Kándanos und Umgebung


Besuch des Dorfes
Die unerträglich schwüle Hitze des Vortages hat in den Morgenstunden ein aufgekommener starker Wind vertrieben, der unseren Unternehmungsgeist wieder geweckt hat. Vom Balkon aus erkennen wir weiße Schaumkronen auf den Wellenkämmen. Die Trägheit, die gestern über dem Ort lag, ist einer regen Geschäftigkeit gewichen. Am Vormittag brechen auch wir zu einem ersten Ausflug in die Umgebung auf.

Es gibt Dörfer auf Kreta, deren Namen fest verwoben sind mit Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Zerstörung und Tod, begangen von deutschen Nazis während des Zweiten Weltkrieges. Sie haben eine breite Spur von Verwüstungen hinterlassen. Um wieviel schöner und angenehmer ist es, Dörfer und Gegenden zu besuchen, die diesem Terror entronnen sind; in die wir als deutsche Touristen unbeschwert hineinfahren und uns an der Gastfreundschaft und der schönen Atmosphäre erfreuen dürfen. Immer wieder sind wir jedoch aufgefordert, diesen Spagat zu machen zwischen dem Paralleluniversum des Tourismus, der alles, was negativ ist, versucht auszublenden und den Hinterlassenschaften der deutschen Nazis, mit denen wir immer wieder konfrontiert werden. Insbesondere in den „Märtyrerdörfern“, die besonders unter der Nazi-Okkupation zu leiden hatten, kommt man um die Auseinandersetzung nicht herum.
Kándanos ist ein solches Dorf. Auch wenn die Bewohner nach dem Krieg wieder dorthin zurückkamen, darf das, was dort geschehen ist, nicht vergessen werden.


„…zerstört vom Grund her, um niemals wieder aufgebaut zu werden“

Die Geschichte beginnt mit der Schlacht um Kreta ab dem 20. Mai 1941. Ziel eines deutschen Trupps war nach der Landung der Hafenort Paleochóra. Ihre Route führte durch eine Schlucht zwischen Flória und Kándanos, in der es am 23. und 24. Mai zu einer Schlacht mit Bewohnern der Umgebung kam, die den Durchzug der Eroberer nicht einfach hinnehmen wollten. Einige deutsche Soldaten verloren dabei ihr Leben.
Wie so häufig kam es in der Folge zu grausamen Rachehandlungen seitens der Besatzer, in diesem Fall am 31. Mai 1941 vom verantwortlichen, kommandierenden General Kurt Student befohlen, der nach dem Krieg für keine seiner Taten zur Rechenschaft gezogen wurde.
Als Vergeltungsmaßnahmen wurden unter anderem „Erschießungen“, das „Niederbrennen von Ortschaften“ und „die Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete“ ausgegeben. Dabei sei „planmäßig“ vorzugehen und „alle Maßnahmen mit größter Beschleunigung durchzuführen, unter Beiseitelassung aller Formalien und unter bewusster Ausschaltung von besonderen Gerichten“.
In der Folge dieses Befehls wurde Kándanos am 3. Juni zerstört. Griechen war es unter Androhung der sofortigen Erschießung für immer verboten, die Ruinen zu betreten.
Tafeln wurden aufgestellt, als Warnung und Zeichen der Stärke der Besatzer. Diese sind im Original erhalten und bilden das Zentrum eines kleinen Museums im Ort. Nachbildungen stehen als Mahnmal auf dem Dorfplatz, begleitet von einem Hoffnungsappell der Gemeinde Kándanos, dass Symbole wie diese in der Zukunft nie wieder Verwendung finden mögen.


Ein weiteres Denkmal auf der Platía ehrt namentlich aufgelistet diejenigen, die in der Zeit zwischen 1940 und 1945 den Tod fanden, die meisten von ihnen im Jahr 1941.








Auch wenn die Geschichte den Besuch im Dorf begleitet, erleben wir Touristen ein Höchstmaß an Normalität gegenüber uns Nachfahren der Täter von einst, zumindest äußerlich betrachtet. Bei meinen Besuchen in Kalávrita (1997) und in Anóghia (im Winter 1990) hatte man mich noch deutlich spüren lassen, dass dieser Teil unserer Vergangenheit präsent ist, auch wenn man mich persönlich nicht meinte. Es waren die durchdringenden, nicht enden wollenden, wortlosen Blicke in Anóghia und die tonnenschwere Stille, die damals auf Kalávrita, unterhalb des riesigen weißen Kreuzes, lastete. Kándanos hingegen wirkt (heute) auf den ersten Blick offen. In einer der Tavernen nehmen wir im überschatteten Bereich Platz und lassen das Geschehen um uns herum ein wenig wirken.


Im Museum


Das Museum befindet sich im Gemeindehaus, neben der großen Hauptkirche, hoch oben über dem Ort und ist täglich bis 14.30 Uhr geöffnet (Stand 2017).

Im Flur des Erdgeschosses hängen an den Wänden interessante Fotos und Dokumentationen. Eine Referenz hat man Ιákobos Koumís erwiesen, geboren in Spína, einem Bergdörfchen in der Nähe von Kándanos. Er war Kapitan und Held in den Schlachten und Aufständen gegen die Osmanischen Besatzer, ganz besonders in jenem des Jahres 1821.



Eine gerahmte Urkunde ist hinter Glas ausgestellt:
das Dokument über die Ehrenbürgerschaft von Chrístos Sartzetákis,
die seit dem 26. Mai 1985 zur Gemeinde Kándanos besteht.


Sein vielleicht größter Verdienst: Als Untersuchungsrichter deckte er den „Unfall“ von Grigóris Lambrákis als Mordkomplott auf. Die Geschichte hat Constantin Costa-Gavras in seinem Oscar-prämierten Film „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ verarbeitet.
Während der Herrschaft der Obristen wurde Chrístos Sartzetákis als Richter abgesetzt und zweimal verhaftet. Ein Jahr lang war er im Korydallós-Gefängnis bei Athen interniert.
Nach der Diktatur war er von 1985 bis 1990 Staatspräsident und wurde mit zahlreichen nationalen und internationalen Ehren dekoriert.

Eine weitere Dokumentation findet man hier zu Opfern der deutschen Nazi-Herrschaft. Während der deutschen Besatzung wurden auch Bewohner des Bezirks Sélino, in dem Kándanos liegt, in das KZ Mauthausen verschleppt.




Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen.



Von oben, aus dem ersten Stock, ruft uns eine Frau freundlich zu, dass sich weitere Museumsräume im ersten Stock befinden. Wir sollen die Treppe heraufkommen.


Neben zwei Ausstellungsräumen gibt es dort auch eine griechisch-sprachige Bibliothek, in der man Bücher, auch Bildbände, zu verschiedenen Themen leihen und auf einer Couch im geräumigen Flur schmökern kann.

Einer der Ausstellungsräume beherbergt Fundstücke aus der Region um Kándanos: Eine kleine Sammlung von Relikten aus der byzantinischen Epoche und der osmanischen Besatzungszeit. Die meisten Gegenstände stammen jedoch aus den Jahren der deutschen Okkupation ab 1941, insbesondere Ausrüstungsgegenstände der Soldaten wie zerschossene Helme, Spitzhacken, Stacheldrahtstücke, Waffen wie Bomben und Minen, und Gebrauchsartikel der Einheimischen, wie z.B. Nähmaschinen. Auch ein Radio aus Plemenianá ist ausgestellt. Der Betrieb war verboten, da man aus deutscher Sicht feindliche Sender damit empfangen konnte. Solche Geräte hätten laut Anordnung des Oberkommandierenden Kretas aus dem Jahr 1942 eigentlich alle abgeliefert sein müssen.


Der zweite Ausstellungsraum, in dem das Fotografieren verboten ist, beherbergt die drei Originaltafeln, die nach der Zerstörung des Ortes von den Nazis errichtet worden waren.
An den Wänden hängen Fotos aus jener Zeit aus verschiedenen Sammlungen. Sie bilden vorrückende Soldaten ab, zum Teil halbe Kinder, voller Einsatzfreude und Verwegenheit im Blick; andere Fotos zeigen müde Gesichter.
Auch ein „Gebets-Andenken“ des Gefreiten Alfons Deitleder von Karpfham, der in den Kämpfen in der Kándanos-Schlucht zwanzigjährig starb, ist auf Deutsch nachlesbar. Andere Fotos zeigen Kándanos nach der Zerstörung.

Im Flur des Museums schreibe ich in einem Besucherbuch nach der Besichtigung der Ausstellung meine Gedanken auf und gebe eine Geldspende zum Erhalt des Museums in einen größeren Sammelbehälter.
Schnell kommen wir ins Gespräch mit zwei Griechen, die hier ein wenig aufpassen und Fragen beantworten, ebenso wie mit deutschen Besuchern, die die Geschichte des Ortes und unsere eigene nicht kalt lassen. Menschen, die es so wie wir nicht fassen können, dass der für Zerstörung und Mord in Kándanos Verantwortliche nach dem Krieg nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, geschweige denn eine angemessene Entschädigung erfolgt wäre – bis heute nicht!
Mit diesen Gedanken im Kopf und einigen wohltuenden Gesprächen unter Gleichgesinnten machen wir uns schließlich auf, um uns die nähere Umgebung um das Dorf anzuschauen.
Beim Verlassen des Ortes passieren wir das Gemeindewasserwerk, an dessen Erbauung in den 1960er Jahren Freiwillige der Aktion Sühnezeichen mitgewirkt haben. Ein ähnliches Projekt, nämlich der Bau eines Gemeindehauses, fand zeitgleich in Livadás statt.


In diesem Zusammenhang erlebte Geschichten kann man im Buch von Klaus Hönig, „Kreta – ein Abenteuer für die Freundschaft“ in Form von Tagebuchaufzeichnungen und Briefen nachempfinden. Immerhin ein Versuch des Ausgleichs auf persönlicher, kirchlich-motivierter Ebene. Das Fazit des Projektleiters fällt nach einem Jahr allerdings etwas anders aus als erwartet:

„Unsere Arbeit im Dorf sollte vor allem eine Bitte um Verzeihung wegen der Schuld sein, die den Kretern im letzten Krieg von Deutschen zugefügt worden ist. (…) Und wenn unser Einsatz auch wohl nur für wenige ein Sühnezeichen in der eigentlichen Bedeutung des Wortes gewesen ist, so war es doch für alle, mit denen wir zusammengekommen sind, ein Zeichen der Freundschaft, der Hilfe und des Friedens. Und auf welche Weise kann wohl das Vertrauen der Völker untereinander eher wachsen als dadurch, dass ein paar Menschen um einen Tisch sitzen und zusammen am gleichen Haus bauen? (...)“


Umgebung von Kándanos
Neben dem örtlichen Verwaltungsgebäude, einem grauen Betonwürfel, thront die erhabene Hauptkirche des Ortes. In den Hügeln rund um Kándanos findet man dagegen viele, zum Teil mehrere hundert Jahre alte Kapellen. Diese Gegend heißt Anisaráki. Doch nicht die Kapellen sind unser Ziel, sondern ein Naturdenkmal, ein sehr alter Olivenbaum.
Anhand der Jahresringe und der Dimensionen des Baumes konnte man sein Alter auf mehr als 3100 Jahre schätzen. Wenn man sich überlegt, dass er schon 1100 Jahre vor unserer Zeitenwende dort gepflanzt wurde, also kurz nach dem Untergang der minoischen Kultur, und immer noch 1000 Jahre vor der römischen Prägung Kretas, erscheint er alt wie Methusalem.
Das Prachtexemplar besticht insbesondere durch die Form seines Stammes, die knorrigen, durchlöcherten Verästelungen, die an das gegerbte Gesicht eines Menschen erinnern, der sein Leben bei Wind und Wetter in der Natur verbracht hat.






Seine Maße können sich sehen lassen: Der Durchmesser beträgt 6,85 Meter, der Umfang über 18 Meter. Er gehört zu den Dekaochtoúres, so genannt wegen der Ertragsfähigkeit von mindestens 18 Mistata zu je 12 Litern, insgesamt also etwa 220 Litern Öl pro Jahr. Heute, im hohen Alter, erträgt er immer noch 80 bis 100 Liter.
Ähnlich wie der wahrscheinlich älteste Ölbaum Kretas bei Ano Vouvés (südlich von Kolymvári), gehört er zur Sorte „Tsounáti“, der ehemals auf einen wilden Olivenstock aufgepfropft worden war.
Dieses Kulturdenkmal steht jedoch nicht für sich allein, es ist lediglich herausgehoben aus einer großen Dichte alter Baumriesen, die alle nicht wesentlich jünger erscheinen.
Wie angenehm die Atmosphäre dieses altehrwürdigen Hains die Sinne berührt, der Duft der erhabenen Bäume die Nase kitzelt, seine silbrig-grünen Blättchen von leichten Brisen gestreift sich leicht bewegen, begleitet von einem ortsansässigen, erfahrenen Zikaden-Orchester.
Zum Teil sind Netze unter den Bäumen ausgelegt; eine große Ernte scheint man in diesem Jahr jedoch auch hier nicht zu erwarten.






Historische Schlucht
Ein Hinweisschild zur „Historischen Schlucht von Kándanos“ führt uns auf unserem weiteren Weg aus dem Olivenhain auf einen Schotterweg, dem wir in zahlreichen Kurven in die Landschaft hinein folgen. Niemand begegnet uns. Immer wieder halten wir an, um uns dem betörenden Kräuterduft hinzugeben. Unglaublich, diese Würze, die die Sinne fast vernebelt. Kreta halt eben!
Zwischenzeitlich fragen wir uns, wo genau diese Schlucht nun ist, ob wir vielleicht doch falsch gefahren sind und wieso sie „historisch“ genannt wird.
Das werden wir bald erfahren, als wir in ein Gespräch mit dem einzigen anderen Autofahrer geraten, der uns entgegenkommt, einem Mann aus Spína. Dieser Weg, so sagt er, ist die alte Straße nach Paleochóra. Er begrenzt die Schlucht, die wir aber erst im weiteren Verlauf der Strecke als solche erkennen werden, da wir nicht durch den Talgrund, sondern ziemlich hoch oben an ihrem Rand entlangfahren.








Historisch sei sie, weil hier am 23. und 24. Mai 1941 die Schlacht gegen die Deutschen stattfand, die zur Zerstörung von Kándanos führte. Dieses Ereignis habe die jüngere Geschichte der Umgebung geprägt. Später, bei der Kapelle Agios Irinäus, entdecken wir auch die erklärende Tafel einer Bürgerinitiative.




Für uns besteht die außergewöhnlich Schönheit dieses, etwa sieben Kilometer langen Weges in der Wahrnehmung der betörenden Düfte, die die kräuterbewachsenen Hänge verströmen.


Salbei, Thymian, Thrymba, neben den vielen, nicht essbaren, aber auch sehr wohl duftenden Pflanzen. Kiefern, hellgrüne Péfka, sorgen für lichte Momente in den dunkelgrünen bis mauve-farbenen Schattierungen der Hügel.


Ein Meer von Wohlgerüchen, ein Fest für die Sinne und für uns Vorfreude auf die Speisen, die wir zu Hause mit den gepflückten Kräutern zubereiten werden. Unsere Pflücktechnik soll möglichst schonend sein: immer nur ein paar Zweige eines Busches, NIE die Wurzel ausreißen und genug übrig lassen für Bienen und Ziegen und vielleicht noch andere Menschen, also kein Plündern der Sträucher. Nach der kleinen Pflückaktion sind unsere Finger richtig harzig.
Diese intensiven Düfte übertreffen jede Vorstellung von Wohlgeruch in der Natur. Man erhält das Gefühl, fernab jeglicher Zivilisation zu sein, obwohl die nächste Hauptstraße nicht weit entfernt liegt. Kein Wunder, dass man den lokal hergestellten Käse oder Honig kiloweise verschlingen möchte, so würzig reizen die von Ziege und Bienen verarbeiteten Kräuter die Geschmacksnerven.
Viele Sträucher sind zu dieser Jahreszeit schon sehr trocken, von der intensiven Sonneneinstrahlung während der Sommermonate richtig ausgedorrt und mit Staub überpudert. Wie intensiv müssen die Gerüche erst sein, wenn der erste Regen im Herbst herniedergeht! Überall auf Kreta, wo wir bisher waren, spricht man vom Wassermangel aufgrund des fehlenden Regens des letzten Winters. Hoffen wir, dass die kommende Feuchtsaison mehr Niederschläge bringt und alles wieder ins Lot kommt.

Der Weg führt nun zwar stetig, aber nie richtig steil bergan. An der höchsten Stelle bietet sich uns ein großer Teil der Schlucht dar und man kann ermessen, wie mühselig es gewesen sein muss, die Steine zur Befestigung der Straße (eventuelle vom benachbarten Steinbruch) hierherzuschleppen und zu platzieren. Die begrenzende Mauer ist an einigen Stellen arg ramponiert, wohl von den Naturgewalten, die für gewöhnlich im Winter in Form von niederstürzenden Wassermassen hier wüten.






Für uns Städter, die nur zur schönen Jahreszeit hier Urlaub machen und uns mit den Widrigkeiten der Natur im Winter nicht auseinanderzusetzen brauchen, die aus dem abgesicherten Modus der Bequemlichkeit eines Urlaubes durch die Berge streifen, lassen sich kaum die tatsächlichen Mühen vorstellen, die die Dorfbewohner in den Bergen herumplagen:
Gesundheitsversorgung, Einkauf von Lebensmitteln, Versorgung von Vieh und von landwirtschaftlich genutzten Flächen, die an steilen Hängen liegen. Mit viel Geduld, Gottvertrauen und Zuversicht lässt sich dies im Schoße der Familie bewerkstelligen. Nur so, denn alleine sind die Mühen zu groß. Wehe dem, dessen Kinder in die Stadt gezogen sind, dessen Eltern schon tot sind und der Ehegatte auch schon früh verstorben ist. In der Einöde der Bergdörfer zu überleben heißt im wahren Sinne des Wortes seine Existenz zu sichern, wenn man mit einem altersschwachen, rostigen Klappergestell für seine Besorgungen ins nächste Dorf oder in die Stadt juckeln muss.
Doch in unserer Erinnerung bleibt ein liebliches, hellgrünes Tal mit unzähligen Péfka und Kräutern. Obwohl wir mit dem Auto unterwegs waren, sind auch wir alle paar Meter stehengeblieben, dann wieder ein paar Kurven weitergefahren, um erneut anzuhalten und aussteigen, um uns ein ums andere Mal von der Schönheit der kretischen Natur an dieser Stelle zu sättigen. Das Herz weitet sich jedes Mal und ein innerer Friede macht sich breit ob dieses Empfindens. Man kann schon nachvollziehen, warum die Kreter die Schönheit ihrer Insel in unzähligen Liedern besingen.


Rückfahrt
Auf dem Rückweg in Richtung Paleochóra machen wir noch einen Abstecher und zweigen ab nach Anidri (die „Wasserlosen“ - ein Name, der überhaupt keinen Sinn macht, da ein großes Flussbett ein Stück weit parallel der Straße verläuft und es zu anderen Jahreszeiten offensichtlich sehr wohl ziemlich viel Wasser hier gibt), vorbei am Steinstrand, dann bergauf durch eine schöne, grüne, zum Teil bambusgesäumte Schlucht.




Das Dorf liegt außerhalb des kleinen Ortskerns recht zerfleddert im Berg. Hier sind fast ausschließlich Ausländer heimisch geworden, ähnlich wie in Lístaros (im Süden Kretas) oder so manch anderem, von den Einheimischen verlassenen Bergdorf.
Ohne Auto ist man zu anderen Jahreszeiten ziemlich aufgeschmissen. Ich stelle mir das bei Regen und Sturm hier vor. Da bleibt man lieber zu Hause. Auch Paleochóra selbst soll im Winter recht leblos sein, kaum ein Lokal, das geöffnet hat, geschweige denn eine Taverne.
Auf der Suche nach weiterem Thymian für unsere Küche fahren wir hinter Anidri weiter bergan. Ganz schön windig ist es hier. Das bestätigt auch ein Pärchen, das mit dem Motorrad unterwegs ist. Sie hat es in der Höhe fast vom Sattel geblasen. Wir sollen ja aufpassen! Der Meltémi scheint die Muskeln heute ganz schön spielen zu lassen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon Steine von der rechtseitigen Wand auf uns herniederprasseln. Also verschieben wir die Weiterfahrt und kehren um, denn wir sind ja noch länger hier.
Weiter unterhalb, in einem trockenen Bachbett mit dicken Wackersteinen, kritisch beäugt von ein paar Ziegen („Ey, was macht ihr denn hier in unserem Garten?“) sammeln wir noch ein paar Kräuterchen ein. Dann haben wir genug.


Abends
Etwas spät kehren wir nach Paleochóra zurück. Mit dem Auto düsen wir zum Sandstrand, denn unser allabendliches Bad im Meer lassen wir uns nicht nehmen. Mit dem Wind ist es etwas frisch geworden, und der Sand wird durch das Meltémi-Gebläse ganz schön herumgewirbelt. Wir springen schnell ins Wasser, zappeln herum, werden abgetrieben, schwimmen gegen die Wellen an und lassen uns anschließend sandstrahlen. So eine Peeling-Kur soll ja gut für die Haut sein. Fröstelnd kehren in unsere Unterkunft zurück.
Wie jeden Abend bieten diverse Sänger, Musikanten und Tänzer vor den Tavernen ihre Künste an, fein abgestimmt im Wechsel und niemals mehr als zwei pro Abend.
Heute hat ein Gitarrist mit einer samtig weichen Stimme, die einen buchstäblich zerfließen lässt, seine kleine, mobile Anlage aufgebaut. Aus Argentinien kommt er, aus Buenos Aires, erzählt er uns, als er mit dem Hut später durch die Tischreihen geht. Seit zehn Jahren reist er zwischen den Kontinenten und verbringt den Sommer in Griechenland. In Paleochóra sei er zwei Mal die Woche, ansonsten in der Gegend um Chaniá. Sein Name ist Hector Quiroga. Wir kaufen von ihm die CD „Nichtes tis Athinas“, die einen wunderbaren Tango in vielen Schattierungen enthält, zumeist Lieder aus den 1940er Jahren. Und natürlich von Astor.
Später nach dem Essen werden wir von einer Tanzeinlage beglückt, zunächst ein Junge und ein hochgewachsenes, schlaksiges Mädchen, die einen Chassápiko vortragen; danach zwei Jungs in schwarzem Outfit, die einen feurigen Pentosális (den „Fünffach-Verrückten“) hinlegen, der uns ziemlich mitnimmt.

Neben den berauschenden Kräuterdüften, die uns den ganzen Nachmittag über umwehten, dem sinnlichen Bad im Meer und den einhüllenden musikalischen Wohlklängen am Abend werden auch unsere Gaumen verwöhnt mit Thalassiná (Taramá, Oktopussalat, Kalamaria), Tomatensalat und frittierte Zucchinischeiben. Alles in allem viel zu viel, aber sehr köstlich.

Rundfahrt über Sklavopoúla/
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