“Hier ist Afrika !“



sagt mir Katina bei einem kleinen Plausch in ihrem Kafeníon in Sívas, im Süden Kretas.

Suppiges Wetter, schwül und heiß. Absolute Windstille. Kein einziger Lufthauch. Jede kleine Bewegung treibt einem den Schweiß aus den Poren. Ein erfrischendes Getränk ändert nichts daran. Es riecht modrig, die Feuchtigkeit ist überall zu spüren, die Hühnerställe im Dorf verströmen einen beißenden Gestank. Unzählige Mücken und Moskitos suchen nach frischem Touristenblut. Wolken hängen tief über den Bergen, keine Luftbewegung. Es sieht nach Regen aus. Das Wetter kommt aus südlicher Richtung.

Selbst vom Kédros aus, den wir bis über die Hälfte bergan gestiegen sind, scheint sich Paximádi aus einer Ursuppe zu erheben. Die diesige Atmosphäre lässt alles in weiterer Umgebung in ein Märchenland versinken, Konturen sind nur zu erahnen, die Übergänge fließend. Zum Glück sind die kreisenden Adler uns näher und in ihrer eleganten Flughaltung gut zu beobachten. Bergab schwitzt es sich später nicht viel weniger als beim Aufstieg über den rötlich-braunen Zickzack-Weg von Kría Vrísi aus.

Bessere Sicht hatten wir bei unserer Wanderung von Sívas nach Vathí, mit einer ersten kurzen Rast am Kapellchen „Agios Eftichianós“ gleich hinter Lístaros und einer Besichtigung des nun auf Tourismus eingestellten Klosters „Móni Odigítrias“ mit den alten Fresken in der Kirche, die der Papas extra noch mal aufschließt. Verblüffend immer wieder die beruhigende Wirkung, die diese orthodoxen heiligen Stätten auf mich ausüben. „Iríni“ (Frieden), so wie auch etliche Bötchen im Hafen von Iráklion getauft sind.

Hinter Odigítrias der Abzweig auf einen unbefestigten Weg durch eine einzigartige Hügellandschaft und einen beeindruckenden Canon, hinunter zum menschenleeren Strand am Ende des Fjords.

Zur Belohnung gibt es ein erfrischendes Bad im Meer und einige Schlückchen des mitgebrachten Landweines, bevor wir uns am späten Nachmittag wieder auf den langen Rückweg machen.

Vathí, einsame Bucht am Ende eines Fjords

Zum Glück nimmt uns kurz vor Lístaros ein Siviáner das letzte Stück mit dem Auto mit. Wir quetschen uns zu dritt nebeneinander, eine Flinte zielt mit ihrem Lauf von unten genau auf mein rechtes Auge, was ich aus Platzmangel nicht verhindern kann. Angeblich ist sie aber nicht mehr geladen.

Auch der Spaziergang durch die Olivenfelder hinter Sívas kommt mir nochmals in den Sinn, entlang des Flussbettes nach Mátala, in einer paradiesisch-archaisch anmutenden Landschaft mit für diese Jahreszeit noch üppiger Vegetation, und dem Genuss einer grandiosen Aussicht von sogar 2 verschiedenen „Terrassen“ des „Sunset“, an unserem Ausflugsziel auf den Felsen gegenüber den Höhlen, Symbol der Freiheit der Hippie-Generation.

Die Ausflüge nach Vóri, mit seinem so gut erhaltenen, gemütlichen Ortskern und nach Kalamáki waren schon von dieser heißen Schwüle begleitet. Einzig ein Bad im fast bewegungslosen Meer vor Komós sorgt für kurzzeitige Erfrischung in der feuchten, drückenden Hitze. Auch am letzten Tag ändert sich nichts an dieser milchigen Atmosphäre.

Zum Flughafen nach Iráklion sind wir schon in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen, da wir unterschiedliche Abflugzeiten haben. Hier weht ein heftig auffrischender Wind, der, wie eine Mitreisende berichtet, auch schon am Tag zuvor an der Nordküste mit etlichen Beauforts ein Feuer bei Georgioúpolis immer wieder anfachte. Im Süden, in der Messará, war davon überhaupt nichts zu spüren. Mein Flug ist erst für den frühen Nachmittag festgesetzt, habe noch Zeit und fahre mit dem Bus in die Stadt.

Wie so oft treibt es mich zum kleinen Fischerei- und Jachthafen, neben dem venezianischen Fort. Auch hier eigenartigerweise kein Wind. Es riecht muffig, die Wetterlage trägt zur Verstärkung des brackigen Geruchs bei.


Die in Richtung Stadt angelegten Boote sind die größeren und besser ausgerüsteten, mit allem praktischen Equipment zum erfolgreichen Hochseefischen. Draußen, in der Nähe des venezianischen Forts, liegen die kleinen Bötlein, zu denen der Weg etwas weiter ist. Ich habe mich immer gefragt, wie viel Mut jemand aufbringen muss, um sich auf einer solchen Nussschale auf die offene See zu wagen. Ob es auch Fischer sind, die ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, sich aber keine größeren und sicheren Boote leisten können?

Gegenüber liegen die Bonzenjachten. Habe bei meinem Rundgang zuvor einige Blicke in offen stehende Türen werfen können. Im Gedächtnis ist mir eine weiße runde Ledercouch geblieben. So viel Luxus. Hätte trotzdem gerne mal probegesessen.

Weiter hinten im Fährhafen in Sichtweite der Luxusliner Aida und eine Minóan-Fähre. Wo ist das ANEK-Schiff?? Noch darüber Spekulationen anstellend setze mich nun unterhalb des Forts auf die gemauerte Bank mit Blick auf den Hafen und die Stadt.

Rechts klickt ein Kómboloi, alle Bewegungen geschehen sehr langsam. Einige Fischer sitzen am Anlegeplatz, die Netze sind zum Ausbessern schon bereit gelegt. Keine hektische Betriebsamkeit, eher dem Wetter angepasste, verhaltene Bewegungen. Einige Fischer säubern ihre Boote, die meisten jedoch sitzen auf einen längeren, ruhigen Plausch zusammen. Kein lautes Rufen, nur ganz wenige Touristen, die sich das Fort aus der Nähe anschauen. Eine etwas unwirkliche Atmosphäre, durchdrungen vom traurigen Dunkelgrau der Wolken, die sich im Meer widerspiegeln und die gesamte Atmosphäre schleierhaft erscheinen lassen. Die Luft ist angereichert mit Dieseldämpfen.

2 Kreter durchqueren langsam die Szene, einer trägt einen Motorradhelm, wohl noch aus Kriegszeiten. Ein kurzes Innehalten, den Kopf leicht vorgebeugt, klick – und die Zigarette brennt. 2 Tauben picken nach Essbarem, eine schwarz-weiße Katze schleicht nach links Richtung Fort.

Iráklion, Fischereihafen mit dem Gewölbe aus venezianischer Zeit

Die venezianischen Gewölbe unterhalb der Stadt, schon fast auf Meereshöhe wie eh und je, höhlengleich. Ein Gebäude fällt mir sofort auf. Es handelt sich um diese riesige Ruine, die schon seit Jahrzehnten vor sich hingammelt. Schon vom Hafen aus kann man sehen, wie sorgfältig die Renovierung des künftigen Hotels betrieben wurde. Das möchte ich mir später aus der Nähe ansehen.

Megalokástro – „Freiheit oder Tod“. Geschichtsträchtiges Iráklion, auch in meiner Vergangenheit sind bereits viele Plätze mit persönlichen Erinnerungen besetzt. Ein grün-beiger Überlandbus hupt sich entfernt die 25.-August-Straße hoch. Wo der gerade hinfährt? Würde am liebsten zum Busbahnhof gehen, so wie früher, nach einer Nachtfahrt von Piräus aus mit einer ANEK-Fähre, mit maximal 1-2 Stunden Schlaf in einem der Dormitories an Deck und viel Kreta-Vorfreude und Aufregung. Dann vollkommen unausgeschlafen hinein in den kretischen Morgen, es ist noch nicht mal 6 Uhr, mit einem viel zu schweren Rucksack auf dem Rücken.

Die Erinnerung an das jährliche Ritual, diesen Rucksack bis zum Busbahnhof Chanióporta zu schleppen, durch die Kalokerinoú-Straße mit den kleinen Lädchen oder größeren „Garageneinfahrten“, in manchen ist zu so früher Stunde schon leichte Betriebsamkeit zu erkennen. Ein viel zu schmaler Bürgersteig, immer wieder irgendwelchen Hindernissen ausweichen. Am Ende der Straße links um die Ecke, über den Zebrastreifen, und unter dem Chanióporta hindurch, nochmals rechts abbiegen und endlich ankommen im Busbahnhof, erschöpft auf die Bank sinken und dankbar den ersten Kaffee schlürfen.

Der Erwerb des Bustickets in den Süden, wie eine Eintrittskarte in meine Traumwelt. Dem Treiben noch ein wenig zuschauen, die ersten Händler sind schon da, einer bietet Orangen von seinem Pickup aus an. Zeitungspakete werden für den Bustransport bereitgelegt. Berufstätige eilen die Straßen entlang zu ihrem Arbeitsplatz. Die Haltestelle füllt sich langsam. Und endlich fährt der Bus vor. Das Beladen beginnt, auch die Passagiere suchen ihre Plätze auf, und nun beginnt die Fahrt. Zuerst durch die Stadt, abbiegen auf die Ausfallstraße Richtung Míres. Nachdem die Hauptstadt hinter uns liegt, geht es vorbei an unzähligen Weinfeldern, endlich die ersten Kurven in die Berge hinein. Bald erreichen wir die höchste Stelle, das langgezogene Dorf Agia Varvára. Hier schalteten die Busfahrer oft kretische Musik ein, für mich ein Zeichen, dass ich mich meinem eigentlichen, vertrauten Kreta näherte. Hätte hier gerne eine Pause eingelegt, bei einem weiteren Kafedátschi, doch die Ungeduld treibt mich weiter. Nach wenigen Metern hinter dem Dorf dann die prachtvolle Aussicht auf die riesige Messará, das Herz voller Glück. Und so wie der Bus sich die Straße hinabwindet, kann ich diesen Ausblick immer wieder genießen, die Plastikhäuser, die mittlerweile so fest zu dieser Ebene gehören wie die unzähligen Olivenbäume. Die kleinen und größeren Dörfer, deren Lage man auf der Landkarte später noch mal suchen kann. Die meisten jedoch schon sehr vertraut. Durch das Windloch um die Abfahrt nach Mouliá herum und tiefer hinein in die Ebene auf der Schnellstraße bis Agii Déka, nun schon fast zu Hause, Míres schon greifbar, es riecht unterwegs intensiv nach Olivenabfällen. Die kleinstädtische Szenerie huscht vorbei. Umsteigen in den bereits wartenden Bus nach Mátala........

Diese Gedanken an meine Ankünfte. Statt dessen befinde ich mich kurz vor meiner Rückkehr nach Deutschland in Iráklion und die Uhr drängt mich, wieder zum Elefthería-Platz zu gehen, um einen Bus zum Flughafen zu nehmen. Noch ist Zeit. Ich sollte auch früher am Flughafen sein, da ich doch von der Aero-Lloyd-Pleite betroffen bin. Allerdings wurde mein Flug ja umgebucht, und mit Hapag sollte ich sicher ins kalte Deutschland kommen. Doch wer weiß, vielleicht hat sich wieder etwas verschoben. Habe bereits jetzt zum ursprünglich geplanten Flug 3 Stunden verloren, die ich auf meiner Insel hätte verbringen können.

Es ist nach wie vor schwül-heiß. Sicherlich so um die 30 Grad, vielleicht auch wärmer. Diese stehende, feuchte Hitze. Sitze kurzärmelig auf dieser Bank. In Deutschland soll es nur knapp über Null Grad sein. Ich kann das einfach nicht glauben.

Nach diesen ereignisreichen und wunderbaren fast 2 Wochen sti Kríti nun in den langen, dunklen, deutschen Winter, der offenbar bereits begonnen hat.

Nun gönne ich mir doch noch ein paar Rückblenden an den gerade zu Ende gehenden Aufenthalt. Bin in meinem Dörfchen Sívas wieder ins kretische Leben eingetaucht. Das Glöckchengebimmel der Herde, die am Abend gleich neben dem einzigen Pauschalhotel geparkt wird, gut bewacht von einem laut bellenden Hund.

Die Wege durch die Olivenfelder, durch die ich sooft entlang gestreift bin, die alten Olivenbäume, die im Nachtlicht mystische Formen annehmen.

Die Platía mit ihren beiden Restaurants, und einige Meter weiter oben noch ein weiteres, das nun, am Ende der Saison, renoviert wird. Die Kafenía und Pantopolía.

Der Abend in einer Paréa mit lieben Bekannten aus dem Dorf. Dort treffe ich auch wieder diesen Anogiáner mit dem typisch rollenden „R“, das schon fast wie ein „L“ klingt. Jeden Winter verbringt er mit seiner Familie und den Schafen in Sívas, so wie viele seiner Dorfnachbarn. Fast jedes Jahr ist seine Familie um ein Kind reicher. Mittlerweile sind es vier. Damals, vor 6 Jahren, waren wir einige Monate lang Nachbarn.

Meine Besuche bei meiner Freundin Marina, die so ein irre gutes Kaninchen-Stifado zauberte; der abendliche Ausblick von dem Balkon ihres Hauses auf die friedlich blinkenden Lichter der umliegenden Dörfer in der Ebene und den Psilorítis.

Gedanken auch an Sívas, wie es noch vor 10 Jahren war, ohne all die Restaurants und das große Hotel, als sich hin und wieder Tagestouristen nach einem Spaziergang von Pitsídia aus in einem der Kafenía niederließen und Stélios noch selbst ausschenkte. Man sieht ihn nicht mehr. Er müsste auch schon über 90 sein, ein guter Freund von Kóstas, dem Kafetsís aus Pitsídia, dem ich gelegentlich Grüße ausrichten sollte, damals, als er sein Kafeníon noch führte. Sein Grab habe ich dieses Mal auch wieder besucht. Das Kafeníon in Pitsídia ist vormittags noch geöffnet – wegen der Post -, doch es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis es geschlossen und vielleicht sogar abgerissen oder zumindest umfunktioniert wird. Nebenan im (ehemaligen?) Néa-Dimokratía-Büro wird bereits fleißig gewerkelt. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, hat die Gemeinde praktischerweise einen großen Müllcontainer platziert, dort unter dem Baum, unter dem wir früher fast jeden Tag gesessen hatten. Während der Öffnungszeiten sitzen auch einige ältere kretische Stammbesucher draußen auf den Stühlen – so als ob sich nichts verändert hätte.

Wie gerne würde ich im Winter über die Dörfer ziehen, Freunde besuchen, Neues entdecken, am kretischen Leben teilhaben. Doch ich sitze hier im Hafen von Iráklion und träume, nehme ein Boot wahr, das in der Nähe vor sich hintuckert.

Langsam macht sich der obligatorische Südwind-Kopfschmerz breit. Auch ihn würde ich in Kauf nehmen neben all der Schwitzerei der letzten Tage in diesem afrikanischen Wetter, könnte ich nur länger bleiben. Warum eigentlich nicht? Warum nicht einfach den Flug sausen lassen. Habe jedoch Verantwortungsbewusstsein, muss unbedingt zurück, kann nicht einfach so aussteigen. WARUM EIGENTLICH NICHT??

Meine Zimmerwirtin hatte gemeint, ich sollte doch bleiben, jetzt im Winter, ich könnte in einem der Zimmer wohnen, ihr ein wenig helfen, und sie würde für mich kochen.

Nach einem meiner Nachtspaziergänge war ich ihr begegnet, als sie gerade in die Küche schlich. Schnell lud sie mich ein mitzukommen, um zu naschen („Wir machen aber kein Licht!“). Sie zauberte einen großen Topf Honig aus dem Kühlschrank, und es gab Honigbrot, und für mich noch einen extra-dick-umwickelten Honiglöffel, an dem noch Wabenstücke klebten gegen die „Grippi“, die mich diesmal mit vielen Kretern und anderen Touristen erwischt hatte. (Ein anderes Mal gab es zum Frühstück ein Gebräu aus Raki und heißem Honig, das gut gegen Husten sein soll). Nur das Kühlschranklicht erhellte den überaus zufriedenen Gesichtsausdruck meiner Wirtin. Nach unserem heimlichen Festmahl schlichen wir uns wie die Diebe bei Dunkelheit wieder hinaus.

Es wäre schon verführerisch, den Winter in Sívas zu verbringen, nicht nur wegen des Honigs.

Es wäre auch nicht das erste Mal, dass ich mich so kurzfristig entschlossen hätte, dort zu bleiben. Damals jedoch unter anderen Umständen.

Nun gut, jedenfalls kann ich ja die Richtung zum Elefthería-Platz einschlagen, das Weitere wird sich dann finden. Also schlendere ich zu diesem neu renovierten Gebäude gleich über dem Busbahnhof am Hafen. Sehr geschmackvoll die Komposition der Farben an der Außenfassade: ein dezenter Ockerton, einige Kassetten weiß umrahmt, die Fensterrahmen und Holztüren in einem unaufdringlichen Braunton gehalten. Ein echtes Schmuckstück.


Einer der Arbeiter, der gerade mit einer Bohrmaschine in der einen und einem Zigarátschi in der anderen Hand ein Päuschen einlegt, erzählt, 70 Jahre lang habe das Gebäude vor sich hingemodert, doch nun sei ein Hotel entstanden. Er gibt den Blick nach innen auf einen edlen Marmorfußboden frei. Bin auf die Zimmerpreise gespannt. Wie gern würde ich mir jetzt dieses Gebäude in Ruhe ansehen. Doch meine Zeit läuft unerbittlich ab. Gehe links um das Hotel herum und die Straße, die zum Elefthería-Platz führt, bergan. In den hintersten Räumen des Hotels sind bereits Büros eingerichtet, Menschen sitzen an Telefonen und Computern. Einen solchen Job hätte ich gerne gehabt.

Wäre ich rechts abgebogen, hätte ich alte Bekannte besuchen können, die dort, in der Parallelstraße zum Hafen eine kleine Autovermietung betreiben. Wir hätten uns ein wenig unterhalten, einen Kafedátschi getrunken, die neuesten Neuigkeiten ausgetauscht. Toúla hätte mir vielleicht wieder von ihrem Traum, einem Urlaub im Schnee, vorgeschwärmt.

Später hätte ich mich für die Nacht im Hotel „Kris“ etwas weiter Richtung 25.-August-Straße, auf der linken Seite, einquartieren können. Doch ich bin nun mal nicht in diese Richtung abgebogen.

Statt dessen komme ich etwas weiter bergan Richtung Elefthería-Platz linkerhand an einem kleinen Toastshop vorbei. Genau darauf habe ich jetzt Lust, schon ewig keinen dieser individuell belegten Toasts mehr gegessen. Erinnerungen an einen langen Sommer in Mátala werden wach, wo wir uns oft in den frühen Morgenstunden noch einen solchen Imbiss gönnten.

Die junge Frau hinter dem Tresen ist freundlich verhalten, außer mir noch keine Kundschaft in Sicht. Wie gern würde ich mich jetzt hierher setzen, auf eine kleine Genusspause, und ein wenig griechisches Radio hören, das die neuesten Hits spielt. Um mich dann weiter durch die Stadt treiben zu lassen. Oh je, eigentlich schon recht spät, und mein Gepäck muss ich auch noch vom left luggage abholen. Ich weiß nicht genau, wann die Busse fahren. Heute, am 24. Oktober, gibt es keine Taxis, wegen des Streiks. Also weiterschlendern, im Gehen meinen Toast genießen.

Ein Ticket ist am Períptero schnell erworben, 65 Cent (seit Anfang 2005: 70 Cent) kostet es bis zum Flughafen. Statt dorthin zu fahren würde ich jetzt viel lieber ins Archäologische Nationalmuseum gleich nebenan gehen. Erst ein Mal habe ich mir diese Fülle von Schätzen gegönnt. Die Schlangengöttinnen, der kleine Kristallrython, natürlich der Stierkopf, der berühmte Diskos von Phaistós, unzählige Exponate. Große Ehrfurcht in mir erzeugend, und mich wieder ein Stückchen näher an meinen Wurzeln bringend. Warum nur gelingt mir das in Deutschland nicht?

Was man nicht alles in Iráklion auf kleinster Fläche unternehmen kann. Auch den Elefthería-Platz kenne ich nur teilweise. Wie interessant diese Stadt doch ist.

Sich einfach immer weiter treiben lassen – keinen Blick mehr auf die Uhr, und das befriedigende Gefühl des verpassten Abflugs, selbstverständlich gepaart mit schlechtem Gewissen, auszukosten, das wäre jetzt nach meinem Geschmack.

Damals hatte ich dann grandiose Zeiten voller Abenteuer und Ereignisse, mit ganz wenig Geld, aber prall gefüllt mit Leben. All diese Gedanken schießen mir durch den Kopf, als ich bereits im Bus sitze, der in rasender Geschwindigkeit zum windumtosten Flughafen düst.

Oh je, jetzt also doch noch rechtzeitig angekommen, viel zu früh, kann das Einchecken leider nicht verpassen. Zahle für meine beiden Gepäckstücke stattliche 7 € Aufbewahrungsgebühren im left luggage.

In der Warteschlange am Schalter das übliche Sichvordrängeln und ungeduldige Anrempeln anderer Touristen. Angeblich geht es nicht voran. Habe mir meinen Platz ganz weit hinten in letzter Position ausgesucht, lasse auch gerne noch Leute vor. Werde ich auch diesmal mein „Handgepäck“ in vollem Umfang mitnehmen können? Die 5 Liter Öl, und die 1 ½ Liter Weißwein aus dem von Griechen betriebenen belgischen Restaurant in Vóri, neben all den anderen Dingen, die ich in einem mittelgroßen Rucksack mit mir herumschleppe, und die ich im Flieger unbedingt brauche: Walkman und Musik (frisch im Radio aufgenommen – teils kretisch von Radio Erotókritos, teils modern von Radio Míres), mein Siviánisches Wasser, gleich 2 Schachteln Schoko-Cookies von Papadópoulo, mehrere Packungen Tempos (meist ereilt es mich sehr heftig im Bus vom Flughafengebäude zum Flugzeug), die neu erstandenen Postkarten und Bücher, meine kleinen gefundenen Schätze und der intensive Duft des auf dem Kédros gesammelten Salbeis, der mir von manchen Mitreisenden vorwurfsvolle Blicke einbringt.

Habe mich also erstaunlicherweise dazu entschieden, diesmal nach Deutschland zurück zu fliegen, nicht auf der Insel zu bleiben, doch bald schon werde ich wieder nach Kreta reisen, wer weiß, vielleicht verpasse ich ja dann den Bus zum Flughafen und zum Einchecken wäre es zu spät. Auf der Anzeigetafel nur noch das blinkende „depart“-Zeichen.......

(Oktober 2003)


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