Umrundung von Sithonía


Am Morgen, nach dem bekannten Frühstücksritual (abgepackter Fraß, dünner Kaffee, wild herumtobende Kinder), möchten wir dem Strand einen letzten Besuch abstatten. Täglich steigt die Zahl der ankommenden Besucher, die meisten vom direkt daneben liegenden Campingplatz. Es scheint, als ob es kaum noch ein Fleckchen für neuankommende Gäste mit ihren kleineren oder großen (Protz-)Vans zu geben scheint. Die begehrten Plätze unter den Bäumen bieten keine Gelegenheit mehr, schon jetzt steht man eng beinander. Wer es mag, nachts den Nachbarn bei geöffneten Fenstern beim Schnarchen zuzuhören und dem die Enge nichts ausmacht, wird vom Platz sicherlich begeistert sein. Wobei sich, wie wir von zwei deutschen Paaren, die schon seit Jahrzehnten hierher kommen, erfahren haben, die Atmosphäre auf dem Platz gerade in den letzten Jahren sehr verändert hat. Das hat einerseits mit den Touristen zu tun, die in überwältigender Zahl vom Balkan kommen und einfach anders drauf sind, andererseits mit der arroganten Art der Besitzer. Früher soll das anders gewesen sein, persönlicher, hilfsbereiter, kommunikativer. Natürlich sind das subjektive Empfindungen, doch wir können nach den wenigen Tagen unseres Hierseins erahnen, was gemeint ist. The times they are a-changing – überall und nicht immer zum Guten. Dennoch ist man nicht gewillt umzuziehen, sich ein anderes schönes Fleckchen in Griechenland auf einem der unzähligen Campingplätze zu suchen, nicht zuletzt auch, weil man hier aufgrund der langjährigen Besuche einen Platz in vorderster Front, direkt am Strand, erobert hat und die Aussicht und die nächtlichen Geräusche der Wellen in hohem Maße genießt.

Wir haben es uns auf einer der Liegen, die in einer täglich wachsenden Reihe dicht an dicht aufgestellt sind, bequem gemacht. Recht schnell füllt sich der Strand am Vormittag. Ein älteres Paar schlendert den Strand herauf und sucht augenscheinlich nach einem freien Platz. Ich lade sie ein, sich zu uns zu setzen, und gerne nehmen sie das Angebot an. Da sie nicht im Hotel übernachten, führt ihr erster Weg hinauf zur Terrasse, um etwas zu verzehren. Später unterhalten wir uns ein wenig. Sie kommen aus Zypern und genießen jeden Jahresurlaub in einer anderen griechischen Region. Griechenland sei so groß und vielfältig, niemals würden sie satt, andere Gegenden oder Inseln zu erkunden. Wie wahr!
Und dann natürlich ein bisschen Angeberei mit dem Erfolg der Kinder und der Anzahl der Enkelkinder und natürlich etwas Mitleid mit uns wegen mangelnder Nachkommenschaft. Irgendwie ein netter Schnack und ein freundliches Miteinander an diesem Vormittag.


Derweil hat das tägliche Strandleben richtig Fahrt aufgenommen. Ein Papa, der täglich mit seinen beiden kleinen Töchtern jeweils im T-Shirt und mit Käppis auf dem Kopf als Schutz gegen die knallende Sonne stundenlang im Sand sitzt und völlig entspannt kleine Sandburgen baut, Schüppchen aus dem Wasser fischt, Schwimmreifen aufbläst, kuschelt und mit all seiner freien Zeit ganz für seine Kiddies da ist. Ein echtes Idyll.
Ein Paar singt neben uns auf den Liegestühlen gemeinsam und leise alte griechische Lieder.
Wir schauen Jugendlichen zu, die auf dem Wasser erste Versuche im Stand-Up-Paddling unternehmen. Immer wieder, rauf und runter. Oder die Wasserjet-Fahrer, die mit irrer Geschwindigkeit verrückte Kreise auf dem Wasser ziehen.
Von rechts zieht ein älterer Grieche, ebenfalls Campingplatz-Besucher, ein Kajak ins Wasser, mit dem er zur anderen Seite der Bucht paddelt, um das Motorboot abzuholen, das dort festgemacht ist. Bei seiner Rückkehr fährt er rückwärts zum Strand, um die Gattin nebst Anglerzubehör abzuholen und hinterlässt dabei einen stinkenden Film auf dem Wasser. Nicht umsonst ist das Anlegen hier nicht erlaubt, doch wer will es ihm verdenken. Mit Vollgas geht es schließlich ab aufs Meer, um am Spätnachmittag mit der Beute wieder zurückzukommen, die Frau abzuladen und schließlich das Boot wieder für die Nacht festzumachen. Das sieht alles sehr cool aus, und offensichtlich haben beide ihren täglichen Spaß daran. Auch sie scheinen schon sehr lange hierher zu kommen, denn ihnen gehört ein Wohnwagen-Stellplatz direkt am Strand.
Und dann der kleine Jorgos, vielleicht so 5 Jahre alt, ein regelrechtes Wassermonster, stets mit Wasserbrille unterwegs und im Schwimmreifen steckend, der ohne Scheu Kontakte auch zu älteren Kindern sucht, vorzugsweise Mädchen, um sein Kunststück (angedeuteter Handstand im Wasser) vorzuführen und allseits beliebt ist; dem es in diesem Sommer mit Sicherheit gelingen wird, richtig schwimmen zu lernen. Er gehört zu einer Familie, die mit Mama, Opa und Baby-Nachwuchs auf dem Campingplatz logiert. Gänzlich unverständlich, wie die Mutter ihr Neugeborenes völlig nackt und ohne Kopfbedeckung in sengender Sonne mit ins Wasser nimmt. Das Kind hat Spaß, und dankt die direkte Sonneneinstrahlung oder vielleicht auch nur das ständige Geschaukele auf Mamas Arm damit, ins Wasser zu reihern und am anderen Ende etwas Dünnpfiff abzusondern. Alles kein Problem, man kann es ja direkt am Strand im Wasser abwaschen. Boah, und darin schwimmen wir herum! Nee, wir gehen jetzt, und fahren mit dem Auto weg! Das hat uns jetzt doch gereicht.

Wir haben vor, die Halbinsel einmal auf der Küstenstraße zu umrunden und sind neugierig auf die Ostseite. Unsere Fahrt führt uns dieses Mal vom Hotel aus nicht direkt hoch zur Hauptstraße, sondern durch ein paar sehr schmale Sträßchen am Meer entlang, vorbei an Neubauten, allesamt touristischen Unterkünften, auch Luxus-Appartements. In kleineren Badebuchten mit Kieseln finden Einheimische ihre Ruhe.






Dann die nächste größere Bucht mit Sandstrand und dem unvermeidlichen Campingplatz, so wie in den meisten Buchten Sithonías. Scheint wohl das große Geschäft zu sein. Wir drehen und fahren nun bergan zur Hauptstraße durch den schönen Wald, von dem wir nicht genug bekommen können.




Die weitere Strecke kennen wir ja schon von unserem Ausflug nach Sikiá. Natürlich halten wir als erstes bei Marias Kantina vor Toróni, die auch heute nur wenig besucht ist. Einfach wunderschön. In aller Ruhe gönnen wir uns einen gegrillten Fastfood-Snack, flankiert von wohlschmeckendem, starkem Kaffee, ganz anders als das Gebräu im Hotel. Ich mag mich kaum trennen von diesem entspannten Ort.


Auf der Weiterfahrt, hinter Toróni, schwärmen wir wieder von den betörenden Farben der Landschaft, vom Grün des Kiefernwaldes und den tiefen Blautönen des Meeres. Zur Südspitze der Halbinsel weitet sich die Landschaft wieder.


Obstbäume mit Feigen und wilden Birnen säumen die Straße bei Porto Koufó. Alex ist nach sorgfältiger Prüfung der Meinung, dass der Reifeprozess bei diesen Früchten noch nicht abgeschlossen ist, sonst hätten wir einmal genascht. Schließlich gelangen wir wieder in die Ebene, zum weit ausladenden Rund der Sikiá-Bucht. Mehrere Campingplätze und Psáro-Tavernen sind ausgeschildert. Nun ja, mit Letzteren kennen wir uns mittlerweile aus.
Auf der anderen Seite Sithonías ist es wesentlich hügeliger, aber ebenso bewaldet. Kleine Lichtungen zwischen den Bäumen geben den Blick auf das Meer und den Heiligen Berg frei. Auf einer breiten Fläche, die offenbar als beliebter Aussichtspunkt dient, halten wir neben einer knallfarbigen Ikonostase an. Der Blick schweift über ein paar merkwürdig schlammige Buchten, alle unbesucht. Eine Häuserzeile, sicher für den Tourismus gebaut, scheint noch unbewohnt. Daneben, auf einem Vorsprung, offenbar ein Denkmal.




Sárti bietet dann wieder dieselbe trostlose und langweilige Touristenkulisse mit Geschäften, Tavernen und Beachbars. Weiter nach Norden führt die wenig befahrene Straße nun wieder durch ein dicht bestandenes Waldgebiet, was für unsere Sinne wesentlich reizvoller ist. Wenn man die Kargheit anderer griechischer Regionen kennt, sei es durch Jahrhunderte währende Abholzung oder ausgedehnte Brände entstanden, mag genauso wie wir entzückt über dieses wunderschöne, zusammenhängende Waldgebiet sein, wie es die Halbinsel Sithonía beherbergt.




Ab Voúrvouros geht es wieder bergab. Gegenüber die kleine Insel Diáporos mit ihren noch kleineren Satelliten. Auf Meereshöhe dann entlang einer flachen Lagune, wo selbst ein schmaler Sandriegel den Badefreuden dient.






Unzählige Studios liegen verstreut auf den beiden sich anschließenden Halbinselchen, alles dem heiligen Tourismus geweiht. Wenn man sich so sehr auf das Baden im Meer freut, dann ist man hier sicherlich gut aufgehoben.
Vor Ormos Panaghías biegen wir schließlich wieder nach Westen ab, um die Umrundung des mittleren Fingers der Chalkidikí abzuschließen und zu unserem Ausgangsort, südlich von Néos Marmarás, zurückzukehren.
Mittlerweile haben sich Gewitterwolken aufgetürmt, wie so oft zum Tagesausklang, heute nur wesentlich mächtiger. Ob es dieses Mal regnen wird? Noch befinden sich viele Badefreudige am Strand. Doch wir nehmen auf unserem Balkon Platz, schauen in die Baumwipfel und Wolken und sagen uns, dass wir trotz der Touristenmassen mit all ihren Ausprägungen einen recht netten Urlaub haben. Irgendwie versucht man, sich die schönen Dinge herauszupicken statt auf den negativen Erlebnissen herumzuhacken; der heutige Ausflug gehört auf jeden Fall zu den erquicklichen.
In der Nacht rauscht ein starker Regen hernieder. Auf keinen Fall möchte ich jetzt in einem Zelt oder Wohnwagen unten auf dem Campingplatz campieren. Im Zimmer ist es angenehm und wir schlafen ein vorletztes Mal sehr gut.

Ausklang


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