Navigli-Viertel


Als Navigli bezeichnet man die Kanäle, die von den großen Flüssen Norditaliens abgezweigt wurden und als ausgeklügeltes System die Ebene durchziehen. Bereits seit dem 12. Jahrhundert hat man ihre Vorteile genutzt. Die Kanäle dienten nicht nur der Bewässerung der fruchtbaren Ebene zwischen Po und Ticino, sondern auch als Transportwege zwischen Comer See und Laggio Maggiore nach Mailand und Umgebung. Beispielsweise wurden die Marmorblöcke für den Mailänder Dom aus den Steinbrüchen von Candoglia, oberhalb des Lago Maggiore, über diese Kanäle verschifft. Von den Bergen des Nordens her kommend erstreckt sich der Naviglio Grande ab Castelletto noch etwa 20 km in Richtung Mailand und endet im Südwesten der Stadt, um dort ebenso wie der Naviglio Pavarese in das Hafenbecken Darsena zu münden. Zur Überwindung von Niveauunterschieden wurde ein Schleusensystem installiert, an dessen Planung Leonardo da Vinci einen Anteil hatte.
Nachdem viele der Kanäle, die das Stadtgebiet Mailands im 19. Jahrhundert noch offen durchzogen und dabei nicht besonders appetitlich rochen, überdeckt bzw. zugeschüttet worden waren, verloren sie ihre frühere Bedeutung.
Außerhalb der Stadt existieren die Kanäle allerdings noch. Auf den Treidelpfaden, wie der Via Alzaia Naviglio Grande oder der Via Alzaia Naviglio Pavese, kann man sich entlang den Wasseradern schöne Fahrradtouren vorstellen.

Im Navigli-Viertel sind die beiden Kanäle heute offen und sauber und bilden die Kulisse für ein buntes studentisches Ausgehviertel mit kleinen Geschäftchen mit individueller Auslage, Ateliers, Galerien und unzähligen Lokalen. Dort liegt unser heutiges erstes Ziel.
Die grüne U-Bahn-Linie 2 in Richtung Assago/Abbiategrasso bringt uns ab Loreto direkt bis zur Haltestelle Porta Genova. Eine Straßenbiegung weiter stoßen wir schon auf den Naviglio Grande.


Im Gegensatz zum geschäftigen und wuseligen historischen Zentrum um den Dom herum und der Ruheoase des Parco Sempione beim Castello Sforzesco bietet dieses Viertel beides: Lebendigkeit neben lässigem Flair. Im Sommer und an Wochenenden jedoch ist es im Viertel um den Kanal vorbei mit der Gemütlichkeit. Dann zwängen sich Massen von Anwohnern und Touristen über die Straßen, die den Kanal begrenzen. Sitzplätze in den Lokalen dürften dann Mangelware sein.
Die Geschäfte entlang des Kanals sind am Vormittag dieses sonnigen Oktobertages zum großen Teil noch verschlossen, die bereits geöffneten Cafés und Bistros von jüngeren Leuten aber schon recht gut besucht. Man hat Zeit und ist zum Palavern aufgelegt. Besucher, die alleine unterwegs sind, sind wie überall und ausschließlich in ihren IPod vertieft.
Als wir am schattigen Ufer entlangspazieren, überholt uns eine Gondel, die mit hoher Geschwindigkeit gerudert wird. Vielleicht bedienen sich Liebhaber auch hier dieser Wasserfahrzeuge, möglicherweise hat man sogar im September an der Regata storica, in Venedig teilgenommen und lässt den Wettbewerb nochmal ein wenig ausklingen oder trainiert schon für den nächsten.


Aus dem früher eher ärmlichen Arbeiterviertel ist ein schicker Ausgehort geworden, in dem Trödelmärkte stattfinden, wo ehemals Waschfrauen am Ufer ihrer Arbeit nachgingen; wo heute Touristenboote statt Lastkähne entlangfahren; wo die früher armseligen Häuser heute adrett renoviert sind; wo sich das Publikum im Laufe der Jahrzehnte komplett geändert hat.


Dieses Bild ist Teil der Chronik der Kirche Santa Maria della Grazie al Naviglio und wurde dort von mir fotografiert.



An einigen Stellen überspannen schmale Brücken den schnurgeraden Wasserlauf.
Von hier hat man besonders schöne Ausblicke.



Auch die Straßenzüge abseits des Kanals wurden durch Sanierungen aufgewertet.



Am Ende des Weges gelangen wir zum Darsena-Hafenbecken,
in das zugleich der Naviglio Grande und der Naviglio Pavarese münden.


Auf dem Rückweg besichtigen wir die Kirche Santa Maria della Grazie al Naviglio, wo gemessen an den aufgestellten Bänken noch sehr viel mehr Besucher Platz finden könnten.


Die Vorläuferkirche stammt aus dem Jahr 1556, wurde über die Jahrhunderte jedoch mehrfach zerstört und immer wieder aufgebaut. In ihrer jetzigen Form besteht sie seit 1909, die renovierte Fassade wurde am 4. Februar 2018 im Rahmen einer Messe eingeweiht. Mehrere Madonnenfiguren, kleinere Seitenaltäre und ein Beichtstuhl aus der Zeit von 1750 bis 1770 im Stile des Neoklassizismus und Rokoko können besichtigt werden.


Eine Pause legen wir nach der Besichtigung in einem Pub in einer Seitenstraße ein, da man direkt am Wasser auf der Sonnenseite kaum sitzen kann, so heiß ist es noch. Danach verlassen wir erfrischt das Naviglio-Viertel und machen uns auf den Weg zur Ambrosius-Kirche.

Ambrosius-Kirche und Umgebung


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