Ausflug nach Ouranoúpolis


Am Morgen sind wir schon früh auf den Beinen und aalen uns zunächst am noch recht dürftig besuchten Strand. Neben den Schirmen, die wir am Vortag in den Sand geschraubt haben, befinden nun gleich mehrere in Reih und Glied. Zwei am Campingplatz angestellte Männer säubern täglich den Strand und gestalten ihn mit Schirmen und Liegen nach ihrem Geschmack (alles schön eng zusammen, dann passen am Ende noch mehr Liegen darauf).
Im angenehm temperierten Wasser ziehe ich meine Bahnen, einfach herrlich so herumschwimmen zu können. Eine Stunde später hat sich der Strand dann doch schnell gefüllt. Während das Teenie-Gekreische von den die Bucht begrenzenden Wänden widerhallt, befinden wir schon auf einem Ausflug nach Ouranoúpolis.

Die Westküste Sithonías hinauf nach Norden lassen wir Nikíti dieses Mal links liegen. Wir biegen nach Osten ab und möchten so weit wie möglich entlang der Küste fahren, also die schmale Landstraße vorbei an Agios Nikólaos und durch Salonikioú zum kleinen Hafenort Pirgadíkia. Ab hier geht es dann weg vom Wasser und hinauf in eine Hügellandschaft, hinter Agios Ioánnis dann weiter auf einer breiteren Hauptstraße über Gomáti, vorbei an Ierrissós bis zu unserem Zielort. Besonders gefällt es uns, dass uns hinter Nikíti kaum Fahrzeuge begegnen. Eine gemütliche Fahrt steht uns bevor durch eine grüne Landschaft, vorbei an einigen Olivenfeldern, durch Alleen mit schönen alten Bäumen und kleinen Ortschaften.










An den Küsten mit Strandabschnitten tummeln sich Touristen, doch solche Ausmaße wie in Sithonía erkennen wir nicht. Uns gefällt es, ein Stück ursprüngliches Griechenland zu durchfahren und eben nicht den Touristenmassen so ausgeliefert zu sein wie in den letzten Tagen.
Als wir unterwegs einmal falsch abbiegen, fragen wir eine Passantin nach dem rechten Weg. Sie empfiehlt uns eindringlich eine andere Route als die von uns favorisierte, da unklar ist, ob die Küstenstrecke überhaupt befahrbar sei. Die Wassermassen der vergangenen Tage hätten erhebliche Schäden verursacht.
Wir bleiben jedoch bei unserem Vorhaben und gelangen in einen der Küstenorte, in dem es tatsächlich ziemlich wild aussieht. Tiefe Tümpel stehen in den Wiesen und bilden eine schlammige Sumpflandschaft. Zäune sind niedergedrückt, vom Wasser mitgerissene Grasbüschel haben sich darin verfangen. Ein entwurzelter Baum wurde schon grob zersägt, knorrige Äste liegen herum. An den niedrigsten Stellen des Dorfes, auf Meereshöhe, haben sich auf der Straße Schlammstellen gebildet, die mittlerweile wieder getrocknet sind. Arbeiter sind mit der Beseitigung der gröbsten Hindernisse beschäftigt.


Diese beiden Palmen scheint aber eher der Palmenrüssler auf dem Gewissen zu haben.

Unsere gemütliche Weiterfahrt über die fast leere Landstraße ist ein wunderbarer Kontrast zu den Autoschlangen auf Sithonía.


Weite Blicke über das Küstenhalbrund zwischen Sithonía und Athos mit sandigen Buchten und dazwischen liegenden grünen Waldflächen erwarten uns, nachdem wir die Küste wieder verlassen haben. An speziell der Aussicht wegen eingerichteten Haltepunkten geraten wir ob der landschaftlichen Schönheit in Verzückung.




Schließlich geht es wieder bergab. Auf einer kleinen Halbinsel liegt Pirgadíkia mit einem gemütlichen Hafen und Fischerbötchen, die sanft vor sich hindümpeln.


Hinter Ierissós passieren wir ein neu aussehendes Schiffsgerippe am Straßenrand. Vielleicht beinhalten die Gebäude daneben eine kleinere Werft. Oleander säumt die schmale Straße. Am Rand ein Open-Air-Ikonostasen-Geschäft. Und auch etliche Schilder, die auf den Verkauf von größeren Grundstücken hinweisen.






Kurz vor dem Ziel erreichen wir Tripití, einen kleinen Hafenort, von dem eine Fähre zur Insel Ammoulianí fährt. Das wäre sicherlich auch ein reizvolles Ziel, wenngleich man im Hochsommer Gefahr läuft, diese Idee mit sehr vielen anderen Touristen zu teilen und auf einer recht kleinen Insel zusammengepfercht zu sein.
Von Tripití aus sind es nur noch wenige Kilometer bis Ouranoúpoli. Schilder mit eindeutigem Bezug „Athos“ oder „Ouranoúpoli“ bewerben Restaurants und Hotels. Erwartungsgemäß verfügt der Durchgangsort zum Agion Oros über eine gute touristische Infrastruktur. Obwohl der Besucher der Mönchsrepublik im Bergwandern und demütigen Pilgern zu abgelegenen Klöstern die Nähe zu Gott und den Bewohnern des Athos sucht, überrascht mich die geringe Entfernung zu der im orthodoxen Glauben heiligen Stätte mit banaler Badekultur, denn die Strände von Ouranoúpolis sind genauso mit Liegen und Schirmen vollgestopft wie sonst wo in Griechenland.



Der Turm am Fährableger scheint ein Wahrzeichen von Ouranoúpolis zu sein.


Bei der Durchfahrt durch den Ort stellen wir erleichtert fest, dass dieser fast autofrei ist. Zumindest sind die Straßenränder nicht so zugeparkt wie in anderen touristischen Orten, denn klugerweise hat man am Ortsausgang einen größeren Parkplatz angelegt, wo auch wir unser Gefährt abstellen.


Langsam schlendern wir zum Turm am Hafen, von wo die Schiffe für die ausschließlich männlichen Besucher der Halbinsel an- und abfahren. Auch Rundfahrten und Fahrten auf einem Glasbodenschiff, bei denen weibliche Touristen nicht diskriminiert werden, starten von hier aus, allerdings für uns heute aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nicht mehr zu machen.


Zahlreiche an- und abreisende Athos-Besucher und –Bewohner kommen von einem der Schiffe, auch mehrere größere Reisegruppen, immer begleitet von Pappádes, sodass man erahnen kann, wie gut die Republik besucht ist. Der Tourismus ist wohl auch dort zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor geworden.

Neben dem Turm prangt ein großes handgeschriebenes Schild, das sich, wie andere Banner auf dem Weg hierher, gegen den Goldabbau in der Region richtet. ein Thema, dass seit vielen Jahren heiß diskutiert wird, insbesondere seit Beginn der Krise. Sehr viele Einheimische befürchten irreparable Schäden für die Natur.


Ouranoúpoli sagt Nein zum Goldabbau



Im Moment haben wir jedoch anderes im Sinn. Da es noch heißer geworden ist, müssen wir uns unbedingt erfrischen und nehmen zunächst in einer der Tavernen am Anleger Platz. Mit Schwarz-weiß-Fotos auf den papiernen Tischsets wirbt sie mit ihrer Vergangenheit aus dem letzten Jahrhundert.
Die Gegend rund um den markanten Turm gehörte zu früheren Zeiten der Kirche. Es gab keine Infrastruktur, nur Behausungen, in denen vereinzelt Mönche lebten. Anfang der 1920er Jahre wurde dieses Stück Land vom Staat konfisziert, um griechischen Flüchtlingen aus Kleinasien die Möglichkeit zu bieten, sich hier anzusiedeln. Die ersten kamen 1922 per Boot, frühere Händler und Teppichweber. Sie zogen in die Hütten, die die Mönche zuvor verlassen hatten. Immer mehr Flüchtlinge erreichten den Ort bis 1928, auch ehemals wohlhabende Fischer. Sie stammten von den Prinzeninseln bei Istanbul. Über die Jahre wuchs eine Siedlung mit 90 Hütten heran, die man zunächst Prosfórion (Ort der Gabe) nannte und erst ab 1946 Ouranoúpoli.
Das Leben der Flüchtlinge war trotz staatlicher Zuwendungen sehr hart. Der Aufbau einer Existenz schien auf dem wasserlosen und granitharten Land kaum möglich. Viele Männer arbeiteten daher auf dem Athos für die Mönche, um ihre Familien durchzubringen. Ohne Straßen war man isoliert, die einzigen Kontakte waren die Athos-Bewohner. Erst im Jahr 1959 begannen die Einwohner des Dorfes selbst einen Schotterweg zu schaufeln. Heute zählt Ouranoúpoli etwa 1000 Einwohner, die ihre Existenz längst auch mit dem Athos-Tourismus sichern konnten. Den Inhalt zur Geschichte haben wir der Internetseite von Ouranoupoli entnommen.

Einen Besuch des weithin sichtbaren und direkt neben der Taverne gelegenen, byzantinischen Turmes, schaffen wir aufgrund der Öffnungszeit (bis 15 Uhr) nicht mehr. Zu besichtigen wären Ausstellungsstücke seit der Eisenzeit.


Statt dessen schlendern wir durch die Gassen mit ihren niedrigen Gästehäusern. Die Geschäfte bieten jede Menge Waren rund um den Berg Athos: Ikonen, superteuren Wein, Öl, Bücher usw. Für einen Athos-begeisterten Freund zu Hause, der die Halbinsel schon mehrere Male besucht und erwandert hat, erstehen wir ein Buch mit Wanderbeschreibungen, das auch mir sehr gut gefällt. Es erzählt sehr kurzweilig und nachvollziehbar von den Veränderungen im Laufe mehrerer Jahrzehnte und dass die Vorhaben, die sich der Autor bei jedem Besuch gesetzt hatte, eigentlich nie in Erfüllung gingen, meist aufgrund des Wetters. Es beschreibt auch die Entwicklung von freundschaftlichen Beziehungen, die er mit Eremiten und Mönchen eingegangen ist und die lebhaften Diskussionen über Gott und die Welt.
Schon während unseres Bummels vernehmen wir das Knurren unserer Mägen, sodass wir uns vor unserer Heimfahrt noch für einen Snack in einem der Restaurants an der Uferstraße entscheiden: Tou Apóstoli to Koutoúki, wohl eine Reminiszenz des Wirtes unter Berücksichtigung seines eigenen Namens an das berühmte Rembetiko-Lied St‘ Apostoli tou Koutouki, das sich an den großen Bouzouki-Spieler Apóstolos Kaldáras wendete).


Στ' Αποστόλη το κουτούκι
πήγα κι άκουσα μπουζούκι.
Και στο στενό το μαγαζί
μπήκε κι ο πόνος μου μαζί.
κι όπως έκλαιγε το τέλι
έκλαψα κι εγώ μαζί.

Αποστόλη αδερφέ μου,
σαν πονάς τι κάνεις, πε μου.
Πώς νταγιαντιέται ο χωρισμός
και της γυναίκας ο καημός;

Αποστόλη αδερφέ μου,
πες μου εσύ που 'σαι παθός.

Και στο στενό το μαγαζί
μπήκε κι ο πόνος μου μαζί.
κι όπως έκλαιγε το τέλι
έκλαψα κι εγώ μαζί.
In die Kaschemme (Holzklotz) von Apostolis
bin ich gegangen und habe Bouzouki gehört.
Und in dem engen Laden
kam auch mein Schmerz (Kummer).
Und wie die Saite weinte,
habe ich mit ihr zusammen geweint.

Apostoli, mein Bruder,
wenn du Kummer hast, sag‘ mir, was machst du?
Wie lässt sich die Trennung ertragen,
und der Kummer zu einer Frau?

Apostoli, mein Bruder,
sag‘ du mir, der auch leidet.

Und in dem engen Laden
kam auch mein Schmerz (Kummer).
Und wie die Saite weinte,
habe ich mit ihr zusammen geweint.

Das Restaurant ist zweigeteilt: Das eigentliche Gebäude steht auf der dem Dorf zugewandten Straßenseite, der zusätzlich aus Holz errichtete Raum direkt am Strand. Dort lassen wir uns nieder. Zu unserem Entzücken trällert Daláras alte Rembetiko-Lieder aus der Konserve.




Endlich haben wir eine Taverne gefunden, in der echtes Essen serviert wird. Das muss sich jetzt anhören, als ob wir die verfressensten Touristen unter der Sonne wären, so oft, wie wir die uns dargebotenen Mahlzeiten jeden Tag erwähnen. Wenn man sich jedoch schon in Deutschland auf die guten frischen Speisen in Griechenland freut und dann nur abgepacktes, vertrocknetes, schwarz-gegrilltes oder künstliches Zeug vorgesetzt bekommt, und das noch ohne Olivenöl, ist die Enttäuschung riesengroß. In dieser Taverne jedoch gibt es einen unglaublich schmackhaften, frischen Choriátiki mit echtem Olivenöl vom Feinsten. Auch den Gästen an den Nachbartischen scheinen die frisch zubereiteten Speisen zu munden. Was für eine Wohltat! Und dann auch der Platz, den man am Nachmittag um sich herum hat. Wie schön muss es erst sein, wenn man sich außerhalb der Saison hier aufhalten kann.
Nur ungern machen wir uns später auf unseren Heimweg ins Touristenbabel, doch irgendwann werden wir wiederkommen und ein paar Tage bleiben, so gut hat es uns in Ouranoúpoli gefallen.
Den Weg zurück finden wir jetzt im Schlaf. Noch einmal genießen wir die berauschend schöne Landschaft, die im Spätnachmittagslicht einen besonderen Zauber verströmt.




Zur Abrundung des schönen Tages gönnen wir uns bei der Rückkehr einen Spaziergang durch das mit Touristen vollgepackte Néos Marmarás in der Hoffnung auf ein nettes Lokal zum Abendessen.
Das Auto parken wir wieder am Anleger für das Ausflugsboot nach Pórto Karrás und steigen die Straße hinauf über den Hügel mit der Kirche, loben den Blick über den größeren Hafen und finden tatsächlich im Außenbereich eines Lokals Platz, dessen Tische sogar mit weißen Tischdecken belegt sind. Doch die Speisekarte hält nicht, was die Aufmachung des Restaurants verspricht. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Fast-Food-Lokal. Also gut, bestellen wir halt, was die Karte hergibt: Souvlaki, Gyros und als Delikatesse gegrillte Pilze. Wir erhalten Fleisch, so zäh wie Schuhsohle, und Pilze, die man als Gummi-Flitschen verwenden könnte. Mir ist der Appetit gründlich vergangen. Beim Bezahlen müssen wir noch fast eine halbe Stunde auf das Rückgeld warten.
Mittlerweile ist der Abend hereingebrochen. Bevor wir wieder zum Hotel fahren, werden wir noch durch den im Dämmerungslicht glänzenden Hafen bummeln.






Der Ort ist vollgestopft mit Menschen, alle ebenso unterwegs wie wir. Kinder tummeln sich auf Karussells, weiter vorn tanzt eine Folkloregruppe verloren auf einer Bühne, nur wenige Zuschauer haben auf den Stühlen davor Platz genommen. Plötzlich spüren wir die Moskitos. So wie im Restaurant bei unserem Hotel sirren sie auch hier zu Millionen durch die Luft und ärgern die Leute. In Ermangelung von Spray marschieren wir schnellst möglich zurück zum Auto, lassen die Massen an Menschen und Mücken hinter uns. Im Hotel dann, wie jeden Abend, ist die Terrasse schon von wilden Kindern okkupiert, sodass wir uns in die Abgeschiedenheit unseres Zimmers zurückziehen. Der Fernseher liefert immer noch nur noch ein Programm, das Moskitonetz hängt weiterhin kaputt und nutzlos herum. Für uns wurde bezüglich unserer Beschwerden nichts unternommen. Wir verbuchen es einmal mehr als ignorantes Gehabe von Hotelbesitzern, denen das Wohlbefinden ihrer Gäste am Allerwertesten vorbeigeht. Trotzdem lassen wir uns die gute Laune wegen des schönen Tages nicht nehmen. Der Ausflug nach Ouranoúpoli hat uns sehr gut gefallen. An diesen interessanten Ort werden wir einmal wiederkommen.

Umrundung von Sithonía


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