Von Komotiní nach Sithonía


Eigentlich hatten wir uns für dieses Jahr eine ganz andere Route zusammengestellt: Nach Nordwest, zu den Prespa-Seen, sollte es nach unserem Einstieg in Thrakien gehen, eine ziemlich weite Anreise über mehrere hundert Kilometer. Die gewaltige Natur mit den vielen Wasservögeln und Wildtieren, die grüne Bergwelt, der Fjord am großen See auf griechischer Seite sowie die besondere Atmosphäre im Dreiländereck in dieser abgelegenen Region hatten uns vor einigen Jahren unglaublich fasziniert. Vorgebucht hatten wir nichts.
Kurzerhand werfen wir dieses Programm jedoch wieder um, denn die Wetteraussichten versprechen auf dem gesamten Festland nichts Gutes. Warum sollten wir hunderte Kilometer weit fahren, um schließlich bei Regen und Wind an einem See in der Pampa zu sitzen? Schade nur, dass wir keine Original-Prespa-Bohnen (Gígantes) kaufen können. Wir hatten uns schon so darauf gefreut, da ihr Geschmack unvergleichlich ist. Wir kennen uns damit aus, denn Suppe aus getrockneten weißen Bohnen haben wir immer im Eisfach vorrätig.
Die Prespa-Seen wird es, wie schon in den Millionen Jahren zuvor, auch in den nächsten Jahren noch geben. Wir werden da auf jeden Fall nochmal hinfahren, nicht nur wegen der Bohnen.
Wohin also soll unsere Reise gehen? Vielleicht in Richtung Asprovalta, diese langgezogene Bucht mit etlichen Ausflugzielen, die wir uns in den verbliebenen knapp anderthalb Wochen anschauen könnten. Oder gleich weiter zur Chalkidikì? Verwandte hatten uns gewarnt, dass es in der Nacht vor unserer Abreise aus Fanári durch sintflutartigen Regen an mehreren Stellen dort und auch in anderen Landesteilen zu Sturzfluten gekommen sei. Wir jedoch werteten dies als einen liebevollen Versuch, uns von der Abreise abzuhalten. Hätten wir mal auf sie gehört!
Tief hängende Wolken über den Spitzen des Rhodópen-Gebirges begleiten uns auf unserer Fahrt. Eine Gewitterzelle über dem Meer, die schnell näher kommt, entlädt sich mit ein paar kräftigen Blitzen und Platzregen; schnell wieder ins Auto nach dem Zigaretten-Stopp auf einem tristen Parkplatz.




Zwischen Néa Kerdília und Vrasná, entlang des Strimonischen Golfes, rollen wir über die Küstenstraße ohne festes Ziel. Schnell stellen wir fest, dass es hier besonders kräftig geregnet haben muss: Tiefe Wassertümpel in den Wiesen, Häuser in einer Seenlandschaft. Was ist passiert? Immer dramatischer zeigen sich die Ausmaße eines Unglücks, zum Teil sind ganze Straßenteile weggebrochen.




Äste, Schutt, Dreck und brauner Schlamm überall. In der Umgebung der touristischen Hochburg Asproválta ist es besonders schlimm. Ein großes Stück der breiten Uferpromenade wurde weggerissen. Freiliegende Rohre ragen in die Luft, irgendwo hängt das Gehäuse eines hellblauen Pools in der Landschaft. Überall arbeiten erschöpfte und ernst blickende Menschen. Mobiliar aus tiefer gelegenen Geschossen trocknet auf den Terrassen oder Balkonen der Obergeschosse. Polizei und Feuerwehr versuchen zu helfen. Unablässig befördern Pumpen Wasser aus Kellern und Erdgeschossen nach draußen. Tatsächlich, so erfahren wir, sind in der vergangenen Nacht mehrere reißende Sturzfluten in dieser Region durchgegangen.
Die Luftfeuchtigkeit ist auch heute noch sehr hoch, von einer heißen Sommersonne weiterhin keine Spur. Wie soll das nasse Zeug bei dem klammen Wetter bloß trocknen? Wir sind vom Anblick des Ausmaßes der Naturkatastrophe sehr niedergeschmettert und fühlen uns ohnmächtig, da wir überhaupt nicht helfen können. Es ist etwas anderes, diese Bilder im Fernsehen zu sehen oder live dabei zu sein.
Schon früh in der Nacht sei man von einem lauten Rauschen aus dem Schlaf geschreckt worden. Noch ehe man realisierte, was geschah, hätten sich Wellen bis zu einem knappen Meter Höhe durch die Feldwege gewälzt, Schlamm, Geröll und alles, was im Weg lag, mitgebracht und immer höher aufgetürmt. Ohnmächtig habe man zusehen müssen, wie sich die Masse schließlich in die ebenerdigen Häuser ergoss. Mit bangen Blicken habe man beobachtet, wie das Wasser immer höher stieg. Voller Furcht habe man gehofft, dass nicht auch die höher gelegenen Stockwerke betroffen würden. Ernüchtert habe man festgestellt, dass die Elektrik in vielen Häusern Schaden genommen habe. Das Trinkwasser aus dem Hahn sei unbrauchbar geworden, der Schaden insgesamt enorm.
Immer noch vom Schock gezeichnet arbeiten die Menschen jetzt am Nachmittag zum Teil roboterhaft, denn Schlaf hat in der Nacht niemand finden können, während man versuchte, sein Hab und Gut zu retten, über unendlich viele Stunden hinweg, ohne Pause, einfach immer weiter.
Viele kleine Hotels gibt es hier, und die scheinen gut besucht zu sein, denn dieser Küstenlandstrich ist ein beliebtes Urlaubsziel für Touristen aus den angrenzenden Ländern. Und so wähnt man sich gleich in mehreren Parallelwelten: in der des Tourismus mit den Strandpromenaden, Hotels und Tavernen einerseits und der des Unglücks, mit den betroffenen Menschen in aller Unordnung und den beschädigten Häusern und Straßen andererseits. Irgendwie surrealistisch muten Touristinnen im Bikini mit Strandtaschen an, die in schicken Strandschuhen durch den Matsch waten, während gleich daneben Helfer Wasser aus einem Keller pumpen. Uns tun die Menschen sehr leid, die betroffen sind (also jetzt nicht die Touristen).
Kurzfristig wurschtelt sich die Sonne hinter den Wolken doch einmal hervor und beleuchtet die Szenerie in vollem Ausmaß. Im Laufe der Zeit wird sie die glitschigen Wege wieder panieren und die klammen Häuser trocknen. Die Schäden werden repariert, sauberes Wasser wird wieder fließen und auch Strom wird wieder überall zu haben sein. Alles wird wieder so sein wie vorher, doch das ungute Gefühl, gepaart mit einer unbestimmten Angst vor einer erneuten Flut, wird bleiben. Es war ja nicht das erste Mal.





Ich bin sehr froh, als wir endlich die Sumpflandschaft mit den Milliarden brütender Mücken hinter uns gelassen haben, und das niederschmetternde Gefühl lichtet sich langsam, als wir über den "Handballen" der Chalkidikí mit den drei nach Süden herausragenden Halbinseln weiterfahren. Die rechte mit dem Berg Athos ist für mich als Frau tabu, die linke (Kassandra) sieht zwar auf der Karte nach langen Sandstränden aus, soll jedoch sehr touristisch sein. Bleibt also der mittlere „Finger“ Sithonía. Schöne Badegelegenheiten soll es auch dort geben und vielleicht noch etwas mehr, was sich zu sehen lohnt. Dort werden wir uns irgendwo einquartieren.
Zunächst fahren wir über die alte Egnatia südlich des Volvi-Sees und biegen schließlich ab in Richtung Polýgiros. Auch hier stehen vereinzelt tiefe Pfützen, doch nicht vergleichbar mit den Ausmaßen des Wassers bei Asproválta.

Die hügelige Strecke, die nun bergan führt, ist sehr abwechslungsreich. Ländliches Gebiet mit Feldern und Wiesen, und mittendrin kleine und größere Dörfer, die wir passieren. An einer höher gelegenen Raststätte machen wir eine Pause und freuen uns über unser wieder entdecktes Urlaubsfeeling. Wir sind gespannt auf unser Reiseziel.
Ab Nikíti beginnt die Halbinsel Sithonía. Mitten im Ort gerät der Verkehr schließlich ins Stocken und quält sich nur mühsam weiter. Unglaublich, wie viele Autos unterwegs sind – fast alle aus den Balkanländern Serbien, Bulgarien und Rumänien. Am Ende erreichen wir den Verursacher des langen Staus – eine ausgefallene Ampel.
Hinter Nikíti geht es wieder zügiger voran. Das Verkehrsaufkommen lässt jedoch vermuten, dass die Urlaubsorte recht voll sein werden. Auf den Straßen ist sehr viel Rummel, der uns nicht zum Verweilen oder zur Zimmersuche einlädt. Häufig halten wir am Straßenrand, um die ungeduldig Drängelnden in ihren Protzkarossen vorbeizulassen.
Viele wunderschön gelegene Buchten beherbergen Campingplätze, ein Tourismuszweig, der offensichtlich boomt. Zimmervermieter, Hotels, Surfschulen, Geschäfte, Tavernen – sehr viele der Betreiber stammen offensichtlich aus den Nachbarländern nördlich von Griechenland, wie man den Hinweisschildern entnehmen kann. So ähnlich muss es Urlaubern aus anderen Ländern gehen, wenn sie in deutsche Enklaven im Ausland kommen, und man sich fragt, wo denn die Einheimischen geblieben sind.
Uns ist alles zu voll. Vielleicht werden wir weiter südlich eher in ruhigere Gefilde kommen. Zum Glück zieht sich Sithonía etwa 40 bis 50 km nach Süden, und tatsächlich wird es ab der Mitte der Strecke merklich ruhiger. Auch tauchen wieder Autos mit griechischen Nummernschildern auf, was uns ein heimischeres Gefühl gibt.
Néos Marmarás, etwa in der Mitte der Halbinsel, scheint ein größerer Ort zu sein, denn wir passieren mehrere alphabetisch bezeichnete „Eingänge“. Gut, dass man neben den rein touristischen Anlagen etwas Infrastruktur hat.
Hinter dem Ort erhebt sich zur Rechten ein großer Gebäudekomplex, Pórto Karrás, eine weitläufige Anlage, die aber – wie wir am Eingang bemerken – gut abgeschirmt eher betuchteres Publikum anziehen soll.
An einem Abzweig mit mehreren Schildern zu Hotels, Appartements und Psáro-Tavernen biegen wir ab zum Meer. Wo Fischtavernen sind, gibt es vielleicht auch einen kleinen Hafen, so träumen wir. Über eine schmale Teerstraße schlängeln wir uns ein bis zwei Kilometer durch einen Kiefernwald bergab in Richtung Meer. Am Ende landen wir in einer Komplettanlage mit Campingplatz, Hotel, Minimarkt und Taverne in einer Bucht, alles in der Hand einer griechischen Familie. Kein Hafen weit und breit.
Tatsächlich bekommen wir noch ein Zimmer, das letzte, für 60 EUR die Nacht, inklusive Frühstück. Es ist ein schön mit Holzmöbeln eingerichtetes, kleines Zimmer mit soliden Betten, einer Küchenzeile, einem privaten Balkon und einem Fernseher. Seine Lage als hinterstes der in einer Reihe gelegenen Zimmer im Erdgeschoss verspricht Ruhe und Entspannung. Sofort sagen wir zu, denn wir sehnen uns danach, die Koffer endlich auszupacken und irgendwo anzukommen. Das Zimmer ist auch jetzt in der Mittagshitze schön kühl. Wir haben zwar keinen Meerblick, dafür aber die Sicht auf die grünen Baumwipfel der Umgebung. Herrlich, diese Ruhe. Und nicht nur das.
Das Hotel verfügt über eine tolle Aussichtsterrasse mit Blick auf Strand und Meer, auf der es sich herrlich chillen lässt. Gäste des Hotels und des unterhalb gelegenen Campingplatzes tummeln sich am Strand und geben sich den Badefreuden hin. Liegen und Sonnenschirme gehören kostenlos zum Service der Hotelgäste dazu. Wir fühlen uns wie im Paradies.



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