Edessa – Pélla – Vrasná –
Komotiní


Am Morgen hat sich der Regen dank aufgefrischtem Wind wieder verzogen - ein Tag, perfekt für die Besichtigung der berühmten Wasserfälle am Nordostrand der Stadt. Es sei nicht weit, sagt man uns, zu Fuß vom Hotel aus gut zu erreichen.
In einem der Cafés (Bäckerei) in der Fußgängerzone lassen wir den Tag ruhig angehen. Auch am frühen Vormittag sind fast alle Tische schon besetzt. Die jungen Leute vom Vorabend haben den Rentnern Platz gemacht, die ihren Frappé bei einer gepflegten Unterhaltung genießen. Edessa mit seiner dreitausendjährigen Geschichte scheint eine wohlhabende Stadt zu sein, was sich nicht nur im Besuch der Lokale und dem geschäftigen Treiben in der Stadt zeigt. Es ist das entspannte und gelassene Flair, das wir in anderen Städten auf unserer Reise so nicht wahrgenommen haben.
Wie überall sieht man jedoch auch die Schattenseiten der Krise, die Stadtbewohner, denen es nicht so gut geht, d.h. denen es so schlecht geht, dass sie betteln müssen. Sie sieht man heutzutage fast überall in Griechenland: Menschen, die aufgrund der Wirtschaftskrise alles verloren haben. Hier sind es einzelne, die im Heer der Konsumenten umso mehr auffallen, wie eine ältere Frau, die mit gesenktem Blick halbherzig und ergebnislos einige Gäste der Café-Bäckerei um einen Obolus bittet, danach wortlos die Bäckerei betritt, ebenso wortlos eine Tüte mit Essen erhält und wieder weggeht. Uns bleibt ein beklommenes Gefühl, auch wenn wir mit dem Einzelschicksal dieser Frau nichts zu tun haben.

Sicherlich verdankt die Stadt ihre Möglichkeiten der ganzjährig überschäumenden Fülle von Wasser, die der Landwirtschaft, insbesondere dem Obstanbau (vor allem den Kirschplantagen), zu einer wirtschaftlichen Blüte verhalf. Stillgelegte Werke, wie eine alte Hanffabrik, zeugen noch von der erfolgreichen Entstehungszeit industrieller Betriebe. Nicht zuletzt die Lage an der alten Via Egnatia bereicherte den Handel in der Stadt. Auch der früher geläufige Name Vodena bedeutet nichts anderes als Wasser. Zahlreiche Kanäle, vom Fluss Vódas (Edesséos) und anderen Wasserläufen gespeist, durchziehen den auf einer Anhöhe gelegenen Ort und sorgen für eine üppige Vegetation. An der Abbruchkante sammeln sie sich zu kleineren und einem größeren Wasserfall, der touristischen Hauptattraktion der Stadt.






Auf dem Weg dorthin passieren wir die große Bischofskirche Agia Sképi mit einem unvollendeten Ausgrabungsgelände davor, die sich am Rand des Ortsteils Varósi befindet, der Altstadt Edessas.


Varósi beherbergt einige Hotels inmitten verwinkelter Gassen mit restaurierten, denkmalgeschützten Häusern, wobei nur noch wenige von ihnen nach der Brandschatzung deutscher Besatzer im Jahr 1944 erhalten sind.






Am Ausgang von Varósi schließt sich der Párko Kataraktón an, mit riesigen alten Bäumen und großblättrigen Pflanzen, die in Wassernähe wuchern. Inmitten der Pflanzenpracht steht eine kleine Kapelle, die eine größere Reisegruppe anzieht. In einem davorstehenden hohlen Riesenbaum lassen sich die Besucher der Reihe nach ablichten.


Geradeaus führt uns der Weg wieder hinaus aus dem Park, auf eine Straße, deren Häuserzeile komplett mit Geschäften mit touristischem Kram bestückt ist. Am Ende diese Straße, tauchen wir schon wieder ein in die kühle Frische der Grünanlage und folgen der Beschilderung der Twin Waterfalls.
In kleinen Teichen plätschert das Wasser dahin, wird weiter den Hang hinab geleitet in immer wieder anders gestalteten Rinnsalen, von Brückchen überquert, mit Blumen und Pflanzen geschmückt, immer weiter in Kaskaden hinab, bis sich die Bäche in zwei größeren Wasserfällen hinab ins Tal stürzen.

















Schließlich gibt eine Plattform den Blick frei auf den Großen Wasserfall.


Eine schmale Treppe führt an einer Seite des Wasserfalls bergab. Man tut gut daran, griffiges Schuhwerk zu tragen, denn die Stufen sind zum Teil nass und sehr glitschig. So beobachten wir einen Jungen, der nur in Latschen unterwegs ist, wie er auf der Treppe ausrutscht, und sich nur noch mit Mühe am Geländer festhalten kann, um einen Sturz vermeiden.
Mehrere Aussichtsplattformen wurden angelegt, von denen aus man den großen Wasserfall aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann.



An einer Stelle ist es sogar möglich, hinter den Wasservorhang zu treten.


Dort befindet sich auch eine kleine Tropfsteinhöhle (gegen eine Gebühr von 50 Cent ein paar Meter hinein begehbar). Wer vor wenigen Tagen, so wie wir, die gigantische Höhle von Pérama gesehen hat, für den ist dieser Winzling nichts Besonderes. Für andere sicherlich eine kleine Attraktion.


Die nächste Treppe nach unten führt zum Fuße des Wasserfalls. Spritzwasser und Gischt lassen uns Abstand halten. Ein Pärchen ist auf eine kleine Erhebung direkt vor den Katarakt getreten, um Fotos zu schießen. Völlig durchnässt, aber lachend und gut gelaunt kommen sie wieder zurück.


Weitere steile Stufen führen noch tiefer hinab, in einen „Tropengürtel“. Hohe Pflanzen entlang des schmalen Pfades versperren eine weitere Sicht. Bei 100% Luftfeuchtigkeit und stickiger Hitze vermodern die Pflanzen und rauben uns fast den Atem. Nichts wie weg hier, wieder nach oben. Keine Minute könnte ich dieses Klima länger aushalten.
Langsam steigen wir wieder nach oben, wo wir uns auf ein Getränk in einem großen Café niederlassen. Kaum gibt es irgendwo ein wenig Tourismus, schnellen die Preise in die Höhe. 2,20 Euro für eine Soda und 2,50 Euro für einen Frappé, also knapp 5,00 Euro kosten ein Schluck Gluckerwasser und ein weiterer Schluck kalter Kaffee mit viel Eis, eine schlechte Preispolitik. Vielleicht wäre das Café zur Haupttouristenzeit nicht so gähnend leer, wenn man die Preise moderater gestalten würde. Ansonsten ist dieser Platz gleich oberhalb der Wasserfälle von der Natur geküsst, wirklich sehr schön und kühl.
Nach unserer Pause beschließen wir, zum Hotel zurückzukehren, das Auto zu schnappen und weiterzufahren. Sicher, es gäbe in der Stadt noch mehr zu besichtigen, wie eine alte Bogenbrücke über den Fluss, eine noch erhaltene Moschee, das Wassermuseum oder man könnte an den Wasserläufen entlang spazieren. Doch nach zweiwöchiger Besichtigungstour freuen wir uns nun auf das Meer. Wir lechzen förmlich nach einem Sprung ins kühle Nass.


Doch einen Stopp haben wir auf unserer Strecke noch: Verbunden mit einem privaten Besuch möchten wir uns das Grabungsgelände von Pélla anschauen, jenem Ort, an dem sich der Palast von König Phillip II und dessen Sohn, Alexander der Große, vor knapp 2000 Jahren befand.
Unser Weg führt durch Edessa hindurch, ausgeschildert in Richtung Thessaloníki. Gleich hinter dem Nachbarort Risári beginnen die unendlichen Pfirsichplantagen, eine neben der anderen, so weit das Auge reicht. Die Ernte ist in vollem Gange. Überall gibt es Verkaufsstände an den Straßen. LKWweise werden die Körbe mit den dicken, reifen Früchten abtransportiert, überall herrscht geschäftiges Treiben. Ab Ghiánitsa, einer Durchgangsstadt mit Industriegebiet und Geschäften, ändert sich die wirtschaftliche Nutzung der Flächen: Hier wird großflächig vorwiegend Baumwolle angebaut.
Im nächsten Ort ist schon das Ausgrabungsareal des antiken Pélla, ausgeschildert, der makedonische Hauptstadt zu jener Zeit und wahrscheinlicher Geburtsort von Alexander dem Großen. Der Eintritt in das an der Odos Aléxandrou gelegene Gelände kostet 6 Euro pro Nase und beinhaltet auch den Besuch des Museum.
Die Grabungsstätte, deren Kostbarkeiten in den 1950er Jahren entdeckt wurden, wirkt auf den ersten Blick riesig: 2,5 x 1,5 km soll es messen.


Wir wandeln zwischen losen Steinen und Trümmern herum. Schautafeln liefern jede Menge an Hintergrundwissen und sollen unter anderem mit Hilfe von Fotos den Eindruck vermitteln, wie es früher einmal aussah, wo heute nur noch die Umrisse der Grundmauern zu erkennen sind. Vielleicht liegt es an der Hitze, aber mir mangelt es an diesem Tag an Vorstellungskraft. Auch andere einheimische Besucher, die extra zur Besichtigung hierher gekommen sind, verleihen ihrer Enttäuschung Ausdruck.






Einige Teile des Geländes sind überdacht. Dort befinden sich die berühmten Kieselmosaike. Leider sind diese sehr verstaubt, doch lassen sie die Kunstfertigkeit ihrer Schöpfer erkennen.


Darstellung einer Hirschjagd


Auch die Fußböden, die unter freiem Himmel liegen und mit Kieseln in geometrischen Mustern ausgelegt wurden, vermitteln ein Bild von der einstigen Pracht des Palastes.


Nachdem wir irgendwie ergebnislos einmal kreuz und quer über das Gelände gegangen sind, suchen wir das klimatisierte Archäologische Museum von Pella auf, das mit dem Auto nur ein paar Minuten vom Ruinengelände entfernt liegt. Es ist noch neu, wurde erst 2009 fertig gestellt.
Erst hier wird uns die Bedeutung der Grabungen aufgrund der ausgestellten Schätze aus den Bereichen „Tägliches Leben", Öffentliches Leben“, „Religiöser Kult“, „Friedhöfe“ und „Palast“ bewusst. Erst diese Ausstellungsstücke erwecken in unserer Vorstellung die Ruinen zum Leben. Daher empfehlen wir dem Besucher der Palastruinen auf jeden Fall auch das Museum!
Nachbildungen von Mosaiken aus dem Grabungsgelände lassen mit ihrer ursprünglichen Farbgebung die Darstellungen in einem ganz anderen, leuchtenden Bild erscheinen.


Detail der Darstellung einer Löwenjagd (4. Jh. v.Chr.)


Dionysos, auf einem Panther reitend (4. Jh. v.Chr.)


Auf Schritt und Tritt folgen uns die Museumswärter, freundlich, aber wachsam, denn nicht alles ist hinter Vitrinen verschlossen. Mich begeistern diese Offenheit der Museumsräume und die Auswahl der Ausstellungsstücke, wie diese:













Solche Lehmformen dienten der Herstellung der Figuren.



Was für eine Ausdruckskraft hinter diesen Masken steckt!



Gegenstände aus dem alltäglichen Leben:








ein bronzenes Tintenfass mit Feder

Viele andere Exponate, wie Reliefs, Figuren, Gefäße und Goldschmuck, begeistern uns noch im Laufe unseres Besuches. Auch die Bekannten, die wir später im Ort besuchen, teilen unsere Sichtweise bezüglich des Ausgrabungsgeländes und des Museums. Ich kann mir vorstellen, dass eine weitere Verbesserung und interessantere Gestaltung der Ruinen im Außenbereich geplant ist, doch in Zeiten der Krise müssen diese wohl noch etwas warten, gegenwartsbezogene Themen haben sicherlich Vorrang.

Unsere Weiterfahrt ist von großer Vorfreude erfüllt. Das Ziel heißt Paralía Vrasná, wo wir uns irgendwo einquartieren und ein wenig den Badefreuden huldigen wollen. Ab Thessaloníki brettern wir über die Autobahn. Vor uns fährt ein Hilfskonvoi mit mindestens 50 Autos, mehrheitlich Jeeps, einige Ambulanzen, PKWs und Kleinlaster. Eine Aufschrift auf mehreren der Wagen kennzeichnet Ausgangspunkt und Ziel der Reise: London to Syria. In den Autos sitzen Männer arabischer Herkunft. Als wir die Spitze des Konvois überholen, hupen wir kräftig und winken den Leuten zu. Zuerst verdutzt, dann lachend, winken sie zurück.
Wie wir später im Internet lesen, unternimmt die Gruppe mehrmals im Jahr Fahrten nach Syrien, um den vom Krieg gebeutelten Menschen dort beizustehen.


Über die Ausfahrt nach Mikrí Vólvi verlassen wir die Autobahn. Gemütlicher geht es weiter über die alte Straße bis nach Néa Vrasná, endlich in Richtung Meer. Meine Erwartungen bzw. die Erinnerungen an den Ort sind andere. Als wir vor zwei Jahren erstmalig auf einen Kaffee hierher kamen, gab es am Strand keine Liegenvermieter und seinen Sonnenschirm brachte man sich selbst mit. Ein kleines verschlafenes Nest mit ein wenig Infrastruktur für Rentner aus der Stadt, die den Sommer in ihren bescheidenen Sommerhäuschen verbringen mit Grillen, Schwimmen, Angeln und Gärtnern.
Die Wirklichkeit ist anders: Uns erwartet ein paradiesisch schöner, aber mit Mietliegen und -schirmen bestückter Sandstrand und einer eine Hotelstadt jenseits der Strandstraße. Kann es wirklich sein, dass sich ein kleiner gemütlicher Ort innerhalb so kurzer Zeit derartig verändern kann? Erst später finden wir heraus, dass wir zu weit gefahren sind und uns schon fast an der Grenze zu Aspro Válta befinden. An der Paralía Vrasná geht es dagegen immer noch etwas gemütlicher zu, so wie ich es in Erinnerung habe.
Mit der Beschaulichkeit, die wir in den letzten Tagen genossen haben, scheint es jedoch - egal an welchem Strandabschnitt - vorbei zu sein. Und nicht nur das. Wir haben Anfang August, und überall in Europa ist Ferienzeit. Alle Hotels sind ausgebucht. Während unserer gesamten zweiwöchigen Reise über das Festland hatten wir nie Probleme bei der Hotelauswahl. Hier suchen wir zwei geschlagene Stunden, bevor wir ganz hinten am Strand, jenseits des Trubels, doch noch ein Zimmer bekommen, mit Balkon und Blick aufs Meer.


Zusammen mit dem Frühstück und dem Schirm mit Liegen zahlen wir pro Tag 80 Euro, den doppelten Preis zu den Hotels, in denen wir bisher auf unserer Reise logiert haben. Ganz schön happig, doch bevor wir noch stundenlang weitersuchen, schlagen wir ein. Die Zimmer sind natürlich hervorragend eingerichtet, allein ein Aufzug fehlt und das Treppengeländer im Flur ist arg wackelig. Doch wir genießen es jetzt, am Meer zu sein. Wir möchten auch keine Besichtigungen mehr unternehmen, sondern einfach nur noch ein paar Tage abschlaffen.
Die Eingewöhnung dauert bei mir allerdings eine ganze Weile, denn irgendwie weiß ich nicht so richtig, wie ich mich hier fühle. Der Ort selbst bietet kaum noch das, was ich als „griechisch“ identifiziere. Es ist eher ein Retortenort, auf Tourismus ausgerichtet, auf Badeurlauber, der überall sonst auf der Welt sein könnte.
Das abendliche Bad im warmen Meer entschädigt uns dennoch für die Strapazen. Der Strand ist wirklich traumhaft, sehr klein-kieselig, das Wasser sehr sauber. Zu dieser Tageszeit, beim Sonnenuntergang, ist es wärmer als die Lufttemperatur, sodass man das Meer gar nicht mehr verlassen will. Mindestens eine Stunde bleiben wir mit nur noch wenigen anderen im Wasser, gönnen wir uns dieses äußerst genussvolle Bad.
Als wir uns später auf die Suche nach einem Restaurant machen, müssen wir feststellen, dass es in unserem Strandabschnitt fast nur Fast-Food-Schuppen gibt. Also nehmen wir in einer Pizzeria auf schmalen, bunten Plastikstühlen Platz.
Plötzlich tönen Trommelschläge und laute Rufe herüber: Der örtliche Kulturverein dreht in den alten Trachten eine Runde über die angelegte Strandpromenade. Wie unterschiedlich kann das Empfinden in der Abgeschiedenheit der griechischen Berge und dem sommerlichen Stranderleben sein!
Am nächsten Morgen finden wir uns im Frühstücksraum, einem schmalen, hellhörigen Schlauch mit Tischen und Stühlen und einer recht dürftigen Frühstücksauswahl ein.
In unserem Hotel wohnen fast ausschließlich Serben, dazu ein paar Bosnier/ Herzegowinaer und Bulgaren. So ist es auch in den anderen Unterkünften, was man an den Kennzeichen der schicken Autos erkennen kann. Weiter unterhalb, in Richtung Vrasná, sind es meist Tschechen, die dort urlauben.
Für die Nachbarn jenseits der Grenze ideal: Mit dem Auto ist man in ein paar Stunden hier und kann einen schönen Badeurlaub verbringen. Sehr viele Kinder sind mit dabei, für sie ist es ein Paradies. Die Atmosphäre ist sehr ruhig. Kein Rambazamba. Auch im Hotel hört man keine lauten Äußerungen. Fast zögerlich betritt man den Frühstücksraum. Man redet leise. Nach dem Frühstück geht es augenblicklich zum Strand, der ja nur ein paar Meter entfernt liegt. Dort verbringt der Badeurlauber seinen Tag. Zum Teil auch als Grillhähnchen in der prallen Sonne. In ihrer Haut möchte ich nicht stecken. Abends macht man sich schick und bevölkert die weitläufige Promenade. In den Psistaríen holen sich die meisten Besucher Gyros aus der Papiertüte.
Wir beide kommen uns hier langsam wie Exoten vor, mit einem völlig anderen Feeling als in den Wochen davor. Irgendwie mögen wir diese Art von Urlaub nicht. Vielleicht finden wir ja weiter unterhalb, am gemütlicheren Strandabschnitt in Richtung Stavrós, an der Paralía Vrasná, doch noch ein Zimmer für ein paar Nächte. Der Spaziergang dorthin tut gut.


Bei unserer Ankunft fragen wir an der Promenade in allen Häusern nach, doch wir werden misstrauisch beäugt. Alex hält man aufgrund seines Aussehens meist nicht für einen Griechen. Und wir selbst sind uns nicht sicher, ob unsere Ansprechpartner Griechen sind.
Ein Mann, der schon ein wenig angeschickert an einem Tisch sitzt, greift zum Telefon und führt in einer fremden Sprache bezüglich unserer Anfrage ein Gespräch. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Der Vermieter nimmt keine Griechen! Ob der Vermieter denn selbst ein Grieche sei, will Alex wissen. Ja, klar doch, und sorry, dass man uns nicht helfen könne.
Bei unserer Rückkehr zum Hotel brauchen wir unbedingt ein Meeresbad. Auf den hoteleigenen Liegestühlen lässt es sich bestens aushalten. Das Wasser ist auch heute genauso wellig wie gestern Abend. Eine leichte Brise weht herüber.
Kaum haben wir es uns nach der Bade-Erfrischung gemütlich gemacht, kommen schon die ersten Strandverkäufer. Es wird im Prinzip fast alles angeboten, was man sonst in Geschäften mit touristischen Artikeln bekommt: Sonnenbrillen, Sommerkleider, Bikinis, Feuerzeuge, Taschen, Schmuck, sogar Koffer.
Ein Einzelgänger, der mit einer Hupe auf sich aufmerksam macht, verkauft Süßigkeiten und macht ein gutes Geschäft dabei. Er gehört offensichtlich nicht zu der Gruppe der organisierten Verkäufer.
Aber auch die anderen, allesamt Einwanderer aus verschiedenen Ländern, geben ihr Bestes. Wer weiß, ob sie legal im Land sind, aber offensichtlich haben sie keine andere Wahl, als diesen schweren Job zu machen. Einer ist mit einem voluminösen, schweren Rucksack unterwegs, der Frauenkleider enthält. Voll bekleidet und mit Turnschuhen, bepackt mit einem riesigen Kleiderstapel huckepack über der Schulter und einem anderen Bündel auf dem anderen Arm, ächzt er den Strand rauf und runter und schwitzt in der prallen Sonne. Wir dagegen liegen breit und faul auf unseren Liegestühlen und machen Urlaub in einer Parallelwelt. Was für eine merkwürdige Situation, in der wir uns befinden!
Neben uns sinkt einer der etwa zwanzig Verkäufer auf einen leeren Liegestuhl, lädt seine Ware (Badeanzüge und Bikinis) ab und will nicht mehr weiter. Sofort ist ein Aufseher bei ihm und redet auf ihn ein. Der Bügel eines Bikinis ist gebrochen, die Ware muss anderweitig verstaut werden. Der Mann streikt, will nicht mehr weiter. Stattdessen zieht er ein Päckchen Zigaretten aus der Hemdtasche, bietet dem ständig lächelnden Aufseher eine an, der jedoch ablehnt und weiter auf den Mann einredet. Schließlich kommen auch andere Verkäufer kurz vorbei „What’s the problem?“ fragen sie lachend, und ermuntern den müden Verkäufer weiterzumachen.
Mittlerweile hat der Aufseher mitbekommen, dass wir uns dem Geschehen mit Interesse zugewandt haben. „Mafioso“, meint er weiterhin breit grinsend und deutet auf den sitzenden Verkäufer, und zu ihm gewandt „People from Bangladesh are good people, you are Mafia“. Erst als der Verkäufer endlich nachgibt, und das Geld, das er eingenommen hat, abliefert, wird klar, worum es eigentlich ging. Immer noch kommen die Kollegen vorbei und ermuntern den Mann endlich weiterzumachen. Schließlich gibt er nach, schultert seine Ware und latscht wieder über den Strand, rauf und runter. Nachdem die erste Kolonne mehrmals den Strand abgegrast hat, verlagert sie ihre Tätigkeit und wird von einer zweiten Verkäufertruppe abgelöst, die ähnliche Waren anbietet. Und so geht es den Tag über weiter. Ständige Ansprache, ständige Angebote, immer in der Hoffnung, ob man vielleicht nicht doch etwas kauft.
Woher wohl die Verkaufsartikel kommen? Vielleicht aus China? Der Aufseher wird als Ansporn eine Prämie erhalten, die Verkäufer vermutlich Kost, Logis und Zigaretten. Solange sie dieser Organisation angehören, sind sie geschützt, alleine haben sie in diesem Geschäft keine Chance. Gestrandet in Griechenland, ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft. Wie aber sollen sie die Erwartungen ihrer Familien erfüllen, wie dem Elend ihrer Heimat entfliehen? Zu diesem Thema gibt es einen sehr beeindruckenden Film von Andreas Morell: „Friedhof der Illegalen“.


Am Abend sind wir mit den tausenden anderer Urlauber wieder auf der Paralía. Es ist Wochenende, und dort, wo es gestern noch einigermaßen gemütlich zuging, herrscht heute Hochbetrieb: Alle Lokale sind berstend voll. In einem größeren wird gefeiert, eine große griechische Paréa hat Platz genommen. Auch die Promenade ist so rappelvoll, sodass wir nur langsam vorankommen. Später kehren wir wieder in der Pizzeria vom Vorabend ein und beschließen bei einem Mythos, am nächsten Tag nach Komotiní weiterzufahren.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Unsere angenehmen Aufenthalte in dem einzigartigen, multikulturellen Flair Westthrakiens finden ihre Wiederholung durch die Besuche in Kavála, Keramotí und Komotiní.
Kräuter und Gewürze, die wir auf Märkten und im Straßenverkauf erstehen oder die uns geschenkt werden, wandern in unsere Taschen: Oregano und Thymian, Kräutertees, Lorbeerblätter, eingelegte Früchte und vieles andere. Im Hafen von Kavála kaufen wir einem Mann etwas Oregano ab. Er sieht fürchterlich aus, mit seiner Beule im Gesicht, verzweifelt und mitleiderregend.
In Komotiní mieten wir uns für die restlichen Tage im relativ neuen, gut ausgestatteten und preiswerten City Business Hotel Kirídis ein, wo wir uns – nicht zuletzt auch wegen der freundlichen Besitzerin – sehr wohl fühlen.
Wer mehr über Westthrakien erfahren will, ist zu unseren Reisebeschreibungen 2007, 2009 (die zweite Hälfte des Reiseberichts) und 2011 (die letzten beiden Erzählteile) herzlich eingeladen.

Einen wirklichen Erholungswert hat nach wie vor der etwa 30 Kilometer entfernte, winzige Kieselstrand von Fanári für uns, da sich die meisten Urlauber doch lieber am benachbarten Sandstrand von Aroghí tummeln. In Fanári empfängt uns eine frische, wohltuende Brise während es in Komotiní windstille 36 Grad sind. Wir bummeln durch den Ort, interessiert, was sich seit unserem letzten Besuch verändert hat. Nun, es sind kaum Veränderungen festzustellen, außer, dass an dem winzigen Anleger Lampen und Bänke angebracht wurden, also nichts wirklich Weltbewegendes.
In Fanári gibt es keinen Rummel, und wir haben im Gegensatz zu den Erlebnissen von Asproválta und Vrasná wieder das Gefühl, in Griechenland zu sein. Die Gemeinde hat nicht nur feste Strohschirme installiert, sondern auch Stoff-Sonnenschirme zum kostenlosen Gebrauch aufgestellt. Ein kleines, ruhiges Paradies. Langsam fliegen die Gedanken davon, und wir überlassen uns dem wohligen Gefühl des griechischen Sommers am Meer. Besuche bei Bekannten und Verwandten runden die letzten Tage unseres Urlaubs ab. Die Bestätigung des Rückfluges wird umso schwieriger, da genau für diese Zeit ein Streik angekündigt ist. In einem Reisebüro in Komotiní beruhigt man uns, wahrscheinlich würde der Streik sowieso abgeblasen, wir sollten morgen noch mal nachfragen. Und genauso kommt es auch.
Auch den letzten Tag verbringen wir am Strand von Fanári, bleiben bis zum späten Nachmittag, dehnen die Rückfahrt in die Stadt noch erheblich aus, hören unsere Lieblingslieder, während wir durch die grüne Landschaft gleiten, mit einem Route-66-Feeling, immer geradeaus, durch die Baumwollfelder, einem Wahnsinns-Sonnenuntergang entgegen.

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