Bootsausflug auf dem
Großen Prespasee


An den Räumlichkeiten lag es nicht. Auch nicht an der Schlafstatt. Vielleicht an den vielen starken Sinneseinsrücken des gestrigen Tages oder an der riesigen Vorfreude auf die heutige Bootsfahrt – unsere Nacht war auf jeden Fall lausig. Den Wecker hatten wir auch falsch gestellt, sind aber noch rechtzeitig – also ein paar Minuten vor 7.00 Uhr – wachgeworden. Schnell eine Katzenwäsche, und ab nach unten, Tássos wartet sicher schon. Halt! Nochmals zurück, zur Vorsicht werden noch die Jacken mitgenommen. Tatsächlich steht unser Zimmerwirt schon abfahrbereit in seiner Küche, in der unteren Etage. Für Kaffee ist keine Zeit mehr.
Direkt wird das Boot im kleinen Hafen angesteuert, wo wir auf einem Brett, das über zwei stabilen Plastikkisten fixiert ist, Platz nehmen. Tássos sitzt hinter uns, macht die Leine los, stößt ab, führt ein paar Bewegungen mit den Rudern aus, wirft den kleinen Außenborder an und schon beginnt unsere langsame Fahrt durch den schönen Fjord. Noch verbreitet die Sonne ihr rötliches Morgendämmerungslicht hinter den Bergen. Der Fahrtwind ist trotz der geringen Geschwindigkeit kühl; es war sinnvoll, eine leichte Jacke mitzunehmen.


Pelikane, Reiher, Möwen und Kormorane werden wir zuhauf sehen, eine ganze Schar hat sich schon auf einem der Stege im Hafen aufgereiht.
Über die glatte Wasseroberfläche gleiten wir hinaus in den Fjord, die einzigen, die sich hier, auf der griechischen Seite des Sees, zu dieser Stunde aufhalten. Ein märchenhafter Glanz liegt auf dem Wasser.


Tássos beginnt nun mit sparsamen Worten, uns die wichtigen Sehenswürdigkeiten unseres Ausfluges zu erklären. Nicht nur den Pelikanen, deretwegen wir in erster Linie gekommen sind, kann man begegnen. Auch in den Felsbegrenzungen des Fjords gibt es an mehreren Stellen Ikónes (Heiligenbilder), die schon sehr alt sind.






An drei Stellen standen darüber hinaus in früheren Zeiten Klöster und Einsiedeleien, die von Nonnen oder Mönchen bewohnt wurden: die Mikrí Análipsi und Panghía Eléoussa stammen aus dem 15. Jahrhundert, die Metamórphosis aus dem 13. Jahrhundert. Die Gebäude sollen ebenfalls sehr schöne Fresken beinhalten.
Wenn wir möchten, führe uns Tassós dorthin und wir könnten das Gelände besichtigen. Doch wir sind sehr gespannt auf die Pelikane, und die alten Steine lassen sich auch aus der Distanz ganz gut erkennen. Wir bleiben lieber im Boot.


Tássos zeigt uns jede Falte und jede Besonderheit in dem langgezogenen Fjord. Man merkt, dass er das nicht zum ersten Mal macht. Mir gefallen seine ruhige Art und die sanfte Stimme, mit der erklärt, nicht zu viel erzählt, sondern die Szene einfach wirken lässt. Seine Verbundenheit mit dem See ist spürbar, und dass er uns daran teilhaben lässt, macht unseren gemeinsamen Ausflug zu etwas Unvergesslichem.




Ein Fuchs lauert an einer Stelle am Ufer auf Beute. Tássos deutet auf den Alepú, doch der verschwindet ganz schnell aus unserer Sichtweite.
Das Wasser des Sees hätte früher, noch vor 50 Jahren, sehr viel höher gestanden als heute. Die alte Wasserstandsmarke zeichnet sich im Fels deutlich ab.


Etwas weiter draußen, in Richtung Fjordausgang befindet sich ein Strand, über dem sich ein weites, grünes, dichtes Gelände erstreckt – ein ideales Terrain für Braunbären. Über zwei Durchgänge gelangen sie zum Strand, den sie gerne aufsuchen. Leider nicht heute Morgen. Größere Höhlen gibt es hier auch, wo ein Bär sich verstecken oder ein ungestörtes Schläfchen halten kann.




Pelikane werden durch unser Näherkommen aufgestöbert. Sie warten, bis sie ganz sicher sind, dass wir nicht doch vorher abdrehen. Schließlich breiten sie die Flügel aus, nehmen Anlauf, indem sie mit ihren Füßen über die Wasseroberfläche platschen, um sich nach Aufnahme von ausreichender Geschwindigkeit schließlich in die Luft zu erheben, um schon bald an anderer Stelle wieder zu landen.
Einer, den wir beobachten, hat eine bessere Technik, er braucht diese Startsequenz nämlich nicht. So wie andere Vögel schlägt er mit den Flügeln und hebt ab ... um gleich darauf jedoch wieder auf dem Wasser zu landen (halt! was vergessen!), wo er auf der Wasseroberfläche die Laufbewegungen vollführt (platsch, platsch, platsch), um endlich richtig zu durchzustarten.








Pelikane gehören zu den ältesten, und größten, flugfähigen Vögeln der Erde. Ihre Flügelspannweite kann über drei Meter erreichen. Neben den anmutigen Rosapelikanen (Pelecanus onocrotalus, Great White Pelican) mit ihrem weißen, glatten Gefieder wirken die Krauskopfpelikane (Pelecanus criptus, Dalmatian Pelican) mit den eher grauen Federbüscheln an Kopf und Hals etwas zerrupft.


So viele ihrer Art gibt es weltweit nicht mehr. Die Zerstörung ihrer Lebensräume ist der Hauptgrund für die Gefährdung der Art. An den Prespaseen finden sie jedoch ideale Lebensbedingungen vor. Ihre Zahl wird durch die SPP (Society for the protection of Prespa) überwacht. Seit den 1980er Jahren hat sich die Zahl der Brutpaare auf über 1100 verneunfacht und gilt lt. SPP weltweit als größte Brutkolonie!



Pelikan-Tennis





Pelikane wandern während ihres Lebenszyklus und brauchen zum Leben fischreiche, ruhige Süßwasserflächen, die sie an Flussdeltas, auch im Brackwasser von Lagunen und an Seen finden. Den Winter verbringen viele Prespa-Pelikane übrigens gerne an der weiter südlich gelegenen Lagune von Messolóngi. Nicht nur für sie wäre es eine Katastrophe, wenn das ökologische Gleichgewicht der Lagune infolge der geplanten Flussumleitung des Achelóos kippen würde.




Südeuropa beheimatet große Kolonien der seltenen, schützenswerten Vögel. Die SPP, erfahren im Handling von Interessen der drei Länder rund um die Prespaseen, hat in diesem Bewusstsein, dass beim Artenschutz nationale Interessen nicht im Vordergrund stehen dürfen, im Jahr 2012 einen Kongress veranstaltet, an dem Vertreter aus neun Ländern teilhatten. Sie kamen aus der Türkei, aus Israel, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Montenegro, Slowenien, Frankreich und Griechenland. Es wurden die Umstände umrissen, die verantwortlich sind für die abnehmende Zahl der Vögel und vorrangige Ziele festgesetzt, um die Art zu erhalten. In einem gemeinsamen Statement (engl.) der Teilnehmer sind die Einzelheiten nachzulesen.


2013 erfolgte darüber hinaus der erste große Pelikan-Zensus für ganz Griechenland, initiiert von der SPP und unter Beteiligung der griechischen ornithologischen Gesellschaft und den Verantwortlichen unter anderem in den Schutzgebieten des Prespa- und Kerkinisees, des Evros- und Nestos-Deltas, Vistonida und Ismarida, des Axios Deltas, des sanierten Karlasees, des Pamvotissees, der Feuchtgebiete des Amvrakischen Golfes und Strophilia und der Lagune von Messolongi.
Ziel war die Erfassung der Gesamtzahl der Pelikane, die die Schutzgebiete zum Brüten nutzen. Insgesamt 3564 Krauskopfpelikane und 684 Rosapelikane wurden gezählt. Diese zahlenmäßige Grundlage will man für die Planung besserer Schutzmaßnahmen nutzen, insbesondere für die der Krausköpfe, für deren Fortbestand Griechenland eine große Verantwortung trägt, da das Land 25% der Weltpopulation dieser vom Aussterben bedrohten Art beheimatet.


Doch nicht nur die beiden Pelikanarten, sondern auch der Pygmäen-Kormoran, brauner Sichler, Silberreiher und viele andere Vogelarten finden hier einen idealen Brut- und Lebensraum.




Für Kormorane, Schildkröten und Schlangen bietet insbesondere die unbewohnte Insel Golemgrad (übersetzt: „große Stadt“) im Großen Prespasee auf der Seite von FYROM einen ansprechenden Naturraum. Schon seit 1958 ist sie als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Leider können wir von griechischer Seite aus dort nicht hin.


Auch wenn die Menschen um den See herum, nicht zuletzt auch durch die Einrichtung des grenzüberschreitenden Prespaparkes, gute Kontakte zueinander haben, so ist der Grenzübertritt in die Nicht-EU-Länder Albanien bzw. FYROM (oder Skópja, wie die Einheimischen hier sagen) auf dem Seeweg streng verboten. Auch Tássos hält sich peinlich genau daran, bleibt nur im Bereich des Fjords und ein wenig darüber hinaus, zeigt uns, wo die griechische Grenze verläuft, „da hinten links, die letzte Einbuchtung von hier aus, wo gerade die Sonne hineinscheint“. Mit der Hand zeichnet er die Grenze vor uns imaginär auf den See. „Hier ist noch Berlin“, meint er.




Tássos fährt uns kreuz und quer herum. Immer wenn er etwas erklärt oder uns etwas zeigen will, oder wenn wir uns einer Vogelkolonie nähern, schaltet er den Motor aus. Dann dümpelt das Boot in der Ruhe des Sees. Wie beseelend die einmalige Atmosphäre inmitten dieser faszinierenden Naturlandschaft am frühen Morgen doch ist!
Langsam steigt die Sonne höher, und sofort wird es wärmer, doch die Luftfeuchtigkeit bleibt. Fische springen neben uns aus dem Wasser und malen viele kleine Kreise auf die spiegelglatte Oberfläche, ein Fischerparadies für Mensch und Vogel.
Als wir nach etwa anderthalb Stunden zurückkommen, sitzen die Möwen und einige Kormorane immer noch regungslos auf dem beweglichen Steg im Hafen. Auch im Dorf ist noch nichts los, alles ruhig.











Nur wenige sind schon vor dem Frühstück mit ihrer Morgentoilette beschäftigt.






Nachdem wir wieder angelegt haben, verabschiedet Tássos sich und geht nach Hause. Wir jedoch möchten diese schöne, friedliche Stimmung noch ein wenig genießen und bleiben auf dem Steg. Im Dorf hört und sieht man noch nichts, die Tavernen sind auch noch geschlossen, neue Gäste sind noch nicht eingetroffen. Einzig ein anderer Fischer schrubbt an seinem Boot herum und räumt auf.
Zwischen den Grashalmen lugt ein Schlangenköpfchen hervor, doch schon ist es wieder verschwunden.
Vier Pelikane, Krausköpfe, schwimmen zusammen umher auf der Suche nach Futter. Wo die anderen Pelikane auf dem See so scheu waren und bei unseren Annäherungen immer wegflogen, haben diese vier gelernt, dass ihnen die Fischer nichts tun, sondern sie - im Gegenteil - auf Fischteile hoffen können.


Langsam nähern sich die Pelikane. Wir stehen in der Nähe und beobachten, wie der Mann Fischabfälle ins Meer wirft, und schwupp sind die Pelikane da.


Den Kopf kurz mal ins Wasser getaucht, und mit ausgebeulten Schnabeltaschen, voll mit leckerem Fischfrühstück kommen sie wieder hoch, recken den Hals ganz nach oben, bis über den Kopf, ein paar kurze Ruckler, und zack, verschwinden die Fische in den Vögeln.




Langsam begreifen wir, dass wir im Weg sind. Erst als wir etwas zurückweichen, schwimmen sie nahe an den Steg, auf dem wir gerade standen und wo noch mehr feiner Fisch wartet.


Als wir später kurz zurück zur Unterkunft gehen, bezahlen wir die 30 Euro für die Bootstour, die wir vorher abgemacht haben und die wahrlich nicht zu viel sind. Wären wir länger geblieben, hätte sich der Preis noch reduziert.
Tássos spürt unsere Begeisterung und zückt ein großes Kuvert mit alten Fotografien. Darauf kann man gut erkennen, wie hoch die Uferlinie des großen Sees früher verlief. Eines der Häuser steht so noch in seiner Urform, doch heute weit entfernt vom Seeufer, auf der anderen Seite des großen Platzes.







Ein Poster hängt im Flur unserer Unterkunft, das das Motto der Region wiedergibt:

3 Länder, 2 Seen, 1 Zukunft


Der vordere Mann auf dem Boot, der mit der grünen Schürze, das sei er, meint Tássos ein wenig stolz. Und die Eigenarten jedes der abgebildeten Pelikane kennt er auch und beschreibt sie uns: der eine zurückhaltend, der andere forsch, ein dritter frech und anmaßend, wenn es ums Futter geht. Im Nachhinein sind wir froh, dass er uns über den See gefahren hat, dass wir nicht mit einem Schnellboot rasen mussten, dass wir so früh schon auf den Beinen waren und dass wir dieses unvergessliche Erlebnis überhaupt genießen durften.
Uns zieht es zurück zum Seeufer, um den Pelikanen noch ein wenig zuzuschauen. Viel später erst gehen wir zum Frühstück die paar Schritte zu der jetzt geöffneten Taverne.
Wenn die Wirtsfamilie nicht so herumbrüllen würde, hätten wir auch weiterhin noch einen himmlischen Frieden. Irgendwann hört das Geschrei aber wieder auf. Ein Schwalbenschwarm fliegt um uns herum, offensichtlich haben sie in der hölzernen Überdachung des Außenbereiches der Taverne ihre Nester. Manchmal plätschert es im Wasser, wenn ein Seebewohner sich rührt. Vor uns hat ein Kormoran seine Flügel zum Lüften ausgebreitet. Zwei Hunde, die zu irgendjemandem hier gehören, kommen zum Spielen und Tollen ans Ufer. Auch die Hühnerschar von gestern promeniert schon wieder herum. Was für eine zauberhafte ländliche Idylle!
Trotzdem entschließen wir uns, heute doch schon weiterzufahren. Vielleicht kommen wir zu einer anderen Jahreszeit wieder hierher. Im Frühjahr ist es bestimmt sehr schön, wenn die Temperaturen auch tagsüber angenehm bleiben und die Berge noch schneebedeckt sind.
Doch vor der Weiterfahrt braucht Alex als Fahrer unbedingt noch eine Mütze voll Schlaf, während ich mich auf den kleinen Balkon in unserer Unterkunft setze, um das magische Gefühl unseres Ausfluges noch ein wenig zu verlängern.

Drei Länder - zwei Seen - eine Zukunft


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