Seine-Inseln


Schon von weitem kann man, über alle Seine-Brücken hinweg, eines der historischen Zentren von Paris inmitten des Flusses erkennen. Es sind die beiden Türme der Nôtre-Dame de Paris. Dieser Stadtteil im vierten Arrondissement ist schon seit vielen Jahrhunderten besiedelt; sogar schon in vorchristlicher Zeit erkannte der keltische Stamm der Parisii seine Vorzüge.
Um dorthin zu gelangen schlendern wir zunächst am rechtsseitigen Flussufer entlang und passieren die Reihen der Bouquinistes (Second-Hand-Buchverkäufer) vor ihren Straßenständen mit den grünen Klappdeckeln.


Neben den Büchern und Postern mit verschiedenen Motiven ist allerhand touristisch-kitschiger Kleinkram im Angebot. Die meisten Bücher, die man erstehen kann, sind in französischer Sprache. Und so gibt es eigentlich nichts, was uns tatsächlich anspricht. Die Geschäfte scheinen zumindest heute auch nicht so gut zu laufen, denn kaum jemand bleibt vor den improvisierten Läden stehen. Dabei prägen sie tatsächlich schon seit dem 17. Jahrhundert das Flair zu beiden Seiten des Stromes.
Wie romantisch es wäre, wie in Woody Allens Film Midnight in Paris des Nachts durch die laternenbeschienenen Straßen um Pont Neuf zu schlendern und irrwitzigerweise wie der Protagonist durch die Zeit zu reisen.


Der Filmheld, Gil Pender [[oder wie Dalí es ausspricht: Penderrrr!]], reist in die von ihm so bewunderten 1920er Jahre, wo er viele berühmte Persönlichkeiten, die zu jener Zeit in Paris wohnten und zum Teil gerade am Beginn ihrer Schaffenszeit waren, kennenlernt. Schriftsteller, wie Ernest Hemingway oder Scott Fitzgerald, aber auch surrealistische Maler, wie Salvador Dalí, oder Fotografen und Filmschaffende, wie Man Ray, erklären ihm mit markigen Sätzen ihre Sichtweisen und helfen ihm dadurch indirekt, seine Welt und sich selbst besser zu verstehen. Und nicht nur das: Er wird selbst Teil der Handlung und verliebt sich in Pablo Picassos Geliebte, die aber bei einer weiteren nächtlichen Zeitreise in ihrem „Goldenen Zeitalter", der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, der Belle Epoque, bleiben möchte. Gil hat jedoch mittlerweile verstanden, warum er der Gegenwart so gerne entflieht. „Sie ist etwas unbefriedigend, weil das Leben etwas unbefriedigend ist", konstatiert er. Und so ist sein Entschluss gereift, in seinem gegenwärtigen Leben etwas zu verändern, seinem Herzen zu folgen und nach Paris zu ziehen. Danach kommt beim Glockenschlag um Mitternacht kein Gefährt mehr, um ihn in die andere Zeit mitzunehmen; statt dessen begegnet er im warmen Laternenschein auf der Brücke der netten Buchverkäuferin, die seine Leidenschaft für einen Spaziergang durch Paris im Regen teilt .... ein Spaziergang entlang der Seine, mit all den klingenden Namen der historischen Stätten und den Menschen, die hier auf verschiedene Art und Weise Geschichte geschrieben haben.
Insbesondere die Gegend um Pont Neuf, die steinerne „Neue Brücke", die im 17. Jahrhundert fertiggestellt wurde, und mittlerweile die älteste erhaltene Seinebrücke ist, bietet den Spaziergängern romantische Blicke in beide Richtungen entlang des Flusses.
Diese Brücke ist heute eine von vier, die zur größten der beiden Seine-Inseln führt: der Île de la Cité. Von der rechten Seineseite schaut man auf die imposanten Gebäude entlang des Quai l'Horloge. Das wuchtige Bollwerk der Conciergerie mit den dicken, runden Ecktürmen war ganz unromantisch über Jahrhunderte hinweg Stadtgefängnis.


Bekannte Insassen waren Danton, Robespierre und Marie Antoinette, Ehefrau von Ludwig dem XI, die am 16. Oktober 1793 auf dem Place de la Concorde auf dem Schaffot ihr Ende fand. Auf dem langen Weg, von der Conciergerie bis zum Hinrichtungsplatz, rumpelte der Karren, auf dem sie saß, an einem Haus vorbei, in dem sich der Maler Jacques-Louis David aufhielt, von dem etliche Werke im Louvre ausgestellt sind. Diese Szene, kurz vor ihrem Tod, hielt er in einer Skizze fest.
Über die Nachbarbrücke des Pont Neuf, den Pont au Change, überqueren wir die Seine hin zur Île de la Cité. Rechts neben der Conciergerie, die bis weit in die Insel hineinragt, befindet sich das prunkvolle Portal des Palais de Justice.


Seine wechselvolle Geschichte beginnt (noch in einer Vorgängerversion des heutigen Baus) im 10. Jahrhundert als königliche Residenz und sollte vierhundert Jahre lang dieser Bestimmung dienen. Nach der Verlegung des Herrschaftssitzes in den Louvre wurde es zum Amtsgebäude umfunktioniert. Während der Französischen Revolution richtete hier des Revolutionstribunal. Heute ist es Sitz mehrerer Zivilgerichtshöfe.


Hauptattraktion der Insel ist natürlich die weltberühmte Nôtre-Dame de Paris. Im Jahr 1163, also einer Zeit, in der man die stilistischen Elemente und statischen Vorteile der frühgotischen Architektur gerade kennengelernt hatte, begann man mit dem Bau der Kathedrale, der im Jahr 1345 abgeschlossen war. Ihre Fläche reicht nicht ganz an die des Kölner Domes heran. Auch besitzt sie, im Gegensatz zum deutschen Pendant, nur zwei recht klotzig wirkende Türme, denen die himmelstürmenden Spitzen fehlen. Dennoch ist ihre Vorderseite (Westfassade) mit ihren vielen Details sehr beeindruckend.



Der Innenraum ist mit typisch gotischen Elementen wie den Kreuzrippengewölben und Spitzbögen ausgestattet.



Fenster in der Apsis


West-Rosette hinter der Großorgel mit über 7000 Pfeifen


eine der beiden Querhaus-Rosetten


Die Pietà in der Apsis von Nicolas Coustou stammt aus dem Jahr 1723.


Die feinen Holzreliefs der Stationen des Kreuzwegs Jesu erhalten durch ihre realistischen Darstellungen besondere Ausdruckskraft.


Die Rückseite der Kirche wird von einem großzügigen Strebewerk gestützt.


Am Ende eines kleinen Parks, auf der Rückseite der Nôtre-Dame, haben wir eine kurze Rast eingelegt und möchten nun zur zweiten Seine-Insel, die man über eine Fußgängerbrücke, den Pont Saint-Louis, erreichen kann. Bevor wir der Gitarren-Musik nachgehen, die von der Brücke zu uns herüberschallt, halten wir am Mémorial des Martyrs de la Déportation inne.
Am Eingang steht ein bedeutungsvoller Rosenbusch „Auferstehung", der in den 1970er Jahren von Madame Giscard-d'Estaing zum 30. Jahresgedenktag an die Befreiung der Konzentrationslager gepflanzt wurde.
Die Architektur des Mahnmals wirkt nüchtern und bedrückend. Dreiecksformen findet man in Wänden und Nischen, sie symbolisieren die Kennzeichnung der Deportierten in den Konzentrationslagern.



Mahnmal mit der Asche eines Deportierten aus dem Lager Natzweiler-Struthof



Diese Lichter symbolisieren die tausenden Deportierten.




Sehr persönlich ist das mit roter Farbe in eine Wand geritzte Gedicht eines der Opfer der Deportation, des französischen Schriftstellers und Poeten Robert Desnos, eines Widerstandskämpfers gegen die Nazi-Diktatur, der die Zeit im Konzentrationslager Theresienstadt zwar überlebte, aber kurz nach der Befreiung an Typhus verstarb.


Ich habe so intensiv von dir geträumt.
Ich bin so viel gegangen.
Ich habe so viel gesprochen.
Ich habe deinen Schatten so sehr geliebt,
dass nichts mehr von dir für mich bleibt.
Alles, was mir bleibt,
ist ein Schatten unter Schatten zu sein,
ein Schatten zu sein,
der kommt und wieder kommt
in dein sonniges Leben.
R. DESNOS

Paul Éluard, franz. Poet des Surrealismus und Mitstreiter, charakterisierte ihn wie folgt: „Von allen Dichtern, die ich kannte, war Desnos der unmittelbarste, der freiste; er war ein Dichter, den niemals die Inspiration verließ; er konnte sprechen, wie kaum ein Dichter schreiben kann. Er war der Tapferste von allen.“ (Zitat gefunden in der Wikipedia)

Über eine steile Treppe verlassen wir traurig und demütig die Gedenkstätte, und treten wieder ans Tageslicht, in unsere Wirklichkeit, froh darüber, dass diese Zeit des Grauens und Schreckens vorbei ist und wir in einer in unseren Breiten krieglosen Zeit leben können.


Oben, auf der Brücke, zwischen den beiden Seine-Inseln, empfängt uns wieder der melodische Vortrag des Gitarristen. Ganz schön kalt pfeift der Wind über den Fluss, sodass wir lieber gleich weiter gehen.
Nicht nur in Montmartre haben in vergangenen Zeiten berühmte Persönlichkeiten gelebt, auch hier, auf dieser kleinen Insel. Die Fassaden der Häuser lassen darauf schließen, dass man über eine nicht unbedeutende Barschaft verfügen musste, wenn man sich hier niederlassen wollte. Kleine Tafeln an den Gebäuden geben Auskunft darüber, wen es schon hierher verschlagen hat.

Dieser Eingang gehört zu dem Haus, in dem Marie Curie von 1912 bis 1934 und René Cassin von 1952 bis 1976, beide Nobelpreisträger, bis zu ihrem Tode jeweils wohnten.



George Pompidou, französischer Präsident von 1969 bis 1974, fand Gefallen an diesem von außen recht unscheinbaren Wohnsitz.



In diesem Haus aus dem 17. Jahrhundert wohnte Charles Baudelaire in den Jahren 1842 und 1843. Es ist eines der ältesten Gebäude auf der Insel, die erst zu dieser Zeit bebaut wurde.


Noch viele andere Hinweise gibt es, nicht nur auf die Bedeutung der einzelnen historischen Gebäude selbst, sondern auf weitere ehemalige Bewohner, wie Voltaire, Rousseau, Molière oder, aus der neueren Zeit, George Moustaki, um nur einige zu nennen.
Auch von den verschiedenen Winkeln der alten Kuhinsel, der Île aux Vaches, wie sie vor ihrer Bebauung hieß, hat man einen fantastischen Blick zurück zur Nôtre Dame und Umgebung.




Über eine weitere Brücke, den Pont de la Tournelle, erreichen wir das linke Seineufer. Von hier aus wollen wir zum Studentenviertel Quartier Latin.


Quartier Latin


zurück zur Startseite