Akrotíri


Akrotíri, die Peninsula vor den Toren Chaniás, hat unsere Neugier geweckt. Von Kalýves aus, immer in Sichtweite, liegt sie auf der anderen Seite der Soúda-Bucht. Reisende, die sich gerne im Westen Kretas aufhalten, landen dort auf dem internationalen Flughafen Ioánnis Daskalogiánnis.
Drei bekannte Klöster liegen im nördlichen Teil der Halbinsel: Agia Triáda, Gouvernéto und Katholikó.
Leider haben wir die ausführliche Straßenkarte vergessen und müssen uns mit der Touristenkarte unseres Autoverleihers behelfen, die jedoch eher wenig aufschlussreich ist. Dennoch wollen wir bis zum Kloster Katholikó, an der Nordspitze Akrotíris, der spektakulären Lage wegen.
Die Fahrt führt von Kalýves zunächst wieder über den Kalámi-Hügel nach Chaniá, und von dort zur Halbinsel, begleitet von einem verschwenderisch weitschweifenden Blick über die Soúda-Bucht mit ihrem tiefblauen Wasser, wie gemalt, und einem Hafen, der im dunstigen Licht surreal zu verschwimmen scheint.
Auf der Suche nach der richtigen Straße nach Norden verfranzen wir uns ziemlich. Zunächst kämpfen wir uns ungewollt um den Flughafen von Chaniá herum, dann landen wir in Stérnes, einem Dörfchen irgendwo mitten drin. Am Sonntag, um die Mittagszeit, befinden sich kaum Einwohner auf der Straße, die man mal nach dem richtigen Weg fragen könnte. Halt, doch, von da hinten kommen uns drei Männer entgegen, alle drei Besucher aus Übersee, wie wir erfahren. Zum Kloster Katholikó, frage ich aus dem Seitenfenster. Ratlose Blicke. Ähm, Gouvernéto, schiebe ich nach. Ah, das ist bekannt. Wir müssen ein Stück zurückfahren und an einer Kreuzung abbiegen, und tatsächlich sind wir nun auf dem richtigen Weg.


Die Straße führt langsam bergan, zunächst bis zum ersten Kloster Agia Triáda (der Tsangaróli) aus dem 17. Jahrhundert, einer Zeit des Übergangs von der venezianischen zur osmanischen Herrschaft. Der Namenzusatz geht auf den Ausbau des bereits bestehenden Klosters durch die beiden venezianischen Adeligen, die Brüder Tsangarolo, zurück. Das Gelände um das Kloster herum scheint recht weitläufig zu sein. Zum Teil erkennen wir Häuserruinen, um die man sich nicht mehr bemüht. Wie man einem großen Schild entnehmen kann, wird hier auch Wein hergestellt. Auch Reisebusse halten auf dem Parkplatz, was auf einen reichlichen Besucherstrom schließen lässt. Wir jedoch fahren weiter.


Zum nördlichen Ende Akrotíris verläuft die schmale Straße durch Alleen mit hellgrün leuchtenden Kiefern, Pinien und Zypressen und an verkarsteten Hügeln vorbei. Sie ist asphaltiert, später nur noch betoniert, aber immer gut befahrbar.




An einer Stelle, mitten im Niemandsland, halten wir neben einem Johannisbrotbaum, der voller praller Früchte hängt. Ich erinnere mich, dass ich früher öfter mal in die Schoten biss und sie zwar zäh, aber ganz schmackhaft fand. Also pflücke ich eine dicke Frucht und beiße hinein. Augenblicklich zieht es mir sämtliche Säfte aus dem Mund. Bääääh, wie bitter, gleich spucke ich das Fruchtfleisch wieder aus, während Alex sich einen Ast lacht. Was ich leider nicht mehr auf dem Schirm hatte, ist, dass die Schoten erst durch das Garen im Ofen ihre Bitterkeit verlieren. Schlagartig ist die Erinnerung zurück.


Am Ende der Strecke erreichen wir das Kloster Gouvernéto, das in einschlägigen Kunst- und Reiseführern als „festungsartig" beschrieben wird. Auf der ebenen Spitze eines Hügels wurde es 1537 von Mönchen erbaut, die zuvor in Meeresnähe in der kleineren Anlage Katholikó und in Eremitenhöhlen lebten, und die vor den ständigen Überfällen durch Piraten geflüchtet waren. Von dicken Mauern umgeben wollte man im neuen Kloster den Angriffen trotzen. Auch zu Besatzungszeiten durch wechselnde Eroberer verbündeten sich die wehrhaften Klosterbewohner immer wieder mit Widerstandskämpfern.
Vielleicht ist es auf diese Tradition zurückzuführen, dass man Busladungen mit Touristen, die das Fotografierverbot missachten, mit nicht angemessener Kleidung kreuz und quer herumlaufen oder in eigentlich für sie nicht bestimmte Bereiche eindringen, nicht jeden Tag viele Stunden lang im Kloster beaufsichtigen will. Möglicherweise möchte man auch einfach nur unter sich sein, ohne große Störung des spirituellen Lebens. Vor einigen Jahren haben sich Mönche in einem Brief sogar öffentlich dafür ausgesprochen, das Kloster für den Tourismus nicht mehr zu bewerben. Wie man auf Fotos aus früheren Jahren sieht, hat es zwar Zeiten gegeben, in denen das Gemäuer offener und zugänglicher wirkte, heute jedoch ist das halbe Erdgeschoss des Zugangsgebäudes wieder zugemauert.


Auch die Öffnungszeiten sind begrenzt worden. Eine Tafel informiert darüber, dass das Kloster zwischen 12.00 und 17.00 Uhr geschlossen ist. Was uns aber auffällt ist, dass die Besuchszeit sonntags schon ab 5.00 Uhr beginnt. Sicherlich ist man als bescheidener Pilger und Gottsuchender in Gouvernéto auch weiterhin willkommen und als Tourist in den vorgegebenen Stunden, ohne Kamera, mit dem Willen zur Besichtigung des Klosters oder zur inneren Einkehr ebenfalls.
Da wir gerade innerhalb der Schließzeiten angekommen sind, fällt eine Besichtigung von Gouvernéto für uns also aus. Sehr schade, aber nachvollziehbar. Das Moní Katholikó, jene Anlage, die die Mönche aus Gouvernéto als Sitz ihres Klosters damals aufgegeben haben, würden wir uns dennoch gerne anschauen. Dazu durchqueren wir über einen befestigten Weg das umzäunte Gelände von Gouvernéto, verlassen es durch eine Pforte auf der rückwärtigen Seite und gelangen auf eine Freifläche mit einem Denkmal für die Opfer der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1945.


Über einen zunächst flachen, später zunehmend holprigen, mit Steinen belegten Pfad geht es in Serpentinen bergab. Unsere Sandalen finden stellenweise gerade noch so Halt. Mitwanderer haben sich vorher kundig gemacht und stabileres Schuhwerk vorgezogen.




Da der Weg das Ziel ist, lassen wir uns überraschen, wohin der Weg führen wird. Ich dachte, dass sich das Kloster in unmittelbarer Nähe von Gouvernéto befindet, doch weit gefehlt. Immer das Meer und den späteren Wiederaufstieg vor Augen steigen wir bei mittsommerlich hohen Temperaturen und kaum Wind durch eine beeindruckende, wunderschön stille Landschaft den Hügel hinab.


Nach etwa zwanzig Minuten gelangen wir zu einer Höhle. Eingebettet in eine Ansammlung von Ruinen und neben einer winzigen Kapelle gelegen, kann man vor der Öffnung auf den längst blank polierten Steinen ausruhen. Dahinter weitet sich eine große Halle, in deren Mitte eine hell gekalkte Steinformation steht.


Neugierig erkunden wir, dass sich neben den Steinstufen ein früheres Reservoir für Wasser oder Wein befindet, das von einem steinernen Schaf bewacht wird. So interpretiert Alex die bucklige Figur; ich selbst habe mangels Fantasie und in der sehr viel spannenderen Auseinandersetzung mit der Hitze überhaupt keine Idee. Später lesen wir, es handele sich um einen Bären, daher auch der umgangssprachliche Name der „Bärenhöhle“.
Diese Höhle soll schon in minoischer Zeit kultisch genutzt worden sein. In der Antike war sie der kretischen Jagdgöttin Artemis geweiht. Daher auch die Bezeichnung Panagiá-Höhle. Die Größe der Tropfsteine zeigt, dass ihre Entstehung schon vor langer Zeit begonnen hat.




Der Höhlenraum setzt sich am rückwärtigen Teil weiter fort. Vater und Sohn einer Familie werden diesen erkunden, sie haben sogar Taschenlampen mitgebracht. Nichts für mich, vor allem wegen des Gewürms in Form von Skorpionen, Asseln und wer weiß, was sonst noch so die Dunkelheit bevorzugt.
Hier im Schatten des Eingangs und in der Höhle ist es im Vergleich zu den knapp 40 Grad draußen sehr angenehm, sodass wir bald wieder auf Normaltemperatur heruntergekühlt sind.
Soweit kann das Kloster Katholikó jetzt nicht mehr sein. Zwischen den Ruinen neben der Höhle hindurch, die früher vielleicht Mönchszellen oder Vorratsräume beherbergten, geht es zurück zum Steinweg.


Steil winden sich nun die Kurven in kurzen Abständen die Außenkante des Hügels immer tiefer hinunter. Ein Ende ist nicht in Sicht. Rotgesichtige Wanderer kommen uns keuchend entgegen, und mir schwant, dass der spätere Wiederaufstieg in der Gluthitze auch für uns nicht einfach werden wird. Ein freundlicher junger Kreter gibt uns Auskunft, dass es nicht mehr weit bis zum Kloster ist, der Weg würde noch etwas anstrengender, steiler und auf eine kurze Strecke unebener. Schließlich fragt er, ob wir Wasser dabeihätten? Haben wir natürlich nicht, und so zieht er seine große Flasche aus dem Rucksack und gibt sie uns, wir würden sie für den Aufstieg brauchen. Er habe zwar schon daraus getrunken, doch wir sollen die Flasche auf jeden Fall nehmen, er wäre ja schon bald wieder oben. Zunächst wehren wir dankend ab, doch letztendlich lassen wir uns überzeugen und sind ihm sehr dankbar (und werden es später noch viel mehr sein – jássou levéndi!).
Tatsächlich geht der Serpentinenweg am Ende in eine Treppe mit steilen Steinstufen über. Sie führen auf das Gelände des ehemaligen Klosters Katholikó.






Hinter der Wand aus weißem Gestein verbirgt sich der Innenraum einer kleinen, schlichten Kirche. Eine lange Zeit kann man hier in Ruhe und Besinnung auf die wichtigen Dinge des Lebens verbringen. Immer wieder trifft man auf Kreta auf Orte wie diesen, an denen sich das Leben verdichtet und leicht wird, überschaubar, ohne Ballast und Ablenkung. Orte, die Geborgenheit ausstrahlen, obwohl sonst kein Mensch da ist.










In der wohltuenden Atmosphäre des schmalen, schattigen Platzes vor der Kirche lassen wir uns auf einer Steinmauer nieder. Auch von dieser Seite aus wirkt das schmale Eingangstor mit dem hohen Bogenaufsatz sehr beeindruckend.


Neben uns sitzt eine israelische Familie, die zum ersten Mal auf Kreta Urlaub macht. Sie sind sehr begeistert und meinen, das Meer habe zwar dieselbe Farbe, doch in Tel Aviv, wo sie wohnen, hätte man eine kilometerlange, schnurgerade Küstenlinie, und das Meer sei sehr trüb. Hier hingegen wäre das Wasser so unglaublich klar, und die kleinen Buchten böten viel Abwechselung. Und gerade hier sei so ein wunderbarer Ort.
Es sei sehr gut vorstellbar, meinen sie, wie die Mönche einst auf diesem kleinen Plateau zurechtkamen, schließlich habe man alles zum Leben dagehabt, eine Zisterne, Bäume mit Früchten, Oliven und sicherlich auch einen Garten und Kleintiere.




Nachdem die nette Familie wieder den Rückweg angetreten hat, schauen wir uns noch ein wenig um und entdecken, dass es an etlichen Stellen, auch auf dem gegenüberliegenden Hügel, viele Höhlen und Einsiedeleien gibt, in denen die Mönche früher lebten.




Verbunden sind beide Hügel durch eine imposante, mehrere Meter breite Brücke über die Schlucht, die ein Fluss dort hineingegraben hat.




Nur wenige Gebäude wurden erhalten, die meisten bestehen nur noch aus ein paar Mauerresten. Aus einem wächst sogar ein Baum.




Als wir uns wieder an den Aufstieg machen, passieren wir die Grabstatt des als Heiligen verehrten Einsiedlers Johannes, der im 10. Jahrhundert hier gewirkt haben soll. Sie setzt sich in einer mannshohen Höhle fort, die sich mehrere hundert Meter unbeleuchtet in den Berg hineinzieht.


Der Rückweg bergan gestaltet sich zumindest im ersten Teil mit den steilen Stufen für uns als Sandalenwanderer erwartet anstrengend. Eine Mauerbrüstung böte etwas Halt, doch die Steine sind von der Sonne so erhitzt, dass man lieber aus eigener Kraft emporsteigt.


Hin und wieder legen wir eine kurze Rast ein, doch als der Weg im weiteren Verlauf etwas weniger steil ansteigt und sogar eine kleine Brise weht, empfinden wir den Aufstieg als nicht mehr so schlimm. Die kurzen Pausen, manche sogar im Schatten von niedrigen knorrigen Bäumen, tun gut und wir danken dem jungen kretischen Wanderer, der uns sein Wasser überlassen hat, mindestens tausend Mal. Unerwartet rasch erreichen wir die Bärenhöhle. Nun sind wir es, die von Ankommenden nach der Dauer der weiteren Wanderung gefragt werden, und bereitwillig geben wir Auskunft.
Den Rest des Weges stapfen wir über das nun nicht mehr so steile und weniger kurvenreiche, schattenlose Gelände nach oben. Am Eingang, auf der Rückseite des umzäunten Geländes des Klosters Gouvernéto, entdecken wir einen kleinen Kasten, in dem man nach der Besichtigung des Geländes Geld zur Instandhaltung der Anlage deponieren kann.

Nachdem wir uns am Auto im Schatten etwas erholt und abgekühlt haben, beschließen wir am späten Nachmittag, noch einen kleinen Abstecher in Richtung Westen zu unternehmen, über die Old Road, die parallel zur Küstenlinie, entlang des Meeres verläuft. Ich denke dabei an kleinere Buchten, wo man sich in einem schnuckeligen Café niederlassen könnte.
Zunächst gelangen wir nach kurzer Fahrt wieder nach Chaniá, wo sich bei mir mit einem Mal ein typisches Griechenland-Sommer-Sonntagnachmittag-Feeling einstellt. Das Gefühl entsteht nur in Städten und zeichnet sich durch eine gewisse Leere aus, da im Gegensatz zum lärmenden Alltag weder umtriebige Geschäftigkeit noch überbordender Verkehr die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch Menschen sieht man kaum auf den Straßen, sie haben sich vor der Mittagshitze noch in ihren Häusern verkrochen, sind verreist oder liegen an irgendeinem Strand am Meer.
Staub und vor Hitze flimmernder Asphalt begleiten uns, als wir langsam durch die Straßen der verlassenen Stadt rollen. Auch der Kopf ist irgendwie leer, es fühlt sich leicht, im Sinne von unbesorgt an, ein Gefühl von Ruhe und Innehalten, von einer Pause vom Stress, eine Art Rückbesinnung und doch auch ein wenig sentimental. Es ist diese Zeit, wenn Alleinstehende lieber zu Hause sind, um ihrer vergeblichen Sehnsucht nicht zu sehr nachgeben zu müssen, weil ihre Einsamkeit, der äußeren Ablenkung beraubt, nun bewusst in den Vordergrund rückt.
Ein solches Sonntagnachmittag-Feeling in der griechischen Fremde befiel mich auch schon früher auf meinen Reisen in den Städten Griechenlands, ob in einem Außenbezirk Athens, im Zentrum von Thessaloníki, in Vólos, Iráklio oder in den Gassen des sehr vielen kleineren Timbáki. Heute wird es noch verstärkt durch die Musik, die das Autoradio bringt (eine Wunschsendung, in der ältere Lieder gespielt werden). Und so bin ich froh, nicht alleine unterwegs zu sein und meinen Menschen neben mir zu haben.
Das sentimentale Gefühl wird jäh vertrieben, als wir schließlich auf die Küstenstraße einbiegen, denn mit plötzlich auftauchenden Menschenmassen inmitten von Hotelprotzbauten mit Pools und Palmen haben wir nicht gerechnet. Die bullige Hotel-Szenerie wirkt auf mich sehr anstrengend. Bade- und Sonnenplätze am Strand oder sogar auf Felsen sind mit Menschen vollgestopft. Der Verkehr ist fast zum Erliegen gekommen, Stop-and-Go über eine schnurgerade Straße, ein- und ausparkenden Autos, Badegäste, die sich zwischen Autos hindurchschlängeln, eventuell Stadtbewohner aus Chaniá, die das Wochenende zur sommerlichen Erfrischung in den nahegelegenen Resorts nutzen. Schnellst möglich suchen wir eine Auffahrt zur New Road, die wir schließlich in Tavronítis finden.
Máleme liegt in der Nähe, und so beschließen wir, wenn wir schon mal hier sind, uns den deutschen Soldatenfriedhof anzuschauen.

Deutscher Soldatenfriedhof von Máleme


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