Quartier Latin


Wie schön es doch ist, durch die Straßen von Paris ohne Menschenmassen zu streifen, auch wenn dieses Vergnügen oft nur von kurzer Dauer ist. Vom linksseitigen Ufer des Flusses führt eine Straße ein wenig bergan zum Boulevard Saint-Germain. Nach mehreren Abzweigungen und Biegungen gänzlich ohne andere Touristen stehen wir unvermittelt auf einem imposanten Platz, dem Place du Panthéon mit dem gleichnamigen, raumgreifenden Bauwerk, dessen Kuppeldach schon von weitem unsere Neugierde entfacht hat.

das Panthéon, von der Rue Soufflot aus gesehen

Die breite Eingangsfront des Gebäudes ist von einer Fassade mit riesigen Säulen, wie die eines antiken Tempels, geschmückt. Aux grands hommes la Patrie reconnaissante (Für die großen Männer - das dankbare Vaterland) prangt in goldenen Lettern über dieser Säulenreihe.
Man betritt das Gebäude über eine kurze, flache Freitreppe. Der Eintritt beträgt 7,50 EUR (Stand 2015) und gestattet den netten, angestellten Frauen einen Blick in die mitgebrachten Taschen.
Als Hall of Fame, oder besser Mausoleum für die Unsterblichen, fand der eigentlich als Kirche konzipierte Bau bereits kurz nach seiner Fertigstellung im Jahr 1790 seine Bestimmung als Gedenk- und letzte Ruhestätte für diejenigen, die sich um die Französischen Revolution besondere Verdienste erworben hatten.
Das Innere des Rundbaus gleicht dem einer großen griechischen Kirche, mit einer lichten Kuppel über ihrem zentralen Innenraum, und zwei weiteren, kleineren daneben.



Säulen mit fein verzierten korinthischen Kapitellen setzen sich an den Seiten fort.


Die zentrale Figurengruppe in der früheren Kirchenapsis trägt den Titel La Convention Nationale (Der Nationalkonvent), die Bezeichnung für das Parlament während der Französischen Revolution. Sie wurde von Francois Léon Sicard im Jahr 1913 fertiggestellt.


Die Gruppe trägt den Untertitel Freiheit oder Tod, eine Losung, die die unerschütterliche Entschlossenheit auch in den Freiheitskämpfen anderer Länder demonstrierte.


Gigantische Gemälde zeigen Szenen aus dem Leben der Sainte-Geneviève, Genoveva von Paris, Schutzpatronin der französischen Hauptstadt, der die frühere Kirche gewidmet ist.


An einer Wand entdecken wir das schlichte Memoire de Antoine de Saint-Exupéry, dem Autor der weltweit bekannten Kult-Erzählung Der Kleine Prinz.


Daneben gibt es im Erdgeschoss des Panthéon noch zwei weitere interessante, großflächige Anziehungspunkte: zum einen eine Ausstellung, zum anderen die Versuchsanordnung eines physikalischen Experiments.
Die Ausstellung informiert über das Leben von vier herausragenden Persönlichkeiten, deren Gebeine am 27. Mai 2015 in der Kyrpta ihre letzte Ruhestätte fanden. Ihre Konterfeis hängen bei unserem Besuch auch auf riesigen Plakaten draußen an der Vorderseite des Gebäudes. Es handelt sich um Germaine Tillion, um Pierre Brossolette, um Geneviève de Gaulle-Anthonioz und um Jean Zay.


Léon Foucault gelang es Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Anordnung eines frei schwebenden Pendels, die Erdrotation zu veranschaulichen. Genau dieser Versuch kann auch heute, so wie schon im Jahr 1851, im Panthéon nachvollzogen werden. Foucault ist im Übrigen nicht im Panthéon beigesetzt, sondern auf dem Friedhof von Montmartre.


Allen voran bildet die Krypta den Hauptanziehungspunkt für die Besucher des Panthéons, auch für französische Schulklassen, die an Ort und Stelle über die Großen ihrer Nation lernen sollen.
Der erste Saal ist zwei Männern gewidmet, die nicht nur von den Franzosen verehrt werden. Einer von ihnen ist Jean-Jacques Rousseau (1712-1778). Seine revolutionäre Idee des Gesellschaftsvertrags beschreibt das Zusammenleben gleichberechtigter und freier Mitglieder einer Gesellschaft. Indem er die bestehende Ordnung nicht nur in Frage stellte, sondern sie auch anprangerte, galt er als einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution.


Auf einer Seite seines Sarges findet man eine Gravur (deutsche Übersetzung):
Hier ruht ein Mann der Natur und der Wahrheit.

Auch Voltaire (1694-1778) prangerte die bestehende Feudalherrschaft an und überzeugte in seinen unzähligen Schriften mit der Idee der Freiheit aller Bürger.


Eine der Inschriften auf seinem Sarkophag lautet (deutsche Übersetzung):
Als Dichter, Historiker, Philosoph erweiterte er den menschlichen Geist
und lehrte ihn, dass er frei sein soll.



Dieser erste Saal der Krypta, oder eher eine Vorhalle, mit den Sarkophagen der beiden großen Männer, an denen man auch im Tode nicht vorbeikommt, mündet in einen Hauptgang mit seitlichen Verzweigungen, in denen weitere hochrangige Persönlichkeiten beigesetzt sind. Auf Informationstafeln, die außen an den Grabkammern angebracht sind, kann man sich über die Verdienste der jeweils dort Bestatteten informieren und erfahren, welche grundlegenden Ideen sie geformt haben.
Zu ihnen gehören unter anderem der Architekt des Panthéon, Jaques-Germain Soufflot, der Miterfinder der auch heute noch angewandten Blindenschrift Louis Braille (1809-1852) und Schriftsteller wie Alexandre Dumas, der Ältere (1802-1870), Autor von „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Montechristo“.
Jean Monnet (1888-1979), Wegbereiter der Europäischen Gemeinschaft, und René Cassin (1887–1976), einer der Hauptverfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen im Jahr 1948 („Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“), teilen sich eine Grabkammer.


Émile Zola (1840-1902) war ein bedeutender Pressemensch, Verleger und Schriftsteller. Sein berühmter Brief J'accuse („Ich klage an“) ist in die Geschichte eingegangen. Seine Gebeine wurden im Jahr 1908 vom Cimetière Montmarte in das Panthéon überführt.
Victor Hugos sterbliche Überreste wurden im Anschluss an einen denkwürdigen Trauermarsch, der vom Arc de Triomphe bis hinauf zum Panthéon führte, in der Krypta beigesetzt. Mit Werken wie Der Glöckner von Notre-Dame und Die Elenden (Les Misérables) ist er in die Literaturgeschichte eingegangen.
Ein Ehrenplatz ist für den Duc de Montebello, Jean Lannes, (1769–1809) reserviert, einen Militärangehörigen und engen Freund Napoleons.


Léon-Michel Gambetta, Rechtsanwalt und Politiker, mit Sitz in der Nationalversammlung, lebte von 1838 bis 1882. Seit 1920 ruht sein Herz in einer Urne im Panthéon.


Am meisten begeistert mich die Geschichte von Madame Marie Sklodowska Curie, zweifache Nobelpreisträgerin für Physik und Chemie, die als erste Frau im Panthéon (zusammen mit ihrem Ehemann) beigesetzt wurde. Ihre erfolgreichen Forschungen und ihre Professur als einzige Frau an der Sorbonne belegen ihre herausragende Stellung in der damaligen Zeit. Entsprechend sah sie sich auch Anfeindungen ausgesetzt, die durch eine regelrechte Medienhetze zu Details ihres Privatlebens immer weiter Nahrung erhielten. Was für eine kluge, standhafte und bewundernswerte Frau!




Neben Marie Curie gibt es nur noch zwei weitere Frauen unter den zurzeit insgesamt sechsunddreißig Persönlichkeiten, die im Panthéon beigesetzt wurden.
Als wir das Gebäude wieder verlassen, finden wir viele junge Leute in kleinen Gruppen sitzend auf dem sonnigen Platz vor dem Gebäude vor, wahrscheinlich eine Mischung aus vom Einschreiben an der Uni ausgepumpten Studenten und vom Geschichtsunterricht in der Krypta erschöpften Schülern. Die Stimmung ist sehr positiv, es wird viel geredet, während man zusammen vespert und raucht.


Nicht weniger spektakulär als das Panthéon präsentieren sich die umgebenden Gebäude, die zur Pariser Universität gehören, direkt gegenüber beispielsweise der Eingang zur Rechtsfakultät.


In die Mauern anderer den Platz begrenzender Gebäude sind die Namen berühmter Persönlichkeiten eingraviert, die auf irgendeine Art und Weise mit der Sorbonne einmal zu tun hatten oder deren Lehren an der Universität weitergegeben werden.


Neben den kleineren Fakultäten wirkt auch das Hauptgebäude der altehrwürdigen Sorbonne hoheitsvoll. Die Universität gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert (in ihren Anfängen zunächst als theologische Fakultät). Bis heute gehören etliche bekannte Geistliche, Politiker, Wissenschaftler und Schriftsteller zu ihren Absolventen, wie Thomas von Aquin, Simone de Beauvoir oder Peter Scholl-Latour.
Um dieses und die anderen Universitätsgebäude rankte sich über die Jahrhunderte hinweg das Leben im Quartier Latin.


Die Sorbonne nimmt auch am Erasmus-Programm der EU Teil. Wie schön zu lesen, dass dieses Angebot auch fleißig genutzt wird, junge Menschen bereit sind, ein Risiko einzugehen und das elterliche Nest zu verlassen, um die weite Welt kennenzulernen. Auslandssemester gehören sicherlich zu den unvergesslichen Erfahrungen.

Das Panthéon und die Sorbonne hinter uns lassend freuen wir uns auf einen Spaziergang im benachbarten Jardin du Luxembourg, einer grünen Oase, die längst nicht so bevölkert ist wie der Jardin des Tuileries. Der Park hat seit seiner Fertigstellung um 1620 im Laufe der Jahrhunderte etliche Umwandlungen erfahren. Die Grünfläche gehörte zum angrenzenden Palais du Luxembourg, früher Wohnsitz königlicher Prinzen, seit der Französischen Revolution Staatspalast, heute Sitz des Senat de Paris, dem Pendant zur Nationalversammlung.
Neben angelegten Blumenbeeten und einem großen Teich mit Sitzgelegenheiten befindet sich am Rand auch ein gut besuchtes Kinderparadies mit kleinen Karussells, Spielplätzen, Ponyreiten, Theater und allem, was ein Kinderherz begeistert. Ansonsten trifft man eher auf Ruhe und Gelassenheit.
Gerade jetzt im Herbst lässt die Sonne die sich herbstlich verfärbenden Blätter der Laubbäume intensiv leuchten.






Auch Ernest Hemingway, der zu Beginn der 1920er Jahre in der Nähe wohnte, gab sich bei Spaziergängen oft in diesem Park seinen Gedanken hin in dem Versuch, neue, schöpferische Kraft zu entwickeln.


In seinem Buch Paris - ein Fest fürs Leben (im Original: A Moveable Feast - Ein bewegliches Fest) erinnert er sich an seine Anfangsjahre als Schriftsteller in Paris, als er häufig mit nur sehr wenig Geld auskommen musste, offensichtlich aber dennoch glücklich in seiner eigenen Kleinfamilie und der literarischen Gemeinschaft war. „Als du Mahlzeiten auslassen musstest, nachdem du den Journalismus aufgegeben hattest und nichts zustande brachtest, was irgendjemand in Amerika kaufen wollte, verzogst du dich am besten in den Jardin du Luxembourg, wo du auf der ganzen Strecke von der Place de L'Observoire bis zur rue de Vaugirard nichts Essbares zu sehen oder zu riechen bekamst." (8. Kapitel: „Hungern war eine gute Schule").
In diesem Buch, das er rund dreißig Jahre nach seiner Pariser Zeit in der Rückschau schrieb und das erst posthum veröffentlicht wurde, widmet er mehrere Kapitel seinen Freunden Scott Fitzgerald (Der große Gatsby) und Gertrude Stein, die ebenfalls neben dem Park wohnte, in der Rue de Fleurus 27. In ihrem Salon gingen junge Maler und Schriftsteller ein und aus. Sie förderte Talente, die sie als vielversprechend erachtete, kaufte Werke von Malern wie Matisse, Cézanne, Manet, Renoir, Degas oder Picasso, auch um die klammen Künstler finanziell zu unterstützen, zerrupfte verbal wiederum das, was ihr nicht gefiel, knüpfte Kontakte, empfahl weiter, verfasste auch eigene Prosa („Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose"), gab Ratschläge und „redete unaufhörlich, anfangs vor allem über Leute und Orte." (2. Kapitel: „Miss Stein doziert").
Bis hierher würde man noch meinen, dass die Freundschaft, aus der sich ein schriftstellerisches Geben und Nehmen entwickelte, immer weiter gefestigt wurde. Auch in Woody Allens Film zeigt sich das Vertrauen, das Hemingway zu der Zeit noch hatte, als er den Filmhelden, Gil Pender, mit in den Salon in der Rue de Fleurus nimmt, damit Miss Stein sein Manuskript begutachte. Doch im 12. Kapitel seines Buches („Ein etwas seltsames Ende") rechnet er leise, subtil und böse mit ihr ab. So tief muss das Zerwürfnis am Ende gewesen sein, dass er ihr noch nicht einmal den viel zitierten Ausdruck der „Génération Perdue" gönnt, den sie angeblich geprägt haben soll. Vielmehr, so Hemingway, habe sie ihn von einem Automechaniker übernommen, der seinen Mitarbeiter als Vertreter einer „verlorenen Generation" bezeichnete, als er ihr Auto nicht schnell genug und bevorzugt repariert hatte.
Woody Allens Film „Midnight in Paris" hat allerdings nicht die Bestrebung aufzuklären, was mit Gertrude, Scott und Ernest geschah. Vielmehr verharrt er in einer romantischen Sicht auf punktuelle Begegnungen der Akteure, als noch viele der Künstler an ihren bescheidenen Anfängen waren; er lässt die Protagonisten einprägsame Sätze sagen, gedanklich beschäftigt und in einer steten Auseinandersetzung mit ihrem jeweils schöpferischen Akt. In dieser lebhaften und optimistisch dargestellten Atmosphäre der 1920er Jahre gleitet Gil Pender durch die Zeit, und mit ihm der Zuschauer, der versteht, warum Gil in Paris leben will: Er liebt diese Stadt, genauso wie der Autor und Regisseur des Films. Letztendlich ist es Woody Allens Liebeserklärung an Paris.

Hier und im angrenzenden Stadtteil Montparnasse gäbe es noch so viel zu entdecken, doch der Nachmittag ist schon weit fortgeschritten. Einmal noch möchten wir, bevor sich unsere Reise dem Ende zuneigt, hinunter zum Seineufer, diesmal zum linksseitigen, zur Rive Gauche, die wir zu Fuß über den vielbefahrenen Boulevard Raspail erreichen. Auch auf dieser Flussseite bieten Second-Hand-Verkäufer, die Bouquinistes, ihr antiquarisches Sortiment zum Verkauf.


Vor dem repräsentativen Eingang des Institut de France fahren nach und nach Staatskarossen vor und werden von livrierter Dienerschaft eingewiesen. Das Institut ist der Dachverband der Académie Française (gegründet 1635, Hüterin der französischen Sprache), der Akademie der Inschriften und schönen Literatur (l’Académie des inscriptions et belles-lettres, 1663), der Akademie der Wissenschaften (l’Académie des sciences, 1666), der Akademie der schönen Künste [l’Académie des beaux-arts, 1816 hervorgegangen aus der Akademie der Malerei und Bildhauerei (1648), der Musikakademie (1669) und der Akademie für Architektur (1671)] sowie der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften (l’Académie des sciences morales et politiques, 1795).


Noch haben wir die leise Hoffnung, eventuell einen kurzen Blick in das Musée d’Orsay, schräg gegenüber des Tuileriengartens, zu erhaschen. So ein bis zwei Stündchen würden wir gerne in der großen Gemäldesammlung verbringen, die in einem ausgedienten Bahnhofsgebäude untergebacht ist.




Was für eine Überraschung bei unserer Ankunft am Eingang: Der ganze Vorplatz wird von einer ellenlangen, sich um mehrere Kurven windende Schlange von Menschen eingenommen, die alle dieselbe Idee hatten wie wir.
Letztendlich begnügen wir uns damit, auf den Stufen, auf der anderen Straßenseite, Platz zu nehmen, uns die milde Oktobersonne auf den Bauch brennen zu lassen, den Ausflugsschiffen auf der Seine bei ihren Manövern zuzuschauen und unseren Aufenthalt auf diese Weise ausklingen zu lassen.





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