Gramvoússa

Unser eigentliches Ziel ist heute erneut Falássarna an der Nordwestküste Kretas. Während unser erster Besuch der Ausgrabungsstätte wegen hohen Verkehrsaufkommens schon bei der Anfahrt im Keim erstickt wurde, scheitern wir heute nach der Ankunft und einem Spaziergang durch ein glutheißes Olivenfeld an den Öffnungszeiten. Diese vergeblichen Versuche haben uns jedoch nicht entmutigt, sondern unsere Begierde so richtig angestachelt, diesen besonderen Ort tags drauf noch einmal anzusteuern, wenn wir Kalýves verlassen werden, um in eine andere Region zu ziehen.

Unterwegs sind wir am Abzweig nach Gramvoússa vorbeigekommen, dem westlichen der beiden Inselfinger, die nach Norden ins Meer ragen und der Inselskizze ihr charakteristisches Aussehen verleihen. Dieser unbewohnte Inselrücken soll dann ersatzweise unser heutiges Besichtigungsziel sein, auf einer laut Anavasi-Karte malerischen Straße, auf die wir es hauptsächlich abgesehen haben. Von Falássarna aus ist es nicht weit bis dorthin.
Das letzte bewohnte Örtchen heißt Kalivianí. Durch die engen Gassen quetschen sich jetzt, im Hochsommer, zahllose mit Touristen beladene Autos. Jeder hat es eilig, alle wollen als erstes durch. Am Dorfplatz stehen wir so eine ganze Weile im Stau, weil es weder vor- noch rückwärts weitergeht. Einige versuchen sogar, sich mit Dauerhupen Respekt zu verschaffen – vergebens. Irgendwann löst sich das Autoknäuel dann wieder auf, weil vielleicht doch einer nachgegeben hat.
Hinter dem Dorfausgang endet die asphaltierte Straße und geht in einen Schotterweg über, oder besser, in einen groben Steinweg, mit großen Herausforderungen für unseren Kleinwagen. Die malerische Straße schlängelt sich an der Ostküste der Halbinsel entlang nach Norden. Rechts in der Tiefe brandet das Meer, im Hintergrund erkennen wir verschwommen den Nachbarfinger (Rodopos). Auf der linken Seite haben wir die fette, blanke, 700 Meter hohe Felsenklippe von Gramvoússa neben uns.


Allerdings ist es kein Vergnügen, mit einem PKW die Strecke zu befahren. Falls dort jemals Schotter gelegen hat, so ist er verschwunden, weggeweht oder abgefahren. Stattdessen müht man sich im Schritttempo auf einem blanken und felsigen Untergrund, der gespickt ist mit spitzen Steinen, die von unten in den Weg zu wachsen scheinen. Ob man diese umfährt und sich dabei am Nachbarstein den Unterboden aufreißt, oder ob man mit den Reifen mutig darüber brettert und sich eventuell einen Platten holt, schnelle Entscheidungsfindungen werden dem Fahrer allemal abverlangt.
An einem Haltepunkt beginnt ein ausgewiesenes NATURA-Gebiet. Zahlreiche endemische Pflanzen sollen sowohl die Halbinsel selbst als auch die beiden vorgelagerten Inseln Agria (Wilde) und Imeri (Zahme) Gramvoússa vor der Nordwestspitze der Peninsula, sowie die Insel Pontikonisí, 10 Kilometer westlich davon gelegen, beheimaten.
Der Eintritt in diese Welt kostet einen Euro pro Person für die Instandhaltung und Bewachung; eine geschäftstüchtige Idee, denn, wie wir bald herausfinden werden, ist Bálos, der angeblich zweitschönste Strand Kretas, am Ende des Fahrweges gelegen, in den Sommermonaten ein Publikumsmagnet.
Allerdings erkennen wir auf der weiteren beschwerlichen Fahrt unter der sengenden Augustsonne keine besonderen Pflanzen, sondern nur Steine.


Steine in allen Variationen, als Geröll, als massiver Fels oder auf dem Weg, über den wir holpern, kantig und spitz. Würde man hier Wurzeln schlagen, könnte man den Steinen wahrscheinlich beim Wachsen zusehen.


Vor einem Felsgetüm, in einer Kurve, halten wir an einem Ikonostássio. Der Blick weitet sich nun über einen geraden Teil der kargen Strecke, die zunächst im Schatten weiter verläuft. Weiterhin begleitet uns der Eindruck einer kargen Mondlandschaft. Auf der Wetterseite im Westen würde uns vielleicht mehr Grün erwarten, doch wer weiß das schon, denn dorthin käme man nur zu Fuß.


Natürlich übt das Braun der ausgedorrten Landschaft neben dem Kontrast des glasklaren, stahlblauen Wassers mit den kleinen türkisfarbenen Buchten einen starken optischen Reiz aus.




Das Summen von Bienen, die den letzten Nektar aus den verdorrten, niedrigen Pflänzchen am Wegesrand saugen, passt zwar zur Beschreibung eines Naturschutzgebietes, allerdings vermissen wir den Wasserreichtum, den man automatisch mit den angekündigten Pflanzen in Verbindung bringt. Stattdessen verströmt die Landschaft weiterhin den Charme eines unbewohnten Planeten.


Plötzlich Ziegengeläut. Ein paar der schönen Tiere haben es sich im kargen Schatten gemütlich gemacht. Ziegen und Landschaftsschutz, wie das wohl zusammenpasst? Zurzeit gibt aber auch nur Trockendiät mit den wenigen verstaubten, verdorrten, geruchslosen Kräutern in dieser lebensfeindlich wirkenden Landschaft.






Nach langer Zeit des Dahinholperns erahnen wir schließlich den Endpunkt der Rumpelstrecke. Der Weg ist auf der linken Seite mit Autos vollgeparkt, der dahinter liegende Platz sowieso. Die letzten paar hundert Meter bis dorthin nehmen nochmals ziemlich viel Zeit in Anspruch, denn der Rückreiseverkehr hat schon eingesetzt und drei Autos passen kaum nebeneinander. Letztlich finden wir trotz des Massenauflaufs noch einen Halteplatz.




Es ist dieser Strand mit dem karibikblauen Wasser, der die Menschen in solchen Scharen anlockt, und die Badelustigen, die unbedingt in Bálos ins Wasser wollen, scheuen keine Mühen, sich auf der mehrere Kilometer langen Holperstrecke durchschütteln zu lassen. Vom Parkplatz geht man dann nochmals auf einem Pfad bergab. Nach dem Bad steigt man dann allerdings in praller Sonne wieder bergan, brettert über die Rüttelpiste zurück, um bei schwitzigen Temperaturen den Dreck der aufgewirbelten Staubfahnen direkt wieder aufzunehmen. Ganz schön crazy, was Menschen manchmal so machen.
Ein findiger Geschäftsmann hat hier oben eine Kantína eingerichtet, die Geschäfte laufen gut. Die Toiletten sind jedoch geschlossen („Problems with the water“). Wir haben nicht vor, uns in der Hitze mit dem Strom der Lemminge hinunter nach Bálos zu begeben, sondern verharren an einem Aussichtspunkt hinter der Imbissbude.


Unten im Tal erblicken wir eine Kapelle, der Blick jedoch schweift weiter über die Inselspitze auf das unendliche, verführerische Meer, das zu anderen Jahreszeiten tosend an den Felsen der Halbinsel anbrandet, wenn die Wellen sich in die Küstenlinie fressen, sich unter lautem Donnern an den Felszacken brechen und der Wind mit ungebremster Kraft über den langen Hügelkamm peitscht. Wilde und unbändige Natur, die sich an den ungeschützten Berghängen austobt.


Und so ist es nicht verwunderlich, dass es sogar Lieder gibt, die sich um diesen kargen, windumtosten und im Sommer glühend-heißen Steinkamm ranken. Eines der berühmtesten Lieder Kretas handelt von Nikolís Tsékas aus Kíssamos, geboren um 1900. Er war ein lebensfroher Mann, der mit seiner Frau bescheiden von dem lebte, was das Meer ihnen gab. Obendrein war er bekannt als Sänger und Komponist von Mantinaden. Da er weder eine Musikschule besucht hatte noch ein Instrument spielte, griff er auf ein einfaches Mittel zurück: er pfiff seine Lieder!
Auch am 7. Dezember 1966, einem sehr stürmischen Tag, fuhren die beiden Eheleute mit ihrem Schiff Kyriákos hinaus in die Gewässer von Gramvoússa. Nikolís ging über Bord und ertrank. Seine Frau musste zwei Tage hilflos auf ihrem Boot ausharren, bis sie von Fischern gerettet werden konnte. Ihren Mann fand man erst viel später tot an den Klippen der Halbinsel.




Στης Γραμβούσας τ'ακρωτήρι
Am Kap von Gramvoússa


von Kóstas Mountákis

Στης Γραμβούσας τ’ακρωτήρι,
στης Γραμβούσας τ’ακρωτήρι
εγλεντούσα μια φορά
μ’ ένα Κρητικό ψαρά, ένα γέρο καπετάνιο,
ένα γέρο καπετάνιο
που ’χε βάρκα τη χαρά,
στης Γραμβούσας τα νερά
Πλανεύτρα θάλασσα,
πλανεύτρα θάλασσα.

Θάλασσα λεβεντοπνίχτρα
θάλασσα λεβεντοπνίχτρα
που ’ναι ο γέρο μερακλής
ο παλιός τραγουδιστής
ν’ αρματώσει τη χαρά του,
ν’ αρματώσει τη χαρά του.
το τραγούδι του να πει,
το τραγούδι του να πει
Πλανεύτρα θάλασσα,
πλανεύτρα θάλασσα.

όλα τ’ άρμενα αρμενίζουν
όλα τ’ άρμενα αρμενίζουν
με πανιά και με κουπιά
με πανιά και με κουπιά
μα του Τζέκα τ’ αρμενάκι,
μα του Τζέκα τ’ αρμενάκι.
δεν ξαναγυρίζει πια
στης Γραμπούσας τα νερά
Am Kap von Gramvoússa
am Kap von Gramvoússa
feierte ich einmal
mit einem kretischen Fischer,
einem alten Kapitän,
einem alten Kapitän
dessen Freude sein Boot war
im Gewässer von Gramvoússa.
Verführerisches Meer,
verführerisches Meer.

Meer, das du die aufrichtigen Männer verschluckst,
Meer, das du die aufrichtigen Männer verschluckst
Wo ist der alte, lebenslustige Mensch,
der alte Sänger,
um seine Freude auszurüsten,
um seine Freude auszurüsten,
sein Lied zu singen,
sein Lied zu singen.
Verführerisches Meer,
verführerisches Meer.

Das gesamte Segelwerk segelt,
Das gesamte Segelwerk segelt,
mit Segeln und Rudern,
mit Segeln und Rudern
doch das Schiffchen von Tsékas,
doch das Schiffchen von Tsékas,
wird nie wieder zurückkehren
in die Gewässer von Gramvoússa.


So sahen Nikolís und seine Frau aus: dimartblog
Vielen Dank für das Teilen der Fotos und der Geschichte.


zurück zur Startseite