Von Pápingo über Kónitsa
nach Psarádes/Préspes


Die nächsten Tage soll es heiß werden: heute bis zu 37, morgen sogar bis zu 40 Grad. Wie gut, dass wir weiterhin in den Bergen bleiben, hier versprechen zumindest die Nächte auf ein erträgliches Maß abzukühlen. Einerseits verlassen wir unsere heimelige Unterkunft in Pápingo sehr ungern, andererseits freuen wir uns auf unser nächstes Ziel. Uns steht eine lange Fahrt bevor, nach Norden, zum Dreiländereck Griechenland-Albanien-FYROM. Fast 200 Kilometer sollen es am Ende werden.


Daher packen wir schon am frühen Morgen unsere Sachen zusammen, verabschieden uns von unseren beiden netten Vermietern, Eléni und Kóstas, und sind schon bald wieder on the road.
Wieder überwältigt uns der Anblick des leuchtenden Grüns vor den schroff abfallenden Felsen des Týmphi-Massivs, als wir uns über zahlreiche Serpentinen über Arísti hinunter zur Hauptstraße kurbeln.

Nach einer dreiviertel Stunde auf der Nationalstraße 20 erreichen wir Kónitsa, eine Kleinstadt, die sich in Form eines Dreiecks an einen steilen Hang, den Trapesítsa, schmiegt. An seinem Fuß fließt der Aóos, dessen Quelle wir ja vor wenigen Tagen in der Nähe von Métsovo besucht haben, in seinem breiten Bett vorbei.


Auch Kónitsa war in den 1920er Jahren vom „Bevölkerungsaustausch“ betroffen: Griechische Flüchtlinge aus Kappadokien siedelten sich nach der Rückkehr der ehemaligen türkischen Bewohner nach Kleinasien in der Stadt an. Den griechischen Einwanderern zu Ehren hat man ein Denkmal in der Stadt errichtet.
Noch übrig geblieben aus der osmanischen Zeit ist eine Spitzbogenbrücke, die im Jahr 1870 fertig gestellt wurde, und den Aóos überspannt. Um dorthin zu gelangen, folgen wir einem Wegweiser. Zunächst windet sich die Straße bergauf und gibt den Blick frei auf eine landwirtschaftlich genutzte Ebene, direkt am Fluss, umrahmt von den Erhebungen des Píndos-Gebirges.


Auf einem kleinen Platz endet die Straße; wir stellen unser Auto ab, gehen vor bis zu einem Mäuerchen und erkennen hinter dichtem Laubwerk die imposant geschwungene Brücke. Ein schmaler Pfad führt dort hinauf.




An der höchsten Stelle des Bogens schaut man auf der einen Seite entlang des Flussbettes hinein in eine geschlossene Waldfläche, und auf der anderen Seite hinunter in Richtung Stadt, wo man sich auf den Sandbänken am Flussufer brutzeln lässt. Leise Radiomusik tönt herauf.



Aus einem Hügel am Ufer plätschert ein kleiner, malerischer Wasserfall.





Auf der anderen Brückenseite befindet sich ein Eingang in den Víkos-Aóos-Nationalpark.


Wer durch die epirotischen Wälder wandern will, ist hier genau richtig. Einer der Wege verläuft am Fluss entlang zum Kloster von Stomío und darüber hinaus. Auch der Drachensee ist von hier aus erreichbar. Logieren kann man in einer der vielen Unterkünfte in Kónitsa.


Doch auch dieses Naturparadies ist in großer Gefahr: Es gibt aktuell (2013) Pläne, das Wasser des Aóos nach Ioánnina umzuleiten. Ein solcher Eingriff in die Natur würde nicht nur die Landschaft grundlegend verändern, auch die Menschen am Fluss, vor allem in Albanien, wo der Fluss (mit dem albanischen Namen Vjosë) insbesondere im Mittellauf die Grundlage für die Bewässerung ihrer Felder bildet, müssten um ihre Existenz bangen.
Engagierte Umweltschützer in Griechenland versuchen auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen. Es finden Konferenzen statt, Pressemitteilungen werden herausgegeben und bei Facebook gibt es eine eigene Seite Protect Aóos.
Auch bei der Stadt Kónitsa ist man sich der Folgen einer Flussumleitung bewusst, und man hat daher auf ihrer Gemeindeseite folgendes Video von Vangélis Efthymíou verlinkt, in dem auf die oben beschriebene Problematik eingegangen wird, und das eindrucksvoll die urtümliche, archaische Flusslandschaft zeigt. Den gesprochenen Text im Video haben wir frei übersetzt:

Irgendwann, vor nicht langer Zeit, haben sie unsere Dörfer entvölkert, und die Menschen zogen in die Städte.
Jetzt wollen sie auch die Landschaft zerstören, indem sie die Flüsse umleiten.

Aóos - es heißt, sie wollen auch sein Wasser nach Ioánnina umleiten, um den See zu säubern und die Stadt mit Trinkwasser zu versorgen.
Im selben Moment sagen die Wissenschaftler, dass es nicht der richtige Weg ist, um den See zu reinigen.
In dem Moment, in dem große Privatgesellschaften über die Gewässer verhandeln und sich bereichern.
In dem Moment, in dem die zuständigen Träger und lokalen Gesellschaften bangen und ein Notsignal senden, das auf das geplante Verbrechen hinweist.

Aóos – ein Wassersystem im Herzen des Pindos
Aóos – ein Ökosystem an der Wirbelsäule von Epirus
Aóos – ein Fluss, an dem menschlichen Gesellschaften und Zivilisationen Wurzeln schlugen
Aóos – eine Landschaft, eingeschrieben in der Geschichte und unserer gemeinsamen Erinnerung
Aóos – unsere gemeinsame Identität

Er ist nicht irgendwelche Kubikmeter Wasser.
Er ist nicht nutzbare Energie.
Er ist nicht eine Einnahmequelle für die Entwicklung.

Er ist das Blut, das durch unsere Adern fließt.
Es sind die Gewässer der Jahrhunderte unserer Geschichte.
Er ist die Stimme unserer Vorfahren.

Aóos, Voidomátis, Sarantáporos – Ströme, unzählige Quellen.
Drachenseen, Schluchten, Täler, Ebenen unserer Geschichte.
Dörfer, Felder, Ställe am Rande der Zeit und am Anfang der Welt, unserer Welt.

Lassen wir zu, dass sie all das zerstören?
Lassen wir zu, dass sie uns das Wasser wegnehmen, das seit Jahrhunderten für unsere Existenz sorgt?





Gerade hier, am Eingang zum Nationalpark, inmitten des Waldes und mit Blick auf das breite Flussbett, kann man diese Urgewalt erahnen, von der im Film gesprochen wird, und was sie für die Menschen hier bedeutet. Wir hoffen sehr, dass die Proteste sich verstärken und Erfolg haben werden. Die Zerstörung dieses Ökosystems wäre eine Katastrophe.



Erfüllt von der landschaftlichen Schönheit nehmen wir den steilen Brückenaufstieg von der anderen Seite und kehren zum Auto zurück.


Da wir noch einen weiten Weg vor uns haben, verlassen wir Kónitsa wieder nach diesem kleinen Abstecher. Ortsausgangs, an der Hauptstraße, gibt es rechterhand eine fantastische Bäckerei mit süßen Leckereien, frisch aus dem Backofen. Himmlisch!
Ab Kónitsa führt die Straße weiter bergauf. Nach etwa 12 Kilometern schlängeln sich schmale, hellblaue Wasserbänder durch ein gigantisches Flussbett mit kalkweißen Steinen, der Sarantáporos, ein Nebenfluss des Aóos.






Wilde, ungezähmte Natur in einem von majestätischen Flüssen durchzogenen, unendlichen Waldgebiet, Lebensgrundlage und Rückzugsgebiet für die Letzten ihrer Art: Bären, Wölfe, Luchse und andere Wildtiere.
Die verstreuten Dörfer rechts und links des Flusses heißen Mastorochoriá (Dörfer der Baumeister), früher eine eigenständige Verwaltungseinheit, seit einigen Jahren zu Kónitsa gehörend. Den Namen verdankt die Region ihren Einwohnern, die in früherer Zeit gefragte Behauer von Steinen für den Bau von Gebäuden und Brücken waren.
Links erhebt sich der Grámmos. Im diesem Gebirge liegt auf fast 1500 Metern Höhe das walachische Dorf Aetomilítsa mit dem gleichnamigen Gästehaus, Unterkunft für Bergsteiger und Wanderer. Vom 18. bis zum 20. Jahrhundert hatte das Dorf seine Blütezeit, die es der überaus erfolgreichen Schafzucht verdankte. 40.000 Tiere sollen es gewesen sein, und die Produkte verkauften sich weit über die epirotischen Grenzen hinaus.
Bekannt geworden ist Aetomilítsa auch durch seine Rolle im Zweiten Weltkrieg und im griechischen Bürgerkrieg, insbesondere als Hauptquartier von Markos Vafiádis („General Markos“), einer Führungsfigur der KKE / des ELAS. Nach 1950 entvölkerte sich das Dorf, doch durch die Entwicklung der Region rund um das Gästehaus, die Ankunft der Wanderer und Bergsteiger, kommen so manche ehemaligen Einwohner wieder zurück.
Kurz hinter dem Abzweig nach Drosopighí erreicht von rechts ein breiter Zufluss den Sarantáporos. Hier verlassen wir nun Epirus und kommen nach Westmakedonía. Landschaftlich allerdings ändert sich nichts. Im Gegenteil: Die wilde, urwüchsige und menschleere Landschaft begeistert uns so sehr, dass wir versehentlich – statt einfach weiter über Eptachóri und Neápoli zu fahren – viel zu früh nach Norden abbiegen. Beide Wege führen letztendlich nach Kastoriá, das wir auf unserer Route zumindest streifen werden.
Die Straße ist weiterhin gut asphaltiert, aber schmal. Immer wieder stehen Warnschilder am Straßenrand mit dem Hinweis auf Wildwechsel: Hirsche, Bären, Schakale, Wölfe. Ob wir hier irgendwo tatsächlich einen Braunbären zu sehen bekommen?


Weiter führt die Straße bergan. Die Landschaft verändert sich ein wenig, wird offener, die Hügel weniger bewaldet; viele rutschige, staubige Abhänge säumen nun unseren Weg. Wasser ergießt sich aus dem Berg links vor uns.


Plötzlich treffen wir auf eine Ziegenherde, die versucht, einen solchen steilen Hang von links oben herabzurutschen und die Straße vor uns zu überqueren. Dieses Vorhaben gelingt allerdings wohl nur mit Anlauf, wenn es sein muss, auch mit einem energischen Sprung aus dem tiefen Sitz im Sand, um Tempo aufzunehmen, manchmal auch mit einem Handstandüberschlag im weichen Untergrund.







Während einige der Ziegen noch mit akrobatischen Einlagen beschäftigt sind, kauen andere schon wieder am leckeren Grün.


Am Ende schaut noch ein Hund von oben herab, ob auch alle heile angekommen sind, und kommt dann ebenfalls friedlich angetrottet. Eine besonders schöne Ziege mit geschwungenen Hörnern fällt uns auf.



Als alle auf der anderen Straßenseite angekommen sind, setzen wir unseren Weg fort, weiter bergan.


Bei Kipséli sind die Berge und Hügel noch weniger bewaldet. Spuren eines Brandes prägen die Hügel, einige sind komplett kahl. Nur noch Baumgerippe stehen und liegen auf den Hängen, es muss ein Riesenfeuer gewesen sein.






In immer mehr Windungen schraubt sich die Straße hinauf bis zu einem überdachten Aussichtspunkt, wo wir eine kleine Pause einlegen. Tische und Stühle laden ein, die atemberaubende Sicht zurück ins Tal aufzunehmen, aus dem wir gekommen sind.





Mehrere LKWs, voll beladen mit Strohballen, fahren hinunter ins Tal.


Der nächste Ort heißt Kotíli, das Nachbardorf Nea Kotíli ist auf 1450 Metern Höhe gelegen, die Häuser mit neuen, auffallend knallroten Dächern ausgestattet.


Dahinter wird die Straße ein kleines Stück etwas schlechter, mit Verwerfungen, aber nicht lange. Bergab weitet sich der Blick über bereits abgeerntete Getreidefelder, die Landschaft wird jetzt wieder offener.




Eines der jährlichen Großereignisse der Region wird auf einem Schild angekündigt, damit die jungen Besucher die River Party in Nestório auch finden.


Bekannte und weniger bekannte Künstler treten während des mehrtägigen Festivals vor begeistertem Publikum auf, in diesem Jahr unter anderem: Papakonstantínou, Málamas, Frangoúlis und Alkístis Protopsálti. Leider passt es uns zeitlich nicht, doch die Bilder versprechen fünf Tage von Love and Peace, an einem Fluss, mit guter Musik und sommerlicher Leichtigkeit. Sicher ein schöner Event (Programm 2013).
Wir fahren weiter, über eine Flussbrücke, halten uns dann rechts: Bis Kastoriá wären es noch 25 km. Im Konjunktiv, weil wir dort nicht hinkommen werden. Auch in Kastoriá gibt es wieder einen See, die Stadt soll auch sehr schön sein. Wir könnten Bekannte besuchen – und wie lange wären wir dann da? Wir haben noch soviel vor, und ganz ehrlich: Wir sind megagespannt auf die Prespaseen, unser eigentliches Ziel, und dort wollen wir heute unbedingt noch hin. Kastoriá heben wir uns für einen späteren Besuch einmal auf.
Weiter geht es nun auf einer Ebene bis nach Mesopotamía.


Hinter dem Dorf, also noch vor Kastoriá, biegen wir ab und nehmen ein kleines Stück Autobahn in Richtung Kozáni, die uns weiträumig an Kastoriá vorbeibringt. An der nächsten Ausfahrt weist schon ein blaues Schild in Richtung Πρέσπες (Prespes) - nur auf Griechisch. Ab hier sind es noch 45 km bis zu den Prespaseen.
Im grünen Bergland, das wir nun durchfahren, weisen noch mehr Schilder „Wildlife crossing“ auf heimische Wildtiere hin. Bäche und Flüsse durchziehen die Landschaft. Wir passieren das Dorf Gávros mit seinen verfallenen Häusern. Rechterhand ein wasserloses Flussbett.
Beim Abzweig nach Trígono biegen wir letztmalig ab, zunächst in weiteren Serpentinen leicht bergan. Hinter einer Kurve liegt der Kleine Prespasee unvermittelt vor uns.


Fast sind wir am Ziel angekommen. Wir folgen der Straße nun rechtsseitig des kleinen Sees, rollen durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Insbesondere Bohnen werden angebaut, ein Feld neben dem anderen, die Gegend ist berühmt dafür. Mal schauen, für wie viele Kilos unser Koffergewicht ausgelegt ist.


Da wir noch nicht wissen, wo genau wir uns eine Unterkunft suchen werden, entscheiden wir uns an einer Kreuzung, am Ende der Seelängsseite, für den Abzweig nach rechts, weg vom See, in Richtung Laimós und Agios Germanós, letzteres im Internet angepriesen, wegen seiner Unterkünfte und Tavernen. Zwischendurch überlegen wir es uns aber wieder anders. Am Prespasee sein, und dann nicht in der Nähe des Wassers? Das macht uns keinen Sinn, und deshalb kehren wir um und entscheiden uns für das Fischerdorf Psarádes, das am Ende eines Fjordes, direkt am großen See liegt.
Um dorthin zu gelangen müssen wir über eine breite Landbrücke, die den Kleinen vom Großen Prespasee trennt. Störche beäugen uns bei der Durchfahrt von ihrem sicheren Ausblick auf ihren Strommasten.


Psarádes ist ausgeschildert. Am Ende des Dammes nehmen wir den für heute letzten steilen Hügel in Angriff, natürlich wieder in Serpentinen. Auch wenn man nicht nach Psarádes will und doch lieber woanders logiert, sollte man unbedingt hier hinauf, denn die Sicht von der Hügelspitze auf die im ruhigen Wasser des Großen Prespasees sich spiegelnden Berge und Wolken ist umwerfend.


Schließlich rollen wir wieder bergab und endlich nach Psarádes hinein, direkt auf eine große, leere, recht neu anmutenden Platía (oder doch eher einen Parkplatz).




Ein paar Männer hängen auf Sitzgelegenheiten herum, folgen jeder unserer Bewegungen, als wir aussteigen, mustern uns lässig und unverhohlen.
Am erhöhten Seeufer gibt es Tavernen, im Ort selbst auch mehrere Unterkünfte. In einer Taverne lassen wir uns auf einen Kaffee nieder, nachdem wir einen für unseren Geschmack etwas sehr forschen Zimmervermieter abgewimmelt haben. Die Tavernenfamilie ist sehr nett und bringt uns zum Frappé Informationsmaterial der SPP (Society for the Protection of Prespa) über die Region. Man ist sehr um die wenigen Gäste bemüht, freundlich, aufgeschlossen, auskunftsfreudig.

Wo es in anderen Gegenden die Katzen sind, die sich gerne in den Tavernen Futter zusammenbetteln, hat sich hier eine Hühnerschar versammelt, die mit ruckenden Kopfbewegungen und blinkenden Äuglein auf Körner wartet. Sie laufen frei herum, manchmal kräht der Hahn kräftig durch, dann gackert es ein wenig von links und rechts. Echt ländlich hier.


Von unserem Sitzplatz aus schauen wir direkt auf ein etwas sumpfiges Gebiet am Seeufer. Vor einem Monat hätte das Wasser noch höher gestanden, sagt man uns, doch in diesem Sumpfgebiet fänden die Moskitos ein Paradies vor. Zurzeit gäbe es sehr viele.




Bin ich froh, dass ich genug Autan mitgebracht habe! Die Haut pappt zwar unter der klebrigen Chemikalienschicht, doch die Plagegeister kommen nur bis kurz davor; manchmal merke ich, wie sie schon auf meiner Haut sitzen, und dann das Stechgebiet fluchtartig wieder verlassen. Vom Prespaee werde ich keinen einzigen Stich mitnehmen. Und außerdem: Wer die Stechmückenattacken am Ioánnina-See überstanden hat, braucht den Prespasee nicht zu fürchten.
Als wir nach einer Unterkunft fragen, deutet man auf den Vermieter, der uns bei unserer Ankunft sehr eindringlich angesprochen und behauptet hat, er hätte die „besten Zimmer in ganz Psarádes“. Da er sich nur ein paar Meter entfernt zu den anderen Männern gesellt hat, um uns gemeinschaftlich zu beobachten, sprechen wir ihn dann wieder an. Seine Pension sei wirklich gut, und die Lage unschlagbar, meint er nochmals, gerade mal 20 Meter von der Taverne entfernt, mit Blick auf den See.


Die Zimmer sind einfach, mit Parkettboden ausgestattet und sehr funktional. Alles ist sauber, das Bad gut. Sogar einen kleinen Balkon gibt es. Für 30 Euro absolut OK.
Unsere Frage gilt natürlich gleich einer Bootsfahrt auf den See hinaus. Darauf freue ich mich seit 20 Jahren! Auch andere bieten diese Touren an, für die hiesigen, wenigen Einwohner ein gutes Zubrot. Der See mit seiner großen Vogelpopulation zählt zum natürlichen Reichtum der Region, der helfen soll, die Gegend touristisch aufzuwerten.
Auch bei unserem Vermieter können wir eine Bootsfahrt buchen. Er gibt uns den Tipp, am besten entweder am frühen Abend oder frühmorgens loszufahren. Uns steht der Sinn nach einem morgendlichen Ausflug, und wir vereinbaren, uns um 7.00 Uhr in der Früh, am nächsten Tag, zu treffen. „Dann haben wir den See für uns alleine“, meint Tássos, unser Zimmerwirt. Er selbst sei schon um 4.00 Uhr morgens draußen auf dem Wasser, er sei Fischer, doch würde er pünktlich um 7.00 Uhr auf uns zu Hause warten. Und sein Boot führe zwar nicht so schnell wie die Schnellboote, aber dafür könnte man auch die Schönheiten des Sees besser genießen. Ich freue mich riesig, einfach Wahnsinn: Solange habe ich mir das gewünscht, und jetzt wird es wahr!

Nachdem wir unser Gepäck ins Zimmer bugsiert haben, unternehmen wir einen kleinen Spaziergang zum Seeufer und den Bootsstegen. Der Blick auf den Fjord löst bei mir Glücksgefühle aus. Es ist die Ruhe, die uns - für heute am Ziel angekommen - erfasst, die Entspannung, und ich bin mir sicher, dass die ständig gestresste Städterseele in dieser entschleunigten Umgebung beste Erholung finden kann.




Ein paar einheimische Jugendliche rasen mit ihren Rädern über die Stege, dass es nur so rattert, werfen die Räder hin und springen ins Wasser. Was für ein Vergnügen!
Von hier aus kann man das kleine, verschlafene Fischerdorf, irgendwo am Rande Griechenlands, ganz gut überblicken. Viele der Häuser sind renoviert, einige vielleicht sogar neu hinzugekommen.


Möglicherweise geht es zu anderen Jahreszeiten lebhafter zu, doch im Moment sehen wir fast überhaupt keine Fremden. Man steht förmlich in den Startlöchern, alles scheint bereit, doch jetzt, am späten Nachmittag, kommt gerade einmal ein Boot vom See zurück, mit zwei griechischen Touristinnen - und unserem Vermieter! Die beiden Frauen sind guter Dinge, und Tássos auch.
Mit einem Mal wird mir ein wenig schwindelig. Huch, was ist das denn? In Wirklichkeit schwankt einfach nur der Steg ein wenig, denn diese Stege sind nicht fest im Seeboden verankert, sondern schwimmend aneinandergekoppelt. Bei Bedarf kann man die Metallwege erweitern oder abbauen.
Einige der charakteristischen Fischerboote hier am See sind an den Stegen festgemacht. Mit einer solchen Barke werden wir morgen auch hinaus fahren.




Wieder zurück auf festem Boden wagen wir einen kleinen Spaziergang aus dem Dorf heraus, am Seeufer entlang. Langsam senkt sich auch schon die Sonne über den See, der zu dieser Stunde ganz still ruht. Der Weg verliert sich bald. Mit Sandalen über holpriges Gestein und um dornige Büsche herum zu staken, macht irgendwie keinen Spaß. Wer weiß, ob sich dort nicht auch Schlangen verbergen, die man unbeabsichtigt aufschreckt. Lieber gehen wir wieder zurück. Doch der in diesem einzigartigen Licht ruhende See übt eine große Anziehungskraft und Faszination auf uns aus.






Die leichte Brise, die am Nachmittag über den Platz wehte und für ein angenehmes Klima sorgte, hat sich komplett gelegt. Eine Klimaanlage hat keines der Zimmer in Psarádes, sagt man uns. Die für später angekündigte kühle Frische, jetzt im Hochsommer (auf 850 Metern Höhe), wird unsere Nacht bei geöffnetem Fenster hoffentlich angenehm gestalten. Im Moment ist es jedenfalls noch sehr warm.
Fischer machen sich auf den Weg in ihren kleinen Booten, oder auch nur Einheimische, die zu dieser stillen Stunde die Ruhe des Sees hautnah erleben möchten.






Zurück in der Taverne vom Nachmittag möchten wir Fisch aus dem See probieren. Wir sind die einzigen Gäste. In der Nachbartaverne sitzt eine kleine Reisegesellschaft (aus Israel, wie wir später erfahren), ansonsten ist tote Hose. Hier sind wir tatsächlich in einem Dorf gelandet, das vom Tourismus noch recht unberührt ist. So weit mussten wir dafür fahren, und wir genießen es in vollen Zügen.
Die Speisekarte ist klein, es gibt jedoch mehrere Fischsorten, unter anderem Péstrofa (Forellen) und Tsiróni (ein kleiner Fisch). Wir bestellen jedoch Ghrivádhi (Prespa-Karpfen). Da unser Fisch aus dem großen See kommt, schmeckt er aufgrund der größeren Wassertiefe nicht schlammig, so wie Süßwasserfische manchmal halt schmecken, ganz im Gegenteil. Serviert wird er leicht paniert und gebraten, mit köstlichem, eingelegtem Weißkohl (mit Möhren, Petersilie und viiiiel Öl). Nachdem wir die Riesenportion vertilgt haben, bleibt kaum noch Platz für die gigantische Joghurtportion mit kandierten Früchten, die uns die freundliche Tavernenfamilie zum Nachtisch spendiert. An dieser Leckerei können wir jedoch nicht einfach so vorbeigehen, und schließlich findet der größte Teil dieses göttlichen Joghurts doch noch seinen Platz neben dem Fisch.
Zum Glück sind die Wirtsleute überall weise und lassen wegen der Moskitos die Lichter aus, nur ein paar Funseln erhellen sanft die Essplätze. Und da es zurzeit eh sonst keine Tavernengäste gibt, werden die Läden auch früh geschlossen.

Bootsausflug auf dem Großen Prespasee


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