Falássarna

Stell‘ dir vor, du lebst am Meer. Die Details des Strandes, des Hafens, des Anlegers, an dem du dich sonnst oder von wo du das Wassertaxi oder die Fähre nimmst, sind dir bestens bekannt. Vielleicht wohnst du in Hamburg oder Cuxhaven, eventuell warst du auch schon mal in Venedig, Lissabon, London, Piräus oder an einem weniger bekannten Gestade irgendwo auf der Welt, das du in guter Erinnerung hast. Auf jeden Fall kannst du dir die Gegebenheiten dort gut vorstellen, dein Lieblingsrestaurant an der Hafenkante oder eine Bank, auf der du gerne in Ufernähe sitzt, um den vorbeifahrenden Schiffen zuzuschauen.
Auch an diesem Tag nimmt zunächst alles seinen gewohnten Gang. Doch mit einem Mal fängt es an zu grummeln und zu brodeln. Die Erde bewegt sich vor und zurück, sie ächzt und scheint vollkommen aus den Angeln zu geraten, eine Urgewalt, die sich erhebt. Nichts bleibt mehr wie es war. Menschen und Tiere rennen schreiend und in Panik herum. Sie spüren, dass hier eine ungeheure Macht am Werke ist. Immer stärker werden die Erdbewegungen, es gibt keine Kontrolle mehr, keine Orientierung.
Und dann beginnt etwas Unglaubliches: Das Land, auf dem man steht, fängt an sich zu heben. Hat man als Fixpunkt nur die Stadt mit ihren Straßen und ihren Häuserschluchten, oder befindet man sich auf dem platten Land ohne jedweden optischen Bezugspunkt, fällt dem panischen Beobachter vielleicht gar nicht auf, dass man plötzlich einige Meter höher steht.
Befindet man sich jedoch an einer Meeresküste, so kann man durchaus ins Staunen geraten, wenn sich der Fleck, auf dem man steht, plötzlich einige hundert Meter weiter landweinwärts befindet, nachdem sich die Küste emporgehoben hat, nicht nur um ein paar Zentimeter, sondern um etliche Meter!
Nicht vorstellbar? Ein Hirngespinst? Mitnichten. Ein solches Naturschauspiel hat es so oder so ähnlich tatsächlich gegeben. In Griechenland lebt man zwar täglich mit kleineren bis mittleren Erdbeben. Doch das, was ich meine, hatte eine andere Dimension.
In der Antike, im Jahr 365 n.Chr., ereignete sich ein solch gewaltiges Erdbeben, wie man es weltweit nur selten erlebt. Durch die Wucht, mit der die Erdplatten verschoben wurden, entstand ein verheerender Tsunami, der sich im gesamten östlichen Mittelmeer ausbreitete und Städte, wie Alexandria in Ägypten, zerstörte.
Durch das Beben wurde aber auch die Lage Kretas entscheidend verändert. Die Insel tauchte an ihrer Ostspitze unter das Meeresniveau ab, während sie sich an ihrer Westküste um über sechs Meter hob. Das muss man sich einmal vorstellen, über SECHS Meter!
Wer schon einmal mit der Fähre an der Südwestküste Kretas vorbeigefahren ist, kann an den Felsen eine markante Linie erkennen, die das Salz dort hineingebrannt hat. Sie zeigt an, wo der Meeresspiegel in früheren Zeiten, vor diesem Erdbeben, verlief.


Zu jener Zeit befand sich an der Nordwestküste der Insel, am Fuße der Halbinsel Gramvoússa, ein Hafen, der sich mit der Insel emporhob und sich nach dem Erdbeben mehrere hundert Meter landeinwärts befand. Er liegt bei Falássarna und steht für heute auf unserer Besichtigungsliste.


Anfahrt nach Falássarna
Wir haben uns dazu entschieden, unsere Unterkunft in Kalýves, wo wir ein paar sehr erholsame Tage verbracht haben, aufzugeben. Ein Ortswechsel wird jetzt etwas Schwung in den Urlaub bringen, denn jeden Abend in den gleichen Tavernen zu sitzen, ist auf Dauer etwas langweilig. Moderne Musik aus dem Radio begleitet unsere Abfahrt: I love you Baby, I need you Baby, an se chásso, tha trelathó. Wie herrlich einfach!
Die Fahrt bis Chaniá durch das Spalier der verblühten Oleander-Büsche, entlang der tiefblauen Souda-Bucht, kennen wir mittlerweile im Schlaf. Über Kolymbári nach Kíssamos erscheint die dunstige Landschaft etwas langweilig, was vom Musikprogramm jedoch wieder wettgemacht wird: Kretische Lyra mit eingängigen Rhythmen zwischen Ankündigungen verschiedener kretischer Feste und Reklame im Fünf-Minuten-Takt.
Überdimensionierte Warnschilder mit der Aufschrift „Sehr große Gefahr“ weisen darauf hin, dass man hier besser langsam fährt. Im Gegensatz zu manch anderem Autofahrer halten wir uns an die Geschwindigkeitsbeschränkungen.
Kíssamos ist ein quirliges, kleinstädtisches Handlungszentrum und wird von einer schnurgeraden Durchgangsstraße durchzogen, die von Geschäften für das alltägliche Leben gesäumt ist. Zwar könnte man römische Relikte oder einen frühchristlichen Friedhof besichtigen, doch Touristen sucht man vergebens. Das Stadtbild ist vielmehr von Einheimischen geprägt, die ihren Erledigungen nachgehen. Häufig müssen wir anhalten und andere vorlassen, so dicht ist der Verkehr. Die Stadt erinnert mich sehr an Míres in der Messará-Ebene. An ihrem Ende passieren wir den kleinen Stadthafen und verlassen den staubigen Ort.
Hinter Kíssamos nehmen wir den Abzweig bergan nach Agios Geórgios. Gemütliche Winzdörfer reihen sich in einer abwechslungsreichen Hügellandschaft aneinander. Hinter Plátanos geht es wieder bergab. An einer Freifläche neben der Straße halten wir an, um uns bei einem Tsigarátschi an der grandiosen Sicht über die weite, uns zu Füßen liegende Bucht von Falássarna zu erfreuen. Landwirtschaftlich genutzte Flächen mit Olivenplantagen und Treibhäusern wechseln sich mit feinen Sandstränden ab. Diese flachen, fruchtbaren Ebenen gehörten vor dem großen Erdbeben wohl noch zum Meeresboden.




Auf der breiten Parkfläche haben Mitglieder einer ländlichen Kooperative einen Verkaufsstand eingerichtet, in dem Erzeugnisse der Umgebung, wie Olivenöl, Honig und Gewürze angeboten werden. Zunächst nicht in Kauflaune können wir schließlich doch nicht widerstehen. Insbesondere bei den nach Sommer duftenden Kosmetika auf Olivenölbasis kann ich mich nicht zurückhalten und besorge auch gleich ein paar Mitbringsel für zu Hause.
Die nette Verkäuferin klärt uns darüber auf, dass dieses Jahr ein sehr schlechtes Olivenjahr zu erwarten ist. Zum einen habe es viel zu wenig geregnet, zum anderen habe der Wüstensand, der Kreta ja immer mal wieder heimsucht, die Blätter verklebt. Wegen des fehlenden Regens sei der Staub nicht abgewaschen worden, sodass die Bäume langsam verdorren. Man könne es gut an den braunen Baumkronen erkennen. Die damit einhergehenden finanziellen Einbußen seien für sie alle sehr schwer zu handhaben. Bei unserer Weiterfahrt bergab erkennen wir, dass die Bäume tatsächlich eine bräunliche Farbe haben und jegliche Früchte fehlen. Im Verlauf unserer weiteren Reise werden wir solche Bilder noch öfter sehen.


Schließlich biegen wir ab zu den Sandstränden um Falássarna, die der mit Gewächshäusern übersäten Ebene vorgelagert und für die Jahreszeit erstaunlich leer sind. Im Hinterland gibt es zwar ein paar Unterkünfte, ansonsten hat man sich wohl eher auf die Landwirtschaft als Erwerbszweig konzentriert. Wir durchqueren weitere Treibhausfelder, bevor wir einen größeren Parkplatz erreichen, auf dem man sich in einem Supermarkt mit Wasser und allerlei touristischem Kram eindecken kann. Von hier führt ein Schotterweg weiter zur Ausgrabungsstätte. Im Gegensatz zum gestrigen Marsch durch die windstille, mittägliche Gluthitze fahren wir dieses Mal im klimatisierten Auto weiter.


Auf dem Weg zum Eingang der eigentlichen Ausgrabungsstätte passieren wir den sogenannten Thron, dessen Bedeutung bisher nicht geklärt ist und dessen Bezeichnung daher einfach auf dem optischen Eindruck des steinernen Gebildes beruht.


Das Kassenhäuschen ist auch heute unbesetzt, die Tür zum Gelände jedoch geöffnet. (Öffnungszeiten: dienstags bis freitags, von 9.00 bis 15 Uhr)
Auf den ersten Blick erscheinen die Ausmaße der Ausgrabungsstätte gar nicht so riesig. Die ehemalige Stadt mit einer Akropolis auf einem vorspringenden Kap wurde durch Befestigungsmauern geschützt, von denen heute nur noch Bruchstücke erkennbar sind. Unterbrochen wurden die Wände durch runde und viereckige, meterhohe Wachtürme, deren Fundamente ebenfalls ausgegraben wurden.


Fundament eines rechteckigen Wachturmes, eingebettet in die Überbleibsel der Stadtmauer

So ergibt sich das Bild einer befestigten Stadt um einen bedeutenden Hafen, der sich innerhalb einer Lagune befand, und durch einen Kanal mit dem Meer verbunden war. Außerhalb der Stadtmauer lagen auf der einen Seite ein Steinbruch und auf der anderen eine Nekropole.


Foto der Münze vom Plakat
am Eingang der Ausgrabungsstätte

Falássarna war schon in minoischer Zeit besiedelt, erreichte seine Blüte jedoch in der Zeit ab dem 4. vorchristlichen Jahrhundert. Der wohlhabende Stadtstaat war zu jener Zeit eine berühmte Seemacht mit sehr gut ausgebildeten Soldaten. Man verfügte über Gesetze und trieb Handel mit anderen Mittelmeeranrainerstaaten. Eine eigene Münzprägung gibt Zeugnis über die große Bedeutung der Stadt.

Bis um die Zeitenwende war die einst reiche Stadt jedoch nur noch ein Schatten ihrer selbst. Kostspielige Kriege und Naturkatastrophen hatten zu ihrem Niedergang geführt. 67 v.Chr. fiel sie an die Römer, die ihr keine große Bedeutung für ihre eigenen Unternehmungen zumaßen, sondern sich vielmehr der Piraten, die zu jener Zeit von dort Schiffe überfielen, zu entledigen versuchten. Nach dem verheerenden Erdbeben von 365 n.Chr. war der Hafen durch die meterhohe Hebung des Geländes unbrauchbar geworden. Die Mauern waren eingestürzt, die Überreste unter Tonnen von Schutt begraben.
Im 19. Jahrhundert wurde der alte Hafen, um den sich die einst mächtige Stadt rankte, wieder entdeckt. Die Ausgrabungen begannen aber erst 1986 und dauern weiterhin an.


Unseren Rundgang beginnen wir nordwestlich des Eingangs. Von unserem erhöhten Standpunkt aus erahnen wir die Dimension des Militärhafens, und erkennen, wie sehr sich die Hebung der Westküste Kretas auf diesen Hafen ausgewirkt hat. Die langgezogene freie Fläche war Teil des Hafenbeckens, rechts die Einmündung des Kanals.


Hinter dem größeren Becken des Militärhafens gab es noch ein kleineres, das evtl. zu einer Werft gehörte, die man unter dem noch nicht ausgegrabenen Gelände vermutet. Teile dieses zweiten Beckens sind bereits freigelegt.


Man vermutet, dass die unten abgebildete Straße hinauf zur Akropolis, auf dem kleinen Felsplateau, führte. Die hier abgestellten Behälter muten wie Sitzbadewannen an, die aus dem benachbarten öffentlichen Bad stammen könnten.


Höhepunkt unserer Besichtigung ist der ehemalige Anleger des Militärhafens, an dem man noch die steinernen Befestigungsösen für die Schifftaue erkennen kann.






Jenseits der Zäune, die das zur Besichtigung freigegebene Gelände umgeben, wird fleißig weiter gegraben. Bis man das gesamte Areal freigelegt hat, werden aber sicherlich noch viele Jahre vergehen.
Auch wenn die Ausgrabungen nicht so spektakulär wie die minoischen Paläste Kretas sind, so haben die wenigen, aber präzisen Beschreibungen und Fotos auf den Plakaten innerhalb des Geländes, gepaart mit den Relikten, die wir uns angeschaut haben, unsere Fantasie beflügelt. Vor 2500 Jahren gab es an dieser Stelle eine Siedlung mit wohlhabenden Einwohnern, die zu der Zeit noch nicht ahnten, dass ihre Stadt nur wenige Jahrhunderte blühen würde und schon längst dem Untergang geweiht war.
Wir Besucher werden dank der Schaffenskraft von engagierten Archäologen heute Zeugen einer längst vergangenen Kultur. Wie wohl unsere Landschaft, in der wir heute leben und uns in Sicherheit wiegen, in zweieinhalbtausend Jahren aussehen wird?





Wer gut zu Fuß ist, kann von hier aus zum Badeparadies nach Bálos, im Nordwesten Gramvoússas, wandern. Wir jedoch steigen nach der schweißtreibenden Besichtigung wieder ins Auto und streben einem anderen Ziel entgegen.

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