Anreise über Thessaloníki
nach Komotiní


Unsere Reise beginnt mit etwas Verspätung. Als ob wir alle Zeit der Welt hätten, starten wir an einem frühen Sonntagmorgen seelenruhig mit dem Auto von Saarbrücken in Richtung Stuttgart, unserem Abflugsort. Auf einen nennenswerten Verkehr werden wir ob Wochentag und Uhrzeit wohl nicht treffen, so hoffen wir. Das Navi meint allerdings, dass die Ankunftszeit schon weiter vorangeschritten sein wird, als wir zunächst geplant haben, denn unser Auto soll noch bei einer Firma außerhalb des Flughafens geparkt werden, um danach mit dem Shuttle-Bus zum Flughafen zu fahren.
Ziemlich zügig geht die Fahrt daher voran, voller gespannter Erwartung auf Griechenland, Sonne, Strand, Meer und schöne Gegenden. Tatsächlich kommen wir auf der Autobahn gut voran, holen sogar etwas Zeit auf, werden also unser Ziel rechtzeitig und entspannt erreichen, so glauben wir. Während wir so dahinrollen, erscheint auf dem Display des Navis plötzlich die Anzeige „Unfall voraus“. Allerdings passiert während der nächsten Kilometer zunächst gar nichts.
Mit einem Mal kommt der Verkehr zum Erliegen. Nichts rührt sich mehr. Eine vorbildliche Rettungsgasse wird gebildet, und Minuten später brettern Feuerwehrfahrzeuge an uns vorbei. Das lässt nichts Gutes erahnen. Eine Viertelstunde ist schon vorbei, eine weitere kommt hinzu. Das wird wohl nichts mehr mit dem Flug, geht es mir durch den Kopf, ein bisschen schlechtes Karma für den Beginn. Da die Zeit schon so weit fortgeschritten ist, beraten wir, was wir tun, wenn der Flieger ohne uns abfliegt. Wir wollen auf jeden Fall nach Griechenland, eventuell dann eben morgen und von einem anderen Flughafen aus, wenn es irgendwie möglich ist. Zu groß war die Vorfreude auf unsere Reise, als dass wir nicht alles versuchen würden, sie irgendwie antreten zu können.
Am Ende wird die Straße für den Autoverkehr wieder freigegeben, und gleich wird hupend und drängelnd angefahren, nicht jedoch von uns, unser Autochen würde das auch nicht hergeben. Also rollen wir einfach weiter in der Hoffnung, den Flieger vielleicht doch noch zu erwischen. Wir haben Glück: Der Shuttle-Bus vom Parkhaus aus hat seine Abfahrt für uns ein wenig verschoben, sodass wir gleich einsteigen und mitfahren können. Am Flughafen angekommen erhalten wir letzte Instruktionen für die Rückkehr, suchen in aller Eile den Abfertigungsschalter, checken ein (das gesamte Gepäck inklusive Handgepäck muss auf die Waage), rasen zur Handgepäckkontrolle, lassen uns ganzkörpermäßig durchleuchten, müssen unser Handgepäck ausräumen und dürfen schließlich zum Gate. Auf der letzten Rille noch geschafft. Nur wenige Minuten später beginnt das Boarden.
Gut, dass wir unser Gepäck vorher noch gewogen hatten. Selbst beim Gate steht ein Kassierer, bei dem nicht wenige Reisende für überschüssiges Handgepäck noch nachentrichten müssen, ansonsten hätte man sich von etwas trennen müssen. Sowas habe ich noch nie erlebt. Gerade Aegean war bei unseren Reisen immer sehr kulant.
Unser Flugzeug hebt sehr pünktlich in Richtung Thessaloníki ab. Bin ich froh, dass der Flug nur zwei Stunden dauern wird, hatten wir doch keinen kostenpflichtigen Sitz mit Beinfreiheit gebucht. Ich dachte, es handele sich dabei um die Sitze an den Notausgängen. In Wirklichkeit kostet neuerdings ein normaler Sitz mit gerade so viel Platz, dass einem während des Fluges nicht die Beine einschlafen, jetzt Extrageld.
Dort wo wir heute sitzen, sind die Sitzreihen dermaßen eng zusammengerückt, dass man schon beim Platznehmen angesichts der direkt vor dem Gesicht aufragenden Rückenlehne des Vordersitzes klaustrophobische Anwandlungen bekommen könnte. Würde der beleibte Mann vor mir, der sich schon mit allem Ach und Krach in seinen Sitz gezwängt hat, auf die Idee kommen, die Rückenlehne nach hinten zu schieben, ruhte sein Kopf selig auf meinem Busen. Doch so weit wird es zum Glück nicht kommen.

Ankunft am Flughafen Makedonía in Thessaloníki. Wir stehen draußen, auf der unteren Ebene, und halten Ausschau nach dem Autovermieter, von dem wir für unseren Aufenthalt online einen fahrbaren Untersatz bestellt haben. Niemand, der ein Schild hochhält, nirgends ein Büro, Schalter oder Tresen, wo wir das Gefährt entgegen nehmen können. Nachfragen bei anderen Autovermietern ergeben nur ein Achselzucken. Wir grasen mehrmals alle Möglichkeiten ab, wo er sich mit seinem Auto aufhalten könnte, jedoch ohne Erfolg. Unsere Handys: beide ohne Empfang, auch nicht auf dem oberen Deck oder weiter draußen. Auch die Kartentelefone funktionieren nicht. Was ist hier los?
Nach einer Stunde fruchtlosen Suchens und Wartens begebe ich mich zu einer Kaffee-Bar im Außenbereich und frage, ob uns jemand helfen kann, den Autoverleiher anzurufen und ihn zu bitten, zum Flughafen zu kommen. „Wir sind keine Service-Station für Touristen!“, raunt es auf Griechisch unbestimmt herüber. Ich schaue mir die Frau an und denke, irgendwie hat sie zwar Recht, aber so oft wird das ja jetzt auch nicht vorkommen. Ich hätte die paar Cent ja gezahlt. Andererseits finde ich diesen abwehrenden Satz ziemlich unhöflich. Übertrieben freundlich bedanke ich mich bei ihr auf Griechisch, was sie etwas erröten lässt, doch sie bleibt hartnäckig bei ihrem Ochi.
Ein junger Kollege hat jedoch Mitleid und fragt mich nach der Telefonnummer. Ich gebe sie ihm und erleichtert stellt er fest, dass es sich tatsächlich nur um ein Ortsgespräch handelt. Flugs hat er sein Handy am Ohr, klärt unseren Wunsch ab und macht einen Treffpunkt für uns aus. Hat keine zwanzig Sekunden gedauert. Levéndi, das war ganz groß! Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit, so wie ich sie aus Griechenland über Jahrzehnte hin kannte, gibt es also mitten im Trubel doch noch. Die Verleiherin ist dann innerhalb weniger Minuten da, und nur kurze Zeit später gleiten wir schon auf der Egnatía Odós, in Richtung Thrakien, dahin. Ein paar Stunden werden wir bis Fanári noch brauchen, daher ziehen wir die schnellere Autobahn der malerischen Küstenstraße vor.
Schon auf der Fahrt und mehr noch bei unserer Ankunft, nehmen wir wahr, dass das Wetter so gar nicht sommertypisch heiß ist: der Himmel verhangen, die Felder nass. Das kommt mir nicht ungelegen, denn mit der hochsommerlichen griechischen Hitze um die 40 Grad konnte ich mich noch nie anfreunden.
Unser Hotelempfang in Fanári durch einen noch recht jungen Wirt gestaltet sich sehr freundlich. Das Zimmer ist ausreichend groß und ganz gut eingerichtet, der Balkon winzig, aber egal. Für die nächsten drei Tage wird das reichen.

Tags drauf, um die Mittagszeit, fahren wir in ein kleines Nachbardorf, um die Wirtsleute einer Taverne zu treffen, in der am Abend eine kleine Familienfeier stattfinden soll.
Da betritt ein älterer Mann das Lokal, macht sich in aller Ruhe ein Bild von jedem der Anwesenden und überreicht eine Alu-Schale mit Essen zum Warmmachen. Dazu bestellt er Taramá (Fischrogen-Salat). Die Schale wandert gleich in die Küche, während sein Tisch im Innenbereich, mit unverstelltem Blick zum Fernseher gedeckt wird. Der Wirt gibt kleinlaut zu, dass er zurzeit keinen Taramá hat. „Dann besorgst du eben Taramá“, weist der knapp hundertjährige Gast den Wirt zurecht. „Wo soll ich jetzt Taramá herkriegen?“ lautet die bange Frage. „Das ist mir egal, ICH WILL TARAMA. Es ist dein Job, das zu besorgen!“ Da gibt es keine Widerrede. Zerknirscht zieht der Wirt von dannen. Ob er irgendwo Fischrogen-Salat auftreiben konnte, entzieht sich unserer Kenntnis.
Der Auftritt des angesichts seines Alters immer noch aufrecht gehenden Mannes, der höchsten Respekt genießt und praktisch einen Freifahrtschein für sofortige Wunscherfüllungen besitzt, hat sich uns bleibend eingeprägt. Man erzählt uns, dass er immer noch Motorrad fährt, irgendeine alte Weltkriegsmaschine, mit kurzen Ärmeln und selbstverständlich ohne Helm. Wer würde es schon wagen, ihm einen Strafzettel zu verpassen? Und vor allem, was könnte ihn sowas schon jucken?
Am Abend kommt das Gespräch auf einen anderen Mann des Dorfes, er sei zurzeit der Älteste. - Moment mal, wir dachten, der von heute Nachmittag sei der Dorfälteste. - Die lakonische Antwort: Der läuft außer Konkurrenz.

Die Feier mit unseren Lieben gestaltet sich als ausgesprochen herzerwärmend. Alle sind gekommen und bleiben auch sehr lange, selbst diejenigen, die sonst schon nach den Abendnachrichten ins Bett verschwinden. Kurz vor zwei Uhr in der Früh brechen auch wir auf. In Ermangelung eines Taxis mitten in der Nacht hatte die Wirtin sich schon am Vormittag bereit erklärt, uns ins 35 Kilometer entfernte Fanári zu bringen. Sie nimmt sich Verstärkung mit. Die beiden Frauen sitzen vorne im Auto, Alex und ich hinten.
Draußen ist es stockdunkel, kein anderes Fahrzeug, kein Lichtschein weit und breit. Unterwegs beraten wir uns immer wieder über die kürzeste Strecke. Ich habe zwischendurch überhaupt keinen Plan mehr, wo wir uns gerade befinden. Plötzlich tauchen hinter uns zwei Scheinwerfer auf, die uns eine Weile begleiten. Fluchend verstellt die Wirtin den Innenspiegel, so geblendet ist sie von dem Rüpel hinter uns. Dann das Überholmanöver, und schon braust der andere Wagen an uns vorbei.
Die Wirtin kann es nicht glauben. „Das Nummernschild, das ist doch unser Auto! Das ist mein Sohn!! Was macht der denn hier? Wo, zum Teufel, fährt er hin, er hat doch noch gar keinen Führerschein?!“ Flink greift sie zum Handy und ruft den Sohnemann an, zwingt ihn anzuhalten und auf uns zu warten. Nach Fanári wolle er, auf einen kleinen Ausflug, gibt der Halbwüchsige kleinlaut zu. Als wir uns nähern, erhält er den Befehl, vor uns herzufahren und später wieder mit zurück. Dabei sehen wir, dass er in weiblicher Begleitung ist. Seine Mutter ist immer noch ziemlich fassungslos. Nach Beendigung des Telefonats flucht sie gleich weiter. „Dieser kleine Drecksack, ich dachte, der liegt zu Hause im Bett! Stattdessen treibt er sich in stockdunkler Nacht in Fanári herum!“ Wir grinsen in uns hinein, als das Handy der Mutter wieder bimmelt. Der Sohn, dieses Mal ziemlich entrüstet: „Sag mal, was machst DU eigentlich mitten in der Nacht mit fremden Leuten im Auto auf dem Weg nach Fanári?!“ Die Salven, die seine Mutter anschließend durch das Telefon ablässt, möchte ich hier nicht wiedergeben, doch wir können uns vor Lachen kaum halten. Auch die Begleitung der Frau hat Tränen in den Augen und kugelt sich vor Lachen. Herrlich, ein wunderschöner Abend, der so lustig zu Ende geht.

Für den nächsten Tag sind Verwandtschaftsbesuche angesagt. Zunächst holen wir das Auto im Dorf ab, schauen nochmal kurz in der Taverne vom Vorabend vorbei und machen uns auf den Weg. Unterwegs wird mir ziemlich plümerant. Ich schiebe dies zunächst auf die unebenen Wege, mit den vielen tiefen Pfützen, durch die wir schaukelnd preschen. Im Laufe des Tages wird es auch nicht besser, ganz im Gegenteil. Den nächsten Tag verbringe ich im Bett, niedergestreckt von einem blöden Magen-Darm-Virus. Infolgedessen verlängern wir im Hotel um eine Nacht in der Hoffnung, dass ich dann wieder auf den Beinen bin.
Während dieser Tage klart der Himmel niemals auf. An Strandaufenthalte ist schon gar nicht zu denken. Mehrere Gewitter ziehen täglich vorüber, zwischenzeitlich schüttet es wie aus Kübeln. Wieder geht ein nicht enden wollender, sintflutartiger Regen hernieder. Über die schmale Straße fließt ein Bach dahin und bildet riesige Lachen.
Unsere Nachbarn im Hotel, ein junges Pärchen aus Rumänien, sind ebenfalls weitestgehend an ihr Zimmer gebunden. Hellhörig ist es, die Wände wie aus Pappe. Und so werden wir Zeugen stetiger Telefonate, die in monotonem Tonfall recht laut geführt werden. Immer wieder. Unaufhörlich. Was haben sich die Leute nur alles zu erzählen? Eine komplett andere Welt, in der das Handy den Mittelpunkt bildet.
Auch beim Frühstück, das vom Hotelwirt und einer ebenso netten Angestellten serviert wird, schallt das Echo der eigenen Stimme von den Wänden der Lobby zurück. Vielleicht sind das gar keine Steinwände, schießt es mir durch den Kopf. Am spärlichen Mobiliar alleine kann es nicht liegen. Und dann ist da wieder die nette Art des Vermieters, unsere lockeren Unterhaltungen, die die Geräuschbelästigung in den Hintergrund treten lassen. Einen vollen Urlaub würde ich hier dennoch nicht verbringen wollen.

Eine weitere Nacht können wir nicht mehr verlängern, das Hotel wird dann ausgebucht sein. Noch etwas wackelig auf den Beinen werfe ich meine Sachen in den Koffer. Bevor wir die Gegend verlassen, werden wir noch einen Besuch machen, der eigentlich schon gestern anstand. Es ist etwas wärmer geworden, sodass wir draußen sitzen können, selbst die Sonne blinzelt hin wieder hinter den Wolken hervor. Ach, wie schön das hier ist bei entspannten Gesprächen über Gott und die Welt. Allerdings steht später noch ein Mittagessen an, wobei ich glaube, dass ich daran noch nicht werde teilnehmen können. Doch der Überzeugungskunst unserer Lieben kann ich mich nicht entziehen, auch wenn nach überstandenem Virus ein Gericht mit viel Knoblauch und Zwiebeln nicht unbedingt als magenschonend gilt. Doch die Küchenmeisterin ist die Königin aller Imam-Köchinnen. Das häusliche Rezept bleibt auch an dieser Stelle geheim, doch im Internet gibt es jede Menge Anleitungen zu Imam Bayildi, einem vegetarischen Gericht aus gefüllten Auberginen. Das unglaublich lecker zubereitete, unübertreffliche und mit viel Liebe hergestellte Essen lässt den Virus schnell vergessen. Vielmehr noch: Nach dem Verzehr fühle ich mich gänzlich wiederhergestellt, kraftvoll und mit Lust auf unsere Weiterreise.

Von Komotiní nach Sithonía


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