Drei Länder, zwei Seen, eine Zukunft


Psarádes besticht nicht – wie z.B. Pápingo – durch eine besondere Architektur, sondern durch seine einmalig schöne Lage, am hinteren Ende eines Fjords des Großen Prespasees. Eines von nur wenigen anderen Dörfern, die - zum Teil bewohnt, zum Teil aber auch verlassen - am griechischen Rand des Kleinen Prespasees liegen. Wenn man das erste Mal hierher reist, glaubt man, irgendwo am Ende der Welt angekommen zu sein, denn die Straße endet in Psarádes.
Tagsüber scheint hier im Dorf eher wenig zu passieren. Die Fischer, die schon sehr früh am Morgen unterwegs waren, nutzen die Zeit jetzt für andere Arbeiten, am Boot, am Haus, versorgen ihren Fang. Der zweite Fischerei-Einsatz findet erst wieder am frühen Abend statt.




Ansonsten sitzt man im Schatten, unterhält sich oder auch nicht. Ein älterer Mann, der je nach unserem Aufenthaltsort seine eigene Sitzposition schlurfenden Schrittes verändert und uns lethargisch, aber eingehend beäugt hat, kommt aus Albanien und scheint hier zu leben.
So verschlafen, wie Psarádes jetzt noch ist, und wo man sich offensichtlich Hoffnung auf Mehreinnahmen durch touristische Angebote macht, mag Mátala in Südkreta früher gewesen sein: ein Fischerdorf, in dem der Fischfang und die täglichen Ausfahrten im Mittelpunkt des Alltagslebens stehen.
Doch man ist keineswegs am Ende der Welt angekommen. In Wirklichkeit befindet man sich zwar in einem Randgebiet Griechenlands, jedoch im Herzen des Balkans. Eine Gegend, die im Dreiländereck mit Albanien und FYROM durch die besonderen kulturellen Hintergründe und die unterschiedlichen Traditionen der lokalen Gemeinschaften sowie dem grenzüberschreitenden Miteinander rund um die beiden Prespaseen geprägt ist.
Schon gestern, bei unserer Ankunft, ist es uns aufgefallen: Die Menschen sprechen alle einen Dialekt, den wir absolut nicht verstehen und der nicht im Entferntesten mit der griechischen Sprache verwandt zu sein scheint. Als wir jedoch jemanden ansprachen, konnten wir uns in fließendem Griechisch unterhalten. Der Dialekt, so erfahren wir später, wird – neben den jeweiligen Landessprachen - rund um die Prespaseen gesprochen. Er sei mit dem Slawischen verwandt, und man könne sich damit sogar mit russischen und bulgarischen Besuchern verständigen, sagt man uns.
Für das Sprachenverständnis und das Erlernen von Fremdsprachen scheint sich zu bestätigen, dass die Verwendung eines Dialektes neben der Hochsprache sehr förderlich sein kann, denn der etwa zehnjährige Sohn und die erwachsene Tochter unser Tavernenfamilie sind fasziniert von der deutschen Sprache: die Tochter studiert Germanistik, und der Sohn hat eine längere Zeit Deutsch in einem Frontistírio (einer Privatschule) gelernt. Als Alex das hört, erwacht in ihm augenblicklich seine Lehrerseele. Ich bin sehr verblüfft, als der Junge bereitwillig seine Deutschkenntnisse abfragen lässt, und noch erstaunter bin ich, als er über die Zeitformen in der deutschen Sprache referiert, insbesondere über das Plusquamperfekt, zu bilden aus Vergangenheitsformen von „haben“ und „sein“ und dem „Parrrrrrrtizip Zwei“. Das kommt so unzweifelhaft über seine Lippen, dass man ihm nur wünschen kann, dass er die Sprache weiter lernen wird und seine Kenntnisse hoffentlich einmal nutzen kann. Viele Deutsche haben vom Plusquamperfekt keinen blassen Schimmer, und hier, irgendwo an der griechischen, albanischen und FYROMischen Grenze, sitzt ein Junge, dem es nur so zufliegt!
Allerdings erscheinen die sozialen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Region Prespa eher begrenzt. Die Abgeschiedenheit und schwere Zugänglichkeit sowie die fehlende wirtschaftliche Perspektive bedeutete in den vergangenen Jahrzehnten eine Abwanderung der Jugend, sodass die Bevölkerung heute – wie so oft in ländlichen Gebieten – überaltert ist. Viele junge Leute suchen ihre Bildungs- und Berufschancen eher in den Städten, wobei in Zeiten der Krise auch dieses Unterfangen sehr schwer sein dürfte. Um diesem Trend entgegenzuwirken, hat man im Dhímos Prespón in den letzten Jahren versucht, soziale und wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten für die Region zu schaffen.
Schwerpunkte für eine bessere soziale Vernetzung waren dabei die Entwicklung des Verkehrinfrastruktur hin nach Kastoriá und Flórina und auch die Einrichtung von regelmäßig stattfindenden Festivals und Messen. Die touristische Vermarktung der einzigartigen Schönheit der Region ist noch am Entstehen, Voraussetzungen wie Unterkünfte und Tavernen sind aber bereits im kleinen Rahmen gegeben. Byzantinische Denkmäler, von denen es in den dreizehn griechischen Dörfern in der Region Prespa nicht wenige gibt, wurden instandgesetzt.
Man wirbt mit verschiedenen Aktivitäten, wie Geschichts- und Abenteuertourismus, Bergsteigen, Trekking, Mountainbike, Ökotourismus und andere. Eines der touristischen Schlüsselprojekte ist das Skigebiet Pissodéri, nicht weit entfernt zu den Seen gelegen, das auch im Winter Besucher anziehen soll.
Die wirtschaftlichen Möglichkeiten neben dem Tourismus finden sich in der Viehzucht (vor allem Rinder und Schafe), in der Imkerei und der Fischerei. Man hat sich in einer 67köpfigen Fischereigenossenschaft zusammengeschlossen, die Lagerkapazitäten und eine eigene Eisproduktion ermöglicht. 25 der 40 vergebenen Fischereilizenzen auf den Seen gingen ebenfalls an die Genossenschaft.
Besonders hervorzuheben ist der Anbau von Bohnen, deren Ursprungsbezeichnung als Prespabohnen schon seit 1994 geschützt ist. Die Prespabohnen zeichnen sich durch ihre gigantische Größe (es gibt Bohnen, die die Fläche eines Esslöffels ausfüllen!), ihren Nährwert und den einzigartigen Geschmack aus. Aus eigener Erfahrung sei gesagt, dass wir in unserem Leben keine besseren Bohnen gegessen haben! Vermarktet werden die Hülsenfrüchte insbesondere über den Verkauf in Geschäften und Ständen am Straßenrand, evtl. auch auf überregionalen Märkten. Innergriechisch vielleicht auch über den Versand der Produkte, die man versucht hat, unter dem Label „Produkt des Prespaparkes - Ein Europa, mehr Natur“ unter der Federführung des WWF zusammenzufassen.
Die Kehrseite des Bohnenanbaus zeigt aber auch die Gefahr für das ökologische Gleichgewicht, das sich in der Vergangenheit durch übergroßen Wasserverbrauch (und damit das Absinken des Wasserspiegels in den Seen) und intensiven Düngemitteleinsatz zuungunsten von Flora und Fauna dramatisch verschoben hat. Erst in den letzten Jahren hat man erkannt, dass man sich letztendlich selbst seine Lebensgrundlage zerstört, wenn die Landwirtschaft auf diese Weise weiter betrieben wird.
Das Bewusstsein für die einzigartigen Möglichkeiten, die sich durch den Erhalt der Prespaseen ergeben, drückte sich folgerichtig durch die Gründung des länderübergreifenden Prespaparkes am 2. Februar 2000 durch eine entsprechende Deklaration der drei Ministerpräsidenten der drei Länder aus, wobei der griechische Teil schon seit 1974 ein Naturschutzgebiet war und 1975 zur „Landschaft mit herausragender natürlicher Schönheit“ erklärt wurde.
Der Park schließt die Gebiete um beide Seen ein und ist etwa 2000 qkm groß. Eine „Internationale Übereinkunft für den Schutz und die nachhaltige Entwicklung des Prespaparkes“ wurde am 2. Februar 2010 von den Umweltministern der drei Länder und dem EU-Umwelt-Kommissar unterzeichnet. Dies ermöglicht es den Verantwortlichen (das Prespa Park Management Komitee, das Sekretariat und eine Wassermanagement-Arbeitsgruppe) ihre Aufgaben länderübergreifend im Park wahrzunehmen, denn Albanien und FYROM gehören aktuell (2013) nicht zur EU.
Darüber hinaus tragen auch NGO-Gruppen einen beachtlichen Teil zur Arbeit bei, wie die MES (Mazedonische Ökologische Gesellschaft) in Skopje, die PPNEA (Schutz und Erhalt der natürlichen Umgebung in Albanien) in Tirana und die SPP (Society for the Protection of Prespa/Gesellschaft zum Schutz von Prespa) in Agios Germanós.
Die SPP wurde im Jahr 1990 unter der Teilnahme von mehreren Nichtregierungsorganisationen gegründet: der Dänischen und der Griechischen Ornithologischen Gesellschaft, der Griechischen Gesellschaft für das Umwelt- und Kulturerbe, der Griechischen Gesellschaft für Naturschutz, dem Goulandris-Museum für Naturgeschichte, der Gesellschaft „Freunde von Prespa", der RSPB (Royal Society for the Protection of Birds) und dem Tour du Valat. 1994 beteiligten sich zwei weitere NGOs: Arcturos und der WWF.
Im Laufe der Jahre wurden durch zielgerichtete Projekte bereits viele Erfolge erreicht, die man auf der Internetseite der SPP nachlesen kann.

Die Zielsetzung für den Prespapark ist ganz einfach: Erhalt der ökologischen Werte durch grenzübergreifende Zusammenarbeit und die nachhaltige, wirtschaftliche Entwicklung der lokalen Gemeinschaften rund um die Seen. In Informationszentren in allen drei Ländern versucht man, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen weiter Umweltbewusstsein zu schaffen. Jugendliche können sich auch als Freiwillige in interessanten Projekten engagieren oder einfach an angebotenen Aktivitäten teilnehmen. Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt.

Teile des Prespaparkes wurden im Laufe der Zeit als Natura-2000-Gebiete ausgezeichnet, andere erfüllen die Richtlinien der Ramsar-Konvention. Seit 2013 wurde auch der albanische Teil des Prespaparkes mit Unterstützung von Euronatur zum Ramsar-Gebiet erklärt. So entstand nach und nach ein dichtes Netzwerk zum Schutz und zur Entwicklung dieser Region.

Der Prespapark selbst ist eingebettet in einen noch größeren Zusammenhang. Daher bezieht sich das Motto „3 Länder – 2 Seen – 1 Zukunft“ auf die Entwicklung des griechischen Teils des Parks, denn Albanien und FYROM haben Anteil an einem weiteren, dem größten Gewässer der Region, dem Ohrid-See.


Weitere nationale Schutzgebiete in den beiden Nachbarstaaten haben für ein riesiges Schutzareal gesorgt, das eine echte Chance für die Wiederherstellung bzw. den Erhalt einer gesunden Umwelt und der reichhaltigen Flora und Fauna ebenso wie die Entwicklung einer nachhaltigen, wirtschaftlichen Infrastruktur für die ansässige Bevölkerung bietet. Wer das schnelle und große Geld sucht, ist hier aber wohl eher auf falschem Terrain.

Eine Übersicht mag einige Einzelheiten der drei Seen verdeutlichen:

Kleiner Prespasee Großer Prespasee Ohridsee
Tiefe bis zu 8 m bis zu 54 m bis zu 289 m
Oberfläche 45,39 km² 273 km² 349 km²
Alter 1 Mio Jahre alt,
einer der ältesten Seen Europas
2 - 5 Mio Jahre alt,
einer der ältesten Seen der Welt
Abfluss entwässert in den Großen Prespasee entwässert unterirdisch in den 200 m tiefer gelegenen Ohridsee bei Struga durch den Fluss Schwarzer Drin
Staatsgebiet Griechenland, Albanien Griechenland, Albanien, FYROM Albanien, FYROM

Besonderheiten
zurzeit (2013) größte Brutkolonie der Krauskopfpelikane weltweit
Inseln Golem Grad und Maligrad
Südostseite gehört zum UNESCO-Welterbe
Informationen aus Wikipedia

Noch einen vierten See gab es in der Region, auf albanischem Staatsgebiet, südwestlich der Prespaseen: den Malik-See. Unter der alten Regierung wurde er leer gepumpt, und damit verschwand ein wertvolles Feuchtgebiet. Seit einigen Jahren drückt das Wasser wieder nach oben, sodass im sumpfigen Gebiet Vögel brüten, so wie früher.

Während unseres Aufenthaltes, insbesondere beim Bootsausflug auf den großen See, ist uns einmal mehr bewusst geworden, wie verwundbar die natürlichen Zusammenhänge sind. Die weltweit größte Kolonie der vom Aussterben bedrohten Krauskopfpelikane brütet genau hier. Bootsausflüge zur Besichtigung der Vögel bringen den Einheimischen ein Zubrot und den Touristen fantastische Naturerlebnisse. Viele Boote auf dem See würden die Vögel, die dort nach Nahrung fischen, sehr stören und ihren Lebensraum noch weiter einengen.
Mensch und Tier hängen eng voneinander ab, wobei dem Menschen aufgrund seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten die Verantwortung für die nachhaltige Bewahrung von Lebensräumen und damit der Arten obliegt. Gäbe es die Krausköpfe eines Tages nicht mehr, wäre die Welt um etwas Großartiges ärmer geworden. Für alle, die unsere Begeisterung teilen, hier noch ein paar Foto-Schmankerl. Hoffen wir, dass die Bemühungen der engagierten Umweltschützer länderübergreifend Früchte tragen und der Tourismus sich sanft und nachhaltig entwickeln wird.




























Mit diesen Gedanken und Bildern auf unserem Balkon in Psarádes sitzend, tönt von irgendwoher plötzlich Child in Time von Deep Purple herüber, in voller Länge und immer lauter werdend. Irgendwie cool: Der Blick auf den ruhigen See mit Deep-Purple-Musik und den gackernden Hühnern vor der Tür. Währenddessen ist Alex wieder munter geworden, gut erholt und bereit für die nächste Etappe.

Agios Achílios – Aetós/Nymféo - Edessa


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