Paleοchóra

An unserem ersten Morgen auf dem schmalen Seitenbalkon ist Alex beim Kippeln auf einem der weißen Plastikstühle abgestürzt. Die Füße auf der Brüstung und den Kopf an der Hauswand zerbrach der Stuhl unter ihm plötzlich in mehrere Teile. Alex klappte dabei wie ein Taschenmesser zusammen und rutschte mit dem Kopf an der Hauswand entlang zu Boden. Sein Blick - plötzlich ganz starr. Erschrocken schreie ich mir die Seele aus dem Leib. Sofort kommt eine Reinigungskraft aus dem Nebenzimmer angerannt, alarmiert die Wirtsleute, besorgt in Handtücher geschlagene Eiswürfel. Alex – mittlerweile wieder zu sich gekommen – ist völlig benommen, als er sich langsam wieder aufrappelt, sich zum Bett schleift und die Eispackung auf seinen Hinterkopf legt. Es vergeht eine Stunde, in der ich hoffe, dass es nicht noch zu irgendwelchen Komplikationen kommt. Glück gehabt, weder Kopfschmerzen, Übelkeit noch sonstige Überbleibsel des Sturzes bleiben zurück.
Die Stühle seien noch nicht alt und normalerweise würden diese auch alle zwei Jahre ausgetauscht, meint einer der Wirte. Allerdings entdecken wir auch auf den Sitzgelegenheiten des Balkons im Vorderzimmer, in das wir zwei Tage später umziehen, Risse, die bei Belastung genauso plötzlich zum Zusammenbrechen des Sitzmöbels führen können. Ab jetzt werden wir uns nur noch ganz vorsichtig darauf niederlassen, denn eine Veranlassung zum jetzigen Austausch der Stühle sieht man von Wirtsseite aus nicht.

Die vergangene Nacht war kurz. Da wir uns die letzten Tage ausgedehnte Schlafeinheiten zugeführt haben, vielleicht auch, weil wir immer noch den bekloppten Pentosáli einer Tanzgruppe vom Vorabend im Kopf haben, sind wir gegen sechs Uhr morgens schon wieder auf den Beinen. Ein leckerer Kaffee auf dem Balkon ohne sichtbehindernde Markise und ohne Bullenhitze kommt jetzt genau richtig.
Trotz anstrengender Sitzhaltung auf der vorderen Kante der Stühle haben wir uns schon auf den Sonnenaufgang auf unserem meerseitigen Balkon gefreut. Noch ist es ruhig. Die Samaria I liegt vor Anker, das Beladen mit den Schluchtenwanderern wird erst später vonstattengehen.
Der Horizont hat sich schon rötlich verfärbt, immer noch dunkel und schemenhaft die Küstenlinie, die Wasseroberfläche spiegelglatt. Ein Fischerboot tuckert einsam von rechts nach links, während ein Kleppergaul mit einem Reiter auf dem Rücken müde über die Promenade trabt. Nur ganz wenige Passanten sind unterwegs, doch am Steinstrand johlen und toben ein paar junge Leute lebensfroh und ausgelassen im Wasser herum. Langsam verändern sich die Landschaftsfarben. Der Himmel über dem Meer hat mittlerweile einen Blauton angenommen, ebenso wie die Berge, die nun in klaren Konturen hervortreten. Schließlich zeigt sich ein winziger Strahl, ein kleines, aber intensives Leuchten.






Genau an einer solchen Stelle kann man sehen, wie schnell die Erde sich dreht und die Zeit vergeht, denn innerhalb sehr kurzer Zeit ist die Sonne komplett hinter der Kerbe des Krokodilhügels aufgegangen, sticht sofort mit voller Wucht auf uns hernieder, taucht den Hafen in ein helles, realistisches Tageslicht und blendet mit der gleißenden Widerspiegelung der Strahlen auf der Meeresoberfläche die Augen, die sich immer noch nicht richtig öffnen wollen.


Dieses irrlichternde und unwirkliche Glitzern im Gegenlicht, das sich nur durch das Verengen der Augen zu Schlitzen betrachten lässt, könnte den ein oder anderen großen Impressionisten zu einem Landschaftsgemälde inspiriert haben: mit halb geschlossenen Augen flirrende Olivenbaumblätter in pastellfarbenen Grün- und Grautönen malen; je nach Tageszeit und Witterung Braunklänge, Bleipfropfen oder Blau- und Türkistupfen für die Schattierungen des Meeres wählen und mit tausenden zartgelben oder blendend weißen Sonnen das sanfte Wellengekräusel garnieren.




Die Besatzung der Samaria I hat schließlich ihren Dienst aufgenommen und das Schiff so gedreht, dass die geöffnete Vorderklappe auf dem Pier liegt. Wenige Schluchtenwanderer haben sich eingefunden und warten ungeduldig auf die Abfahrt. Besser am frühen Morgen als in der Gluthitze durch die Klamm zu marschieren, werden sie sich denken. Das Beladen dauert nicht lange, und im Nullkommanichts legt die Fähre ab, wendet und eilt in Richtung Soúghia und Samariá-Schlucht davon.




Die Luftfeuchtigkeit, die gestern in riesigen Wolkenungetümen über den Bergen hing, hatte uns hier zum Glück nicht erreicht. Hoffen wir, dass es so bleibt. Auf ihrer täglichen Wanderung steht die Sonne mittlerweile schon recht hoch. Für mich ist dagegen die Zeit gekommen, mich wieder hinzulegen und ein Morgenschläfchen einzulegen.

Am späten Vormittag gönnen wir uns im benachbarten Café an der Promenade einen weiteren Kaffee. Alex liest aus der „Chaniótika Néa“ vor. Eine Untersuchung von Trivago.gr für Buchungen zwischen dem 1. März und dem 1. August der Jahre 2015 und 2016 hat zu folgendem Ergebnis geführt:
Vom 1. bis 31. Juli 2016 gab es in Iráklio 667.330 Personenankünfte. Davon waren 125.326 Deutsche, 83.193 Briten, 63.171 Russen, 60.498 Franzosen. Zufriedenstellend wurden die Besuche aus den Niederlanden, Polen und Israel bewertet, wobei die Anzahl der israelischen Gäste zugenommen hat und die der Besucher aus Skandinavien unverändert ist.
Bei den griechischen Besuchern standen im Jahr 2015 Chalkidikí, Thássos und Levkáda an erster, Santorin an fünfter und Naxos an fünfzehnter Stelle. Kretische Ziele findet man in dieser Aufstellung nicht. Im Jahr 2016 standen Chánia und Párga zuoberst, Naxos an dritter, Réthimno an zehnter, Mykonos, Paros und Ios kamen nicht mehr vor.
Gerade bei jungen Leuten waren die zuletzt genannten Inseln sehr beliebt, aber das Club- und Partyleben hat seinen Preis, allen voran auf Mykonos. Man könnte daraus schließen, dass man sich einen Urlaub dort nicht mehr leisten kann, vielleicht hat der Wechsel der beliebtesten Destinationen aber auch ganz andere Ursachen.
Laut der Zeitung sind es heute in Nordkreta 32 Grad, bei uns im Süden ist es dagegen so heiß, dass man eigentlich den ganzen Tag im Schatten verbringen und kalte Getränke in sich hineinschütten möchte. Jeder Windhauch ist willkommen. Die Kleidung klebt nicht, weil man so schwitzt, sondern wegen der mittlerweile hohen, salzhaltigen Luftfeuchtigkeit, sodass ein glitschiger Film auf der Haut pappt. Im Café kann man es einigermaßen aushalten, wenn auch die Sonne erbarmungslos auf die dicken Schirme knallt. Die Wasseroberfläche des Meeres sieht sogar leicht bewegt aus. Käme doch nur ein wenig spürbarer Wind auf! Auch mit einer leichten Brise würden wir uns schon zufrieden geben. Wie eine Glocke hängt die Hitze über uns, lähmend, auch im Kopf. Und doch entschließen wir uns zu einem kleinen Dorfbummel.

Paleοchóra bedeutet „alte Hauptstadt“ oder „alter Hauptort“. Woher der Name kommt, ist nicht gewiss. Das Städtchen erstreckt sich über eine Landzunge, gekrönt von den Überresten einer venezianischen Befestigungsburg aus dem 13. Jahrhundert.
Die geografische Abgeschiedenheit und diese Lage auf einer Landzunge waren vielleicht die Hauptsgründe, warum es in den 1960er und 1970er Jahren so viele junge Reisende in das verschlafene Fischerdorf zog. Nur noch wenige von ihnen sind übrig geblieben. Einige leben in den Dörfern der Umgebung und versuchen finanziell über die Runden zu kommen. Die neu Hinzugezogenen kamen allerdings mit sehr viel Geld, eroberten die Randbezirke, kauften Häuser und bauten Paläste in der Peripherie. Mit ihrem Geld weckten sie Begehrlichkeiten und Neid. Daneben hat auch die unausweichliche touristische Entwicklung zur Kommerzialisierung beigetragen: Hotels, Rooms, Studios, Tavernen, Schnickschnack-Läden mit touristischem Klimbim prägen das Ortsbild. Am Abend dann die Straßenverkäufer und Musiker mit mobiler Anlage. Jeder kämpft für sich, die einen ums Überleben, die anderen um ein wenig Wohlstand im krisengeschüttelten Land. Von der früheren Stimmung ist nicht mehr viel übrig, es ist wie überall.

Unser Spaziergang führt uns zunächst zum Hafen, von wo wir über eine Stichstraße hinüber in den Ortskern schwenken. Die kleinen Gässchen wirken sehr gemütlich, an vielen Ecken gibt es hübsche Arrangements zu knipsen.










Um die Mittagszeit ist das Stühlemeer vor den zig Cafés noch fast leer. Die gepflasterte Hauptstraße führt hinauf zur Hauptkirche des Ortes, der Evangelístria mit ihrem imposanten Kirchturm.




Auf dem Weg zurück passieren wir das einzige, in dieser Straße nicht hergerichtete und offenbar leerstehende Haus, dem irgendjemand ein wenig Vegetation verschafft hat, um die schlimmsten Verfallsspuren zu verstecken.


Unser nächstes Ziel ist der weite Sandstrand, Pachiá Ammos. Selbst zum Baden ist es uns heute zu heiß im Gegensatz zu denen, die sich auf den unzähligen Liegestühlen unter den Sonnenschirmen tummeln. Lieber kehren wir in einem der Cafés ein. Bis der frisch gepresste O-Saft auf unserem Tisch landet, hat er allerdings schon lauwarme Temperaturen angenommen.
Ein paar abgerissene Gestalten hängen hier herum, wer weiß wie lange schon. Auf jeden Fall niemand, mit dem ich ins Gespräch kommen möchte, wegen bereits eingetretener Trunkenheit schon am frühen Mittag. Ansonsten weit und breit schwitzende Touris.
Nicht lange halten wir es aus, die Luft „steht“ förmlich. An einem anderen Tag wird uns der Wind an dieser Stelle fast wegwehen. Wind ist einfach eine herrlich erfrischende Abwechslung - würde er auch heute nur ein wenig wehen!
Zurück geht es zur Ostseite der Halbinsel, entlang der Fahrstraße. Kleine Naturbecken laden hier zum Baden ein. Nur wenige Sonnenschirme passen in eine felsige Bucht.






Auch Schnorchelfans kommen bei den Felsen auf ihre Kosten, wie wir erfahren. Gemütlich ist es hier zu dieser Tageszeit, kein Vergleich zu den überlaufenen Stränden an der Nordküste Kretas. Eine weitere Erfrischung muss jetzt her.
Das Café Amyrída schaut von der Straße her sehr eigenwillig aus mit der Tamariske, die mitten durch das Gebäude wächst. In ihrem Schatten lässt es sich bei der Hitze gut aushalten.


Danach schlendern wir wieder zum kleinen Hafen, wo jetzt eine leichte Brise aufgekommen ist – Grund für uns, hier in einem der Cafés zu verweilen und das Geschehen zu beobachten.
Die Musik aus den Lautsprechern lädt zum Chillen ein, ein bisschen was Futuristisches, aber kein Gedröhne. Das in Sichtweite gelegene Touristenbüro mit dem freundlichen mehrsprachigen Manager, ist wie immer gut besucht.
Gäste treffen ein, schnell ist unser Lokal voll besetzt und hallt von Gesprächsfetzen in verschiedenen Sprachen wider. Der Blick hinaus auf den Pier. Gerne parkt man hier direkt unter dem Schild im absoluten Halteverbot. Doch was in diesem Leben ist schon absolut?
Zwei bunte Stühle ohne Sitzflächen dienen als Platzhalter für die einheimischen KFZ - ein täglich neu erfundenes Stillleben.


Dieser Ort ist ein regelrechter Verkehrsknoten. Einheimische knattern auf ihren Mopeds vorbei, die Transportgüter vorne auf dem Lenker balancierend oder huckepack festgezurrt. Eine Palette mit eingeschweißten Wasserflaschen wird auf einem Quad transportiert. Ein gestenreich telefonierender Pickup-Fahrer quert und biegt ab in den Ort. Der behelmte Vespa-Fahrer, der ihm entgegenkommt, wird gegrüßt. Man kennt sich in dem kleinen Städtchen und der Umgebung. Auffallend viele Leute auf Fahrrädern sind unterwegs, immer noch das preiswerteste Fortbewegungsmittel. Protzautos gibt es eher weniger.
Schräg gegenüber werden Steinplatten für die Hausrenovierung zersägt, wo unter den Räumen im ersten Stock die letzte Lücke wahrscheinlich mit einer Esswerkstatt geschlossen wird. Direkt daneben befindet sich bereits – neben dem lauten Kinderparadies – ein Pizza-Restaurant, das jeden Abend proppevoll ist. Bis zum Steinstrand schließen sich dann noch jede Menge Esstempel und wenige Cafés an, auch diese sind im Hochsommer jeden Abend sehr gut besucht.

Zwei griechische Jungs betreten das Hafencafé, beide mit lustigen Schriftzügen auf dem Shirt wie „Sixpack coming soon“. Da wird er noch ein wenig Training benötigen.
Eine Frau mit sehr aufrechter Haltung passiert das Café, in Gegenrichtung ein Papa mit seinem kleinen Sohn, jeder mit Angelrute. Hinsichtlich der bevorstehenden Angelei werden sie von Einheimischen beraten.


Ein Mann vom benachbarten Lokal besteigt ein Moped, um eine Riesentüte Müll zum etwa 20 Meter entfernt stehenden Müllcontainer zu bringen. Ein Cosmote-Auto quert von rechts mit Leitern auf dem Dach.
Eine Wölkchen-Parade schiebt sich quer über den azurnen Himmel; im Westen quillt bereits ein veritables Wolken-Gebirge empor. Regen im August? Letztes Jahr habe es im August auch schon geregnet, verrückt, meint unser Zimmerwirt. Wir hätten nichts dagegen.
Zwischendurch wabert immer mal wieder ein süßlicher Kuchenduft aus dem Nachbar-Café herüber. Gebeugte Gestalten, die manchmal vorbeischleichen, mit neugierigen Blicken, verschlossen, nicht Teil dieser lebendigen Hafenszenerie. Ein älterer Mann knattert rauchend im Schritttempo vorbei. Immer findet sich jemand, den man kennt, der ruft und grüßt.
Kleinstädtischer Alltag halt. Pfeifen, johlen, rufen, das Knattern wiederholt sich, in umgekehrter Richtung dieses Mal.
Ein weiteres Moped mit einhändig lenkendem Fahrer, die andere Hand in die Hüfte gestützt. Ein weiterer, mit einem großen Paket unter dem Arm, fährt von Café zu Café, grüßt dort befindliche Frappé-Trinker, tauscht ein paar Worte mit den Bekannten, dann fährt er ein paar Schritte weiter, Wiederholung des Procedere.
Dann fährt doch einmal ein schwarzes, großes Angeber-Auto mit griechischem Nummernschild vorbei, ein Girl hinter dem Steuer, das gerade einmal so alt ist, dass es über den Lenker schauen kann. Das ist aber die einzige, die uns auffällt. Ansonsten tritt man eher bescheiden auf.
Behütete Touris und solche mit Wanderstöcken verdienen unsere Achtung, sie scheuen die kretische Mittagssonne nicht und stapfen tapfer durch die Landschaft, während alle anderen in Cafés sitzen, sich am Strand wälzen oder zu Hause schlafen.

Am Nebentisch sitzen zwei Mädchen, eine telefoniert mit jemandem zu Hause in Deutschland und erzählt, das Essen sei gut und die Auswahl reichlich, aber etwas fett. Wir kommen nicht umhin, dem Telefonat zuzuhören, da das Gespräch in einiger Phonstärke geführt wird.
Gestern sei man auf Santorini gewesen und heute an einem kretischen Ort, von dem man den Namen nicht weiß. Man sei in einen Bus gestiegen und bis zur Endhaltestelle gefahren. Es sei ganz schön hier, aber etwas heiß.
Sie werden vermutlich noch den scharfen Wind, der wie aus dem Nichts aufbrausen kann, verfluchen, auch wenn er zunächst Erfrischung verspricht. Sie werden den Südwind hassen, der die Hautoberfläche in einen glitschigen Film verwandelt und Kopfschmerzen verursacht.
Sie werden dieses ganze Schöne und Liebevolle, die Blicke der Einheimischen, die sehr freundliche Erwiderung eines auf Griechisch geäußerten Grußes lieben lernen.
Wenn sie es wagen, einen der Hügel der Umgebung zu erklimmen, werden sie den Duft der Natur empfangen, einen unvergesslichen Reichtum an Kräuterdüften, die Gesundheit verheißen und das kretische Essen würzen. So schwärmen wir von der traditionellen kretischen Küche, während nebenan aus einem der Restaurants soeben eine ganze Batterie von leeren Dosen im Abfallbehälter entsorgt wird. Das ist ein bisschen gemein.
Kräuter, die die beiden Neuankömmlinge pflücken und im Raum ausbreiten, werden nachts ihr Aroma entfalten, während sie im Traum durch schattige Schluchten und Bergtäler spazieren. Denn es gibt ja nicht nur die eine, einzigartige Samariá-Schlucht. Jede Klamm hat ihre Eigenheiten und Schönheiten.
Es gibt Kreta-Experten, die in arroganter Manier glauben, sich aus der touristischen Masse herausheben zu müssen, indem sie anderen von einer Durchquerung der Samariá wegen angeblicher Übervölkerung abraten.
Kreta-Erstreisende fragen ja gerne nach den kleinsten Details, um ja kein Risiko eingehen zu müssen; beispielsweise, ob sich die Durchquerung der Samariá-Schlucht „lohne“. Doch wie zum Geier soll eine andere Person das denn wissen, was sich für einen selbst „lohnt“? Warum nicht auf eigene Faust losziehen und seine eigenen Erfahrungen machen, oder „kostet“ das zu viel wertvolle Urlaubszeit im Fall des Nichtgefallens?
Die Neugierigen sollten selbst ihre Erfahrung machen, was soll schon schief gehen?
Statt von einer Durchquerung der Samariá wegen Übervölkerung abzuraten, sollte man lieber Hinweise auf Gefahrenquellen, Verhaltensvorschriften und die Schönheiten der Schlucht geben und die Fragenden zu einer eigenen Entscheidung ermuntern, ob sie die Wanderung unternehmen oder nicht.
Auch mit 1000 oder 2000 Mitwanderern in der Schlucht verläuft sich die Masse spätestens am Fuße der Xyloskála. Das Erlebnis einer bewusst wahrgenommenen Schlucht-Durchwanderung ist einzigartig, wenn man sich darauf einlässt. Ich selbst habe sie dreimal durchquert, auch einmal mit gerade mal zehn anderen Besuchern an dem Tag. Das war natürlich besonders schön, die absolute Stille dort wahrzunehmen, wo der Bach unterirdisch verläuft. Ein anderes Mal waren mit uns mehr als tausend andere Wanderer unterwegs, doch das hat uns nicht gestört. Wir sind unserem eigenen, langsamen Rhythmus gefolgt und haben höchstens diejenigen bedauert, die aufgrund von Gruppenvorgaben schneller unterwegs sein mussten. Aber auch das entscheidet jeder selbst, in welcher Form er diese Wanderung angeht.
Eine Anreise kann man auch morgens von Paleóchora starten und in die Schlucht dann von unten hineinwandern, falls man sich die Xýloskala nicht zutraut.

Mittlerweile sind wir schon wieder dermaßen träge, dass wir uns eine kleine Auszeit im Zimmer gönnen. Klimatisiert kann man es bis zu unserer Badezeit aushalten.
Diese kommt für gewöhnlich ab fünf Uhr am Nachmittag. Wenn auch der Sandstrand attraktiver erscheint, so zieht es uns täglich zum Steinstrand. Mit entsprechenden Gummischuhen kann man ohne große Probleme über die Kiesel ins Wasser gleiten. Eine kleine Schar von Badewilligen hat es sich schon neben den Liegen auf dem schmalen Steinstreifen auf Handtüchern oder Decken bequem gemacht.


Schnell die Klamotten aus und ab ins Meer. Aaaah, was für eine belebende Wirkung! Und die klare Sicht auf die Steine unter uns ist fantastisch. Es tut so gut, beim Hinausschwimmen endlich etwas Abkühlung zu erleben. Auf dem Rücken schaukelnd kann man dieses Fleckchen in vollen Zügen genießen.
Nur einmal sind wir zur Abwechslung zum Weststrand gegangen. Das war ausgerechnet an einem sehr windigen Tag, an dem wir regelrecht sandgestrahlt wurden, absolut kein Vergnügen. Außerdem verfolgte mich am flachen Meeresboden ein dunkles Monster. Es ließ sich nicht abschütteln, bis ich feststellte, dass es nur mein eigener Schatten war.
Die kurze Entfernung vom Zimmer zum Steinstrand ist für uns sehr viel angenehmer. Diesen Strandaufenthalt am Spätnachmittag bis in den frühen Abend hinein genießen wir jeden Tag. Wir beeilen uns sogar, von unseren Ausflügen rechtzeitig vor Sonnenuntergang zurückzukommen, um dieses Tageshighlight zu zelebrieren. So wie wir machen es viele andere auch, die nicht den ganzen Tag unter einem Schirm oder in der prallen Sonne verbringen wollen.

Erst mit Sonnenuntergang kommt auch im Dorf eine Brise auf, aber nicht von der Meeresseite her, sondern von Nordwest. Endlich können wir uns wieder mit Genuss durch die Gassen bewegen, um uns Frühstücksgüter zu besorgen. Ah, welche Erleichterung, wenn man trotz immer noch hoher Hitze endlich das Gefühl hat, wieder durchatmen zu können.
So wie unser Tag angefangen hat, werden wir ihn auch beendet: im wohltuend warmen, dämmrigen Sonnenlicht.


Im fantastisch klimatisierten, recht großen und gut bestückten Supermarkt kaufen wir Eliés, Schafskäse, Graviéra (alles dópio) an der Frischtheke, Auberginen- und Käsesalat (als Brotaufstrich), dunkles, abgepacktes Kornbrot und einen Sixpack Wasser.
Auf dem Heimweg kommen wir an einem Obstladen vorbei, aus dem es verführerisch duftet. Riesige Nektarinen und Pfirsiche sowie Tomaten wandern ebenfalls in die Einkaufstüte.

Die Straße hinauf erkenne ich an einem Straßenverkaufsstand eine alte Freundin wieder, mit der ich vor 30 Jahren, bei meinem Kreta-Debüt, in Kamilári zusammen gewohnt habe. Wir hatten über die Jahre zwar einen sehr losen Kontakt, aber gesehen haben wir uns seit etwa 20 Jahren nicht mehr, wie wir rekonstruieren. Trotzdem haben wir uns auf Anhieb wiedererkannt, auch wenn Haarfarbe und Figur sich mit der Zeit und aufziehendem Alter verändert haben. Doch die Lache ist noch dieselbe, und die Energie.
Als ich mir die angebotenen Hairwraps anschaue, bin ich plötzlich gefühlsmäßig wieder mitten drin, erinnere mich genau, wie es damals war, als ich 1991 als einzige in Matala, an der Eingangsstraße, eben diese Haarbänder ins Haar der Touristen flocht. Mensch, was waren das für Zeiten! Die Freundin hat darüber hinaus auch Duftkissen im Angebot, mit selbst gepflückten Kräutern (Thymian, Salbei, Kamille, Lavendel usw.) aus der Umgebung.
Gegenüber, auf der anderen Gassenseite, belagern wir einen Tisch in Monica‘s Kafenio. Da wir uns so viel zu erzählen haben, hat Alex unsere Einkäufe schon mal ins Zimmer gebracht.
Langsam füllt sich der Außenbereich des Kafenío, oder besser gesagt, der Musikkneipe. Heute Abend treten zwei Rembétes auf, die wir schon von den allabendlichen Kurzeinlagen vor den Esstempeln am Steinstrand kennen. Es kostet keinen Eintritt, später wird lediglich ein Hut herumgereicht.


Die Stimmung ist richtig gut, es wird sogar stellenweise mitgesungen. Wir sitzen recht eng beisammen, da der erlaubte Außenbereich durch einen breiten behördlichen Umrandungsstrich abgrenzt ist. Schnell kommt man bei dieser Sitzordnung mit den Tischnachbarn ins Gespräch.
Monica, die darauf achtet, dass wir die Linie mit den Stühlen nicht überschreiten, ist eine sehr taffe Frau. Kraftvoll, aufmerksam und mit dem nötigen Humor betreibt sie ihren Laden. Aus einer musikalischen Familie stammend begleitet sie ihren Gesang auf der Gitarre, als die meisten sich zur fortgeschrittenen Stunde schon nach drinnen begeben haben. Noch lange sitzen wir zusammen, teilen die Tischnachbarschaft mit anderen, die in der Umgebung wohnen, lauschen ihren Erzählungen des Tages. An einem anderen Abend werden wir uns wiedersehen.
Um Mitternacht trollen wir uns wieder zu unserer Unterkunft und freuen uns schon auf unseren für morgen geplanten Ausflug.




Kándanos und Umgebung


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