wasser.


Am Ortsende stellen wir unser Auto auf einem öffentlichen Parkplatz, mitten in der prallen Sonne, ab. Beim Aussteigen haben wir den Eindruck, dass es noch schwüler geworden ist. Auf dem kurzen Stück zur Paralía, oder besser gesagt zu den Restaurants, sind wir schon wieder in Schweiß gebadet. Bei einer coolen Cola on the rocks betrachten wir die Strandszene.


Wie herrlich ruhig es hier ist! Nur wenige Leute scheinen in Apóllona Urlaub zu machen, mehrheitlich Griechen; Kinder plantschen unbekümmert herum, schließen neue Freundschaften, kommen sich ab und an zu den Eltern im Restaurant kleine Leckerlis abholen. Zwei Jungs buddeln sich nacheinander in einer Sandkuhle direkt an der Wasserlinie ein. Ein kühles Schlammbad könnte ich mir auch gut vorstellen, doch leider haben wir kein Schwimmzeug dabei.
Eine deutsche Familie vollführt nacheinander (erst die Mutter, dann der Vater, schließlich die halbwüchsige Tochter) direkt vor den Restaurants nach dem Baden einen Wäschewechsel in aller Freizügigkeit, obwohl nur zwanzig Meter entfernt entsprechende Kabinen stehen. Wir lästern ein wenig, freuen uns aber vielmehr über den schönen Ausflug nach Apóllona. An der kleinen Mole versuchen sich mittlerweile ein paar Kinder mit der Angelei. Das macht Spaß.

Bald wird sich der Abend langsam über den beschaulichen Ort herabsenken, dem wir jedoch zuvorkommen möchten.
Die Rückfahrt führt nach unserem ausgedehnten Aufenthalt von Apóllona wieder bergan; wir nehmen den Schlenker über Mési mit seiner schönen Kirchenkuppel und fahren durch das traditionell wirkende Skadón, ohne Restaurant an der schmalen Durchgangsstraße, dafür mit einem traditionellen Kafenío. Danach taucht schon Koronós vor uns auf, malerisch an einen steilen Berghang geschmiegt. Wie wir die exquisiten Eindrücke genießen, hinter jeder Kurve immer wieder eine neue Freude für die Sinne!








Aus Zeitgründen (da zeigt es sich, dass sechs Tage auf Naxos nicht ausreichen, um die Inseln hinreichend zu erkunden, und wir noch mehrere Gründe haben wiederzukommen - als ob wir irgendwelche Gründe dazu bräuchten!) durchqueren wir das jetzt wieder üppige Grün der Landschaft, gönnen uns noch einen Rückblick auf Skadón und erkennen die vielseitige Verwendung von Marmor überall, wahrscheinlich eh in der Gegend gebrochen, auf dem Hausberg.
Auch eine Besichtigung von Apírathos, die uns mehrmals empfohlen worden ist, schaffen wir wieder nicht. Und dabei interessiert mich doch die kretische Vergangenheit des Ortes. Ali forá!
Bald überqueren wir den Bergkamm, der auf dieser Strecke die Ost- von der Westseite trennt, und vor uns breitet sich im glitzernden Gegenlicht ein Großteil der Insel aus. Zum dritten Mal erleben wir nun schon fast erwartungsgemäß, aber doch mit all unserer Bewunderung, dieses Schauspiel, wenn die Ostseite der Insel bereits im Schatten liegt und die Westseite in dieses einmalige Licht getaucht ist. Es lässt eine Kapelle auf einer Bergspitze besonders leuchten, bringt eine Fähre auf ihrer Fahrt ganz nah heran, spiegelt den sich langsam verfärbenden Himmel im Meer vor der Nachbarinsel Paros, taucht das lebendige Filóti in eine warme Atmosphäre und lässt sich die Schatten der Eukalyptusblätter auf den Hauswänden brechen.


Am Gymnasium von Chalkío entdecken wir bei der Vorbeifahrt ein großes Transparent mit der Aufschrift „Geschlossene Bürgerräte mit der Polizei. Die faschistischen Methoden der Gemeinde werden nicht durchkommen. Offene Konferenz gegen die Krise!“ Und dabei hatte mir der nette Mann am Vortag erzählt, dass man von der Krise auf den Inseln nichts spüren würde. So unterschiedlich sind die Meinungen.

Schon sind wir wieder in Richtung Küste unterwegs, vor uns ein Geschoss von Auto, der Fahrer jedoch wohl hinter dem Lenker eingeschlafen, fährt brav 30 kmh. Keinen Schritt schneller. Als wir später überholen, sehen wir, dass es sich wohl um mangelnde Fahrpraxis handelt, denn der ältere Herr hat das Lenkrad krampfhaft umfasst.

Hinter einer Kurve lehnt einer der vielen Einwanderer aus Afrika, der wohl auf jemanden wartet, an einem Baum. Soviel Traurigkeit und Erschöpfung erkenne ich in seinem Gesicht in einem Augenblick des Vorbeifahrens. Man vermag sich sehr wohl in seine Lage zu versetzen. Gäbe es einen Weg zurück, selbst wenn er es wollte? Wovor ist er geflohen – vor instabilen politischen Verhältnissen, Verfolgung, Krieg? Oder Hunger? Hat er Familie? Wie schlimm muss die Lebenssituation für solche Einwanderer sein, dass sie freiwillig ihre Heimat verlassen, in die Ungewissheit reisen, um dann für dubiose Organisationen nachgemachte Gucchi-Taschen, Spielzeug oder Sonnenschirme zu verkaufen? Wie mögen sie in Griechenland leben? Als landwirtschaftlicher Helfer wird es zumindest vernünftige Mahlzeiten geben, hoffentlich auch vernünftigen Lohn.
Es fällt schwer, nach dieser Minisekunde an Augenkontakt wieder zum schwärmerischen Teil überzugehen. Zu krass sind die Unterschiede in der Welt zwischen gutem Lebensstandard und Verzweiflung. Und Griechenland liegt viel näher zu den ärmeren Ländern als Deutschland.

Thymianduft und bunt lackierte Bienenkästen begleiten uns ein Stück weiter, auf terrassierten Hängen wachsen die reichhaltigen landwirtschaftlichen Produkte von Naxos. Kartoffeln gibt es hier, davon kann man andernorts nur träumen (außer vielleicht in der Pfalz!); ausgedehnte Olivenhaine mit Zikadenkonzerten gratis, vermischt mit Erotókritos-Teilen von Níkos Xyloúris und den Spiridákis-Brüdern.
Man muss schon sagen, dass kretische Musik ausgezeichnet nach Naxos passt, wir haben das mehrmals probiert.

Bei unserer Rückkehr ist es noch recht hell, sodass wir den Sonnenuntergang an der Pláka zur Gänze zelebrieren können. Die Schwüle des Tages ist noch nicht gewichen, doch das Bild des Strandes hat sich seit unserer Ankunft vor ein paar Tagen sehr verändert. Anbrandende Wellen haben die Liegen- und Schirmvermieter dazu gezwungen, ihre Utensilien ein großes Stück strandeinwärts zu schieben, will man nicht rsikieren, dass sie vom Wasser mitgerissen werden.


Daher ist ein breites Stück Strand an der Wasserlinie jetzt frei. Die meisten Strandbesucher sind schon weg, wahrscheinlich in Chóra, um sich ausgehfertig zu machen. Wir hingegen sitzen im Sand in der Gesellschaft einer amerikanischen Paréa, die mindestens genauso verzaubert von der Einzigartigkeit dieses Strandes ist wie wir. Sogar die Kämme der kleinsten Wellen sind von diesem ätherischen Licht durchdrungen.


Das Gute an diesem Strandabschnitt sind die freien Flächen, die es immerhin immer noch gibt. Die Sonnenuntergänge erzeugen mit ihrem Licht ein solches Wohlgefühl, dass man sie am liebsten mit hunderten von Fotos bannen will (obwohl das ja nur in der Erinnerung funktioniert). Einer der US-Boys versucht sich an seinem Stativ, doch die Ablichtungen geben - ebenso wie bei mir - nicht im Entferntesten das Glücksgefühl wieder, das wir empfinden.




Am Abend essen wir wieder bei Vlassi’s Family. Der Plastikwindschutz ist heruntergelassen, und alle Gäste sitzen dahinter. Dabei ist es gar nicht windig, nur etwas kühl. Wir nehmen tapfer auf der äußeren Terrasse Platz, und ruckzuck sind plötzlich alle Tische um uns herum gefüllt.

Wer auf Naxos weilt und keinen Oktopus isst, ist selbst Schuld. Bei Vlássis (Name des Opas und des zweijährigen Enkels) gibt es Oktopussalat. Die Stücke zergehen vor Zartheit auf der Zunge.
Als wir den Schwiegersohn fragen, wie der Achtfüßler zubereitet wird, weicht er zunächst aus, meint aber dann, er würde zunächst etwas gekocht und dann eingelegt. Den Rest weiß nur der Schwiegervater! Ein Geheimnis also, dass nicht einmal allen Familienmitgliedern bekannt ist.
Die Speisekarte im Restaurant ist umfangreich, und es gibt noch einige andere Leckerbissen zu probieren, z.B. auch Fisch mit Kartoffeln, Zwiebeln und Gemüse aus dem Ofen. Etwas ölig, aber geschmacklich ein Erlebnis erster Klasse.

Wieder einmal frage ich mich, wieso man in Deutschland in den griechischen Restaurants so wenig von der traditionellen griechischen Küche erleben darf. Vorgewärmter Krautsalat an Schuhsohlensouvlaki mit künstlichen Pommes ist doch wirklich out!


Letzter Tag auf Naxos


zurück zur Startseite