Nach Nashville
und abends zum Music Valley


Den Flug von New York nach Nashville hatte ich uns für den frühen Nachmittag ausgesucht, um morgens in Ruhe alles zusammen zu bekommen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Inlandsflughafen La Guardia zu gelangen. Nach gerade einmal zweieinhalb Stunden Flugzeit (inklusive einer weiteren Stunde Zeitverschiebung) wären wir dann in Nashville.
Da wir auf der Anfahrt zum Flughafen in Queens bleiben, ist die Strecke leicht mit der Linie 7 ab Court Square, dem Metro-Bahnhof in der Nähe unseres Hotels, zu bewältigen. Etwa eine halbe Stunde soll die Fahrt mit der Bahn dauern, danach geht es mit einem der Shuttle- oder Linien-Busse weiter zur Abflughalle.
Unterwegs bin ich mir nicht mehr sicher, an welchem der Metro-Bahnhöfe wir aussteigen sollen, und so nehmen wir den ersten, von dem aus voraussichtlich ein Bus fahren wird. Auskünfte dazu können wir von den anderen Mitreisenden in der Bahn leider nicht erhalten, da niemand des Englischen mächtig ist. Dennoch bemüht man sich, uns irgendwie zu helfen. Von hier will offensichtlich niemand zum Flughafen, sondern wohnt im Stadtbezirk Flushing oder kommt für irgendwelche Erledigungen hierher. Zum Glück stehen Polizisten in der Eingangshalle, zeigen Präsenz und geben uns auf eine sehr nette Art Auskunft darüber, dass unser Bus direkt vor dem Eingang abfahren wird. Darüber hinaus kommen wir noch ein wenig ins Gespräch, und eine der Sicherheitskräfte erzählt begeistert von New Orleans. Das Essen am Golf sei so unglaublich gut, sie müsse bald mal wieder dorthin, meint sie lachend.
Wieder einmal sind wir auf eine herzliche Hilfsbereitschaft gestoßen. In einer so riesigen Stadt hätte ich generell eher Gleichgültigkeit erwartet, doch egal, wo wir in New York waren und wen wir gefragt haben, kein einziges Mal haben wir eine schroffe oder ablehnende Haltung erfahren – ganz im Gegenteil. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, mit der man uns begegnet ist, hat unseren Aufenthalt in der Stadt um ein Vielfaches versüßt. Wir haben uns als Besucher sehr willkommen gefühlt.

Gut gelaunt steigen wir schließlich in den richtigen Bus (Q72, tatsächlich kein Shuttle-, sondern ein normaler Linienbus), der uns zum Terminal B bringen wird, wobei unser Metroticket auch für diesen Bus weiterhin gilt. Am Flughafen dann das übliche Procedere. Auffällig ist, dass alle die Schuhe ausziehen und zum Sicherheitscheck aufs Band legen müssen. (Auch bei den beiden späteren Flügen ist das so. Es empfiehlt sich also, Socken zu tragen!)
Unser Gate ist danach schnell gefunden, allerdings ist der 1939 in Betrieb genommene Flughafen nach ständigen Erweiterungen mit mittlerweile vier Terminals doch wesentlich größer als zunächst vermutet.
Wir fliegen mit der Fluggesellschaft Southwest. Knapp 200 USD pro Person und Strecke fanden wir preislich annehmbar, andere waren wesentlich teurer. Die Zeit der Billigflüge scheint auch in den USA vorbei zu sein. Southwest bietet keine Sitzplatzbuchung an. Auch verzichten wir auf einen früheren, kostenpflichtigen Early-Bird-Zugang zum Flugzeug. Irgendwo werden wir schon ein Plätzchen finden. Wie auch bei den anderen Flügen sind die Passagiere am Gate in Zugangsgruppen unterteilt, die jeweilige Gruppe entnimmt man dem Ticket. Allerdings sagt dies nichts darüber aus, wann man an der Reihe ist. Da ich weder die Durchsagen verstehe noch irgendwo erkennen kann, wann wir wo hinmüssen, frage ich am Schalter vorsichtshalber mal nach. Sogleich werden wir in eine bereits wartende Schlange dazugestellt. Der Zugang zum Flugzeug erfolgt dann sehr diszipliniert. Niemand der aufgeregt drängelt! Es werden einfach von vorne nach hinten die Sitzplätze aufgefüllt, das Handgepäck wandert nach oben, hinsetzen, anschnallen, fertig. Dazwischen helfen sowohl Flugbegleiter als auch Durchsagen. Im Nullkommanichts sitzen alle, und unversehens schweben wir davon.
Good-bye New York City, du wundervoll aufregende Stadt! Hätten wir jetzt nicht eine weitere Reiseetappe vor uns und würden uns stattdessen auf dem Heimflug befinden, wäre ich schon sehr traurig. Doch so beginnt ein weiteres kleines Abenteuer.


Ankunft in Nashville
Die knapp 700.000 Einwohner fassende Stadt ist gleichzeitig die Hauptstadt von Tennessee. Die Großstadt wird durch den in großen Schleifen mäandernden Cumberland River durchflossen und von zahlreichen Autobahnen durchzogen.
Bei der Buchung unserer Unterkunft ist mir bezüglich der Hotelpreise in der Innenstadt die Kinnlade heruntergeklappt. Die Music City, ein Slogan, mit dem die Stadt wirbt, ist offensichtlich so beliebt, dass Übernachtungspreise für Hotels wie in Manhattan aufgerufen werden. Den Wahnsinn weigern wir uns jedoch mitzumachen. Und so hatte ich ein Hotel etwas außerhalb ausgesucht, das mit einem stündlich verkehrenden Shuttle-Service mit der City verbunden ist und recht gute Bewertungen vorweisen kann. Eingebettet in eine Hotellandschaft und gar nicht so weit weg vom Flughafen ist es mit dem Taxi innerhalb einer Viertelstunde gut zu erreichen.
Die Fahrt wird ab Flughafen in die City bzw. zum Hotel mit einem Pauschalpreis abgegolten, eine gute Sicherheit für fremde Besucher. Eine entsprechende Übersicht befindet sich im Fahrgastraum. 30 USD zzgl. 2 USD für jede weitere Person plus „Trinkgeld“ wird es kosten, das wir - wie im Restaurant - mit ca. 20% des Preises vergüten, summa summarum also runde 40 USD. Mittlerweile haben wir uns an das Tip und dessen schnelle Berechnung gewöhnt. Wobei Tip ja nicht gleichzusetzen ist mit dem mal mehr mal weniger generös verteilten Trinkgeld in unseren Breiten, sondern tatsächlich als Teil der Personalkosten verstanden werden kann, die vom Kunden direkt (und ohne Steuerabzug) gezahlt werden. Man kann es, wie wir im Taxi, bar entrichten oder addiert es zur Kreditkartenrechnung in der entsprechenden Zeile dazu. In manchen Abrechnungsgeräten kann man sogar den Prozentsatz wählen, und muss das nur anklicken. Es gehört also nicht nur zum guten Ton, etwas Trinkgeld zu geben, sondern das Tip ist Bestandteil des Gesamtpreises. Wir haben auf der ganzen Reise lieber aufgerundet und einen Dollar mehr als weniger gegeben und sind damit bestens gefahren. Zufriedene Service-Mitarbeiter haben uns auch überall zufriedenstellend und nett bedient, insbesondere, wenn wir wiederkamen.

Unser Taxifahrer setzt uns also am Hotel ab. In der zweiten Etage finden wir unser Zimmer mit etwa 30 Quadratmeter inklusive einem kleinen Wohnbereich vor. In der City hätten wir für die Hälfte des Raumes das Doppelte bezahlt. Es ist eine Wohltat nach dem doch recht beengten Zimmer in New York ein wenig Platz zu haben. Das Fenster lässt sich allerdings nicht öffnen, eine Deckenbeleuchtung fehlt auch, so dass es immer ein wenig schummrig bleibt. Doch für vier Tage wird es in Ordnung sein.

Heute Abend haben wir nichts Besonderes mehr vor, außer uns ein wenig in der näheren Umgebung zu orientieren und ein Restaurant aufzusuchen. Beim Verlassen des Hotels stellen wir fest, dass die vierspurige Schnellstraße 155 in unmittelbarer Nähe liegt, zum Glück aber nicht in Hörweite unseres Zimmers.
Die mit ein- oder zweigeschossigen Flachbauten bebaute Landschaft wirkt unübersichtlich und orientierungslos flach. Irgendetwas scheint zu fehlen. Kann man sich so schnell an Wolkenkratzer gewöhnen? Tatsächlich hatte ich es mir hier ein wenig belebter vorgestellt, doch weit und breit nur Autoverkehr und keine Menschenseele, die zu Fuß unterwegs wäre. Auch ein Restaurant ist nirgendwo zu sehen. Ab und an stechen in einiger Entfernung Schilder in die Höhe, die aber nur Fastfood-Schuppen bewerben. Sind wir hier tatsächlich in einem Gewerbegebiet gelandet? Mit langen Gesichtern ob der Unwirtlichkeit des Ortes latschen wir ziellos am Rande der Schnellstraße entlang.
Der wolkenverhangene Himmel trägt auch nicht gerade zum Anheben unserer Stimmung bei. Auf der anderen Straßenseite entdecken wir eine Tankstelle mit Verkaufslädchen. Die Straße zu überqueren grenzt schon an lebensgefährlichen Übermut – einen Fußgängerüberweg weiter unterhalb sollten wir erst einige Tage später entdecken. Mit dem Notwendigsten können wir uns an der Tanke versorgen. Wieder auf der anderen Straßenseite erspähen wir ein offenes Rechteck, einen von Geschäften gesäumten Parkplatz, und just for fun latschen wir dort hin. Fast alle Shops der Ladenzeile sind geschlossen, vielleicht weil sie freitagsabends immer geschlossen haben oder vielleicht, wie so viele, der Pandemie zum Opfer gefallen sind. Irgendwie wirkt das alles recht trostlos.
Ganz hinten, in einer Ecke des Parkplatzes, blinkt ein Licht, und wir hören Musik. Menschliches Leben! Neugierig nähern wir uns dem Music City Bar & Grill. Ein paar Leute stehen mit Drinks und rauchend vor der Tür. Recht laut schallt es heraus: Es gibt Live Country Musik! Erst stehen wir noch zögerlich und unschlüssig unter Beobachtung der rauchenden Männerschar ein wenig herum, dann sagt jemand „Geht doch mal rein, es ist toll hier!“ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen.
Gleich rechts neben dem Eingang finden wir noch Sitzplätze auf Bänken an einer Wand. Von hier, etwas erhöht, hat man eine gute Übersicht. Die Ausstattung wirkt rustikal, Bänke, Tische, Stühle sind aus solidem, dunkel lackiertem Holz. Eine kleine Bühne befindet sich neben einer ebenso räumlich begrenzten Tanzfläche, die Wände verziert mit einem Sammelsurium von Fotos der Stars der Country-Szene, wie Hank Williams, Merle Haggard, George Jones und vielen anderen, die lebend schon nicht mehr unter uns weilen. In der Mitte dieses Raumes und des noch dürftig besetzten Nebensaals stehen jede Menge Tische und Stühle, bereit für das abendliche Publikum, das mehrheitlich aus der Generation unseres Alters besteht. Sehr ungezwungen geht es zu, sodass man sich auch als Fremder gleich wohlfühlen kann. Wir sehen niemanden mit überkandidelten Outfits, einige haben sich zwar für den Freitagabend ein wenig herausgeputzt, doch Jeans, Hemd und Cowboy-Hut sind in der Überzahl. Getanzt wird ebenfalls, auch ganz so, wie es jedem gefällt.




Gleich komme ich mit einer mittelalten Frau ins Gespräch, die mir erklärt, wo man sich für Getränke anstellen kann (sinnigerweise am „Employees-Only“-Teil des Tresens). Überraschenderweise kostet eine kleine Flasche Bier nur moderate 5 oder 6 USD.
Alex hat draußen beim Rauchen Bekanntschaft mit Wayne gemacht, der vor ein paar Dutzend Jahren in Nashville hängengeblieben und mittlerweile knapp 80 Jahre alt ist. Und wie er tanzt! Mit sparsamen Bewegungen und dadurch äußerst elegantem Schwung schiebt er seine Frau passend zu den jeweiligen Rhythmen über die Fläche. Der Mann hat Erfahrung.
Als Alex ihn später zu einem Drink einlädt, meint Wayne zu mir, ich solle mal probieren, das sei ein sehr leckeres Getränk. „Schmeckt nach Milch mit Kakao“, meint er lächelnd, „und geht gleich ins Hirn“, ergänze ich, woraufhin er mir breit lachend die Hand darauf gibt.

Einige Stunden sind schon vergangen, und der Blecheimer für das Tip für die Band ist schon zum zweiten Mal rumgegangen für diejenigen, die das Schild neben der Bühne bisher ignoriert haben: If you ain’t God or Waylon, tip the Band. „Wer ist Waylon?“, frage ich und oute mich damit als vollkommenes Greenhorn. „Er war ein bekannter Country-Sänger“, lautet die nachsichtige Antwort. Erst zurück in Deutschland wird mir klar, wie bekannt und beliebt Waylon Jennings in der Szene der Outlaw-Bewegung war. „Er war ein grobknochiger Mann, energisch, mit markanten Zügen, leuchtenden Augen und ausgestattet mit einer überdimensionalen Persönlichkeit. Er war eine Naturgewalt.“ (Willie Nelson, S. 197, s. Literaturliste).

Die Band spielt gefühlvoll und animiert zum Tanzen. Ich weiß nicht, welche Lieder gespielt wurden, ob es eher Coversongs oder eigene waren, weil ich mich gar nicht auskannte. Dennoch genieße ich die eingängigen Melodien mit Potential zum Ohrwurm. Bei manchen Songs wird kräftig mitgesungen. Einige Ladies und Herren mit stolzen Stetsons schwingen über das Parkett, dass es nur so eine Freude ist. Auch bei langsameren Balladen ist die Tanzfläche voll. Normalerweise paarweise, manchmal auch zu dritt mit bestimmten Schrittfolgen und Drehungen, werden die eingeübten Figuren - mal langsam im Dreiviertel-Walzer-Takt oder auch in schnittigerer Geschwindigkeit - getanzt.
Während im mittlerweile ebenfalls gut gefüllten Nebensaal ein paar einsame Männerherzen sehnsüchtig schmachtend zuschauen, werden die Frauen der Reihe nach von der Konkurrenz zum Tanzen aufgefordert. Auch Alex und ich tanzen ein paar Runden, easy und ungezwungen, so wie alle anderen auch.
Mir gefällt die warme Stimme des Sängers (natürlich ebenfalls mit Stetson) sehr gut, doch zum Ende hin gönnt er sich das ein oder andere Päuschen. Dann übernimmt ein anderes Bandmitglied, oder jemand aus den Zuschauerreihen, die aber offensichtlich auch Bühnenerfahrung haben, den Gesangspart.
„Manchmal kommen auch die Alten hier vorbei, überraschend und unerwartet“, erzählt die nette Frau neben mir. Gemeint sind etablierte Musiker, die schon ewig in Nashville und Umgebung wohnen oder auf Besuch in der Stadt sind. Das ist nicht weiter verwunderlich, da der Besitzer des Lokals – Rodney Collins - ebenfalls ein „traditional country music entertainer“ und in Nashville wahrscheinlich gut vernetzt ist. Rodney Collins gehört auch The Troubadour Nashville, ein Theater, das sich ebenfalls hier in der Ecke befindet und mehr Platz für Aufführungen und Tanzveranstaltungen bietet.
„Die Geschichte der traditionellen Countrymusik zu bewahren ist Rodneys Leidenschaft mit großem Erfolg, und diese Bühnen haben Legenden der Country Musik neben lokalen kommenden Talenten präsentiert“, heißt es weiter in dem Artikel, und so kann man verstehen, warum ausgerechnet diese Legenden der traditionellen Countrymusik an den Wänden des Lokals abgebildet sind. Manchmal tritt Rodney auch selbst in seinen Lokalen auf: Rodney Collins - Tulsa Time (Song von Danny Flowers)

Einige Lite-Biere mit normalem Alkohol-Gehalt (nicht zu verwechseln mit unserem Light-Bier) wurden mittlerweile schon geleert. Mit mehreren Leuten um unseren Sitzplatz herum haben wir uns sehr nett unterhalten, Alex hat auch mit anderen vor der Tür Bekanntschaft geschlossen, als sich der Hunger meldet. Unser Riesenrad von Pizza wird in kleinen Stücken, mit einem Stapel Pappteller und Papierservietten und ohne Besteck serviert. Wir vergeben die Hälfte der Pizzastücke an die neuen Bekannten, was diese lächelnd quittieren. Ich glaube, wenn wir noch zwei-, drei Mal hierherkämen, würden wir schnell dazu gehören, obwohl wir aus Germany und Greece kommen. „Everyone knows everyone” und „The best place on earth“ sei dieser Music City Bar & Grill, versichern uns alle Umstehenden. Das können wir so unterschreiben!
Gegen 22 Uhr ist die Band fertig und räumt langsam ihren Kram weg. Ich nutze dabei die Gelegenheit, mir hinter der Tanzfläche Fotos von Größen der Country-Musik anzuschauen.



Auch für Elvis gibt es ein Plätzchen.


Irgendwie total geschafft, aber glücklich verlassen wir schließlich das Lokal und überqueren den Parkplatz, an dessen Eingang ein großes Schild prangt. Music Valley Village nennt sich dieses so total ab von allem gelegene Areal mit noch mindestens einem anderen Live-Musik-Lokal, der Grand Ole Opry in der Nähe und dem Willie-Nelson-Museum um die Ecke. Das alles wollen wir uns aber ein anderes Mal bei Tageslicht anschauen. Mit schweren Beinen trotten wir die paar Minuten hinauf zum Hotel, fallen in die Betten und pennen geschlagene 10 Stunden, während ich von unserem neu entdeckten Honkiest Tonkiest Beer Joint träume.


Nashville Zentrum mit Johnny Cash Museum