Komotiní und Umgebung


Bei einem starken Kaffee vor unserem Hotel Olympos kommen wir am heutigen Sonntagmorgen langsam in den Tag. Wir freuen uns schon sehr auf einen Bummel durch die spannende, multikulturelle Studentenstadt, in der schon so viele Jahrhunderte lang die unterschiedlichen Ethnien zusammenleben: Griechen, Türken, Roma, Sinti, Arvaniten, Pomaken und andere.
Während wir noch so dasitzen, kommen wir ins Gespräch mit einem Bekannten. Auch die „Krise" wird thematisiert. „Geht zur Platía“, ereifert sich unser Gesprächspartner, „und schaut sie euch an. Den ganzen Tag sitzen sie da und arbeiten nicht. Ich frage mich, wovon sie leben und wie sie sich ihren Lebensstil leisten können. Andere dagegen arbeiten für drei! Die einen bekommen alles von ihren Eltern, die anderen rackern sich ihr Leben lang ab. Europa hat uns bisher sehr gut getan, aber vielleicht sollte sich die Einstellung bei einigen mal ändern!“
Und wissend um die schwierige Situation vieler in den großen Städten setzt Alex trotzdem noch scherzhaft eins oben drauf: „Die Griechen haben im Prinzip zwei Krisen. Das erste große Problem ist, dass sie nicht wissen, wohin sie abends ausgehen sollen. Das ist die Vorkrise. Wenn sie sich dann entschieden haben und abends in ein Restaurant gehen, stellen sie fest, dass schon alle Tische besetzt sind. Und wenn sie dann tatsächlich keinen Platz mehr bekommen, dann bekommen sie tatsächlich die Krise!“ Derartig herumalbernd entspannen sich auch beim Gesprächspartner wieder die Gesichtszüge.

Nach einem zweiten Kaffee fühlen wir uns fit für einen Spaziergang. Um diese Zeit geht es auf der großen, langgezogenen und schattigen Platía noch ruhig und gemütlich zu – die oben erwähnten Helden liegen noch in ihren Betten, sammeln neue Kräfte für den kommenden Nachmittag und Abend.




Eigentlich haben wir auch mit dem traditionellen Hotel Astória auf der Platía als Unterkunft geliebäugelt, doch die Lage – mitten im abendlichen Rummel - hat uns schnell Abstand davon nehmen lassen.
Die Häuser hier auf dem Platz wurden alle hergerichtet, ein paar „Schmuckkästchen“ können sich echt sehen lassen.
Auch an die Kinder hat man gedacht: Es gibt einen riesigen Spielplatz mit Spielgeräten für jeden Geschmack. Er liegt etwas tiefer als der Rest des Platzes, ist noch zusätzlich von einem sicheren Geländer umgeben, obwohl der Platz nicht für Autos freigegeben ist. Vielleicht will man auch die Unfallgefahr (für die des Nächtens feiernde Jugend) minimieren.
Etwas weiter oberhalb, unter den Platanen, sitzen ältere Männer auf einen Schwatz auf den Bänken.
Schließlich erreichen wir vor Kopf „das Schwert“, ein in einen großen Marmorstein gemeißeltes, unübersehbares Militärdenkmal, das während der Diktatur (1967-1974) errichtet wurde, „die Schande Komotinis", wie Alex meint. Das Militär hisst dort jeden Sonntag die griechische Fahne.

Heute jedoch wird der Platz drum herum zur Demonstration genutzt: Die Taxifahrer sitzen im Schatten, während ihre roten Wagen im Halbkreis stehen, jeder mit einer schwarzen Trauerfahne bestückt. Transparente wurden gespannt.


„Ragoúsi, lass los! Du blockierst das Land!" (Ragoúsi zu der Zeit amtierender Verkehrsminister)

Hinter dem Denkmal befindet sich ein schöner Volkspark, eine grüne Oase mit altem Baumbestand, Blumenbeeten, Springbrunnen und einem großen Open-Air-Café, in dem sich am Vormittag eine größere Frauengruppe nach dem Kirchgang zusammengefunden hat. Man lästert über die Männer und freut sich lachend des Lebens.



Am Nachbartisch übt ein kleiner Wicht seine ersten Schritte an der Hand des Vaters, während die große Schwester schon zum benachbarten Karussell drängt. Ein junges Paar sitzt am Rand, ganz in die neue Liebe vertieft.
Wie gemütlich es hier ist! Bei einem gut gekühlten O-Saft sind wir Teil der sonntäglichen Ruhe und Behaglichkeit.

Am frühen Nachmittag fahren wir zunächst nach Fanári am Meer, wo wir in den Vorjahren ja schon zweimal für ein paar Tage entspannt haben. Nichts hat sich hier auf den ersten Blick geändert. Viele griechische Besucher, insbesondere vom nahen Campingplatz, verbringen mit ihren Familien ein paar erholsame Tage. Am Wochenende nutzen auch Einheimische aus den umliegenden Dörfern und aus Komotiní die freie Zeit für ein paar nette Stunden am Meer. So ist es schon immer gewesen.
Wir flanieren durch den kleinen Hafen, wo neben den Fischerbooten auch wieder etliche dicke Jachten dümpeln. Die Besitzer dürften von der Krise nicht allzu viel mitbekommen. Luxus, wohin man schaut.
Ganz anders die Roma-Familie, die mit ihrem LKW auf dem benachbarten Parkplatz campiert. Durch die offene Tür auf der LKW-Seite sehen wir ein kleines Kind, das in einer an der Decke angebrachten Wippe heftig hin- und hergeschaukelt wird. Zwei der Männer gehen durch die Lokale, spielen Flöte und Trommel und sammeln ein wenig Geld. Nach unserem Hafenbummel sitzt die Familie am öffentlichen Grill und hat Fleisch aufgelegt. Bratendüfte wabern über den Parkplatz.

Wir hätten ja Badesachen mitnehmen können, doch statt einem Strandaufenthalt machen wir uns auf den Weg in die Dörfer, um Verwandte und Bekannte zu besuchen.
Wieder einmal fahren wir durch grünes Land, das landwirtschaftlich insbesondere durch Tabak-, Sonnenblumen- und Baumwollanbau genutzt wird.







Bio-Aircondition


Die Flüsse sind im Hochsommer - im Gegensatz zu vielen anderen in Griechenland - nicht ausgetrocknet. Sie werden gespeist durch das Wasser aus dem angrenzenden Rodhópen-Gebirge. Zahlreiche Wasservögel finden zu jeder Jahreszeit genügend Beute (und in der Dämmerung die Moskitos auch!).



Bald erreichen wir unser Ziel, ein Dorf, wo wir auf einen kleinen Besuch anhalten. Im Garten treffen wir sie zunächst an, im Schatten zwischen den üppigen Sträuchern mit den großen Tomaten, Auberginen und Pepperoni. Hühner gackern nebenan. Später verlagern wir uns auf eine große Terrasse.
Es ist schön, die Lieben wiederzusehen, ein wenig zu plaudern und Neuigkeiten auszutauschen. Das Leben hier erinnert mich sehr an meine Jugendzeit im Dorf, als man ganz selbstverständlich und ohne Verabredung Zeit hatte, auf einen Schwatz zum Nachbarn zu gehen und so mancher Abend plaudernd verging. Genauso finden sich auch hier mehr und mehr Bekannte ein, unsere Runde wird immer größer. Stühle werden herangebracht, man rückt eng zusammen. Grüne Chemiespiralen kokeln vor sich hin, um die in der Dämmerung hyperaktiven Moskitos zu verjagen.
Alle möglichen Belange sind Diskussionsthema, doch da wir aus Deutschland kommen, erinnert man sich automatisch an früher, als man selbst einige Jahre dort verbrachte. Und schon liegen die Alben mit den Schwarz-Weiß-Fotos aus den 60er Jahren auf dem Tisch. Sie zeigen hoffnungsvolle, junge Menschen mit leuchtenden Augen, die in eine neue Zukunft aufgebrochen sind, wie sie zusammen feiern und tanzen, mit kleinen Babys im Arm oder auf Hochzeiten.
Viele Geschichten werden lebhaft wiedergegeben: „Erinnerst du dich noch an die Wohnung... Weißt du noch, als ....?" - und eine Erinnerung reiht sich an die nächste. Auch wenn man die deutsche Sprache schon lange nicht mehr benutzt, so kommen solch' komplizierte Begriffe wie „Kammgarnspinnerei" während der griechischen Konversation immer noch ganz selbstverständlich über die Lippen.
Wir möchten uns kaum trennen, so interessant ist es mit den ehemaligen Aus- bzw. Einwanderern (je nach Perspektive) der sogenannten Ersten Generation zusammenzuklönen, doch es ist schon spät geworden. Beim nächsten Mal sollen wir aber AUF JEDEN FALL mehr Zeit einplanen, damit wir ganze Tage zusammen verbringen und gemeinsam essen können, bekommen wir noch mit auf den Weg. Dann brettern wir wieder zurück nach Komotiní und denken noch lange an die gerade verlebten schönen Stunden.

Zum Abendessen kehren wir im Lokal Pétrinos in einem der kleinen Gässchen im Zentrum Komotinís ein, das von türkischen Besitzern geführt wird. Was versteht man unter Völkerverständigung? – Wenn ein Grieche und ein Türke ihre Restaurants nebeneinander betreiben, der Türke dabei griechische Schlager spielt und die Fotos der großen alten Rembétes im Innern des Gebäudes an der Wand hängen.
Sprachliche Verständigungsprobleme dürfte es kaum geben, denn wie erklärte uns der griechische Besitzer des benachbarten Restaurants Aparétito am Vorabend: „Ich kann nur Griechisch und Neumatikí („Gestik“). Damit kann ich mich zur Not sogar mit einem Chinesen verständigen.“


***

Die Geschäfte in Komotini sind am Montag Morgen schon lange geöffnet, als wir unser Hotel verlassen. Wir freuen uns schon auf einen ausgedehnten Spaziergang durch die traditionellen Handwerks- und Handelsgassen.






Und sei es auch nur, um den intensiven, aromatischen Duft von frisch geröstetem Ellenikó die Nase kitzeln zu lassen, lohnt sich der Besuch dieses Stadtteils. Viele Röstereien und Kaffeegeschäfte sind heutzutage etwas moderner eingerichtet, doch alle rösten sie den Kaffee auf dieselbe Art und Weise.
Die Kaffeeläden sind auch Fundgruben für Kräuter und edle Gewürze (wie süß duftender Zimt), aber auch Paprika und Harissa. Heilkräuter für Tee (wie Bergtee, Schwertkraut, Bergminze, Kamille u.a.) liegen in Kästen in und vor dem Laden. Die Eigentümerin eines noch traditionell eingerichteten Kaffeeladens hilft bereitwillig bei der Auswahl: „Avtó! Ti álo?“ Am Ende zweifeln wir, ob unsere Taschen ausreichend Platz bieten werden, um alles heil nach Deutschland zu bringen.





Auf unserem weiteren Bummel in diesem Viertel um die Moschee herum erkennen wir, dass sich das Warenangebot hauptsächlich an türkische Kunden richtet.



Eines der türkischen Kaffeegeschäfte hat eine besondere Geschichte, wie wir vom Inhaber erfahren. Der Mann, der auf einem Schild am Eingang des Ladens abgebildet ist, ist der bekannte Kafetsís, der dem damaligen König Paul (dem Vater des letzten griechischen Königs, Konstantin II) und dem zu der Zeit amtierenden türkischen Staatspräsidenten Celâl Bayar anlässlich der Einweihung des neu eingerichteten türkischen Minderheitenlyzeums für Jungen in seinem Kafenío Kaffee servierte. Ein Ereignis von Bedeutung, weil noch heute der Kafetsís auf den Kaffeetüten dieses Geschäftes abgebildet wird. Das Lyzeum selbst trägt den Namen Celâl Bayar.


Die kleinen Werkstätten und Läden in der Gasse der Weißblechhersteller und –verarbeiter lassen alte Zeiten wieder aufleben, auch wenn in vielen Läden Waren des modernen Lebens verkauft werden.


In diesem Stadtviertel gab es früher auch einige Destillerien, in denen verschiedene Spirituosen hergestellt wurden. Später schloss man sich zusammen und verlegte die gemeinsame Destillerie in das Gewerbegebiet vor die Tore der Stadt. Bekannt geworden ist der Ouzo 7 aus der örtlichen Produktion.


Ein winziges, vollgestopftes Geschäft, in dem man traditionell Knöpfe und Garne erwerben kann, existiert schon eine kleine Ewigkeit.


An einer Ecke befindet sich ein Geschäft, in dem Sesam verarbeitet und Halwas hergestellt wird. Auch dieser Laden blickt auf eine lange Vergangenheit zurück.




Das Geschäft birgt den Jahresbedarf an Kalorien für einen ganzen Stadtteil. Alex ist der Meinung, Halwas wäre nicht so dickmachend, doch selbst die Verkäuferin schüttelt etwas irritiert den Kopf. Sehr schweren Herzens verzichten wir. Doch wir kommen irgendwann ja wieder...


Am Rand dieses Viertels befinden sich zwei Straßen mit Geschäften, wie man sie auch aus deutschen Städten kennt: Ermoú und Venizélos waren schon immer DIE Einkaufsstraßen in Komotiní.


Uns gefällt die Vielfalt, aus der man in den Einzelhandelsläden wählen kann. Schon häufiger haben wir in den kleinen Geschäften Artikel gefunden, für die wir uns in Deutschland erfolglos die Hacken abgewetzt haben. Nicht auszudenken, wenn der bunte und reichhaltige Mittelstand in Griechenland Opfer der Krise würde.

An einer Kreuzung kehren wir auf einen Frappé ein. Gegenüber warten Reisende auf den Metro-Bus nach Istanbul (14.00 Uhr), der jeden Tag um 10.00 Uhr und um 22.00 ab Thessaloníki bzw. ab Istanbul abfährt.



Den Nachmittag werden wir am Strand verbringen. Dieses Mal fahren wir nicht bis nach Fanári, sondern bleiben am lang gezogenen Sandstrand von Aroghí.
Der Sandstrand von Aroghí zieht unterschiedliches Publikum an, zum Teil Handtuch-Sitzer, zum Teil, etwas weiter unterhalb, auch Liegenbesucher. Für jeden ist hier Platz genug. Fast alle Besucher sind Griechen – sowohl aus der Umgebung als auch Urlauber. Die kostenlosen, öffentlichen Bambusschirme sind alle belegt.


Vielleicht hat es damit zu tun, dass direkt hinter der Uferlinie der Boden nur ganz sanft ins Wasser abfällt und vorgelagert mehrere Sandbänke liegen. Auf jeden Fall ist die Wassertemperatur angenehm warm.
Uns gefällt die Ruhe: Keine Strandbeschallung, jedoch sportliche Möglichkeiten wie Beachvolleyball und Strandtennis. An einer Kantina gibt es kalte Getränke, weiter unterhalb auch Cafés.
Herrlich entspannend ist es hier zu baden. Im Vorabendlicht der Blick auf das gegenüberliegende Thassos.

Am frühen Abend fahren wir auf weitere Verwandtschaftsbesuche. Der Hund, der sonst immer in einer Ecke lag und vor sich hin knurrte, ist jetzt temporär angeleint. Böse Geschichten erzählt man sich, von Hühnerdiebstahl in der Nachbarschaft und keinerlei Einsicht in sein übles Treiben. Doch mal ganz ehrlich: Sieht so ein Hühnermörder aus?




Zum Schluss Keramotí


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