Ambrosius-Kirche und Umgebung


Warum es nicht nur uns immer wieder in Kapellen, einfache Kirchen oder Kathedralen zieht, hat weniger mit Religiosität zu tun. Vielmehr geben diese Bauten Auskunft über die Geschichte eines Ortes oder Stadtteils und wenn man Glück hat, findet man Relikte aus alten Zeiten, die ein Stück Menschheitsgeschichte erzählen.
In den Reiseführern hat die St. Ambrosius-Kirche von Mailand ihren festen Platz. Vom Navigli-Viertel ist sie fußläufig in kurzer Zeit zu erreichen. Sie liegt südwestlich des Castello Sforzesco, gleich neben der katholischen Universität. Um dorthin zu gelangen müssen wir als Fußgänger aber doch so manchen Umweg in Kauf nehmen, da es in diesem Viertel mehrere Großbaustellen gibt, die zu Straßensperrungen geführt haben. Nach etlichen Fragen und netten Auskünften von Passanten finden wir schließlich das Bauwerk.

Im Gegensatz zu der weiß überzuckerten Außengestaltung des Mailänders Doms mit der überbreiten Fassade und den fünf wuchtigen Eingangsportalen führt der eher unscheinbare Eingang zur Ambrosius-Kirche durch ein geräumiges Atrium mit seitlichen Bogengängen. Es wurde zwischen 1997 und 2000 komplett restauriert. Die Wände dienen als Ausstellungsflächen für zum Teil antike Fundstücke (Fresken, Kapitelle usw.) und Hinweistafeln auf die Geschichte der Kirche und seines Namensgebers.






Ambrosius wurde im 4. Jahrhundert in einer angesehenen Familie in Trier geboren. Nach einem Jura-Studium in Rom schlug er eine sehr erfolgreiche politische Karriere ein. Als er sich als Präfekt von Mailand durch sein Verhandlungsgeschick einen Namen gemacht hatte, wurde er zum Bischof der Stadt gewählt. Als Nichtchrist erhielt er die Taufe, Priester- und Bischofsweihe innerhalb von nur einer Woche.
Ambrosius starb im Jahr 397 in Mailand. Seine sterblichen Überreste befinden sich in der Krypta der Kirche.
Quelle: Trierer Orginale

Der Name Ambrosius (italienisch Ambrogius) lässt sich aus dem griechischen Wort αμβροςία herleiten und bedeutet die Speise der Unsterblichen (Götter). Im übertragenen Sinne könnte man seine Bedeutung als einflussreicher Politiker (insbesondere in der Auseinandersetzung mit Kaiser Theodosios I. von Ostrom, deren Thema sich sogar der flämische Maler van Dyck in einem Gemälde angenommen hat) und später als Bischof und Kirchenvater verstehen, denn bis heute ist er dank seiner Schaffenskraft und seines bleibenden Wirkens der Stadtpatron Mailands. Nicht nur diese Kirche, sondern auch eine größere Mailänder Bibliothek und Gemäldesammlung sind nach ihm benannt. Patronatstag ist der 7. Dezember.

Im Gegensatz zur himmelstrebenden gotischen Architektur des Doms wirkt die Kirche des Ambrosius mit ihrer romanischen Ausgestaltung kleiner und kompakt, aber nicht weniger eindrucksvoll.
Die erste Kirche wurde zu Lebzeiten des Bischofs auf dessen Initiative hin als Märtyrerkirche für die Ruhestätte der beiden christlichen Märtyrer Protarius und Gervarius errichtet, die eben dort beigesetzt wurden. Im 8. und 9. Jahrhundert entstand ein Erweiterungsbau, der nach mehreren Einstürzen im 17. und 18. Jahrhundert fortgeführt wurde. Die Renovierungsarbeiten im 19. Jahrhundert sahen vor, die Kirche in ihrer schlichten Form der romanischen Bauweise wieder herzustellen. Eine weitere umfassende Renovierung wurde nach einem Bombenangriff 1943 notwendig, der die Kirche schwer beschädigte. Auch hier hielt man sich an die romanische Schlichtheit in ihrer ursprünglichen Ausgestaltung.


Gespickt ist der Innenraum mit wertvollen Kunstschätzen. Das Chorgestühl stammt aus dem 15. Jahrhundert, die goldene Altarverkleidung aus dem 9. Jahrhundert.


Der Altarbaldachin aus dem 12. Jahrhundert wird von Porphyrsäulen aus frühchristlicher Zeit gestützt und ist mit Reliefs geschmückt.


Auf der linken Seite des Mittelschiffs überdacht eine reich mit symbolhaften Reliefs zu Schriften des Ambrosius verzierte, marmorne Kanzel einen Sarkophag aus dem 4. Jahrhundert. Sie wurde in ihrer heutigen Form zu Beginn des 13. Jahrhunderts errichtet.











Der kupferne Adler gilt als Beispiel für mittelalterliche Metallkunst; er wird auf das 7. Jahrhundert datiert und zierte vorher eine ältere Kanzel.


Viele weitere Details ergänzen die bereits genannten Ausstattungsstücke der Kirche. Dazu gehören verschiedene Säulen und Kapitelle.



Die Granitsäule mit der bronzenen Schlange soll im Jahr 1007 vom damaligen Erzbischof Arnolf aus Konstantinopel hergebracht worden sein.


Neben der Schlangensäule befindet sich ein Säulenfuß. Er ist einer von 26 (13 auf jeder Seite) der ursprünglichen ambrosianischen Frühkirche aus dem 4. Jahrhundert.
Je länger man sich in der Kirche aufhält, desto mehr dieser Kleinodien entdeckt man. Ehrfürchtig mag man verharren, dass man heute noch die Relikte aus frühchristlicher Zeit betrachten kann.
Unter dem Altarraum befindet sich eine kleine Kapelle, wo in einem nochmals abgetrennten Bereich die mumifizierten Überreste von Ambrosius sowie der beiden christlichen Märtyrer Protarius und Gervarius ausgestellt sind.


Angenehm temperiert ist die Kirche bei unserer Besichtigung und vor allem fast menschenleer, da ja alle Reisegruppen vorrangig den Mailänder Dom durchpflügen. Wenn sie wüssten, was sie hier verpassen!
Das Kirchenmuseum zeigt weitere herausragende Zeitzeugnisse. Den Preis von 1 EUR Eintritt zahlt man gerne.
Zunächst gelangt man zur barocken Kapelle des sterbenden Ambrosius aus dem 17. Jahrhundert. Das Altarbild wurde von Andrea Lanzani ausgestaltet und bezieht sich auf „die letzte Kommunion des heiligen Ambrosius“.


Ein weiterer Kunstschatz ist in seiner Gesamtheit die Kapelle des heiligen Viktor, San Vittore in Ciel d’Oro, die erst im 15. Jahrhundert mit der Ambrosiuskirche verbunden wurde. Die sehr gut erhaltenen und restaurierten Mosaike schmücken diese Kapelle rundum, kein Fleckchen bleibt ungenutzt. So ähnlich reichhaltig mögen auch in Konstantinopel zu früheren Zeiten die Wände und Decken der Chora-Kirche und der Agia Sofia ausgesehen haben, bevor der vernichtende Bildersturm einsetzte.
Aus der Mitte der vergoldeten Kuppel schaut der heilige Viktor etwas skeptisch herab. Eingefasst wird er durch die Darstellung verschiedener Kirchenheiliger an den Wänden unterhalb der Decke. Zwischen den beiden Märtyrern Protarius und Gervarius wird unter anderem auch Ambrosius selbst dargestellt. Dieses Mosaik aus der Zeit um 470 gilt als die älteste Darstellung des Kirchenmannes.





Des Weiteren sind Fundstücke aus frühchristlicher Zeit zu besichtigen:

Reliquienschreine und Urnen


Fragmente von antiken Mosaiken, Grabsteinen, eine Madonnenfigur sowie viele frühere Ausstattungsstücke der Kirche




Sehr beeindruckend ist auch die Figurengruppe von fünf Benediktinermönchen (Piagnoni – die Klagenden oder Weinenden) aus bemaltem Marmor, die im 15. Jahrhundert in einer burgundischen Werkstatt hergestellt wurde. Die Figuren stellen Anhänger des Girolamo Savonarola dar, eines Florentiner Dominikanermönches und fanatischen Predigers.


Kaum auszudenken, wie man heutzutage darüber denken würde, wenn – durch die damalige Bewegung angestachelt – Scharen von Kindern und Jugendlichen durch die Stadt ziehen, alle weltlichen Gegenstände wie Gemälde, Schmuck, Musikinstrumente u.a. als „verkommen“ konfiszieren und im „Fegefeuer der Eitelkeiten“ verbrennen würden! Savonarola wurde 1498 im Übrigen auf derselben Piazza della Signoria in Florenz gehängt und anschließend verbrannt.
Sicherlich ist dieser Teil der Geschichte nur ausschnitthaft und aus dem Kontext gerissen wiedergegeben. Man mag sich dennoch fragen, wieso Savonarola in der evangelischen Kirche als vorlutherischer Reformator galt, in der katholischen Kirche sogar ein Seligsprechungsverfahren zumindest eingeleitet wurde und er bis heute in jedem Jahr an seinem Todestag (23. Mai) mit einem Gottesdienst und einer Blumenniederlegung offiziell geehrt wird.

Als wir das Museum und die Kirche verlassen haben, empfängt uns draußen das warme Spätnachmittagslicht eines goldenen Oktobers. Viele junge Leute sind unterwegs, die Vorlesungen an der katholischen Universität sind wohl gerade zu Ende.


Ganz in der Nähe des Eingangs gibt es mehrere Denkmäler für gefallene Mailänder Soldaten aus verschiedenen Kriegen. Unter anderem ist eines – so wie in vielen anderen Städten Italiens auch - den Opfern des Bombenanschlags vom 12.11.2003 in Nassiyria (während des Golfkrieges im Irak) gewidmet.
Weiter schlendern wir durch das Viertel und gelangen an ein langgezogenes, ocker-farbiges Gebäude, in dem der italienische Dichter Francesco Petrarca in den Jahren 1353 bis 1358 lebte.



Imposant und eigenartig geformt erhebt sich ein Eckpfeiler des Castello Cova,
eines ehemaligen Palastes (erbaut 1910 – 1915).


Endlich finden wir nach mehrmaliger Umrundung des Häuserblocks den unscheinbaren Eingang zu der kleinen, barock ausgeschmückten Augustinerkirche, die leider jedoch schon verschlossen ist. Ambrosius soll im Jahr 387 Augustinus von Hippo an dieser Stelle getauft haben, wie man der kleinen Tafel am Gebäude entnehmen kann. Die Kirche befindet sich in unmittelbarer Nähe zur St. Ambrosius, in der Via Lanzone.

Zurück in Loreto lassen wir den Tag in unserem Lieblingsristorante ausklingen, bei Spaghetti mit fantastisch schmeckenden Meeresfrüchten und Taglia (dünne Steakscheiben), belegt mit Rocca und Parmesan. Dazu Moretti vom Fass. Ein wohltuender Ausklang eines sehr interessanten und lehrreichen Tages.

Pinakothek Brera


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