Über Monodéndri
nach Pápingo


On the road again...voller Tatendrang und gespannt, was uns weiter nördlich, in West-Zagóri, erwarten wird, checken wir früh morgens aus dem Hotel in Ioánnina aus und nehmen, wie gestern, die Straße in Richtung Kónitsa. Im Gegensatz zum gestrigen Tag ist die Straße wieder offen.


Den ersten Abzweig nach Monodéndri, unserem ersten Ziel für heute, verpassen wir und biegen stattdessen weiter nördlich nach Kalpáki ab, von wo eine schmale Asphaltstraße ebenfalls nach Monodéndri führt. Langsam geht es durch die schöne grüne Landschaft bergan. Verkehr begegnet uns kaum auf der mit bunten Wiesenblumen gesäumten Straße.
Schließlich durchqueren wir eine landwirtschaftlich genutzte Hochebene und passieren das Dorf Káto Pedhína (Untere Weide). Noch einige Kurven bergan und wir erreichen Monodéndri, eines der am ersten touristisch entwickelten Dörfer in West-Zagoriá (neben Pápingo und Tsepélovo), mit vielen Unterkünften und etlichen Lokalen. Schon vor 15 Jahren prophezeite mir ein Einheimischer, dass diese Gegend so viel touristisches Potential bietet, dass man einfach investieren musste!

Der Ort Monodéndri besitzt außer seiner typischen zagorianischen Stein-Bauweise einen anderen Schatz: die Nähe zum Kloster Agia Paraskeví, dem „balkoni“, von wo aus man eine famose Sicht in die Víkos-Schlucht hat.
Unser Auto parken wir in einer langen Schlange an der Hauptstraße, am Ortseingang. Direkt gegenüber steht eines der vielen renovierten Herrenhäusern, mehrstöckig, komplett aus Stein.


Man bietet Tirópites an, eine besondere Spezialität des Ortes. Vor allem brauchen wir dringend einen Kaffee! Für zwei Frappe und eine Pitta zahlen wir denn auch stattliche Touristenpreise, insgesamt 10 Euro. Hier werden wir ganz bestimmt nicht mehr einkehren.
Bevor wir zum Kloster gehen, schlendern wir noch ein wenig durch das Dorf, über die alten Steinwege, vorbei an den kleineren, aber auch mehrgeschossigen Häusern mit ihren Steindächern. Die Renovierung muss ein Vermögen gekostet haben. Uns gefallen die alten, holprigen Gassen, durch die jeder Rollkoffer sein jähes Ende findet.


alter Weg


neuer Weg - selbes Prinzip


alter und neuer Weg



Schließlich biegen wir ab auf den Steinweg zum Kloster.


Als ich 1997 das erste Mal dorthin ging, wurde dieser Weg gerade verlegt. Und genau in jenem Jahr erhielt die Víkos-Schlucht auch ihren Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde als mit „900 Metern tiefste Schlucht der Welt“. Um ehrlich zu sein: ob am tiefsten, längsten oder sonst wie, diese Rekorde interessieren uns nicht und sind auch nicht ausschlaggebend für unseren Besuch. Vielmehr ist es die famose Aussicht auf diese von der Natur geküssten Landschaft.
Etwa einen Kilometer lang verläuft dieser Zugangsweg nun jenseits des Ortsausgangs in Richtung Schlucht. Schatten gibt zu dieser Uhrzeit kaum. Kurz vor dem Eingang zum Kloster Agia Paráskevi können wir schon einen Teil des spektakulären Tals überblicken.


Durch das äußere Tor betreten wir den langgezogenen Klosterhof, um schließlich durch ein weiteres Tor in den inneren Bereich zu gelangen.






Als ich 1997 über den breiten Weg erstmals hierher kam, gestaltete sich der Endpunkt, das Kloster, anders: In meiner Erinnerung betrat man zunächst den schmalen, verlassenen Hof durch einen niedrigen Eingang, alle Durchgänge waren offen, und auf der anderen Seite stieß man ungebremst an die Kante zum Nichts, einen mehrere hundert Meter steil abfallende Fels, ohne Geländer oder sonstige Sicherung. Dieser Punkt bildet auch gleichzeitig das Ende der Schlucht, den oberen Rand, so wie auf Kreta die Ebene von Omalós, vor der Xíloskala, den oberen Rand der Samariá-Schlucht bildet.
Damals saß ich auf einem Stein, ganz in der Nähe des Abgrundes, einerseits mit jenem unheilvollen Gefühl der Höhenangst behaftet, andererseits vollkommen fasziniert, mit dem Blick in die Schlucht und auf die gegenüberliegende, ebenfalls steil abfallenden Felswand, in dem ich Adlerhorste erkennen konnte. Irgendwann kam eine Frau mit ihrem Sohn vorbei und nahm den ebenfalls vollkommen ungesicherten, schmalen Weg in den Schluchtenrand hinein. Sie sind hoffentlich unbeschadet an ihrem Ziel angelangt. Der Aufenthalt dort bleibt mir unvergesslich.
Damals konnte man durch den verlassenen Gebäudekomplex einfach hindurch gehen. Heute bezahlen wir 2 Euro Eintritt, „zur Unterstützung des Klosters“. Zum Dank erhalten wir von einer Frau in einer Tüte eine kurze Beschreibung des im Jahr 1412 erbauten Klosters, ein kleines Holzkreuz sowie ein Tütchen mit duftenden Weihrauchbröckchen. Sie ist sehr nett und erzählt uns, dass ihr Sohn der Priester des Klosters ist und nebenbei Ikonen malt. Er selbst ist aber gerade nicht da.

Um die Ecke betritt man schließlich den Aussichtsbalkon. Der Blick hinunter in den Schluchtengrund mit dem recht trocken wirkenden Flussbett des Voidomátis beeindruckt mich erneut, die Sicht auf die gegenüberliegende Felswand wirkt imposant, und kein Abgrund erzeugt mehr Höhenangst.








Bestimmt haben Sicherheitserwägungen in Bezug auf Touristenbesuche dazu geführt, dass der Zugang heute so ummauert ist. Möglicherweise führt aber noch tatsächlich ein Weg vor dem Klostereingang ab zur Einsiedelei im Berg, die nur auf diesem abenteuerlichen Weg zu erreichen war. Wir jedoch sehen ihn nicht.
Also geht man jetzt dort zur Aussichtsplattform, schaut in die Schlucht, und wenn auf dem „balkoni“ viel Betrieb ist, wird sich die Besichtigungszeit in Grenzen halten: Man macht sein Foto und schiebt wieder ab.
Der spektakuläre Aspekt meines ersten Besuches kann leider nicht wiederholt werden, was aber sicherlich nicht nur an den baulichen Veränderungen liegt. Damals war ich drei Monate lang alleine, auf eigene Faust und ohne Auto unterwegs, und es erschien mir wie ein Wunder, solch’ spektakuläre Landschaften zu entdecken. Ich ließ mich treiben, hatte Zeit.
Manchmal ist es besser, die inneren Bilder, die du von den eindrucksvollsten Momenten deiner Reisen gewonnen hast, die sich in deine Seele eingebrannt haben und dich ein Leben lang begleiten, so zu belassen, wie sie sind, und nicht zu versuchen, etwas Vergangenes zu wiederholen. Häufig wird man dabei enttäuscht.

Einen Blick in das Innere der Klosterkapelle werden wir uns aber noch gönnen. Die Atmosphäre in den beiden Räumchen ist sehr schön, die Fresken wirken teilweise alt; einige sollen, wie das Kloster, aus dem 15. Jahrhundert sein.






Gedämpftes Licht lässt eine Ahnung aufkommen, wie es vielleicht einmal war, als Nonnen in dieser damaligen Abgeschiedenheit das Kloster bewirtschafteten (seit seiner Gründung bis ca. 1940) und Einwohner der Umgebung hier während der Aufstände vor den turko-albanischen Schergen immer wieder Zuflucht suchten. Aufgrund seiner Lage bot das Kloster einen guten Schutz vor Angreifern. Wenn diese doch in das Gemäuer eindrangen, waren die Flüchtlinge längst in die Höhle im Berg geflohen, die nur über den schmalen Pfad, direkt am Abgrund, zu erreichen und so noch leichter zu verteidigen war.


Der Weg zurück ins Dorf führt wieder leicht bergan. In der Mittagshitze schwitzen wir so sehr, dass wir vor unserer Abfahrt aus Monodéndri unbedingt noch auf ein kühles Wässerchen in einem kleinen Lokal am Ortseingang einkehren müssen. Sehr nett werden wir bedient, die Preise sind in Ordnung und so kaufen wir auch noch zwei sehr eigenwillig geformte Olivenholzlöffel und Bergtee als Mitbringsel.
Danach setzen wir unsere Reise fort, in Richtung Arísti und Pápingo. Wir hatten uns nicht die Mühe gemacht, eine neue Straßenkarte zu kaufen, und so erkennen wir, dass es vor fünfzehn Jahren wohl noch keine asphaltierte Verbindung zwischen diesen beiden Dörfern gegeben hat. Wir hätten die Strecke zurück bis zur Hauptstraße Ióannina - Kónitsa fahren müssen, um dann, ein wenig weiter oberhalb, wieder in die Bergwelt abzubiegen.
So aber durchfahren wir noch einmal die Ebene, wieder vorbei an Vítsa und Káto Pedhína, umsäumt von den Bergkämmen des Píndos, auf die die Wolken in lebhaften Bewegungen ihre Schatten zeichnen.








Die Straße nach Arísti können wir nicht verfehlen, ein Schild weist den Weg. Als wir in Arísti ankommen, glauben wir zuerst, Bienenfressern zu begegnen, jenen bunt-gefiederten Vögeln, doch nein, es handelt sich wohl eher um Eichelhäher, die in einem Baum, an der Durchfahrtsstraße, sitzen.



Diese beschreibt eine 180-Grad-Kurve, Pápingo ist ausgeschildert.


Auf geht es zur letzten, fantastischen Etappe: Ab hier führt die Straße immer höher hinauf. Die Sicht auf das noch entfernt liegende, eckige Felsengebilde des Týmphi ist grandios.


Bevor die Straße in etlichen gewundenen Serpentinen noch weiter bergan steigt, fahren wir durch ein Wäldchen und überqueren über ein kleines Bogenbrückchen einen Fluss mit eisblau schimmerndem, glasklarem Wasser.










Neben der Brücke befindet sich ein schattiger Platanen-Platz, wo wir, wie andere Reisende auch, das Auto abstellen. Es ist tatsächlich der Voidomátis, der schon jenseits des Ausgangs der Víkos-Schlucht, in Richtung Aóos hier vorbei fließt. Gleich überkommt mich der Wunsch, die Füße in das eiskalte Wasser zu halten, um ein wenig Erfrischung zu finden. Man kann förmlich merken, wie sich die Venen zusammenziehen und die Beine ganz leicht werden.
Einige Kinder baden sogar ganzkörpermäßig im Fluss und haben einen Heidenspaß. Andere Erwachsene stehen, so wie ich, bis zu den Knöcheln oder den Knien im Wasser, unterhalten sich, rauchen und genießen ebenfalls die kühle Erfrischung.


Nach einer Viertelstunde fahren wir wieder weiter bergan. Um den grandiosen Eindruck dieser fantastischen Bergwelt einzufangen, halten wir immer wieder an. Diese Strecke verdient auf jeden Fall das Prädikat „sehr sehenswerte Panoramastraße“ auf jeder Karte.








Nach einer Weile kommen uns mitten auf der Straße ein paar Kühe entgegen, gefolgt von ihrem Besitzer. Und schon passieren wir die ersten Häuser von Meghálo Pápingo, auf 1000 Metern Höhe und 62 km von Ioánnina entfernt gelegen.


Wir sind auf Anhieb überwältigt von diesem Dorf, und der Zauber wird auch während unseres Aufenthaltes nicht abnehmen. Geplant ist eine Übernachtung, letztendlich werden drei daraus. Und hätten wir nicht noch andere erstrebenswerte Ziele auf dem Zettel gehabt, wären wir wahrscheinlich noch länger geblieben.
In der schmalen Gasse, in der wir unser Auto abgestellt haben, und es auch ein paar Tavernen gibt, finden wir eine Unterkunft, das Mándalo (Riegel).






Tatsächlich können wir in einem alten, zagorianischen Haus schlafen, das ehemalige Elternhaus des Besitzers. Drei Zimmereingänge sehen wir, die vom einladenden Flur abgehen.




Die Preise schwanken, je nach Größe und Ausstattung. Für unser großes Zimmer zahlen wir 45 Euro. Der mit Parkettfußboden und liebevollen Details dekorierte Raum ist mit riesigen Betten bestückt. Herrlich, so was von gemütlich, mit TV und Kühlschrank neben großem Badezimmer mit Dusche. Eine Klimaanlage gibt es nicht, nirgendwo im Dorf, wie man uns sagt. Man braucht sie einfach nicht, da die Temperaturen nachts auch im Hochsommer kräftig sinken. Wir werden hervorragend schlafen!
Später setzen wir uns ein wenig zu unseren Vermietern, zunächst in das Verkaufsräumchen im hinteren Teil des Gebäudekomplexes, in dem man nette Kleinigkeiten als Souvenir erstehen kann. Später treffen wir uns im Hof wieder. Die beiden sind sehr, sehr nett. Als wir gefragt werden, was uns ausgerechnet nach Pápingo geführt hat, erzähle ich die alte Story.

Es war im Sommer 1986, als ich Jens kennenlernte, einen von vielen Pláka-Strandbewohnern auf der Insel Naxos, wo man zu jener Zeit den Sommer in selbst gebauten Bambushütten verbrachte. Jens war einer derjenigen, der mir die Tür zur Welt ein wenig weiter öffnete, indem er von seinem eigenen Leben erzählte. Den Winter verbrachte er meist in Indien, den Sommer jedoch in Griechenland, häufig auf Náxos, doch sein „Zuhause“ war in Pápingo.


Unvergessen ist die Geschichte seiner ersten Bekanntschaft mit Wasserschlangen, wie er beim Bad im Fluss plötzlich etwas an den Beinen spürte, etwas, das sich bewegte, und er erkannte, dass es eine Schlange war. Da er nicht wusste, ob sie giftig war oder nicht, beschloss er, einfach stehen zu bleiben, bis die Schlange das Interesse an ihm verlor. Und so geschah es. Ab dem Zeitpunkt habe er keine Angst mehr vor Schlangen gehabt, und er machte sich auch keine Sorgen mehr darüber, ob sie giftig waren.
Im Laufe dieses naxiotischen Sommers schwärmte er dermaßen von Pápingo, dass ich mir vornahm, eines Tages dorthin zu fahren. Bei meinem ersten Aufenthalt im Epirus scheiterte ein Besuch an den fehlenden Verkehrsmitteln, doch dieses Mal, nach 27 Jahren, hat sich mein Wunsch erfüllt. Was aber noch viel spannender ist: Jens wohnt immer noch in Pápingo!!! Irgendwo oberhalb, ein Einsiedler, Eigenbrötler, ein netter Mensch, wie auch immer. Zurzeit wäre er aber nicht da. Sehr schade! Aber Jens, falls du durch Zufall einmal auf meine Seite und an diese Stelle findest: Vielen lieben Dank für deine Empfehlung! Ich verstehe jetzt deine damalige Begeisterung.

An diesem Wochenende ist im Dorf richtig was los: Nicht nur eine Walachenhochzeit, wie man den Schüssen aus dem unteren Teil des Dorfes entnehmen kann (wie auf Kreta!), sondern auch Langstreckenläufe durch die Berge. Unglaublich fit seien die Sportler, Muskeln wie Bretter hätten Sie. 50 Kilometer hätte der Sieger der ersten Etappe in knapp 4 Stunden zurückgelegt. Und die Läufe durch die Bergwelt sind ja bei diesen Steigungen nicht ohne.
Unsere Gelüste sind anderer Natur: Aus dem benachbarten Café-Restaurant Astráki des deutschsprachigen Wirtes Bábis duftet es mittlerweile so einladend, das wir nicht mehr widerstehen können. Kontosoúvli gibt es, verschiedene gegrillte Schweinefleischstücke (vom Nacken und Bauch) am Spieß, herrlich knusprig und aromatisch gewürzt. Dazu cremigen Tsatsíki und frischen Choriátiki. Als Aperitif erhalten wir selbst gebrauten Tsípouro aus Moscháto-Trauben, aus denen auch der schwere Samos-Wein gekeltert wird.
Als wir uns schließlich kugelrund gegessen haben (ein Glück, dass wir nicht in den Bergen herumrennen müssen!), ist das Open-Air-Lokal bis auf den letzten Platz gefüllt. Es sind also doch einige Touristen hier vor Ort, auch kleinere, gemütliche Gruppen, die auch nicht durch die Berge laufen. Mittlerweile dreht sich schon der zweite Kontosoúvli-Spieß, und beide – Vater und Sohn (letzterer mit einer Ausbildung zum Koch) - flitzen zwischen Essens-Terrasse und Innenraum hin und her, schleppen Getränke, Salate und alles, was die Taverne so hergibt, und finden in dem Stress zwischendurch immer noch ein paar freundliche Worte zu den Gästen.
Fragt der Sohn einen älteren Mann am Nachbartisch: „Soll ich dir noch ein Bier bringen?“ – Der Gast: „Nein.“ – „Ich spendiere es dir.“ – „Auch wenn mir deine Tante ein Bier spendiert – ich will nicht!“ – Zwei Minuten später steht ein frisch gezapftes Bier vor dem Gast. Dieser lächelt, nimmt das Glas und trinkt mit verschmitztem Gesicht.

Bald sind wir rechtschaffen müde, vielleicht auch wegen des anderen Klimas hier in der Höhe. In der Nacht schlafen wir bei offenem Fenster, ohne Klimaanlage und ohne Moskitos fantastisch. Selbst die Hochzeit kann uns nicht wecken. Bis in den Morgen sollen die Gäste getanzt haben. Am darauffolgenden Tag hört man am Vormittag schon wieder Musik – das Fest geht in seine zweite Runde.

Pápingo Fantastico


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