Deutscher Soldatenfriedhof
von Máleme


Die Zufahrt zum Friedhof, der etwa einen Kilometer außerhalb des Ortes liegt, ist auch auf Deutsch gut ausgeschildert. Auf einem Hügel haben 4.465 gefallene deutsche Soldaten des Zweiten Weltkrieges, die insbesondere während der Schlacht um Kreta im Mai/Juni 1941 („Unternehmen Merkur“) ihr Leben ließen, eine letzte Ruhestätte gefunden. Unter der Leitung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. wurden die Gebeine der Toten ab 1960 in einer mehrjährigen Umbettungsaktion zunächst ins nahe gelegene Kloster Goniá, und ab 1971 nach Máleme gebracht und bestattet. Eingeweiht wurde die Kriegsgräberstätte im Oktober 1974. Dem Trauern, Erinnern und der Mahnung sollte ein würdevoller Ort gegeben werden.


Wäre der Zweite Weltkrieg mit über 60 Millionen Toten nicht von einem größenwahnsinnigen Regime angezettelt worden, das es - von deutschem Territorium ausgehend - für sich in Anspruch nahm, in andere Länder einzumarschieren, mit Willkür und Gewalt Terror über Europa zu säen, um die dort lebenden Menschen auf allen Ebenen auszubeuten und über Leben und Tod zu bestimmen, so könnte ich der Ruhestätte der gefallenen deutschen Soldaten auf Kreta vielleicht mit weniger Emotionen begegnen. Dann wäre es einfach nur ein militärischer Friedhof, und bei einem Rundgang würde man bedauern, dass so viele junge Menschen einen sinnlosen Tod gestorben sind. Es wäre ein Ort, wie es so viele in der Welt gibt, durch bilaterale Abkommen politisch manifestiert, wie man es nach einem Krieg zu tun pflegt, wenn die Waffen verstummt sind, man müde ist vom Jammern und den Schreien der Verwundeten, von all dem Sterben und Leid, um die Toten in der Fremde zusammenzubringen und den Angehörigen einen Ort zum Trauern zu geben.
Wäre man nicht ein Kind aus Nachkriegsdeutschland, mit Eltern und Großeltern, die Krieg und Terror hautnah erlebt haben, so wäre jene dunkle Zeit vielleicht nicht mehr so präsent. Auch wenn man sich persönlich nicht schuldig fühlt, so bleibt dennoch ein sehr mulmiges Gefühl, Nachfahre jener Generation zu sein, von der das Grauen ausging.
Automatisch drängen sich Fragen auf, warum es den Deutschen nicht möglich war, den Wahnsinn selbst zu stoppen, warum es gebündelter Kräfte von außen bedurfte, das Naziregime zu stürzen. Andere Länder hatten ebenfalls ihre Diktaturen. Doch dort haben es die Völker aus eigener Kraft geschafft, ihre Tyrannen davonzujagen. Das ist etwas, was im Nachhinein Kraft gibt und der Ehre gereicht, für die eigene Freiheit und Würde gekämpft zu haben, indem man Position bezog, auch wenn man dafür sein Leben riskieren musste. Die Zahl der Widerstandskämpfer in Deutschland war allerdings zu gering, gemessen an jenen, die ein Teil des Naziregimes waren, es unterstützten oder zumindest tolerierten. Wie anders hätte ein totalitäres System an die Macht kommen und sie über einen so langen Zeitraum ausüben können?

Wie hätte ich selbst reagiert? Hätte ich mich getraut, Stellung zu beziehen? Hätte ich mein Leben riskiert, indem ich mich widersetzte? Hätte ich Verfolgte versteckt, mich dem Widerstand angeschlossen? Oder hätte ich versucht, mit heiler Haut davonzukommen, mich angepasst und den Mund gehalten? Wäre ich desertiert, als ich zum Krieg eingezogen wurde? Wie sollte man diese Fragen beantworten, da man selbst sein Leben heute unter ganz anderen Voraussetzungen gestalten kann.
Eventuell haben sich die Soldaten, die auf dem Friedhof von Máleme beerdigt sind, diese Fragen auch gestellt. Vielleicht dachten sie - einer eindimensional betriebenen Propagandamaschinerie auf den Leim gegangen - auch an Pfadfinderlager, Abenteuer, Ruhm und Ehre, als sie aufbrachen, um Kreta zu erobern. Die Offiziere hingegen strebten nach dem militärischen Erfolg, sie wussten ganz sicher, was sie taten.


In einer Plakatausstellung im Eingangsbereich der Friedhofsanlage kann man die Aufbruchsstimmung und die Überzeugung unter den jungen Soldaten nachempfinden. „Am 20. Mai morgens, kurz nach dem Wecken, ging es in die Maschinen. Die Stimmung war großartig. Es wurde gesungen und gelacht noch als wir über Kreta waren und die Flakeinschläge in die Maschine rasselten (...).“
Dieser junge Mann, geboren 1918, also an jenem Morgen des 20. Mai 1941 gerade einmal 23 Jahre jung, hatte eigentlich mit den Nazis nichts gemein. So zumindest wird er in Briefen auf dem Plakat zitiert. Am liebsten habe er nach Afrika gewollt, einfach nur weg. Stattdessen wurde er eingezogen und war einer von 3.352 Soldaten, die bei der Schlacht um Kreta fielen und in Máleme beerdigt sind. Wer wollte über ihn richten? Wer wollte ihm Schuld zuweisen, wer ihn davon frei sprechen? Neben diesen Toten der Schlacht vom Mai/Juni 1941 sind noch weitere 1.100 deutsche Soldaten in Máleme begraben, die bis 1945 auf der Insel umkamen.
Zumindest können ihre Angehörigen an dieser Stätte um sie trauern. Um ein Grab zu finden, gibt es im Eingangsbereich ein Buch mit den alphabetisch aufgelisteten Namen und den zugeordneten Grabnummern. Auch online bietet der Volkswohlbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der den Friedhof betreibt, eine Suchfunktion an.


Neben dieser Auflistung liegt eine weitere Kladde aus, in der die Besucher ihren Gefühlen Ausdruck verleihen können. Aus aller Welt kommen sie und schreiben in verschiedenen Sprachen, dass sie sich Frieden wünschen, nie wieder Krieg, und dass dieser Friedhof eine würdevolle Stätte sei. Von einem Angehörigen ist folgender Eintrag:


Die Nachnamen wurden von mir unkenntlich gemacht.

Wenn die Millionen Toten einen Namen erhalten, wird die Sinnlosigkeit des Krieges besonders deutlich: der junge Mann, der wahrscheinlich hier seine letzte Ruhestätte fand, und die Kinder, denen nichts von ihrem Vater geblieben ist als eine Grabplatte.
Es ist tatsächlich eine sehr traurige Wahrheit, dass beim Versuch der Eroberung Kretas fast 4.500 deutsche Soldaten ihr Leben ließen, die ohne diesen Krieg vielleicht Schuster, Bauer, Apotheker, Lehrer oder Architekt geworden wären, die hätten zusehen können, wie ihre Kinder erwachsen werden, um im Alter zufrieden auf ein erfülltes Leben zurückzublicken. Diese Stätte möge ihnen ewigen Frieden bescheren.
Nun ist es aber so, dass die Eroberung Kretas, dass der Krieg Nazideutschlands gegen andere Länder, dass der Versuch der Vernichtung ganzer Völker nicht nur diesen persönlichen Charakter hat. Vielmehr gibt es politische Aspekte, die es zu beleuchten gilt, selbst an dieser Stätte, auch wenn der Tod etwas sehr Persönliches ist. Leider, muss man sagen, denn bei allem Verständnis auf der menschlichen Ebene, hat man Sätze in Metallplatten gegossen und auf Plakaten sowie in einem Faltblatt niedergeschrieben, die ich nicht unkommentiert stehen lassen kann.

Auf einem Plakat mit dem Titel „Deutsche Kriegsgräberstätte Maleme“ findet sich neben der Entstehungsgeschichte der Anlage im letzten Absatz ein Vermerk, dass hier auch der ehemalige General Bruno Bräuer bestattet ist, der 1942 bis 1944 Kommandant der Festung Kreta war und 1947, nach einem Prozess, hingerichtet wurde. Ganz richtig, es ist jener General, der verantwortlich war für die Zerstörung und Plünderung zahlreicher Dörfer auf Kreta, für grauenvolle Folterungen und Erschießungen und für menschenverachtende Deportationen.
Dadurch, dass man auch ihn, einen der Hauptverantwortlichen für den Terror gegen die Bevölkerung, hier bestattet hat, verliert die Stätte einen Teil ihrer Würde: ein 50jähriger Oberkommandierender neben einem 20jährigen Rekruten; ein verantwortlicher Kriegsverbrecher an der Seite eines - will man es wohlwollend formulieren – naiven, jungen Soldaten, dem – ob er wollte oder nicht – letztendlich nichts anderes übrig blieb, als in diese Maschine zu steigen und vor Angst laut zu singen. Der General hingegen war ein hochrangiger, militärischer Drahtzieher, der Befehle erteilte, und dem man seine Verbrechen vor Gericht nachgewiesen hat. Warum um Himmels willen hat man ihn ausgerechnet hier beerdigt?

Ein weiteres, nach meinem Verständnis sehr fragwürdiges Detail, wird - neben der Darstellung der Geschichte der Bergung und Umbettung der toten Soldaten - auf einem ausliegenden Faltblatt mit dem Titel „Griechenland – Maleme/Kreta“ wiedergegeben.
Betritt man die Anlage mit den flachen Grabplatten, so fällt auf, dass sie in mehrere Bereiche unterteilt ist.




In der Beschreibung heißt es dazu: „Weit reicht der Blick in die tiefblaue Bucht von Chaniá. Nach Westen hin ziehen sich an der Hangschulter die Olivenhaine hinab bis an das wilde Flussbett des Tavronitis. Jenseits, in der Ferne, ist das Kloster Goniá zu erkennen. Nach Süden steigt das Gebirge ‚Lefka Ori‘ (die ‚Weißen Berge‘) bis 2.450 Meter an.“ Und dann, völlig aus dem Zusammenhang gerissen: „Dem Entwurf der Anlage lag die Idee zugrunde, die Gräberfelder mit den Gefallenen entsprechend den vier Hauptkampfräumen Chania, Maleme, Rethymnon und Heraklion sichtbar zu machen.“


Wer ist der Adressat dieser Zeilen? Etwa Angehörige, die um ihre gefallenen Kinder, Väter oder Ehegatten trauern – ist es für sie wirklich wichtig zu wissen, dass der Tote beispielsweise in einer nachempfundenen „Hauptkampfzone Heraklion“ liegt? Für die Grabsuche stehen ja, wie beschrieben, andere Mittel zur Verfügung.
Wozu sollen die aus aller Welt kommenden Besucher des Friedhofs darüber in Kenntnis gesetzt werden? Etwa um nachzuempfinden, wie man damals den Eroberungszug geplant hat? Widerspricht dieses selbst heute noch publizierte und in den Kontext einer schwärmerisch vorgetragenen Landschaftsbeschreibung platzierte, militärische Detail nicht dem ebenso öffentlich formulierten Wunsch, dieser Friedhof möge auch ein Ort der Mahnung sein?
Oder ging es vielleicht um die überlebenden Kameraden, die an der Umbettung freiwillig teilgenommen hatten? Vielleicht waren es diejenigen Kameraden, die 30 Jahre zuvor als junge, begeisterte Männer in den Krieg gezogen waren, im Glauben, zu einer besonderen Rasse zu gehören, und die wenige Jahre später als Verlierer des Krieges aufwachten, als Schuldige, in einem Land, das jetzt selbst von anderen Mächten besetzt war und in weiten Teilen in Schutt und Asche lag. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass man selbst im Nachhinein noch die Schlacht um Kreta aus deutscher Sicht glorifizieren wollte.
Vielleicht waren unter den ehemaligen Soldaten, die den Friedhof mitgestalteten, auch solche, die weiterhin an die Nazi-Mission glaubten, Ewig-Gestrige, die das begangene Unrecht nicht erkennen wollten. Bei mir als Nachfahre jener Kriegsgeneration und Friedhofsbesucherin drängt sich dieser Gedanke tatsächlich auf, wenn ich solche Sätze lese. Auch wenn es sich um einen militärischen Friedhof handelt, so haben meiner Meinung nach Überlegungen wie die Aufteilung des Friedhofs nach Kampfzonen angesichts des Leids, das die gefallenen Soldaten selbst erlitten und vielmehr noch, das sie und die überlebenden Kameraden über die Bewohner der Insel gebracht haben, nichts zu suchen. Ich empfinde es schlicht als respektlos. Auch wenn man in den 1970er Jahren noch eine andere Sprache benutzte und es nur darauf schieben wollte, so sollte man in der heutigen Zeit die Auflage weiterer Faltblätter mit diesem Inhalt überdenken.


Was Alex und mir neben diesen beiden groben Missgriffen (die Bestattung des ehemaligen Oberkommandierenden Kretas und die Aufteilung des Friedhofs in ehemalige Kampfzonen) weitaus mehr zündenden Diskussionsstoff bereitet, ist der Inhalt der Tafel, die nur deutschsprachig, als allererste, direkt am Eingang prangt, noch bevor man den Ausstellungsbereich und die Anlage selbst betreten hat.


Es ist der Satz zwischen der Auflistung der militärischen Bereiche, aus denen die hier beigesetzten Toten kamen, und der Mahnung zum Frieden zwischen den Völkern: „Sie gaben ihr Leben für ihr Vaterland“. Wollte man die einführende Beschreibung auf dieser Eingangstafel auf die genauen Fakten reduzieren und am Ende den Friedenswunsch zum Ausdruck bringen, so könnte ich mit dem Inhalt leben. Doch was soll dieser Zwischensatz?
Für „sein Vaterland“ zu sterben, bedeutet, sein Leben für ein Ideal zu geben. Wir wissen, für welches Ideal die Bestatteten in den Krieg zogen: die Begeisterung für die damals neue Idee des Faschismus, nach einem verlorenen Weltkrieg und einer Weltwirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit und Hunger, eine Idee, die nicht nur Worthülsen formte und Versprechungen machte, sondern so manchen wieder in Arbeit und Brot brachte, auch wenn man parallel dazu anderen Ländern den Krieg erklärte. Ein Staat mit einem starken Mann an der Spitze, der einem sagte, wo es langgeht, allerdings auf Kosten eines freien Lebens in einem zunehmend menschenverachtenden und totalitären System.
Dies war also das Vaterland, „ihr“ Vaterland, wofür die Soldaten starben? Ob all diese in Máleme bestatteten Soldaten tatsächlich (heroisch) für dieses Vaterland in den Kampf gezogen sind? Man könnte auch sagen: Sie starben gezwungenermaßen, unabhängig von ihrer tatsächlichen Einstellung zu den Nazis, für ihr Vaterland, oder hatten sie eine andere Wahl?


Es sind ja nicht nur die dreieinhalbtausend Soldaten hier beigesetzt, die gleich bei der Schlacht um Kreta fielen, sondern noch weitere tausend, die als Eroberer der Insel auf Befehl plünderten, brandschatzten und mordeten. Mannigfache Zeugnisse belegen dies. Einfache Soldaten, die anlegten und Kreter abknallten, ob in Kondomári oder Agiá, die Dörfer wie Kándanos oder Anóghia dem Erdboden gleichmachten. Haben sie sich nicht auch schuldig gemacht, indem sie das beschriebene Ideal auf diese Weise mit aller Konsequenz vertraten? Sie waren die Aggressoren, nicht die Kreter, auch wenn sie bei Widerstandshandlungen ums Leben kamen.
Daher frage ich mich, warum der Satz „Sie gaben ihr Leben für ihr Vaterland" explizit auf der Eingangstafel des Friedhofs hervorgehoben werden muss. Es gleicht schon fast einer Heldenverehrung und hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, als ob man bei der Eröffnung der Gedenkstätte, fünfundzwanzig Jahre nach Kriegsende, (ich gehe davon aus, dass die Tafel aus dieser Zeit stammt) die Niederlage im Zweiten Weltkrieg immer noch nicht verwunden gehabt hätte. Die hier bestatteten Soldaten starben aus meiner Sicht maximal für ein Unrechtssystem, dem sie leider aufgesessen sind, oder aber sie wurden gezwungen, dort mitzumachen. Dann war es aber immer noch ein Unrechtssystem und ihre Taten und ihr Tod hatten nichts Heldenhaftes, sondern sie waren eher tragisch handelnde Personen.
Zwar wird auf einem einzigen Plakat mit der Überschrift „Kreta und der Zweite Weltkrieg - Unternehmen Merkur“ im Eingangsbereich in einigen Sätzen darauf hingewiesen, dass dieses Unternehmen ein „Angriff“ war, und dass in der Folge der „deutschen Eroberung“ auch gegen die Zivilbevölkerung vorgegangenen wurde, was sich in der „Verschleppung von Zwangsarbeitern“, der „Deportation von Juden“ und der „exzessiven Bekämpfung von Widerstand“ äußerte, inhaltlich mehr gibt es dazu aber nicht zu lesen. Meiner Meinung nach reicht das nicht.
Wenn der Passus, sie seien für ihr Vaterland gestorben, hingegen eine passive Haltung impliziert, als ob die Soldaten keinen eigenen Anteil daran gehabt hätten, als ob es ihnen leider passiert ist, als ob die Gewalt von anderen ausgegangen wäre, dann muss ich dem ebenfalls widersprechen. Nochmals: Sie kamen um zu erobern, sie waren die Täter, sie begingen staatlich/militärisch befohlenes Unrecht, und für dieses Unrechtssystem starben sie. Wenn schon, dann müsste das meiner Meinung nach auf der Gedenktafel im Eingang stehen. Und dass wir als deutsche Nation (in der Nachfolge des Naziregimes) es aus tiefstem Herzen bedauern. Dass wir in dem Verständnis um das unvorstellbare Ausmaß des Leids, das von deutschem Boden ausging, um Verzeihung bitten. Und dass wir wissen, dass man als Opfer dieser Bitte um Vergebung für das begangene Unrecht nur mit großem Mut und Großherzigkeit begegnen kann. Und als Konsequenz daraus müsste man die Opferfamilien endlich finanziell entschädigen. So fühlte ich mich als deutsche Staatsbürgerin an dieser Stätte gut repräsentiert.
Ich finde es mehr als unerhört, dass auf einem der Plakate mit der Überschrift „Griechenland und Deutschland – Partner für den Frieden“ behauptet wird, den Griechen ginge es bei der Aussöhnung um die Anerkennung von damaligem Unrecht, nicht aber um die finanzielle Wiedergutmachung. Zum einen wird an dieser Kriegsgräberstätte aber weder das begangene Unrecht (gebührend) anerkannt, noch wird auf die Konsequenzen der Handlungen dieser hier beigesetzten Soldaten für die Opferfamilien eingegangen. Sind solche Gedanken an einer Kriegsgräberstätte verpönt? Wie sollten sich denn damals die übriggebliebenen Frauen und Kinder, deren Männer, Brüder und Väter exekutiert oder kämpfend erschossen worden waren, ernähren? Wie nach dem Krieg mit nichts eine Zukunft aufbauen? Ein eindrucksvolles Beispiel für den bisher vergeblichen Kampf um einen materiellen Ausgleich liefert die nunmehr seit vielen Jahren andauernde rechtliche Auseinandersetzung der Gemeinde Dístomo auf dem griechischen Festland mit dem deutschen Staat.

Nicht der Widerstand der Kreter gegen die deutschen Besatzer war die Ursache von Kampfhandlungen, sondern die Eroberung der Insel durch die Deutschen. Selbst wenn man die kretischen Widerstandskämpfer aus deutscher Sicht als „Soldaten“, also als militärischen Feind ansähe, was würden die kretischen Angehörigen sagen, deren fünfjähriger Enkel oder achtzigjährige Mutter während einer „Vergeltungsaktion“ ermordet wurden? Wie würden diejenigen reagieren, deren Dörfer, deren Hab und Gut die deutschen Eroberer niedergebrannt hatten? Würden sie die plakative Ausführung, die Soldaten seien „für ihr Vaterland“ gestorben, ausgerechnet an dem Ort verstehen, an dem die Mörder ihrer Angehörigen, die Zerstörer ihrer Lebensgrundlagen bestattet sind? Die Geschichte kann man nicht mehr rückgängig machen. Man kann aber sehr wohl zeigen, dass man daraus gelernt hat und dass man das Geschehene bereut.
Auch der Schlusssatz auf der Eingangstafel, der Tod der Soldaten soll uns immer Verpflichtung sein, den Frieden zwischen den Völkern zu wahren, kann ich im beschriebenen Kontext nicht nachvollziehen. Der Tod dieser Soldaten, die für „ihr Vaterland“ gestorben sind, stellt für mich persönlich keinerlei Verpflichtung dar. Ich kann höchstens verstehen, dass die Gräberstätte in ihrer Gänze mich als Besucher zum Frieden und zur Völkerverständigung mahnt, indem ich mir vor den viereinhalbtausend Granitplatten stehend verdeutliche, wofür so viel junges Leben so sinnlos verschwendet wurde. Wirkliche Trauer (und Scham) empfinde ich an den Gedenktafeln für die kretischen Opfer, wenn ich davor stehe und mir der Grund für ihren Tod bewusst wird.

Gramvoússa



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