Voïdokiliá und Nestorhöhle



Heute wollen wir auf jeden Fall zum Schwimmen. Obwohl der Beach direkt vor der Hoteltür auch nicht zu verachten ist, sind wir neugierig auf die Voïdokiliá-Bucht, was man auf Deutsch mit Ochsenbauch-Bucht übersetzen könnte und sich auf ihre Form beziehen soll. Sie liegt nur wenige Kilometer von Ghiálova entfernt.


Mit dem Auto biegen wir von der Hauptstraße zunächst ab in einen schmalen Weg, der gesäumt ist von Olivenhainen, auch mit höheren, älteren Riesen mit knorrigen Stämmen und ausladendem Geäst. Die Haine sind gepflegt, die Erde ohne Unkraut und Gräser. Dunkle, fette Früchte glänzen in der Sonne, bald beginnt die Ernte.


Als wir einmal kurz anhalten und aussteigen, kommt ein Hund auf uns zugerast. Ich flüchte ins Autoinnere, doch eigentlich will er nur spielen. Auf jeden Fall richtet er sich auf und guckt mal durch die Seitenscheibe ins Auto, was es so (an Fressbarem) gibt.
Wir setzen unsere langsame Fahrt fort. Nach kurzer Zeit erreichen wir eine Brücke über einen schmalen Wasserlauf.


Er mündet in den Divarisee, auch Ghiálova-Lagune genannt, ein Naturschutzgebiet insbesondere für Zugvögel, aber auch für das Afrikanische Chamäleon, eine endemische Art, von der es nur wenige hundert Exemplare hier geben soll.
Teilweise wird die Lagune von frischem Meereswasser gespeist, landwärts steht zu dieser Jahreszeit jedoch moderndes Brackwasser über braunem Schlick, das entsprechend müffelt.
Erdwege führen ein weites Stück in die Lagune hinein, wo Reiher in einiger Entfernung auf den ultimativen Fisch warten. Wir möchten nicht stören und bestaunen den See vom Rand aus.





Am Anfang eines breiten Erdweges, der ebenfalls in die Lagune hineinführt, hat sich ein freistehender Camper, wie es scheint, für einen längeren Aufenthalt, direkt unter einem „Verboten“ - Schild, breit gemacht. Echt cool!
Weiter weg von der Lagune parken wir unser Auto unter einem höheren Strauch, der sogar etwas Schatten bietet. Um diese Jahreszeit ist hier kaum etwas los. Etliche bunte Schmetterlinge laben sich an den Blüten der niedrigen Sträucher.


In Richtung Meer führt ein Weg hinein in eine Sanddünenlandschaft. Ganz hinten erkennen wir bereits einen intensivblauen Meereszipfel.

Nach ein paar Schritten weitet sich die Voïdokiliá–Bucht vor unseren Augen, ein landschaftlicher Glücksfall. Die Bucht ist halbrund und wie ein Kreis in der Mitte akkurat durchgeschnitten. Die „Schnittfläche“ bildet ein Felsriegel mit einer Öffnung zum Meer hin, durch die das hereinströmende Wasser ganz sanft über den sandigen Untergrund brandet, zartblau bis hellrosa, wie in der Karibik. Meterweit kann man hineinwaten, bevor es etwas tiefer wird.


Nur wenige Badende sind zu dieser Jahreszeit hier anzutreffen. Schatten gibt es an der Wasserkante keinen, auch keine Sonnenschirm- und Liegenvermietung. Auch das macht das Flair aus. Ein kleines Boot dümpelt vor sich hin; es gehört einer Familie, die sich mit Schnorchelgängen das Badevergnügen versüßt.
Durch das sanft gleitende Wasser (der griechische Ausdruck dafür lautet Ghialó, Γιαλό) erhält dieser Ort eine ganz ruhige und entspannte Atmosphäre – einfach paradiesisch.


Unser Blick fängt schräg links, auf der Fortsetzung des Begrenzungsfelsen für den Wasserdurchlass der Bucht, eine größere Burgruine und eine Höhle ein. Bei der Burg handelt es sich um die „alte Burg“, das 1278 gegründete Paleókastro (Παλαίο κάστρο).
Um es vorweg zu nehmen: Nach Methóni und Mistrás haben wir für diesen Urlaub genug von Burgen. Es gäbe ja auch noch andere wie die Festung von Koróni oder das Niókastro von Pílos zu besichtigen.
Uns interessiert vielmehr das unterhalb des Paleókastro gelegene, gähnende Loch im Berg, die Nestorhöhle. Ob wir es schaffen, mit Badelatschen dorthin zu gelangen? Einen Versuch ist es jedenfalls Wert. Danach können wir immer noch schwimmen, die Badesachen haben wir ja schon an.

Wir umrunden die Bucht, waten durch das warme, seichte Wasser bis zur linken Felsbegrenzung, an die sich der Hügel anschließt, den es zunächst durch tiefen Sand und recht steil bergan zu erklimmen gilt. Bei unserem Muskelkater vom Vortag recht anstrengend, und ich schwöre, wenn der gesamte Weg von dieser Güte ist, werde ich mir die Höhle eben nicht angucken, sondern baden gehen. Doch nur Mut, Wanderer, schon nach kurzer Zeit wird der Untergrund hart und viel besser begehbar.



Mannshoher Falscher Salbei und andere Sträucher säumen unseren Pfad; wie farbenprächtig muss der Berg im Frühjahr aussehen, wie intensiv duften!


Schon nach wenigen Metern bergan und einem Blick zurück erahnen wir, welch' grandiose Landschaft sich uns von ganz oben darbieten wird.


Mittlerweile durchqueren wir in ein kleines, schattiges Wäldchen; an knorrigen Ästen hangeln wir uns bergan. Gute Schuhe wären besser, insbesondere wenn man eine gebrochene Hand nicht für Kletterzwecke benutzen kann. Doch irgendwie und mit Hilfe geht das auch.



Am Ende des Pfades weitet sich der Eingangsspalt der Nestorhöhle.


Seit der Steinzeit, ab dem 7. Jahrtausend v. Chr., soll sie von Menschen durchgehend genutzt worden sein, auch wenn die Besiedlung der Umgebung erst einige tausend Jahre später ihren Lauf nahm.
Die Felsgrotte ist nicht tief, sondern in zwei hohe Kammern geteilt. Steinzeitmenschen hat sie sicherlich über einen langen Zeitraum einen guten Wetterschutz geboten.
Durch die Decke des hinteren Teils schimmert Licht hindurch – ein natürlicher Abzug, der auch für eine gute Belüftung sorgt und vielleicht sogar als Rauchabzug diente.




Der Zahn der Zeit hat an einigen Stellen interessante Muster in den Fels gezeichnet.


Ich liefere meinen Blutzoll ab. Zig Moskitos machen sich über mich her. Ja, nehmt nur: Fische, die mir das Fleisch vom Knöchel reißen, Mücken, die mir das Blut aussaugen, dazu ein Muskelkater, der aber immerhin schon wieder ein wenig abgeklungen ist. Und doch... Als wir uns am Eingang der Höhle niederlassen und der Blick über das offene Meer, die Bucht und die Lagune schweift, wollen wir um keinen Preis der Welt in diesem Moment woanders sein. Der Aufstieg entlohnt uns mit einem Blick über ein paradiesisch wunderschönes Fleckchen Erde, der alle Mühsal und Pein vergessen lässt! Das Paar, das heftig diskutierend auf halbem Weg umgekehrt ist, weiß nicht, was ihm entgeht.


Drei Blautöne: links, das Tiefblau des Ionischen Meeres; Mitte, das karibische Türkisblau der Voïdokiliá-Bucht; rechts, das graublaue Brackwasser der Ghiálova-Lagune

Plötzlich ein lautes Rascheln im Gebüsch, das dem Auftritt von Nestor himself vorangeht. Da bricht er durchs Unterholz, in Gestalt eines stattlichen Bocks mit imposantem Gehörn, eine kraftstrotzende, behaarte Kreatur, die auf seinem Terrain nach dem Rechten sieht. So bleibt er in etwa drei Meter Abstand stehen und beäugt uns ausgiebig. Wir ihn aber auch. Nach einigen Minuten schreitet er hoch erhobenen Hauptes davon und entschwindet wieder im Gesträuch.


Der Abstieg gestaltet sich für uns einfach und schnell. Ich weiß gar nicht, wieso wir vor dem Aufstieg so herumgezetert haben. Groß ist die Vorfreude jetzt auf das Bad in der Bucht. Gleich am Ende des Pfades, direkt neben dem Felsriegel, der die Ochsenbauchbucht gegen das offene Meer schützt, deponieren wir Kleidung und Kamera und waten ins kühle Nass. Ein bisschen riecht es in Felsnähe zwar wie in einem Ochsenbauch, doch die Abkühlung ist einfach herrlich! Auch hier gibt es wieder diese Fischchen, die so gerne zubeißen, doch ich bleibe in Bewegung, paddele vor mich hin, und so traut sich doch keines in meine Nähe. Schwerelos schwebe ich auf dem Rücken, bar jeglicher Sorgen und genieße einfach diese glücklichen Momente. Himmlisch, ein solch genussvolles Bad an einem von der Natur so reich beschenkten Landstrich.

Viel später, nachdem wir wieder getrocknet sind und die blaue Stunde naht, umkreisen wir auf dem Rückweg wieder die Bucht, sehen, wie sehr die verbliebenen Badegäste immer noch ihren Aufenthalt genießen.



Langsam kehren wir in unser Hotel zurück, um später den Abend in der Tavernengasse zu verbringen.


Blick von unserem Hotelbalkon auf das Strandareal mit seinen eindrucksvollen Dattelpalmen.

***

Insbesondere der leckere, offene Aspro Krassí (Weißwein) hat für eine gute Stimmung bei den Tavernengästen gesorgt, zunächst bei unserem Lieblingswirt. An diesem Abend outet er sich als Kulturliebhaber. Seine CD-Sammlung kann sich echt sehen lassen. Irgendwann bringt er sogar das 6er-Set von Bithikotsis. Da haben sich zwei Seelen gefunden!
Auch das Akkordeon ertönt an diesem Abend wieder. Im Nachbarrestaurant spielt der Bulgare auf, und man überlegt dort angestrengt, ob man ihm Geld zustecken soll oder nicht. Einerseits zu doof, um einen günstigen Flug zu buchen, aber am Urlaubsort knausern! Widerwillig wechselt dann doch ein Taler seinen Besitzer.
Ich habe ihm schon von Weitem zugewunken, er hat gelächelt. Doch unseren Tisch hebt er sich bis zum Schluss auf. Als wir bei ihm etwas „Bulgarisches“ bestellen, „Balkanmusik“, brechen die Dämme. Er haut in die Tasten, ein schnelles Stück. Nach der Geldübergabe laden wir ihn zum mittlerweile schon obligatorischen Glas Wein ein, das mit einem kräftigen Zug geleert wird. Zu mir meint er anschließend, Alex sei ein guter Mensch! Alex entgegnet mit feuchten Augen, es sei ihm eine Ehre, von ihm, Vassilov, als guter Mensch bezeichnet zu werden. Morgen würde er wieder für uns spielen, verspricht Vassilov stolz lächelnd und entschwindet, muss weiter fürs Geschäftliche sorgen.
Die Tsipoúra, die wir am Vorabend nicht bekommen haben, wird uns heute den Gaumen verwöhnen. Als Vorspeise gibt es eine kleine, gemischte Meeresfrüchteplatte für zwei (was man so „klein“ nennt): Kalamaria, 4 Riesenmuscheln, 4 Garides, gegrillter Oktopus, Fritten. Dazu ein frischer Marouli mit Zitrone. Köstlich! Und überall dieses leckere, leichte Olivenöl aus der Region bzw. dem eigenen Anbau.
Als wir unser Mahl beendet haben, stellen wir fest, dass die Taverne sich geleert hat. Während der Wirt die Tische abräumt, schimpft er über die Musiker von nebenan. Dort gibt es heute Abend Live-Musik, mit viel Hall. Den würde man aber doch nur bei Panighíria einsetzen, mault er. Trotzdem finde ich, dass die Frauenstimme gut herüber klingt. Alex ist geistig eh schon drüben, also nichts wie hin.

Als wir das fast voll besetzte Lokal betreten, lässt sich Alex gleich von der Musik einfangen und tanzt alleine auf der kleinen Fläche vor dem Musikertrio. Die Gäste klatschen, freuen sich, einen weiteren Tänzer hinzubekommen zu haben. Eine Kellnerin wirft ihm einen Stapel Papierservietten über, die blütengleich zu Boden gleiten.
Direkt bei der Kapelle sitzen mehrere Griechen und zwei blonde ausländische Frauen, die sich alle schon länger zu kennen scheinen. Von hier springt immer mal wieder einer auf, um die Musik tänzerisch zu interpretieren.
Am Tisch nebenan eine reine griechische Männergesellschaft. Auch bei uns im Dorf saß man so bei Dorffesten zusammen. Die Männer mit sehnsüchtigen Blicken, in der Hoffnung, an diesem Abend endlich ein weibliches Wesen für immer zu finden, tanzten jedoch nie. Auch aus dieser griechischen Männerrunde traut sich nur einer: Franz-Josef (so hieß das Pendant aus meinem Dorf). Gutmütig lächelnd tapst er im Kreis und wird von allen beklatscht, was ihn weiter anspornt. Alle Achtung, er hat Mut!
Neben uns sitzt an einem langen Tisch eine griechische Teenie-Gruppe und langweilt sich bei einer Batterie von Colaflaschen. Eine ist eifrig am surfen, die Daumen huschen flink über das Smartphone. Zwei Betreuerinnen wollten ihnen (oder doch eher sich selbst) einen netten Abend bescheren, doch diese Art der Musik kommt nicht an. Bald werden die Mädels erlöst und schieben ab.
Von den Mitgliedern der Kapelle wird ein ums andere Mal mit lautem Knall eine Sektflasche entkorkt, die einer der Gäste den Musikanten spendiert hat - Bar-Atmosphäre. Doch die Musiker bleiben vorerst beim Wasser.
Einmal spielt das Gitarren-Bouzouki-Duo und die Stimme der Sängerin ertönt aus dem Off. Dann erfolgt ihr Auftritt: Hochhackig, in ein goldfarbenes Top über dem tief ausgeschnittenen, kurzen Schwarzen, stöckelt sie singend aus dem Schankraum heraus, wieder hin zu ihrer Band. Ein grandioser Auftritt, tolle Show mit einfachen Mitteln, die beim Publikum Wirkung erzielt. Man ist begeistert!
Zwischenzeitlich hat sich eine touristische Gesellschaft eingefunden. Offensichtlich kennt man so etwas nicht, die Münder stehen offen, als einer der jüngeren Griechen mit weit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen einen gefühlvollen Zeibekiko hinlegt. Auf jeden Fall wird gefilmt und fotografiert.
Nach einem langen Tag beschließen wir gegen halb drei in der Früh zum Hotel aufzubrechen. Das Ende unseres Urlaubs ist schon in Sicht, doch ein bißchen Zeit verbleibt noch. Mal schauen, was der morgige Tag uns bringen wird.

Zu den Kataráktes von Polilímnio


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