Rundfahrt über Sklavopoúla/Voutás und zurück

Für den Nachmittag haben wir uns einen kleinen Ausflug vorgenommen: von Palechóra zunächst bis Ghialós, dann hinauf in die Berge nach Sklavopoúla, weiter nach Voutás und schließlich wieder zurück.
Hinter Paleochóra geht es nach Westen hin zunächst an der Küste entlang. Noch weitere, fast menschenleere Kiesstrände laden zum Baden ein.


In Ghialós biegen wir ab in eine Hügellandschaft, vorbei an einem kleinen Stausee und durch ein Gebiet mit Treibhäusern. Die Straße führt über den zunächst schattenlosen Hang in vielen Kurven nach oben. Ein außerordentlich heißer Wind weht durch die Autofenster herein.
Im Weiteren wird die Straße schmaler, die Landschaft abwechslungsreicher und gewährt uns Blicke in tiefe Täler und auf die hohen Kuppen der weißen Berge.




Olivenfelder sind stellenweise terrassenförmig angelegt, die Hänge von Feldwegen durchzogen. Entlang der Flussläufe, auch wenn sie schon ausgetrocknet sind, entdecken wir immer wieder üppige Vegetation. Wir gleiten unter Bäumen hindurch, die die Straße überschatten und vorbei an duftenden Sträuchern.


Kleine Häuseransammlungen, winzige Klekse auf der Landkarte, wie Agii Theodorii, liegen auf unserem Weg, dann wiedergeht es vorbei an knall-lila Thymian-Büschen, zarten, uns bis dahin unbekannten Zierstrauchfrüchten (Baumwoll-Seidenpflanze) und reifen Feigenkakteen. An einem trockenen Flussbett bewundern wir eine riesige Platane, an einer anderen Stelle erkennen wir aber auch die Wunde eines abgebrannten Hügels. Still ist es hier oben, keine Autos, keine Menschen weit und breit. Wunderschön und wohltuend durch diese vom nachmittäglichen, warmen Licht beschienene Landschaft zu kurven.












Schließlich kommen wir zum höchsten Punkt der schmalen Straße, nach Sklavopoúla. Der Ort besteht aber nur aus ein paar Häusern. Nichts Besonderes gibt es hier auf den ersten Blick, es ist einfach nur ein kleines Dorf in der Hügellandschaft hinter Paleochóra. Allerdings kann man gleich drei Kirchen bzw. Kapellen mit mittelalterlichen Fresken besichtigen. Auch ein altes Kafenío soll es hier noch geben, das wir aber leider nicht finden.
Unsere Fantasie läuft ob der Namensgebung auf Hochtouren. Wie kommt man dazu, ein Dorf „Kleine Sklavin“ zu nennen? „Reiten wir heute mal hinauf zu der kleinen Sklavin?“ oder „Die kleine Sklavin da oben ist aber eine mutige Frau. Sie hat ihrem Bey dermaßen die Meinung gegeigt, dass die ganze Umgebung davon spricht.“ Oder wie mag der Ort sonst zu seiner merkwürdigen Bezeichnung gekommen sein?
Vorbei an den Winzweilern Kalamíou und durch Langadás geht es wieder bergab.




Schließlich erreichen wir Voutás, am Pelikaniótikos Pótamos gelegen und mit mehreren Kafenía ausgestattet. Eines haben wir uns ausgesucht, um eine Limo zu trinken. Zwei Männer sitzen davor, ein paar Kinder spielen vor dem Eingang. Alex hält, gefolgt von den interessierten Blicken der beiden Männer, zum Rückwärtseinparken längsseits eines dort schon abgestellten Pickups und wird ohne Vorwarnung von einem auf der Ladefläche stehenden Schaf durch das Seitenfenster fortissimo angeblöckt. BÄÄÄÄÄÄÄHHH!!!!. Erschrocken zuckt er zusammen, mit einer solchen Trompete, zehn Zentimeter neben seinem linken Ohr, hat er nicht gerechnet. Grölendes Gelächter ist die Folge, und so führen wir uns laut lachend in Voutás ein.
Gemütlich ist es hier. Der junge Tavernenwirt wirft irgendwann den Grill an, sicherlich wird es bald verführerisch nach Fleisch duften.
Zwei junge Mädchen sind in ihr Strandtennis vertieft, andere machen Selfies und führen kichernde Mädchengespräche. Ein kleiner, total verdreckter Hund, kommt aufgeregt wedelnd daher und will auch mitspielen.
Um Punkt 17 Uhr kräht der Hahn nebenan. Man könne die Uhr nach ihm stellen, meinen die beiden Männer. Der ältere Besucher, mit dem der Wirt ein Schwätzchen gehalten hat, und der augenscheinlich mit dem lauten Schaf unterwegs ist, hat uns unser Getränk ausgegeben. Bald machen auch wir uns wieder auf die Socken, denn wir haben noch etwas vor.
Glitzernde Schieferplatten begrenzen nun die Straße, über die sich die Nachmittagsschatten immer tiefer herabsenken. Sehr alt ist das Olivenland, durch das wir rollen. Baumriesen mit beträchtlichem Umfang und beeindruckenden Wurzeln säumen den Wegesrand.








Schließlich erreichen wir eine Weggabelung (Paleochóra/Sarakína) an einer Brücke, die ihr Gewicht interessanterweise über einen gotischen Spitzbogen ableitet. Der Fluss tief darunter scheint noch etwas Wasser zu führen, zumindest vermeinen wir, ein leichtes Plätschern zu hören. Steile, steinige Berghänge mit unzähligen Höhlen und teilweise bizarren Formen begleiten uns ab hier wieder in Richtung Paleochóra.


Von oben fahren wir schließlich wieder in den Ort hinein, der in seiner malerischen Halbinselform ausgestreckt vor uns liegt.


Jetzt aber schnell das Auto abgestellt, rein in die Badeklamotten und zur blauen Stunde am Oststrand ins Meer, wo die dicken Kiesel von der Tagessonne noch so richtig warm sind, sich die Wasserfarbe in ein gelbliches Hellblau gewandelt hat. Kaum ein Wellenschlag ist zu spüren, Ruhe ist eingekehrt.
Das Wasser ist so klar, dass man jeden Kiesel auf dem Grund einzeln sieht, selbst ohne Brille und mit Kurzsichtigkeit geschlagen. Beim Hinausschwimmen in dieses schwerelose Blau macht sich ein Gefühl von Leichtigkeit und Freude breit.
Langsam taucht das Spätnachmittagslicht die Felsvorsprünge der Küstenlinie in Richtung Soúghia in sein warmes Rot und die Schatten werden länger.
Und später, die Sonne ist längst untergegangen, verschwimmen die Konturen der Felsen zu weichen Blautönen, während die nun spiegelglatte Meeresoberfläche die hellbraunen Farben des Himmelslichts angenommen hat.

Nach dem Abendessen schlendern wir zum Hafen, wo schon von weitem Musik zu hören ist. Die Laternen der Ostpromenade beleuchten matt die Vorbeiflanierenden, die den frühen Samstagabend genießen, jetzt, wo die Hitze des Tages geschwunden ist. Die Samaria I liegt wie jeden Abend im spärlich erleuchteten Hafen vor Anker.
Geladen hat der Traditionsverein des Bezirks Sélino. Jugendliche und Kinder in Trachten tanzen zu den Klängen eines Trios, bestehend aus zwei Laoútos und einer Violine, wobei der Violinist auch dazu singt. Er lässt dermaßen den Bogen über die Saiten schrappen, dass man mit geschlossenen Augen meint, eine Lyra zu hören. Das dargebotene Repertoire ist kretisch mit vorwiegend schnellen Rhythmen. Für die Zuschauer hat man Stuhlreihen vor dem Bühnenpodest mit Blickrichtung Meer aufgestellt, mit genügend Platz für die Tänzer dazwischen.






Was für eine Grazie und Würde diese Kids beim Tanz ausstrahlen. „Das ist Levendiá“, ruft Alex aus „schau dir ihre Haltung an.“ Mit Levendiá meint man in Griechenland Stolz, Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit. Ein Levéndis oder eine Levéndissa ist ein aufrichtiger und großzügiger Mensch, jemand der sich nicht unterkriegen lässt, der Respekt signalisiert und praktiziert.
Tatsächlich strahlen insbesondere die etwas älteren und erfahrenen Tänzer und Tänzerinnen eine ehrenvolle Haltung aus. Ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, übernimmt beim Tanz die Führung, indem sie allein in der Mitte tanzt. Selbst ihr ist diese Haltung zu Eigen. So soll man verstanden werden und nicht anders. Sie dreht sich nicht nur leicht um die eigene Achse, sondern kniet kurz nieder, berührt die Erde, vollführt Tanzbewegungen aus dieser Stellung heraus und wird mit Applaus belohnt. Am Ende nimmt der Pentosális Fahrt auf, bei dem fast alle Tänzer einzeln ihre Kunst zeigen. Immer wenn einer oder eine in die Mitte des Reigens tritt, verharren die anderen auf der Stelle und klatschen im Takt. Auch die Zuschauer reihen sich zwischendurch in den Tanzreigen ein und haben ihren Spaß.


Als die Musiker gegen Mitternacht die Bühne nach einem Päuschen nochmals betreten, stimmen sie ein Lied von Pantelís Thalassinós an: Tou Paradísou Lemoniá. Kaum sind die ersten Akkorde und die eher als Sprechgesang vorgetragenen Zeilen angestimmt, wird es einem älteren schwarzgewandeten Kreter mit Pluderhose und Mandíli, der hier offensichtlich das Sagen hat, zu bunt. Er zieht den Stecker, das Licht ist aus, die Lautsprecheranlage ebenfalls, und das war‘s. Romantik pur. Káli níchta.

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