Kalýves


Heute haben wir überhaupt keine Lust auf Besichtigungstouren. Vielmehr lädt uns die vormittägliche Hitze nach einem kleinen Frühstückssnack zum Abkühlen im Meer ein. Schnell in die Badeklamotten, und auf geht’s die paar Meter zum Strand, ins wohlig temperierte Wasser.


Die Erfrischung weckt die Lebensgeister nachhaltig auf, sodass wir beschließen, im Schatten, vor dem Eingang zu unserem Zimmer, die Kräuter zu verlesen, die wir gestern erstanden haben.




Mehrere Stunden soll es dauern, die wir im Duftrausch des köstlichsten Rígani und Thymári verbringen und uns beim Verlesen ausmalen, welche Speisen wir zu Hause damit würzen werden. Neben Thymian gibt es noch ein anderes Kraut, das auch violett blüht, ein ähnliches Aroma verströmt, sich jedoch viel besser ernten lässt. Während man beim Thymian von den knorrigen Zweigen die sehr festsitzenden Blüten und Blättchen kaum abstreifen kann, lässt sich die Thrýmba einfach so pflücken. Im getrockneten Zustand erkennt man, dass vor dem Rebeln die Thrýmba sehr viel gröber erscheint als der Thymian.


Maria hatte uns den Tipp gegeben, Thymian und Thrýmba zu vermischen, letzteres diene dann als Geschmacksverstärker des Thymians. Zu Hause stellen wir fest, dass Thrýmba allein sich sehr gut als Würzung für Fleischgerichte eignet, auch zum Einlegen selbiger. Von dem intensiv duftenden Kraut braucht man zum Würzen nur sehr wenig.
Auch einen Beutel mit Mantzurána haben wir erstanden. „Majoran“, denke ich aufgrund der Ähnlichkeit im Wortklang. Mit Majoran würde ich Salate geschmacklich unterstützen. Maria hat darüber herzhaft gelacht, nein, es sei ein Tee, der entspannend gegen Stress und Kopfweh wirke.
Eine weitere Plastiktüte mit grünem Kraut ist ohne Aufschrift, und es drängt uns natürlich zu wissen, wie es heißt und was man damit anfängt: würzen oder als Tee aufbrühen. Maria hat uns beim Kauf zwar etwas dazu gesagt, doch das ist schon wieder in Vergessenheit geraten. Es soll uns nicht wieder so ergehen wie mit dem vor einigen Jahren erstandenen Schwertkraut, mit dem Alex großzügig das Schweinegulasch gewürzt hatte, das daraufhin äußerst bitter wurde. Kein Wunder, Schwertkraut ist ein sehr feiner Kräutertee!
Also schnappt sich Alex dieses Mal ein paar Stängel von dem Grünzeug im Beutel und marschiert damit zur benachbarten Tavernenküche. Der Koch ist richtig fuchsig auf sich selbst. Er kennt das Aussehen, jedoch nicht die dazugehörige Bezeichnung. „Es ist doch mein Job, das zu wissen“, greint er verzweifelt. Da passiert eine ältere Einwohnerin von Kalýves die offene Tür zur Küche. Sie wird hereingerufen und lacht über die Unwissenheit der Anwesenden. Kombóchorto heißt dieser Tee, der sehr gut gegen Nierensteine wirkt. Eine Frau, der kürzlich Nierensteine operativ entfernt werden sollten, habe am Abend vorher Kombóchorto-Tee getrunken, und - zack! - seien die Steine von alleine abgegangen, was die Operation schließlich überflüssig gemacht habe. Zum Glück haben wir keine Nierensteine, aber wenn man mal welche bekäme, so hätten wir ab jetzt ein Kraut dagegen. Der Tee soll sehr sparsam verwendet werden, er habe auch noch andere abführende Eigenschaften. Auch bei Schwangerschaften soll er nicht getrunken werden. In unseren mitteleuropäischen Breiten ist das Kraut auch als Julianische Steinminze (Micromeria Juliana) bekannt.
Was wir bei jedem Besuch in Griechenland erstehen, ist eine ordentliche Ladung von griechischem Bergtee (Gliedkraut). Dabei haben wir festgestellt, dass dieser – je nach Region – sehr unterschiedlich aussieht und schmeckt. Es scheint sich um einen Sammelbegriff zu handeln. Mir persönlich schmeckt der aus Kreta mit Abstand am allerbesten. Blätter und Blüten werden mit heißem Wasser übergossen; man kann den Tee relativ lange ziehen lassen, er wird nicht bitter, wie etwa der Salbei. Am liebsten trinke ich ihn im Winter.
Als wir vor vielen Jahren einmal ungeplant, aufgrund von anhaltend stürmischer See durch die Samariá-Schlucht von Agia Rouméli zurück nach Omalós wandern mussten, freuten wir uns auf einen stärkenden Kaffee in unserer Unterkunft auf dem Hochplateau. Allein, er wurde uns sanft verwehrt, man habe etwas viel Besseres. Und so brachte man uns eine Buddel voll mit frisch gebrühtem Bergtee, der uns so wohltat, dass die Strapazen der mehrstündigen Wanderung bald vergessen waren. Auch gegen meine Erkältungssymptome wirkte der Tee zusammen mit Thymian-Honig äußerst gut.
Es ist wirklich unglaublich, welche Schätze die kretische Natur zu bieten hat, und mit welcher Wucht uns der Duft immer wieder umgibt, sobald wir zu Hause ein Glas mit getrockneten Kräutern öffnen und ein paar davon zwischen den Fingern zerreiben. Die kretische Hochgebirgswelt steht mir dann vor Augen, das helle Morgensonnenlicht über dem Gingilos oder ein sanfter Winterregen über einer der Ebenen. Berauschen möchte man sich dann an der kretischen Landschaft.

Nach mehreren Stunden des Zupfens, Pulens und Rebelns sind wir richtig geschafft. Die Hände sind mittlerweile rau, rissig und harzig geworden. Auch die Hitze am späten Nachmittag fordert mittlerweile ihren Tribut. Und so ist die Zeit wieder gekommen, die Straße zu überqueren und ins Wasser zu springen. Das Meer ruft schon mit lautem Donnern, wie jeden Nachmittag. Der Strand ist heute sehr bevölkert; auch zu unserem Siebzehn-Uhr-Erscheinen sind alle Liegen noch belegt. Man hat sogar neben den fest installierten Bambusschirmen noch ein paar Plastikschirme in den Sand gerammt. Dort finden wir nach einer ausgedehnten Wellen-Schaukel-Einlage noch ein Plätzchen. Der Wind ist etwas kräftiger geworden, und bläst den Schirm ein ums andere Mal nach hinten weg. Macht nichts, bedecken wir die Schultern halt mit den Handtüchern, während wir die Strandszene in Augenschein nehmen.


Kinder sind hier voll in ihrem Element. Die ganz Kleinen sehen auf Papas Armen dem Erstkontakt mit dem bewegten Meer eher skeptisch entgegen; haben sie aber Gefallen daran gefunden, wollen sie nicht mehr hinaus. Auch der Sandburgenbau mit Schäufelchen und Gießkannen, ein Jahrhunderte altes Spiel, das die Kinder auf aller Welt zu interessieren scheint, steht hier hoch im Kurs. Manchmal helfen die großen Brüder mit, schleppen Wasser und lassen sich vom winzigen Geschwisterchen mit Sand bewerfen. Ansonsten sind die Halbwüchsigen mit Tauchen, Springen und Wellenreiten auf kleinen Plastikboards beschäftigt.
Die Kinder toben tatsächlich solange herum, bis sie völlig erschöpft ins Bett fallen, no limits, kein „Jetzt ist genug“ oder „Es ist Zeit fürs Bett“. Selbst wenn die Erwachsenen schon an den Tischen des Restaurants beim Abendessen sitzen, wühlen die Kids lieber im Sand, toben über die jetzt leeren Liegen, spielen mit den kleinen Katzen und erfinden immer noch weitere Spiele mit den neu gewonnenen, anderssprachigen Freunden. Endlich haben alle Familienmitglieder Zeit füreinander, insbesondere auch die Väter für ihre Kinder, und alle kommen auf ihre Kosten. Und sie genießen es, egal aus welchem Land sie kommen. So sieht es von außen jedenfalls aus.
Einen kleinen, dicklichen Jungen beobachten wir dabei, wie er den heranbrandenden Wellen so richtig die Meinung sagt. Er beschwört und beschimpft den Feind mit weit ausholenden Gesten, lacht ihn aus, stemmt die Hände in die runden Hüften, um den Wellen anschließend mit gezielten Karateschlägen und – tritten den Garaus zu machen.
Andere versuchen sich in Strandtennis. Allerdings hat es auch ein kleiner Hund mit Namen Sotíris, der keinen Stratz auf Frauchen hört, auf den gelben Ball abgesehen. Denn sobald der Tennisball den Boden berührt, stürzt sich der Hund darauf, schnappt ihn, eilt mit ihm davon, deponiert ihn weiter weg am Strand, um wieder für weitere Beute heranzusausen und die Spieler anzukläffen, sie mögen doch bitte pronto weiterspielen. Das wiederholt sich immer wieder und sorgt für sehr viel Heiterkeit bei den verschiedenen Spielern und Liegestuhlpotatoes.
Auch ältere Semester, die mit teils veritablen Leibesumfängen die Uferlinie hinauf- und wieder zurückspazieren, kommen auf ihre Kosten. Hier zählt kein Who-is-Who und auch kein Aufgemotze für den Abend, sondern im Wesentlichen einfach der Genuss des Urlaubs, der arbeitsfreien Zeit und das Zusammensein mit der Familie.

Langsam geht die Sonne hinter der Soúda-Bucht unter und verströmt ein intensiv leuchtendes, warmes Licht. Ebenso wie wir das Naturschauspiel genießen, bleiben auch noch jede Menge anderer Strandbesucher, bis es dunkler und kühler geworden ist.






Nach unserem Abendmahl unternehmen wir einen ausgedehnten Spaziergang. Von unserem Standort gibt es drei Möglichkeiten dazu: weiter den Strand entlang, bis zu einem kleinen Hafen, in entgegengesetzter Richtung zum Ortskern oder über den großen Parkplatz in die Wohngebiete hügelan.
In Richtung Hafen liegen noch einige Tavernen und etliche Unterkünfte den Hang hinauf. Diese Meile schmiegt sich an die Wölbung einer sandigen Bucht, mit einem kleinen Hafen als Endpunkt, in dem nur sehr wenige Fischerboote und mehrere kleineren Jachten herumdümpeln. Des Nachts ist die Hafenkapelle mit einer Lichterkette geschmückt, die – wie die Hauptkirche des Ortes - der Agia Paraskeví gewidmet ist.






Ein paar Gäste sitzen hier gemütlich auf den Mäuerchen und genießen den weiten Blick über die Bucht von Kalýves mit ihren funkelnden Lichtern.


In entgegengesetzter Richtung endet die schmale Strandstraße an einem großen Hotel, das beide Seiten einer nach links abknickenden, kleinen Stichstraße für sich beansprucht: linkerhand ein Außenpoolgelände, rechts, am Strand, die Hoteltaverne.
Die kurze Gasse trifft auf die Hauptstraße, die als Teil der Old Road langgezogen durch den Ort führt. Die Zweigstelle einer Bank zum Geldzapfen liegt gleich an dieser Kreuzung, die schattige Platía schräg gegenüber, neben einem der drei in der Region mündenden Flüsse, dem Mesopótamos. Die Lokale dort sind heute Abend voll besetzt. Nirgendwo gibt es Musik, wahrscheinlich um die Abend- und Nachtruhe der Anwohner nicht zu stören, denn fängt einer damit an, ziehen andere noch lauter nach. Wir empfinden diese gemütliche Ruhe als sehr wohltuend.
Im flachen, sehr klaren und fischreichen Flusswasser segeln etwas streng müffelnde Gänse einher, immer bereit, Futter entgegen zu nehmen, das die Touristen ihnen vor die Schnäbel werfen.


Nachdem wir den Stinkegänsen auf der kleinen Brücke eine Weile beim Paddeln zugeschaut und noch einige Aale entdeckt haben, schlendern wir weiter, die Dorfstraße entlang. Autos lassen uns beim Spaziergang immer wieder anhalten, Hindernissen auf dem Bürgersteig müssen wir ausweichen.
Mehrere Metzgereien säumen die Straße, ebenso wie ein Schuhgeschäft, kleine Minimärkte, einige Touri-Schnickschnackläden, Auto- und Mopedverleiher, Immobilienmakler mit großem Angebot für Kauf- und Mietwillige und ein paar Tavernen.
Einige griechische Frauen sitzen in Kleingrüppchen zusammen in Hauseingängen, schweigen oder schwatzen und schauen den Touristen beim Flanieren zu. Die Stimmung ist insgesamt familiär und ruhig. Keine knatternden Mopeds, die dich aus der Lethargie reißen, und erst recht keine Gröl-Touristen, die besoffen durch die Gassen ziehen.
Einige der alten Häuser an dieser Durchgangsstraße sind großspurig und protzig restauriert oder renoviert, stehen jedoch leer; wahrscheinlich sind es Sommerresidenzen der von der Krise Verschonten oder von ausländischen Immobilienbesitzern, die gerade nicht vor Ort sind. Es dauert nicht lange, und das Leben auf der Straße hat ein Ende gefunden. Die Fortsetzung des Spaziergangs in dieser Richtung wäre eher langweilig, denn es gibt nichts mehr außer Wohnhäusern zu sehen. Und so kehren wir wieder zum Strand zurück und finden am Ende eine Gelegenheit, wo wir noch ein Bier in schöner Atmosphäre trinken können.
Es ist ein winziger Strandabschnitt, zwischen dem zuvor erwähnten Hotel und unserer Unterkunft, an dem nur Liegen und ein paar beschirmte Tische stehen. Aus der kleinen Strandbar tönt ganz leise Barmusik. Die Tische sind unbeleuchtet. Wie unglaublich erholsam dieses Zusammenspiel von Wellenklatschen und leiser Musik in der Dunkelheit wirkt, auch wenn hin und wieder ein vorbeifahrendes Auto mit voll aufgeblendeten Scheinwerfern die Strandszene beleuchtet oder nebenan ein Oktopus auf dem Grill, zumindest vom Geruch her, bis zur Unkenntlichkeit verkohlt.

Woher wohl der Name für das Dorf stammt? Kaum noch vorstellbar, dass Kalýves nur aus Hütten bestanden haben soll. Es muss etwas Besonderes gewesen sein, warum sonst sollte man die Tatsache, dass hier einst Hütten standen, so hervorheben, dass man dem Ort diesen Namen gab. Waren die Hütten nur zum Ausruhen für die Fischer oder zum Käsemachen für die Hirten gedacht? Dienten sie als vorübergehende Unterkunft für die, die hier in der Landwirtschaft arbeiteten? „Wo geht ihr hin?“ – „Wir gehen mal zu den Hütten“, mag man sich früher zugerufen haben. Oder waren es die „Sommerhütten“ von reichen Chanioten? „Dieses Wochenende werden wir in der Hütte am Fluss verbringen.“
In der griechischen Wikipedia wird darüber spekuliert, es könne sich auch um eine mittelalterliche Hüttensiedlung von Piraten gehandelt haben, die von hier aus im neunten Jahrhundert Dörfer der Umgebung angriffen. Auf jeden Fall ist heute nur noch der Name für ein langgezogenes, expandierendes Dorf an einer Durchfahrtstraße, parallel zur Meereslinie, geblieben.

Noch weit nach Mitternacht beobachten wir an unserem stillen, dunklen Strandabschnitt ankommende Flugzeuge, die sich dem Flughafen von Chania auf der gegenüberliegenden Akrotíri-Halbinsel nähern. Ein kleiner Hund findet uns so toll, dass er sich zu Alex‘ Füßen zusammenrollt und ein Nickerchen hält. Später begleitet er uns noch ein Stück des Weges, bis er einem entgegenkommenden Boxer ausweichen muss, mit dem er sich wohl lieber nicht anlegt.

Omalós


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