Champs-Élysées:
Vom Arc de Triomphe
zum Louvre


Bei unserem ersten Aufenthalt in der französischen Hauptstadt drei Jahre zuvor hatte uns ein Spaziergang über die Champs-Élysées begeistert, einen der sternförmig vom Arc de Triomphe wegführenden, breiten Boulevards. Kerzengerade zieht sich die Prachtstraße hinunter in Richtung Louvre, passiert dabei herausgeputzte ehemalige Herrschaftshäuser und Paläste, um schließlich im Jardin des Tuileries zu enden. Diese Tour wollen wir wiederholen.
Der 30er Bus bringt uns von der Place de Clichy (nur wenig entfernt von der Haltestelle Blanche beim Moulin Rouge) zum weiten Place Charles de Gaulle mit dem Arc de Triomphe, einem der viel fotografierten Hotspots in Paris. Durch eine Unterführung unter dem breiten Kreisverkehr hindurch gelangt man direkt zum Monument in der Mitte des Platzes.


Der von Napoleon in Auftrag gegebene Triumpfbogen wurde im Jahr 1836 fertiggestellt. Militärische Befreiungen und Eroberungen werden dargestellt; andererseits gedenkt man auch der Toten, die für die Ziele dieser französischen Kriege gefallen sind. Über und über sind die 50 Meter hohen Wände mit ihren Namen bedeckt.



Gedenktafeln auf dem Boden erinnern ebenfalls an kriegerische Ereignisse: „11. November 1918 - zurück aus dem Elsass und aus Lothringen", „Für die Kämpfer der Résistance, die für Frankreich 1939 - 1945 gestorben sind", „Für die Kämpfer aus Indochina", „Kämpfer des französischen Batallions der Vereinten Nationen im Koreakrieg 1950 - 1953" oder „Für die Toten, die für Frankreich im Algerienkrieg gestorben sind - die Kämpfer von Tunesien und Marokko 1952 - 1962". Neben diesen Bodenplatten brennt im abgesperrten Rund feierlich eine „Ewige Flamme" für den Unbekannten Soldaten.



Fast lebensecht wirken die szenischen Reliefs jeweils rechts und links des Torbogens mit den Darstellungen historischer Ereignisse.


Der Auszug der Freiwilligen 1792
(La Marseillaise)


Der Triumpf Napoleons nach dem Frieden 1810


Der Widerstand 1814


Der Frieden 1815

Ganz schön kühl ist es geworden, als der Wind über den offenen Platz pfeift. Die Jackenkragen hochgeschlagen beginnen wir unseren Bummel über die Champs-Élysées, die aufgrund ihrer Breite aber auch keinen wirklichen Schutz bietet. Einzig ein Café in einem Pavillion auf dem großflächigen Bürgersteig verspricht ein wenig Wärme. Nett ist es hier, die Kellner, die aus welchen Gründen auch immer, in Matrosenuniformen herumlaufen müssen, sind rasch zur Stelle und servieren einen heißen Espresso.
Schräg gegenüber, auf der linken Straßenseite, befindet sich eine Filiale des Fnac, wo man unter anderem Eintrittskarten jeder Art kaufen kann.
Nachdem wir uns etwas aufgewärmt haben, führt unsere erste Teiletappe hinunter zum Rond-Point Marcel Dassault, vorbei an protzigen Läden, die in alten Herrschaftshäusern untergebracht sind.





Am Rond-Point Marcel Dassault mit seinem gleichnamigen Theater schmiegen sich die alten Herrschaftshäuser rings um den kreisförmigen Platz. Am auffälligsten wirkt auf uns das aus dem Jahr 1844 stammende Gebäude des Hôtel Dassault mit seinem kunstvoll verzierten, schmiedeeisernen Zaun.


Eine Querstraße weiter öffnet sich der Blick über die reichlich verzierte, einbogige Brücke Alexandre III, über die Seine hinweg, zur weithin leuchtenden Kuppel des Invalidendoms, in dem Napoleon Bonaparte beigesetzt ist.




Zwischen Rond-Point und Seine haben das Grand Palais, mit dem Museum der schönen Künste, und das gegenüber liegende Petit Palais, beide mit gewölbten Glasdachkonstruktionen, ihren Standort.
Besucher eilen herbei, um sich eine Ausstellung anzusehen. Zurzeit sind Werke von Elisabeth Louise Vigée Lebrun, einer französischen (Portrait-)Malerin aus dem 18./19. Jahrhundert, zu bewundern.




Die Champs-Élysées ist nun beidseits flankiert von einer Grünanlage, die bis zum Place de la Concorde reicht. Bei unserem ersten Besuch vor drei Jahren verweilten wir in dieser Oase, bewunderten verschiedene Pflanzen an einem Teich, ergingen uns in der Betrachtung älterer und neuer Skulpturen, ließen die Seele baumeln.




Die aus Fiberglas bestehenden Flowers that bloom at midnight der 1929 geborenen, japanische Künstlerin Yayoi Kusama waren 2011/2012 Teil einer Retrospektive, die hauptsächlich im Centre Pompidou zu bewundern war. Hätte uns die Architektur von Paris nicht mit all seiner Pracht gefangen genommen, hätten wir vielleicht auch die Ausstellung dieser schillernden Persönlichkeit besucht.
Paris scheint ein Mekka für Kunstliebhaber zu sein. Doch wer entscheidet, was interessant ist und was nicht? Was ist Kunst, was doch eher Kitsch? Und was ist einfach ... nichts dergleichen? Sollte man überhaupt darüber entscheiden, und wer tut das? Bestimmen Preis und Beziehungen innerhalb der Kunstszene, was künstlerisch wertvoll ist? In Paris jedenfalls können sich interessierte Besucher in einer Fülle von Ausstellungen selbst ihre Meinung dazu bilden. Auch die großflächige Grünanlage am unteren Teil der Champs-Élysées ist dieses Jahr zur Ausstellungsfläche geworden. Fußgänger schlängeln sich zwischen den langgstreckten Pavillions mit den gut besuchten Gemäldegalerien hindurch.
Wegen der vielen Absperrungen können wir nur über Umwege weitergehen, während der Autoverkehr unter ungeduldigem, laut protestierendem Gehupe auf der Champs-Élysées zum Erliegen gekommen ist.
Der Park endet auf dem riesigen, ovalen, von Autos völlig verstopften Place de la Concorde mit dem Obelisken von Luxor und einer Brunnenanlage aus dem 19. Jahrhundert.




Bei unserem ersten Besuch konnten wir Fotos davon schießen, heute traut man sich ob des Wahnsinnsverkehrs kaum, einen Fuß auf die Straße zu setzen, um dorthin zu gelangen.
Auch von diesem Platz zweigt eine Brücke über die Seine ab, die in der Verlängerung zum Palais Bourbon führt, Sitz der Assemblée Nationale (Nationalversammlung), deren Fassade wie ein antiker Tempel amutet.


Von hier aus stört nichts den weiten Blick hinüber zum Eiffelturm. In entgegengesetzter Richtung erkennt man weit hinten die Zwillingstürme der Nôtre Dame.




Unser nächstes Ziel ist der benachbarte Jardin des Tuileries, den wir noch in guter Erinnerung haben, insbesondere wegen der Nachbarschaft zum Gebäudegeviert des Louvre. Vom diesseitigen Eingang hätte man eigentlich auch einen weiten Blick zurück, entlang der Geraden, bis zum Arc de Triomphe.


Große, moderne Exponate verhindern dieses Mal leider die Aussicht. Wahrscheinlich sind die Objekte Teil des fiac! (Foire Internationale d'Art Contemporain), eine Internationale Messe zeitgenössischer Kunst, die zurzeit stattfindet.


Die fiac!-Ausstellung setzt sich im Tuileriengarten fort. Wir schauen uns die einzelnen Kunstobjekte vieler in Berlin lebender Künstler an, doch sie sagen uns nichts. Weder „Der Junge, der in einem Fisch gefangen ist" (Bretter, die in Öffnungen in einem Stein stecken) noch die als Beschreibung im Internet als Abstrakte Kunst proklamierten, bunten Alurollen oder die steinernen Fingerteile lösen in uns irgendein Empfinden aus, auch keine Überraschung oder Staunen über eine abgefahrene Idee. Das soll nicht despektierlich klingen, ist aber Ausdruck unseres eigenen Erlebens.
Wäre Gertrude Stein (in ihrer Eigenschaft als Kunstsammlerin und -kritikerin) zugegen, hätte sie ihre Meinung bestimmt lautstark kundgetan. Vielleicht wäre es ihr gelungen, die jeweiligen Künstler und uns, das Publikum, zusammenzubringen. So jedoch schaut man sich wortlos die Dinge an, die an verschiedenen Stellen im Park aufgestellt wurden, und zieht weiter. Keine Menschenansammlung, die sich um ein besonders aufregendes Kunstwerk versammelt hat, niemand, der etwas erklärt oder mit dem man darüber sprechen könnte. Nur Schilder mit Begriffen, die wir im Zusammenhang mit der Intention der Künstler nicht verstehen. Oder handelt es sich vielleicht um eine neue Kunstrichtung, die in der Zukunft erst von sich Reden machen wird?
Ermattet von den Menschenmassen und der Pflastertreterei lassen wir uns schließlich am großen, achteckigen Teich im Tuileriengarten, auf schräg nach hinten geneigten Stühlen nieder. Zum Glück ist der grau verhangene Himmel nun etwas aufgerissen und die Kälte gewichen.
Merkwürdige, auf Stangen aufgespießte Tierköpfe aus Metall sind im Teich verankert. Sie fallen uns erst auf, als wir schon länger dort sitzen und uns fragen, was sie wohl darstellen. Erst wieder zuhause erfahren wir aus dem Internet, dass es sich im Rahmen des fiac! um Darstellungen chinesischer Tierkreiszeichen von Ai Weiwei handelt. Um ehrlich zu sein, auch sie sagen mir in diesem Kontext nichts, auch wenn Ai Weiwei weltberühmt ist. Ich verstehe nicht, wieso man chinesische Tierköpfe im Tuilerienteich ausstellt? Vielleicht bin ich einfach viel zu konkret.


Die große, durchsichtige Kugel mit dem eingeschlossenen Kandelaber, die auf dem Wasser treibt, fällt sofort ins Auge. Uns erscheint sie an der Stelle schlicht deplaziert. Eventuell wirkt sie anders, wenn der Akku abends angeworfen wird und die Tierköpfe beleuchtet.


Als ständige Ausstellung kann man im Park schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts ausdrucksstarke Marmorskulpturen bewundern. Sie stellen Figuren aus der Mythologie oder Helden des abendländischen Kulturkreises dar.



„Perikles überreicht den Künstlern die Siegerkränze" (Jean-Baptiste Debay, 1833)


„Der kämpfende Alexander" (Charles Lebœuf, 1831-1836)


„Die Komödie" (Julien Toussaint Roux, 1874)


„Kassandra stellt sich unter den Schutz der Pallas Athene" (Aimée Millet, 1877)


„Nessos entführt Deïaneira" (Laurent Honoré Marqueste, 1892)


„Der barmherzige Samariter" (François Sicard, 1896)

Mich persönlich berührt die Skulptur „Kain nach dem Brudermord an Abel“ von Henri Vidal (1896) am stärksten. Welch‘ ein dramatischer Ausdruck der Erkenntnis und Scham: „Mein Gott, was habe ich getan!“


Nach unserer Reise ereilt uns einmal mehr die Nachricht von einem mit verzweifelten Menschen völlig überladenen Holzschiff, das bei der Überfahrt von der türkischen Küste nach Lesbos auseinanderbrach und viele das Leben gekostet hat; Bilder von einem verzweifelten Vater, der am Strand versucht, seinem toten Kind Leben einzuhauchen, und von zwei Männern, die mit von Todesangst gezeichneten Gesichtern in Rettungsringen im eiskalten Wasser hängen. Wie mögen sich diejenigen beim Anblick dieser Bilder gefühlt haben, als sie ihre Verantwortung für das Unglück erkannten?

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