Agios Achílios –
Aetós/Nymféo - Edessa


Unsere Koffer sind schnell wieder im Auto verstaut, doch nehmen wir uns noch etwas Zeit für einen Kaffee am See, in unserer Lieblingstaverne, gönnen uns letzte Blicke auf das Gewässer, lassen die ruhige und erholsame Atmosphäre auf uns wirken. Mögen alle Besucher, so wie wir, den Genuss der Ausfahrt auf den See und ein friedliches Gefühl von Ruhe inmitten der Natur von hier mitnehmen! Bevor wir uns verabschieden, unternehmen wir noch eine Einkaufstour ins örtliche Pantopolíon H Συντροφιά. Erst seit Ostern 2013 ist das Geschäft geöffnet und liebevoll eingerichtet, so wie man es in Deutschland aus den Bioläden kennt. Und dieser Duft, wenn die großen, hölzernen Vorratskisten mit den Bohnen geöffnet werden! Wir erstehen tatsächlich mehrere Kilos davon, normal große, Gígantes und die riesigen Elephantenbohnen. Feurig-rotes Paprikagewürz und Oregano wandern ebenso in unsere Tasche. Auch Eingelegtes, Pulverisiertes, Frisches, Alkoholisches und vieles mehr gibt es zu kaufen, alles in ansprechender Form dargeboten.

Schließlich sind unsere Schätze verstaut, und wir verlassen das ruhige, beschauliche Psarádes, überqueren wieder die Hügelkuppe und gelangen zum breiten Landweg zwischen den beiden Seen, biegen dort jedoch noch nicht ab, sondern halten auf einem kleinen Parkplatz, denn eine Sehenswürdigkeit möchten wir uns zum Abschluss noch anschauen, bevor wir das Gebiet verlassen: die Insel Agios Achílios auf dem Kleinen Prespasee.
Auch hier, auf dem Parkplatz, hofft man auf Kundschaft für die selbst gezogenen Hülsenfrüchte. Wir erstehen Linsen und schwarze Riesenbohnen, die ebenso köstlich sind wie die weißen aus dem Laden.
Ein Schild (gr./engl.) gibt mit Fotos und Beschreibungen Auskunft über die in den Seen vorkommenden Fischarten.


Über ein paar Windungen führt ein Plattenpfad durch mannshohes Schilf zu einem beweglichen Steg, der die Insel Agios Achílios mit dem Festland verbindet. In dem sumpfigen Gebiet modert es richtiggehend und verschlägt uns fast den Atem. Nichts wie raus hier, auf den See!










Unser Spaziergang wird begleitet von einem ständigen Hochhüpfen von Fischen und von Haubentauchern, die immer an einer ganz anderen Stelle wieder an der Oberfläche erscheinen als dort, wo sie untergetaucht sind. Am Ende des Steges erwartet uns vor dem Dorf eine Beschilderung, die anzeigt, wo man auf dem kleinen Fleckchen die diversen Ruinen und Kirchen bestaunen kann.


Wir entscheiden uns für die Ruinen der Basilika Agios Achílios aus dem 10. Jahrhundert, folgenden aber dem Pfeil nach rechts in das winzige Dorf gleichen Namens. Die meisten der paar Häuser verfallen, nur einige sind in Stand gesetzt.






Vorbei geht es an einem großen Anwesen, einer Taverne mit mehreren Räumlichkeiten und einer schönen Veranda mit Seeblick. Dort werden wir am Ende vielleicht noch einkehren, doch zunächst schlendern wir die paar Meter durch das Dorf.
Hühner laufen frei herum und ein zum Glück sehr gelassener, riesengroßer Hund wufft uns hinter dem Zaun eines Gehöfts liegend beim Vorbeigehen kurz an: „Ich habe euch im Auge“, soll das heißen. Auf der Treppe, die in die Wohnung im ersten Stock führt, sitzt ein Junge und zupft ganz vertieft an den Saiten seiner Gitarre, während im Hof fleißig Teig hergestellt wird, der in der Sonne trocknet.


Von rechts werden wir angegrunzt. Drei Wasserbüffel recken ihre Nasen aus dem Wasser, ebenfalls neugierig, wer denn hier jetzt vorbeikommt. Für die Tiere bietet das Schilf einen unermesslichen Nahrungsvorrat, ein wahres Büffelparadies.




Nach wenigen Minuten ist der Dorfausgang erreicht. Ein ausgeschilderter Pfad führt über eine Wiese hügelaufwärts, vorbei an etlichen kleinen Disteln, die durch die Sandalen pieksen. Unerbittlich knallt die Sonne jetzt auf diesen Hang.


Bald schon knickt der Weg nach links ab zu einem merkwürdigen, quadratischen Ding. Mit seiner welligen Oberfläche aus Metall symbolosiert es den See und nimmt Bezug zu einer nicht mehr existierenden Kuppel eines byzantinischen Tempels.
Nur noch ein paar Meter, und wir erreichen den Hügelkamm, von dem aus man einen fantastischen Blick über den See und auf die Ruinen der großen Agios-Achíllios-Basilika hat.


Auf dem ebenen Platz vor der Ruine hat man einen Ausschnitt des früheren Fußbodens freigelegt; Kastanienbäume spenden etwas Schatten vor der bulligen Hitze.


Die dreischiffige Basilika selbst, mit ihrer großen, halbrunden Apsis, scheint sehr groß gewesen zu sein. In Auftrag gegeben von Zar Samuel von Bulgarien wurde sie von Baumeistern aus Larissa gefertigt. Man kann es kaum glauben, doch dieses weit von allem entfernt liegende, winzige Eiland diente im 10. Jahrhundert als Residenz dieses Zaren, der einen großen Teil des südlichen Balkans beherrschte. Auch er war in dieser Basilika in einem der vier Sarkophage beigesetzt worden, die bei Ausgrabungen 1969 entdeckt wurden. Zurzeit (2014) wird ein Tauschverfahren mit Bulgarien vorbereitet: Die Gebeine des Zaren gegen byzantinische Schriften.
Auch heute, nach so langer Zeit, wirken die Überreste der Basilika immer noch imposant. Am Ende der Apsis, drei oder vier Stufen nach oben, hat man einen schönen Blick durch das löchrige Gemäuer über den See, der früher vielleicht einmal bis zur Kirche hinaufreichte.








Nach der Kurzbesichtigung erklimmen wir querfeldein wieder den Hügel, den wir eben herabgekommen sind und gelangen nach ein paar Minuten zu einer neueren Kapelle, die exponiert auf der Hügelspitze errichtet wurde. Die Kirche selbst ist vollständig mit Fresken neueren Datums ausgemalt.





Der Schutzpatron Agios Achílios, der der Insel, dem Dorf und der Basilika seinen Namen gab, mit dem doppelköpfigen Adler, dem Zeichen von Byzanz.


Auch hier oben, ist es sehr heiß und drückend, und so setzen wir uns ein Weilchen in den Schatten des Kapellchens und in Blickrichtung dreier Kühe, die in kurzer Entfernung stehen und uns ebenfalls anglotzen.


Der breite, unzugängliche Sumpfgürtel am Nordende des Kleinen Prespasees endet am Fahrdamm (zu erkennen an der Baumreihe), der den Großen vom Kleinen Prespasee trennt. Das Schilf bietet im Frühjahr vielen Vögeln ideale Schutz für ihre Brutplätze.


Langsam erkennen wir die Vorteile dieses schönen Ortes mit seinem Rundum-Blick. Der Abschied fällt uns mittlerweile schon schwer, auch wenn es uns irgendwohin zieht, wo die Temperaturen etwas erträglicher sind.






Auf dem Rückweg passieren wir eine weitere freilaufende Rindergruppe. Vor Kühen und Stieren hatte ich schon immer Respekt, doch diese hier sind ganz friedlich. Auf der Insel soll es ja eine besondere Rinderart geben. Gut möglich, dass diese hier dazugehören.


Wieder folgen wir einem Wiesenpfad, der in den Weg mündet, den wir vom Dorf zuvor bergauf genommen hatten. Die Hitze hat uns bei unserem kleinen Ausflug ziemlich geschafft, und die Dorftaverne, mit ihrem angelegten Außenbereich, mit Rasen und Gemüsegarten, zieht uns daher magisch an. Auf der Terrasse, auf der schon eine österreichische Gesellschaft sitzt, nehmen auch wir Platz und brauchen dringend eiskalte Getränke.


Alex fragt die Besitzer nach einem wilden Maulbeerbaum, der hier in der Nähe stehen soll. Den Tipp hatte er von Tássos, dem Fischer, erhalten. Die kleine Tochter des Hauses erklärt ihm den Weg.
Während Alex dorthin entschwindet, schaue ich den Nebelkrähen auf dem Walnussbaum zu, der direkt neben der Taverne steht. Sie sitzen in den Wipfeln und versuchen, sich mit geöffneten Schnäbeln Kühlung zu verschaffen.





Die besonders großen, aber friedlichen Wespen, die mir vor der Nase herumfliegen, lieben das hölzerne Gebälk der Terrasse. Unablässig kommen und fliegen sie wieder davon. Bestimmt ist da irgendwo ein Nest.


Während ich die Tierwelt beobachte, kommt Alex mit einer blutigen Hand zurück, doch nein, es ist nur der Saft der Maulbeeren, die er gepflückt hat. Sie schmecken köstlich. Auch unsere Lippen sind nach dem Genuss scharlachrot.


Beim Aufbruch kommen wir noch mit den Wirtsleuten ins Gespräch. Wie es sich denn hier so leben lässt, frage ich. Ganz gut, meint die Oma und lacht dabei, man tue, was man kann. Sie wohnen das ganze Jahr über hier.
Ein weiterer, schöner Spaziergang über den Steg, zurück zum Auto steht uns bevor, den wir – weil wir die Seen doch bald verlassen – immer weiter in die Länge dehnen. So viele Fische in dem seichten Wasser, kein Wunder, dass die Vogelwelt davon ebenso begeistert ist. Wieder können wir einen Haubentaucher beobachten, der uns nach Fischen jagend begleitet, während hoch über uns eine Schar Pelikane dahinschwebt. Schließlich gelangen wir zurück zum kleinen Parkplatz, winken den Bohnenverkäufern noch einmal zu, ehe wir uns in Richtung Edessa aufmachen.


Unterwegs liegen die Orte Aetós und Nymféo. Und weil wir durch Tassos’ Erzählungen neugierig geworden sind, wollen wir uns dort das Bärengehege anschauen. Wobei „Gehege“ etwas verniedlichend ausgedrückt ist. Vielmehr soll es sich um ein großes Areal handeln, das Bären, die früher für Zirkusvorstellungen und Ähnliches herhalten mussten und die in freier Wildbahn nicht überleben könnten, einen Gnadenort bietet. Aber nicht nur das.
Der Verein Arktoúros (abgeleitet aus dem Altgriechischen Arktos für „Bär“, aus der Mythologie und der Astronomie: der „Bärenhüter“) versucht in einem Infozentrum, den Besuchern das Wildleben in den Wäldern der Umgebung näher zu bringen. Und dazu gehören auch die Bären. Also nichts wie hin, versuchen können wir es ja, obwohl es schon Nachmittag geworden ist, vielleicht treffen wir noch jemanden an.


Nach Osten, zunächst in Richtung Flórina, führt die Straße durch einen üppig grünen Wald. Auch hier weisen zahlreiche Schilder auf die Anwesenheit von Wildtieren hin.





Der Bär
Er ist ein Abenteuer, ein Mythos.
Die Fortsetzung eines uralten Lebens.
Mit seiner Abwesenheit werden wir uns alle
ein wenig ärmer fühlen, etwas trauriger sein.


Auf einer Anhöhe halten wir an einem kleinen Platz. Gegenüber befindet sich das Skizentrum Pissodéri, erkennbar an den breiten Schneisen im Wald für Lifte und Pisten. Diese werden die wild lebenden Bären hoffentlich nicht stören, denn die bergigen Waldgebiete hier erscheinen unendlich.






Bergab folgen wir nun der schmalen Landstraße und gelangen nach etwa 20 Kilometern nach Flórina. „Eimaste óloi metanástes“ („Wir sind alle Einwanderer“), prangt uns auf einem großen Schild im Ort entgegen, ein viel gebrauchtes und heiß diskutiertes Motto gegen Rassismus und Xenophobie. Die Gemeinde bekennt sich, und wir finden das sehr gut, denn hier im Grenzgebiet lebt man schon seit Ewigkeiten mit Menschen anderer Herkunft zusammen.
Ab Flórina ist Nymféo schon ausgeschildert. Allerdings nehmen wir nicht die Route über die Berge, sondern durchqueren eine landwirtschaftlich genutzte Ebene, als plötzlich ein Luchs über die Fahrbahn huscht. Zum Glück bleiben alle ruhig, doch wir fahren jetzt etwas langsamer, weiter in Richtung der beiden Seen Petrón und Vergoritída, die wir später noch weitläufig an ihrem südlichen Ende umfahren werden.
Doch zunächst biegen wir auf die Landstraße ab, die uns nach sieben Kilometern, vorbei an Feldern mit Mais, Wein und gelb leuchtenden Sonnenblumen nach Aetós bringt.





Hier hat der Verein Arktoúros ein Zentrum, das jedoch für den Publikumsverkehr nicht geöffnet ist, wie wir einem Schild entnehmen.


Es scheint auch sowieso gerade niemand da zu sein. Also steigen wir wieder ins Auto, um die neun Kilometer bergauf nach Nymféo in Angriff zu nehmen.
Da wir die genaue Ausfahrt aus dem Dorf nicht kennen, fragen wir einen kleinen Jungen, der uns entgegenkommt. Er erklärt es uns ganz einfach und ohne Handbewegungen: Du fährst so, und so, und so, und dann noch so, so und so. Alles klar, er hat die Richtung eindeutig vor seinem geistigen Auge. Schmunzelnd bedanken wir uns bei ihm und finden die Ausfahrt dann auch so und so.
Die schmale Straße windet sich in zahlreichen Kurven in die Höhe und bietet einen guten Überblick über die ebene Landschaft zu unseren Füßen, mit zwei weiteren Seen, dem Límni Zázari und dem Límni Chimadítida.




Schließlich erreichen wir den Außenbezirk von Nymféo, zunächst einen Parkplatz, der zu einem Café gehört. Rechts hoch geht zum Wald. Etwas weiter unterhalb steht das Schild für den Bärenpark: Mittwochs ist geschlossen (also am darauffolgenden Tag), ansonsten bis 18.00 Uhr geöffnet. Das haben wir also leider verpeilt, denn es ist schon später. Vielleicht hätten wir sowieso keine der Tiere zu sehen bekommen, denn das Bärengelände ist sehr groß. Das ist schließlich auch das Ziel: den Tieren einen Ort zu bieten, an dem sie sich bewegen können, ohne sich von Menschen angaffen lassen zu müssen.


Den über die Grenzen hinaus bekannten und beachteten Verein Arktoúros gibt es schon seit 1992. Sein Gründer ist Giánnis Boutáris, der Bürgermeister von Thessaloníki. Der Verein hat sich nicht nur dem Schutz der Wildtiere verschrieben, sondern in besonderem Maße dem besseren Verständnis von Mensch zu Bär, und möchte auch Bären, die ehemals in menschlicher Gefangenschaft lebten oder verwaisten Wildtieren ein Zuhause bieten, was finanziell sicherlich nicht leicht zu handhaben ist. Daher ist der Verein auf Spenden angewiesen; auch Patenschaften kann man übernehmen, für jeden der zwölf Bären im Schutzgebiet, aber auch für Griechische Hütehunde und Wölfe, die aufgrund ihrer Vorgeschichte nicht in der Wildnis überleben könnten und daher unter der Obhut von Arktoúros in einem weiteren Großgehege leben.


Da wir hier leider nichts mehr besichtigen können, beschließen wir, dem Dorf Nymféo noch einen Kurzbesuch abzustatten. Die Einfahrt mutet uns irgendwie mittelalterlich an: Eine Brücke überspannt die gepflasterte Eingangsstraße, die von zwei hohen Steinmauern flankiert wird.


Als wir die hohle Gasse durchquert haben, erreichen wir einen Platz mit anmutig geschmückten Häusern und Gastronomie. Die Gebäude des Dorfes erinnern in ihrer Steinbauweise an die Zagorochoriá. Sie wurden in ihrer traditionellen Architektur nach einem lange Jahre währenden Verfall wieder hergestellt, was dem Ort mehrere Preise eingebracht und den Tourismus angekurbelt hat.
Noch im 19. Jahrhundert zählte das Dorf 3500 Einwohner, heute sind es nur noch etwa 400, vielleicht wegen seiner ländlichen Abgeschiedenheit auf 1350 Metern Höhe. „Der Fluss fließt nicht zurück“, bedauert ein Mann, der uns in einem verwaisten Lokal später bedient.
Der im 14. Jahrhundert von Walachen gegründete Ort war schon immer reich. Händler und Silberschmiede bescherten ihm Jahrhunderte lang einen beachtlichen Wohlstand. Herrenhäuser zeugen von dieser Vergangenheit. Um mehr zu erfahren hat man im Ort ein Museum eingerichtet, das sich der Geschichte widmet.

Eine Steintafel nimmt Bezug auf die Legende des Ortsnamens:



Wir haben die Braut entführt,
hoch hier oben versteckt.
Hier, wo wir das Dorf gründeten,
das wir „Braut“ nannten.
Niveásta auf Walachisch,
und danach Nimféon.


Dem unwiderstehlich süßen Duft von blühenden Linden folgen wir auf den zentralen Platz.


Noch immer ist es sehr warm, über dreißig Grad, jetzt am frühen Abend, als wir noch kurz in einer der Gaststätten auf ein Wasser einkehren. Ein riesiger Hund nähert sich uns, legt seine Schnauze in meine Hand und holt sich seine Streicheleinheiten ab, während Frauchen lächelnd auf ihn wartet.
Von Tourismus sehen wir zu dieser Stunde allerdings nichts und niemanden. Wo um diese Uhrzeit in Touristenorten normalerweise die Hungrigen schon nach Essplätzen Ausschau halten, herrscht hier gähnende Leere. Vielleicht sieht es zu anderen Jahreszeiten anders aus, wer weiß. Da wir überhaupt keine Aussicht haben, wegen der Öffnungszeiten morgen in den Bärenpark zu kommen, entschließen wir uns zur Weiterfahrt. Bis Edessa sind es von hier noch gut sechzig Kilometer.
Auf dem Weg den Berg wieder hinab halten wir noch einige Male an. Gemütlich wackeln ein paar Landschildkröten über die Fahrbahn. Erneut genießen wir den weiten Blick über die von den beiden Seen gekennzeichnete Landschaft, über der sich jetzt riesige Wolkenmassen aufgetürmt haben.
Zurück in der Ebene umfahren wir südlich die Seen Petrón und Vergoritída. Plötzlich zieht dichter Nebel auf. Drückend und unerträglich schwül ist es geworden. Es wird doch nicht regnen? Bei der Einfahrt nach Edessa platschen dann doch dicke Tropfen auf die Windschutzscheibe. Die Schwüle hat ihren Höhepunkt erreicht.
Ein Hotel möchten wir am liebsten direkt bei den berühmten Wasserfällen beziehen, die durch die ganze Stadt gut ausgeschildert sind. Es soll zwar eines geben, allerdings ist es geschlossen, wie uns eine Passantin erklärt. Also fahren wir wieder zurück ins Zentrum, das vor Menschen nur so vibriert. Wir fragen uns durch und finden ein durchschnittliches Hotel, wo wir für die Übernachtung 35 Euro zahlen. Als wir unser Gepäck verstaut haben, hat der Regen schon wieder aufgehört. Direkt vor dem Hotel steht eine riesige Platane, die nahe am Wasserlauf wohl gediehen ist.


Auf der Suche nach einem Restaurant schickt man uns zur Fußgängerzone. Anders als in Deutschland, wo nach Geschäftsschluss die Einkaufsmeilen verwaisen, steppt hier der Bär.
In Psistaríen wird Kurzgebratenes angeboten, ein, zwei Fastfood-Schuppen gibt es auch; ansonsten sitzen – wie es scheint – alle Einwohner von Edessa in Cafés und schauen Fußball auf der Großbildschirmen, einige sogar in Fünfer- und Zehnerreihen. Nach einer verpassten Torchance schallt es durch das gesamte Viertel. Weit und breit sehen wir kein Estiatório, obwohl wir noch einen ziemlich weiten Fußweg durch die Stadt unternommen haben. Schlussendlich lassen wir uns deshalb in einem Tsipourádiko nieder.
Ein paar Häppchen müssen dann halt genügen, denke ich etwas enttäuscht. Die „paar Häppchen“ entpuppen sich als Mesédes von feinsten: Gebratene Pilze, kleine, aprikosengroße Häckbällchen in Tomaten-Feta-Soße mit Minze, Tsatsíki, Kartoffelsalat und gebratene Hühnerflügel, die wir zwar in unserer Gier bestellt haben, aber keinesfalls mehr aufessen können. Zusammen mit den Getränken bezahlen wir gerade mal 28 Euro. Zum Nachtisch gibt es auf das Haus noch eine Süßigkeit: Eis und Kuchen, von dem wir jedoch nur noch naschen können.
Das Tsipourádiko ist auf den heutigen Dienstag voll besetzt, junges Publikum zu meist, aber nicht nur. An einem Tisch haben ein älteres und ein jüngeres Paar Platz genommen. Ob der Event heute Abend als Vorstellungsdiner der Schwiegertochter in spe dient? Auf jeden Fall ist diese so oberfein, dass sie sich vor überkandidelter Steifheit kaum bewegt. Ihr hochmütiger Blick soll wahrscheinlich suggerieren, dass sie besseren Verhältnissen entstammt. Alles nur Fassade, meine Liebe! Mich würde viel mehr interessieren, was dahinter steckt. Ansonsten ist auch legeres Publikum anwesend, eine gute Stimmung im Lokal. Kein Wunder bei den moderaten Preisen.
Viele Jugendliche strömen auch an unserem Lokal vorbei, wahrscheinlich in eine Disko, die erst spät abends öffnet. Auf dem Weg zurück zum Hotel ist auch nach dem Fußballspiel noch jede Menge los in der Stadt, die Cafés sind voll besetzt, ein echtes Kontrastprogramm zu den stillen Tagen in Pápingo und an den Prespaseen.
An einem kanalisierten Wasserlauf schlendern wir zum Tagesabschluss entlang und freuen uns nach diesem ereignisreichen Tag auf eine Nacht mit Ruhe und ausreichendem Schlaf, denn morgen werden wir schon wieder weiterfahren.

Edessa – Pélla – Vrasná – Komotiní


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