Hotel - Strand - Tourismus


Der Tourismus als wichtiger Wirtschaftszweig in vielen Ländern Europas boomt, und der Tourist ist ein anonymes Etwas, das Geld bringt. Letztendlich ist die Wahrnehmung des jeweiligen Gegenübers (Lieferant von Dienstleistungen und Waren einerseits, Menschen mit besonderen Bedürfnissen (Urlaub) andererseits) abhängig vom Grad der Offenheit und Menschenfreundlichkeit der Geschäftspartner.
Sanfter Tourismus mit seinem wohlempfundenen und erholsamen Entschleunigungsfaktor weicht in einem für uns erschreckenden Ausmaß immer mehr einer unerträglichen Massenabfertigung durch Großkonzerne.
Fluglinien buhlen in einem mit harten Bandagen geführten Konkurrenzkampf um Kundschaft, halten aber immer weniger, was man als Angebot bucht. Durch häufige, aber doch schon der Normalität angehörenden Flugausfälle und –verspätungen stimmt das Preis-Leistungsverhältnis nur bedingt.
Pauschalangebote sind mittlerweile bekannt dafür, dass sie von großen Reiseanbietern verkauft werden, die die relativ niedrigen Preise nur durch Ausbeutung der Anbieter vor Ort halten können.
Orte mit vorherrschendem Tourismus muss man sich inbesondere in den Ferien wohl oder übel mit sehr vielen anderen auf die Ferien angewiesenen Reisenden teilen, wobei das Dargebotene nicht unbedingt dem eigenen Geschmack entsprechen und man die Miturlauber nicht unbedingt mögen muss.
Es drängt sich die Frage auf, was genau wir denn in unserer arbeitsfreien Zeit tun. In Deutschland ist es gerade mal ein halbes Jahrhundert her, dass Menschen anfingen, in den Ferien regelmäßig zu verreisen und einen Urlaub im Süden zu verbringen, vorzugsweise am Meer. Man wollte Neues erleben, weil man es sich leisten konnte und vielleicht auch ein wenig angeben gegenüber denjenigen, die nicht über diese Extra-Geldmittel verfügten. Aus wenigen Reisenden hat sich in kurzer Zeit dann ein gewaltiger Boom zu Zielen in aller Welt entwickelt. Gerade die Mittelmeer-Anrainerstaaten wurden für uns Mittel- und Nordeuropäer zu einem bevorzugten Ziel, da man sommerlich schönes Wetter, Strände mit glasklarem Wasser und kulturellen Unterschieden begegnete, die zwar reizvoll anders, aber dennoch hinreichend bekannt waren, sodass eine Umstellung wie bei einer Fernreise gar nicht notwendig war. Mittlerweile erreichen gerade in den Sommermonaten die Besucherzahlen größenwahnsinnige Dimensionen. Ohne Kreuzfahrttouristen waren im Jahr 2018 laut Handelsblatt allein in Griechenland über 30 Millionen ausländische Touristen unterwegs, bei einer Einwohnerzahl von gerade mal 11 Millionen. Unabhängig davon, dass auch einheimische Privatanbieter je nach Standort ordentlich Geld kassieren, stellt sich die Frage, was diese jährlich wiederkehrenden Überfälle mit den Menschen machen, die dort leben. Unter dem Begriff Tourismus versteht man laut Wikipedia die in einem bestimmten Ort oder Gebiet durch den Zustrom von Zugereisten oder wenigstens nicht dort Ansässigen entstehende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderung und die daraus dort und anderswo resultierende Industrie oder Tätigkeit.
Gibt es überhaupt Beispiele, bei denen diese Veränderungen auf Dauer nichts Negatives für die Einheimischen mit sich gebracht hätten? Insbesondere der Verlust kultureller Eigenheiten, z.B. durch architektonische Veränderungen und Ausbeutung der in diesem Zweig Tätigen oder dem Verhältnis zueinander in kleineren Ortschaften; gleichzeitig aber immerhin eine Möglichkeit des Gelderwerbs auch für Menschen in ansonsten strukturschwachen Regionen.
Noch schwieriger wird es, wenn sich massentouristische Strömungen entwickeln. Um auch hier die Wikipedia zu bemühen: Unter Massentourismus versteht man im Tourismus eine große Anzahl von Reisenden an einem bestimmten Reiseziel. Der Massentourismus entsteht gleichermaßen durch Pauschalreisen und Individualreisen, weil sich bei ihnen eine Vielzahl von Reisenden für dasselbe Reiseziel entscheidet. Massentourismus zeigt sich volkswirtschaftlich durch eine saisonal bedingt hohe Nachfrage nach bestimmten Reisezielen und durch entsprechend hohe Hotelkapazitäten (Großhotels) in den Zielgebieten. Meist ist der Massentourismus dadurch gekennzeichnet, dass in bestimmten Ortschaften oder Regionen saisonal mehr Touristen als einheimische Bevölkerung vorhanden sind.

Ich persönlich bin mir bewusst, dass ich als Touristin nicht nur Teil dieser Maschinerie bin, sondern diese durch meine Reisen sogar begünstige, egal ob sonnenhungrig oder mit Fokus auf Land und Leute. Allerdings habe ich meistens, selbst im Hochsommer, zur Hauptreisezeit, immer genügend Möglichkeiten der Selbstentfaltung erfahren, insbesondere in Griechenland und gerade auch auf Kreta, sodass die massentouristischen Erscheinungen immer verschmerzbar waren. In diesem Jahr jedoch sollte sich das alles gründlich ändern und wir sollten die volle Breitseite der negativen Auswirkungen zu spüren bekommen.

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Am späten Morgen schlurfen wir zum kleinen Frühstücks-Pavillon des Hotels und ergattern gerade noch die Reste der spärlichen Zutaten des Büffets: zwar frische Brötchen und Eier, jedoch Käse und Wurst sowie alles andere sind abgepackt. Tomaten oder Obst gibt es auch nicht. Auch der sehr zuckerhaltige Saft ist aus der Packung. Der dünne und nur noch lauwarme Kaffee begeistert uns noch weniger. Wir schieben es auf unser Beinahe-zu-spät-Kommen, doch an den nächsten Tagen wird sich das Angebot nicht ändern. Jeden Tag dasselbe, billig halt eben. Was will man für 5 Euro pro Frühstück auch schon großartig verlangen? Zwar nicht so toll, doch wir werden es sicherlich verschmerzen. Dafür entschädigt uns der Blick von der Terrasse aus. Der schöne Strand zieht uns magisch an, und so werden wir einen faulen Badetag einlegen.


Nur wenige Stufen führen hinunter zum Strand. Schnell haben wir uns ein Plätzchen ausgesucht, mit Liegen bestückt, einen Schirm in den Sand gedreht, und schon sind wir im Wasser. Herrlich warm ist es geworden. Noch sind nicht so viele Touristen da, vielleicht ändert sich das noch, denn die Ferienzeit, zumindest in Deutschland, hat gerade erst begonnen.




Ganz ungewohnt begegnen wir nur wenigen Deutsch-Sprachigen, denn sowohl im Hotel als auch auf dem Campingplatz dominieren, zumindest zu dieser Jahreszeit, Urlauber vorwiegend aus Serbien, Bulgarien und Rumänien. Im Hotel sind es mehrere miteinander bekannte serbische Kleinfamilien mit Kindern, die – wie wir feststellen werden - die Szene beherrschen. Wobei wir nicht falsch verstanden werden wollen, da die Beschreibung des Folgenden nicht von der Zugehörigkeit zu einer Nation abhängt. Vielleicht hat es eher mit dem bisher erreichten Herzensbildungsgrad zu tun.
Man wähnt sich unter seinesgleichen, die allesamt nicht unbedingt durch die Schule des guten Tons gegangen sind. Bei der Begegnung auf dem Gang einen Gruß zu erwidern ist nicht drin. Lieber schaut man schnell weg. Am Frühstücksbüffet grast man alles ab, um dem Daneben-Stehenden ja nichts übrig zu lassen. Rücksichtnahme, was Lärm und – nennen wir es Entfaltung des Nachwuchses - im gesamten Hotelbereich angeht, scheint ein Fremdwort zu sein. Positiv gedacht könnte es sich, was den Gruß angeht, um Schüchternheit handeln, am Frühstücksbüffet um Heißhunger und beim Lärm der Kinder um ein antiautoritäres Erziehungsmodell. Negativ gesehen könnte man es auch als egoistisches und arrogantes Gehabe bezeichnen. Ein Glück, dass unsere Zimmer so weit voneinander entfernt liegen. Doch heute Vormittag hält sich alles noch im Rahmen, wir sind ja noch nicht einmal einen Tag da.

Mehrere Stunden verbringen wir in der schönen Badebucht, doch am Nachmittag reicht es dann mit dem Schattenbad und den Schwimmeinlagen. Herrlich war das, sehr erholsam. Wir haben uns schon auf ein paar Spiele während der Fußball-Weltmeisterschaft gefreut, und eines davon möchten wir uns jetzt im Zimmer anschauen. Leider wird daraus nichts, da wir nur drei Sender empfangen können, und die zeigen alle keinen Sport. Auch nach dem hundertsten Sendersuchlauf ändert sich daran nichts. Man kann sich zum Fernsehen-Schauen natürlich nach vorne in den Pavillon setzen, allerdings ballert die Nachmittagssonne auf das Dach und heizt den Raum ordentlich auf. Außerdem wollen wir unter uns sein. Sehr schade, doch vielleicht kann der Hotelbesitzer daran etwas ändern. Später werden wir ihm Bescheid sagen, falls wir ihn treffen.
Um den erholsamen Tag abzurunden, werden wir in der Fischtaverne, die zum Campingplatz gehört, endlich auch einen Fisch verspeisen. Am Vorabend fanden wir das Essen ganz gut, heute bestellen wir zwei gegrillte Doraden mit Salat und Brot. Rócca-Maroúli mit Balsamico ist zurzeit der Renner in den Tavernen und wird sicherlich gut zum Psári passen. Der Fisch mundet und am Ende sind wir rundum satt. Doch welch‘ ein Erwachen, als uns die Rechnung präsentiert wird. Waren am Vorabend die Preise ganz moderat, fallen wir heute Abend fast vom Stuhl, als wir knapp 80 EUR! bezahlen sollen. Soviel haben wir noch nirgends in Griechenland bezahlt, zumal diese Doraden ja nicht einzeln mit der Angelrute gefangen werden. Wir fühlen uns gründlich über den Tisch gezogen, erfahren jedoch später von anderen Gästen, dass es ihnen dort genauso ergangen sei. Besser, man erkundigt sich vorher nach den Fisch-Preisen. Sehr schade, das war es dann wohl mit den gegrillten Fischen in diesem Urlaub, zumindest im einzigen fußläufig erreichbaren Restaurant.
Noch während wir unsere Getränke austrinken hat sich die Dämmerung schnell herabgesenkt. Darauf haben Millionen von Moskitos nur gewartet. Wir kennen diese Überfälle ja von anderen Gelegenheiten, doch dieses Jahr scheint es wegen der anhaltenden Feuchtigkeit besonders schlimm zu sein. In aller Eile sprühen wir uns mit Insektenspray ein, doch die Quälgeister kennen kein Pardon. Alex hat irgendwann drei fette Biester mitten auf dem Kopf sitzen. Überall hört man, wie die Leute sich auf die freie Haut klatschen. Zu dieser Uhrzeit ist es wahrlich kein Vergnügen, hier zu sein. Wir erfahren, dass sich der Ansturm später wieder legen wird, doch für heute haben wir mehr als genug. So räumen wir denn relativ schnell den Platz, um wieder nach oben, in den Hotelbereich, zu gehen.
Auf dem Campingplatz, den wir dazu durchqueren, herrscht trotz des Mückenüberfalls eine schöne Abendstimmung. Überall raucht und duftet es nach Grillgut. Ein paar Kinder tollen herum, immer noch nicht müde genug zum Schlafen. Ansonsten ist es gemütlich, insbesondere bei denen, die die Wagen direkt am Strand haben und sich noch von dort den farbenfrohen Sonnenuntergang anschauen.


Als wir die Treppe erklimmen, freuen wir uns auf die Terrasse, auf der wir den angebrochenen Abend ausklingen lassen möchten. Im Minimarkt des Campingplatzes habe ich Spiralen erstanden, von denen wir eine anzünden und unter den Tisch stellen, um die Mücken auf Abstand zu halten, was auch einigermaßen gut funktioniert. Allerdings sitzen wir irgendwie im Flutlicht eines der vier Scheinwerfer, die die Terrasse beleuchten. Nach unserem Umzug an einen anderen Tisch bekommen wir die Musikdröhnung aus dem Lautsprecher voll ab. Nach einem weiteren Umzug an einen der hinteren Tische nahen die Kleinfamilien mit ihren Kindern und beanspruchen die Szene ab jetzt in vollem Umfang. Vorbei ist’s mit der Gemütlichkeit und einem lauschigen Sommerabend. Während die Eltern mit lautem Getöse die Tische zusammenschieben, spielen die Kids zunächst Fangen. Das geht natürlich nicht ohne Gekreische ab. Später gesellt sich noch ein griechischer Junge hinzu, der überhaupt kein Erbarmen kennt und lärmend in einer Tour an unserem Tisch vorbeirennt, auf und ab, und wieder rauf und runter, und erneut... Der Vater sagt aber nichts, keine Ermahnung, keine Rücksichtnahme. Ist wohl zu ansprengend die Auseinandersetzung mit dem Prinzchen. Schließlich einigen sich die Kinder auf ein Ballspiel, wobei das Spielgerät kreuz und quer über die Terrasse geschleudert wird. So ganz neu sind solche Erlebnisse allerdings nicht:


Zügig kippen wir unsere Getränke herunter und entschwinden in unser Zimmer. Auf dem Balkon werden auch viele Mücken sein, und wahrscheinlich auch im Zimmer, denn leider ist das Moskitonetz zum Balkon hin zerrissen. Im einzigen weiteren Fenster, im Bad, ist erst gar keins vorhanden. Allerdings habe ich einen Stecker mit Pads dabei, die immer wirken. Und so begeben wir uns schon recht bald und etwas frustriert zur Nachtruhe.

Von Néos Marmarás nach Sikiá


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