Ausflug nach Mistrás



Unser heutiges Ausflugsziel liegt nicht mal eben um die Ecke, sondern in etwa 120 Kilometern Entfernung, in Lakonien, auf dem oberen Ausläufers des „Mittelfingers“ des Peloponnes. Alex will da unbedingt hin und freut sich sehr auf die Besichtigung, doch noch weiß er nicht, dass die Ruinen der ehemals byzantinischen Stadt Mistrás (Μυστράς) an einem steilen Hügel liegen. Er wird überrascht sein!
Mir ist der Ort, seit 1989 als Welterbe in der UNESCO-Liste eingetragen, bekannt: 1997 habe ich ihn im Hochsommer besichtigt, mit dem Resultat eines Sonnenstiches und einem infolgedessen verlängerten Aufenthaltes auf dem Campingplatz in der Nähe der Stätte. Heute wird uns das nicht passieren, da das Wetter ein wenig wechselhaft geworden ist.
Ich freue mich auf den Weg dorthin, denn die zweite Hälfte der Strecke ab Kalamáta durchschneidet auf einer gewundenen Passstraße (82) über drei Erhebungen und mit welligen Schlenkern das Tayetos-Gebirge, das in Nord-Süd-Richtung Messenien von Lakonien trennt.


Leider kommen wir erst am Mittag los, und jetzt eilt die Zeit ein wenig. Hoffen wir, dass die Anlage länger als nur bis 15.00 Uhr (wie in Methóni) geöffnet ist. Die Strecke birgt jedoch so viele Reize, dass man am liebsten aussteigen und loswandern möchte. Ab Kalamáta begegnet uns fast niemand mehr. Nur ein paar Verkaufsstände mit Produkten der Umgebung stehen unterwegs, doch uns drängt leider die Zeit.
Blicke in tiefe Täler und auf hohe Erhebungen und sehr viel leuchtendes Grün verschiedener Baum- und Straucharten bieten eine wohltuende Abwechslung für das Auge.


Olivenbäume kommen in den höheren Regionen kaum noch vor, dafür aber Kiefern. Jäh ändert sich das Bild: Am Wegesrand tauchen plötzlich abgestorbene Baumskelette auf.


Was kann das sein – eine Krankheit? Vor uns eine breite Schneise auf einem Hügel – blankes, weißes Kalkgestein, nur einige Gerippe zieren, noch aufrecht stehend die Erhebung. Bei einem Blick links nach schräg hinten offenbart sich das ganze Ausmaß der Katastrophe: Die Vegetation eines gesamten Berges ist abgestorben!


Uns drängen sich zwei Möglichkeiten auf, die wir auch andernorts schon gesehen haben: Das Werk von Schädlingen, z. B. der Seidenspinnerraupe, die insbesondere Kiefernbäume absterben lässt (gesehen bei Arádena auf Kreta) – allerdings sehen wir nirgendwo Gespinste. Oder – naheliegender – ein oder mehrere Großfeuer, die in den letzten Jahren gerade auf dem Peloponnes gewütet haben und – zum Teil absichtlich gelegt - viele Einwohner um Hab und Gut gebracht haben. Großflächig gebrannt hat es im Taygetos im Sommer 2007. Fünf Jahre danach könnte das, was wir jetzt sehen, das Resultat davon sein: Die Natur hat sich nicht von den Bränden erholt. Traurig stehen nur noch tote Baumskelette im Wind.
Die Straße windet sich immer weiter hinauf ins Gebirge. An ihrer höchsten Stelle überqueren wir den letzten Pass, ab jetzt führt sie nur noch bergab, hin zu unserem Ziel. Unter felsigen Überhängen hindurch windet sich die enge Panoramastraße durch die spektakuläre Langádha-Schlucht hinunter in Richtung Sparta/Mistrás; an ihrer Basis fließt der gleichnamige Fluss, den wir jedoch nicht sehen können.






Beim Ort Trípi zweigt eine Straße von der Hauptroute nach Sparta ab. Noch ein paar Kilometer weiter windet sich die Straße bergab und gibt schließlich den Blick frei auf einen Teil des Hügels, an den sich die Ruinen von Mistrás schmiegen.
In die Anlage kann man über verschiedene Eingänge gelangen. Vor dem oberen Eingang finden wir problemlos einen Parkplatz. Es scheint nicht viel los zu sein, zu dieser Zeit.
Alex ist etwas geschockt, als er feststellt, dass die Besichtigung nur über eine kleine Klettertour zu bewältigen ist. Für festes Schuhwerk habe ich schon vorgesorgt, und ich verspreche ihm, dass er die Tour genießen wird.

Bereits 1248/49 von Wilhelm II von Villehardouin, Fürst über Achaía, gegründet, wurde Mistrás ab 1263 eine byzantinische Stadt, deren bewehrte Anlage in ihrer Besiedlung einer Mehrteilung folgte: die Akropolis, dem Herrschersitz, auf der Spitze des Hügels, umringt von den unterhalb gelegenen Wohngürteln der Ober- und der Unterstadt. In der Oberstadt befanden sich der Palast des Despoten, das Verwaltungszentrum und die Adelsresidenzen, in der großflächigen Unterstadt Wohnhäuser, Klöster und Kirchen. Außerhalb der Stadtmauern spielte sich das bäuerliche Leben ab. In Zeiten der Gefahr suchten die Bauern jedoch Schutz in den Stadtvierteln innerhalb der Mauern.
Zwischen 1348 und 1460 wurde Mistrás Hauptstadt von Moréa (damalige Bezeichnung für den Peloponnes). Auch nach der Übergabe der Stadt durch den letzten Despoten Dimítrios Palaiológhos an die Osmanen im Jahr 1460 blieb Mistrás mit dem Sitz der osmanischen Distriktverwaltung eine der wichtigsten Städte der Region.
Ein Reisender aus dem 17. Jahrhundert berichtete, dass auch zu der Zeit Griechen innerhalb der Stadtmauern lebten, während sich moslemische, jüdische und griechische Gemeinden außerhalb einrichteten. Man lebte von der Seidenraupenproduktion und der Kultivierung von Olivenhainen, Weinbergen, Zitrusfrüchten, Feigen und Tabak. Viele dieser Güter wurden nach Westeuropa exportiert.
Die osmanische Herrschaft in dieser Region dauerte bis 1687 und wurde bis 1715 durch die venezianische abgelöst. Was während der großen Revolte 1770 nicht verwüstet wurde, zerstörte einmal mehr Ibrahim Pascha, Vizekönig von Ägypten, im Jahr 1825. Die einst so reiche und blühende Stadt verfiel.

Vom oberen Eingangstor, wo wir unseren Eintritt entrichten, führt der Weg über gepflasterte Straßen mit vielen Stufen in einem etwa zwanzigminütigen Aufstieg zum höchsten Punkt, der Akropolis.


Schon unterwegs werden wir verwöhnt mit dem Ausblick auf die Ruinen der ehemaligen Stadtviertel.


Bald erreichen wir das Eingangstor zur Burg.

In diesen Gemäuern befand sich das Machtzentrum.


Vom Kástro aus, das nur noch aus den Ruinen seiner Mauern besteht, ist die Sicht über die Ebene bis nach Sparta und darüber hinaus wirklich überwältigend. Die Mühe des Aufstiegs hat sich alleine dafür gelohnt.


Insgesamt überschaut man von hier aus die riesigen Ausmaße von Mistrás, die Vielzahl der Kapellen und Mauerreste der ehemaligen Wohnbauten. Wie lebendig muss es in der Stadt zugegangen sein, denn sie war sehr dicht bevölkert. 40.000 Menschen sollen hier einmal gelebt haben!

Interessant ist auch die Wetterfront, die sich über die Berge im Osten aufgemacht hat und über die Ebene und Sparta hinweg in unsere Richtung zieht. Langsam verdüstert sich der Himmel.


Dem Spiel der Naturgewalten aus dieser Höhe zuzuschauen muss faszinierend sein. Doch wir möchten auch noch andere Teile der alten Stadt besichtigen und hoffen, dass wir noch vor dem Regen, der unweigerlich irgendwann auf uns niederprasseln wird, wieder am Auto sein können. Noch scheint hier und da die Sonne.
Langsam brechen wir wieder auf, nach unten, um uns zunächst die Oberstadt anzuschauen.

Über einen schmalen Weg entlang der Befestigungsmauern des Kástros gelangen wir recht schnell zum großzügigen Kirchenkomplex der Aghia Sofía, der Palastkirche, die auf einer ebenen Fläche ruht.




Hinweistafeln geben Auskunft über die Entwicklung von Beerdigungen zunächst außerhalb der Stadtmauern hin zur Bestattung innerhalb. Die Aghia-Sofía-Kirche gehört mit zu diesen Beispielen. Ausgrabungen aus den 1950er Jahren belegen, dass mehrfach Bestattungen von hochrangigen Adeligen und deren Familienmitgliedern innerhalb der Kirche stattgefunden haben.
Eine andere Hinweistafel widmet sich der Problematik der städtischen Wasserversorgung, hier dem Speichern von Wasser. In byzantinischer Zeit wurden Aquädukte gebaut, um Wasser der nahegelegenen Wasserquellen in die Städte hinein zu transportieren und dort zu speichern. Sogar eine Innenaufnahme der berühmten Yerebatan-Zisterne von Konstantinopel ist abgebildet.
In Bezug auf den Kirchenkomplex von Aghia Sofía wird die gleichnamige Zisterne erwähnt, die größte von Mistrás. So wie auch in anderen Städten wurden Zisternen in der Akropolis und den oberen Stadtteilen angelegt, um sie in Kriegszeiten besser verteidigen zu können und so immer über Trinkwasser verfügen zu können. Ein weiteres Beispiel befindet sich auch in Kavála, in Nordgriechenland.
Gefüllt wurden die Zisternen meist durch Regenwasser. In Mistrás, wie in anderen Städten, griff man auch auf kleinere Zisternen zurück, die unter den Privathäusern lagen. Das Regenwasser wurde dabei vom Dach über ein Leitungssystem in das Auffangbecken gebracht.

Die Kirche von Aghia Sofía selbst ist weniger beeindruckend. Die spärlichen Mosaike sehen zwar ganz interessant aus, die wenigen Ikonen sind jedoch bereits sehr verwittert.




Wieder im Außenbereich riskieren wir einen erneuten Blick auf das heranziehende Wolkengebilde.
Das Unwetter scheint gigantisch zu werden!

Nur wenig weiter unterhalb liegt der Komplex von Aghios Nikólaos, von wo man ebenfalls einen unglaublichen Blick über die Ebene bis zum Horizont genießt. Die dunkle Wolkenfront ist merklich näher gerückt.



Die Kirchenruine der Aghios Nikólaos kann besichtigt werden. Die Wandmalereinen sind in einem etwas besseren Zustand als an der Aghia Sofía.




Auch hier klären Schautafeln auf sehr interessante Weise über das Leben im byzantinischen Reich, und im speziellen in Mistrás, auf.
Das soziale Leben innerhalb der Mauern war auch aufgrund des Platzmangels weniger geprägt von Sport und Spielen wie noch in der Antike, da man über kein Hippodrom oder eine ähnlich große Freifläche verfügte, sondern man traf sich um den Bereich von Kirchen herum zu religiösen Anlassen (Prozessionen) oder verbrachte gemeinsame Zeit in Bädern und Tavernen.

Unser nächstes Ziel ist der in kurzer Entfernung gelegene Despotenpalast, der eingerüstet auf die Fertigstellung seiner Restauration wartet. Betreten kann man ihn nicht.




Eine schöne Vorstellung, wenn alles einmal fertig ist und man hier an Ort und Stelle kulturelle Veranstaltungen genießen könnte! Es ist doch immer wieder ergreifend, auch an anderen antiken oder mittelalterlichen Stätten Theaterstücken oder Musikaufführungen beizuwohnen, wohl wissend, dass man dies in einer jahrhundertealten Tradition tut, sei es in Filíppi, Epídavros oder im Herodes-Attikus-Theater in Athen.
Ein wenig schauen wir uns noch auf dem Gelände um. Eigentlich kann es jetzt nicht mehr lange dauern, bis der Regen über uns hereinbrechen wird, so schwarz ist der Himmel geworden. Blitze zucken über der Ebene, erst lange danach ein gewaltiges Donnergrollen.
Eilig machen wir uns auf den Rückweg und steigen die Stufen wieder empor zum oberen Eingang, wo unser Auto parkt, jedoch nicht, ohne nochmals ein paar Blicke auf die wie verwunschene Schlösser wirkenden, byzantinischen Kirchenruinen zu werfen.


Letztendlich gewittert es über Mistrás aber doch nicht, dem Unwetter ist über der Ebene auf den letzten Metern die Puste ausgegangen. Daher entscheiden wir uns zu einem weiteren Erkundungsgang, diesmal allerdings vom unteren, dem Haupteingang aus. Mit dem Auto ist es nicht weit bis dahin.
Zunächst steigt man eine Treppe hinauf. Der Blick wird nun nach oben gelenkt, und zwar auf die große Anlage des auch heute noch von Nonnen bewirtschafteten Klosters Pantánassa aus dem 15. Jahrhundert.


Hoch darüber thronen die Ruinen des gewaltigen Kástros. Diesen Blick hatten auch die Bewohner der früheren Unterstadt. Allerdings war er vielleicht durch die Vielzahl der Wohnhäuser ein wenig verstellt. Schmale Straßen führen vorbei an noch erhaltenen (oder wieder aufgebauten) Häuserwänden.


Überall unterwegs wachsen Mandelbäume, die ihre Marzipan-Kerne nur widerwillig hergeben. Alex versorgt uns mit den wohlschmeckenden Nüssen. Auch andere haben genascht, wie man den Überresten auf Mäuerchen entnehmen kann, wo man mit Steinen die Schalen geknackt hat.

Wir wenden uns nach links und lassen sowohl das Museum als auch die Aghios-Dimítrios-Kirche rechts liegen. Die Anlage wird bald schließen (um diese Jahreszeit 18.00 Uhr), und wir wollen doch noch hinauf zum Kloster. Wieder ist Treppensteigen angesagt. Immer höher geht es Stufe um Stufe hinauf, die Muskeln an den Oberschenkeln beginnen zu brennen und wir wissen, dass wir morgen mit Muskelkater behaftet einen Ruhe- und Schwimmtag einlegen werden.


Vorbei geht es an eindrucksvollen Ruinen, die bei den unterschiedlichen Lichtverhältnissen ganz verschiedenartig wirken.

Blick von unten auf die herrschaftlich hohen Außenwände des Despotenpalastes

Von unterwegs genießen wir immer wieder den Blick auf das Wechselspiel der Wolken über der Ebene und der Stadt Sparta mit ihren weißen Häusern.

Schließlich erreichen wir den Eingang zum Kloster Pantánassa, der uns mit Blumen hübsch geschmückt zum Eintreten einlädt.



Ein paar Katzen sitzen links hinter dem Eingang dösend in einer Gruppe und ignorieren uns geflissentlich. Wir passieren ein langes Gebäude, flüstern, um niemanden zu stören.


Sehr beeindruckend erhebt sich die Klosterkirche rechterhand vor uns.

Die letzten Stufen dorthin sind schnell erklommen.

Die Kirche ist geöffnet, doch sobald wir sie betreten, ist plötzlich eine streng dreinblickende Aufseherin da. Meine Frage nach Fotos beantwortet sie mit einem knappen und recht unfreundlichen „No Flash!“ „Entschuldigen Sie bitte vielmals, dass wir uns als Touristen eine alte Kirche anschauen möchten“, denke ich mir. Dann vergesse ich sie und bin sehr beeindruckt von der altehrwürdigen Ausstattung.



Nach unserer Besichtigung sitzen wir noch für ein paar Minuten auf einer Bank vor der Kirche, immer noch bewacht von den Argusaugen der Frau. Das macht keinen Spaß und außerdem drängt die Zeit nun wirklich. Schnellen Schrittes nehmen wir die Stufen wieder bergab zum Ausgang. Wir verlassen schätzungsweise als allerletzte die alte Stadt, hinter uns werden sich die Tore schließen.
Auf dem Weg zum Auto sehen wir, dass sich ein großer Regenbogen über diese Wahnsinns-Landschaft spannt, ein wunderschöner Abschluss unserer Besichtigung von Mistrás.


Nun drängt Alex allerdings und möchte eigentlich aus zwei Gründen nicht mehr über den Taygetos zurückfahren: einmal wegen des Wetters (wer weiß, wie es in den höheren Regionen tobt?) und zum anderen wegen der bald hereinbrechenden Dunkelheit. Doch schließlich bleibt uns nichts anderes übrig, wenn wir keinen riesigen Umweg in Kauf nehmen wollen. Die Nacht wird uns unterwegs so oder so ereilen. Packen wir es also an.
Sicherlich ist es nicht ungefährlich, bei Sturm durch die Schlucht zu fahren. Doch die Götter sind uns gnädig gestimmt. Kein Lüftchen weht und kein einziger Tropfen fällt, und einmal mehr bewundere ich die wunderschöne grüne Landschaft, durch die wir uns bewegen. Auf einem der Pässe scheint uns die dunkle Wolke aber doch noch überholen zu wollen.


Als wir die letzte Erhebung schließlich anpeilen, liegen die Dörfer aber schon wieder im Sonnenlicht, das sich zwischen den Wolken hervorgewagt hat.



Beeindruckend finden wir die Umweltaktion, die einige Kids an einer langgezogenen Straßenbegrenzungsmauer oberhalb von Kalamáta auf die Beine gestellt haben.

Das Gewissensministerium warnt:
Gleichgültigkeit schadet ernsthaft
der Umwelt.
Um das zu tun, wovon du träumst,
um das zu sagen und das zu leben, was du willst,
brauchst du vor allem eine Welt, eine gesunde Umwelt.


Ich denke also bin ich.
Ich respektiere die Umwelt, also werde ich weiterhin existieren.

Bleibe du in deinem Gefängnis,
solange ich die Wälder anzünde und die Luft,
die Erde und dein Wasser vergifte.


Der Planet Erde, unser ewiges Haus, hat leider ein Verfallsdatum.
Noch können wir ihn retten, wenn wir ihn respektieren und für die Umwelt aktiv werden.

Wie um diese Gedanken an die Einzigkeit von Umwelt und Natur zu unterstreichen, breitet sich vor uns der Golf von Messenien im schönsten Abenddämmerlicht aus.



Die Máni ist kein Mann


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