Memphis: Stax Museum of American Soul Music und Graceland


Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es beim Frühstück mal etwas mehr Abwechslung geben könnte, und tatsächlich ist der große Tresen in diesem Hotel breit bestückt. Doch die Auswahl trifft auch weiterhin nicht meinen europäischen Geschmack, und die ewigen Rühreier scheinen uns zu verfolgen.
Dazu kommt, dass (fast in allen Hotels auf unserer Reise) das Frühstück in Einweg-Plastik- bzw. Pappgeschirr serviert wird, in Zeiten des Strebens nach Nachhaltigkeit kaum zu verstehen. Ist es tatsächlich so viel wirtschaftlicher, Plastikgeschirr zu kaufen und die Müllgebühren nach dem Einmalgebrauch dafür zu zahlen als Porzellangeschirr in der Spülmaschine zu reinigen? In den Bewertungen auf Booking haben schon viele Leute genau das in den jeweiligen Hotels moniert und einen Punkt weniger gegeben.

Für heute stehen in unserem strammen Programm gleich drei Locations in Südmemphis zur Besichtigung an. Der Main-Event wird am frühen Nachmittag der Besuch von Elvis‘ Graceland sein. Zuvor widmen uns einer anderen Musikrichtung.
Dass Memphis in seiner Geschichte auch ein Zentrum der Soulmusik war, war mir gar nicht bewusst. Mit Soul verbindet man Detroit, und hier das Plattenlabel Motown. Allerdings war es nicht allen Soulmusikern möglich, in den Norden zu reisen und dort auch von der Musik zu leben. Und so stellte Memphis für die Künstler aus dem Süden eine gute Alternative dar, da man bei Stax Records die Möglichkeit hatte, Platten aufzunehmen, die eigene musikalische Identität zu entwickeln und eine musikalische Heimat zu finden.
Die Stax Records gibt es nicht mehr, doch dem Label wurde in seiner ursprünglichen Umgebung ein Museum gewidmet, das wir uns unbedingt anschauen möchten, indem wir auf den Besuch der berühmten Sun Studios verzichten. Beide sind uns für nur zwei zur Verfügung stehenden Tagen zu viel.
Um 10 Uhr morgens öffnen im Stax die Pforten. Bis dahin haben wir noch etwas Zeit für ein anderes Kleinod, ein paar Straßen weiter.

In der Lucy Avenue 406 steht das Geburtshaus von Aretha Franklin. Aufgewachsen mit Gospel verbrachte sie die ersten Jahre ihres Lebens in Südmemphis, in einer eher bescheidenen Wohngegend. Groß geworden als Soul-Sängerin ist sie jedoch in Detroit, New York und Los Angeles.
Beide Seiten der schmalen Wohnstraße sehen auf diesem Abschnitt sehr unterschiedlich aus: Während die rechte Seite von kleineren, aber schmucken und gepflegten Holzhäusern gesäumt ist, stehen gegenüber ausschließlich verwaiste und zum Teil übergewucherte ehemalige Unterkünfte.
Das Franklin-Haus ist noch zusätzlich umzäunt, wahrscheinlich um Fans davon wegzuhalten, doch der Maschendrahtzaun ist geschmückt mit Blumen und anderem, das Besucher mitgebracht haben, um der großen Musikerin zu huldigen.




Zu ihren größten Erfolgen gehört der Song Respect von Otis Redding aus dem Jahr 1965. Legendär auch ihr Auftritt im Blues Brothers Film mit dem Lied Think. Unvergessen bleibt ihr musikalischer Vortrag bei der Amtseinführung von Barrack Obama und während seiner Präsidentschaftszeit auch ein Gastauftritt anlässlich der Ehrung von Carole King im Kennedy Center im Jahr 2015 mit dem grandiosen Vortrag des Songs (You make me feel like) A natural woman (geschrieben von Carole King und Gerry Goffin).

Mit amerikanischer Soulmusik werden wir uns jetzt auch weiter beschäftigen. Das Stax Museum of American Soul Music liegt quasi um die Ecke, drei Autominuten entfernt, in der östlichen McLemore Street, Nr. 926.




Stax Museum of American Soul Music

Kurz vor Eröffnungsbeginn treffen wir auf dem großen Parkplatz ein, der sich direkt neben dem Museum befindet, und wo uns beim Aussteigen schon Soulmusik aus einem Lautsprecher empfängt. Noch ein paar Minuten, dann stehen wir um 10 Uhr zusammen mit wenigen Erwachsenen und zwei Busladungen Schulkindern vor der Eingangstür. Der Eintritt kostet 12 USD für Senioren und 15 USD normal.
Da das Museum nicht so riesig ist, begleiten uns die Kinder bei unserem Rundgang. Offensichtlich wurde für sie eine Führung gebucht, von der auch wir erheblich profitieren. Zuerst wuseln die Viert- oder Fünftklässler aufgeregt herum. Richtig los geht es dann mit einem Einführungsfilm, der uns einen kleinen Überblick über diesen Teil der Musikgeschichte in Memphis gibt.

Stax Records ist das ehemalige Soul-Label, von Jim Stewart zunächst als Satellite Records gegründet und 1957 eröffnet. 1960 wurde daraus Stax, eine Kombination der ersten Buchstaben von Jim Stewart und seiner Schwester, Estelle Axton, die das Aufnahmeequipment zur Verfügung stellte. Motown in Detroit war bisher die Nummer-Eins-Adresse für Soulmusik, doch gab es auch Vertreter dieser Musikrichtung, die in und um Memphis groß geworden waren und sich durch die räumliche Nähe zu Stax Records ebenfalls Erfolg versprachen. Otis Redding und Rufus Thomas gehörten neben vielen anderen zu den Künstlern, deren Musik hier produziert wurde.
Das Jahr 1968 bedeutete mit der Ermordung von Dr. Martin Luther King Jr. in Memphis und dem tragischen Tod von Otis Redding (bis dahin Zugpferd von Stax Records) im Jahr davor eine tiefgreifende Zäsur für das Label. Doch irgendwie ging es zunächst weiter, und die Karriere von Isaac Hayes (Songschreiber und Studiomusiker) nahm richtig Fahrt auf. Frederick Knight, The Staple Singers, der Bluesmusiker Albert King und andere trugen zum Erfolg der Plattenfirma bei und umgekehrt. Ziel war, den Bekanntheitsgrad von Küste zu Küste auszudehnen. Leider gab es verschiedene Faktoren, unter anderem der Boom von Disco- und Rockmusik, die Stax nicht bediente und die 1975 zur Insolvenz führten.
In den folgenden zwanzig Jahren gab es zwar Bestrebungen für eine Wiedergeburt des Labels, doch nach der Zerstörung und dem Abriss des Gebäudes fiel dies umso schwerer.
Ende der 1990 jedoch gründeten Freunde und Nachbarn mit der Hilfe von Kommunalpolitikern die Soulsville-Stiftung, mit dem Ziel, die kulturelle Anlage der Soulsville Neighborhood zu erhalten, aufzuwerten, zu vermarkten und zu einer neuen Chance erzieherischer und gemeinschaftsbildender Entwicklung werden zu lassen. 2003 öffnete unter der tatkräftigen Unterstützung der Soulsville Foundation das Stax Museum of American Soul Music seine Pforten und feiert in unserem Reisejahr 2023 schon sein zwanzigjähriges Jubiläum.

In größerem Rahmen werden die musikalischen Einflüsse beleuchtet, insbesondere von Gospel und Blues, die einen großen Anteil an der Entstehung des Southern Soul bzw. Memphis Soul hatten. Auf einem Marker heißt es zum Verständnis: „Von allen Musikrichtungen, mit denen Soul erschaffen wurde, sind die beiden prominentesten Gospel und Blues. Beide sind Ausdruck von Liebe, Schmerz und Sehnsucht des menschlichen Herzens. (...)“

Einflüsse des Gospel
Benannt werden hier zwei bekannte Gospel-Komponisten, aus deren Musik man die Einflüsse auf die Entstehung von Soulmusik ablesen kann. Einer davon war Thomas R. Dorsey, früher Bluessänger und Pianist, der als solcher unter dem Namen Georgia Tom bekannt war. Dorsey kombinierte Rhythmus und emotionale Bluespower mit religiösen Texten. Am bekanntesten sind Take my hand, precious Lord und Peace in the valley. Lucie E. Campbell aus Memphis war eine weitere Gospel-Komponistin, auf die sich u.a. Soul-Sänger Booker T. Jones, ein Stax-Künstler, als Inspiration bezog. Hier mit Just to behold His face
Um sich vorstellen zu können, wie Gottesdienste mit Gospelgesang zelebriert wurden und die entsprechende Stimmung zu erzeugen, wurde im Museum eine kleine Kirche aus dem Mississippi-Delta aus dem Jahr 1906 wieder aufgebaut.



Einflüsse des Blues
Viele Rhythmen und Texte des Soul haben ihren Ursprung im Blues. Eine Kategorie bildete der Jump Blues, der sich durch Arrangements in kleinen Combos auszeichnet (im Gegensatz zu den Big Bands). Louis Jordan war einer der Vertreter dieses Stils: Let the good times roll.
Unter der Überschrift Blues and Soul wird auf einem weiteren Plakat auf die Parallelität der beiden Musikrichtungen hinsichtlich des Musikerlebens hingewiesen. So wie geistliche Lieder verlangt auch der Blues, die Musik der Landarbeiter in den Baumwollfeldern, nach dem intensiven Erleben des Hier und Jetzt. Er fordert dazu auf, die Beschwernisse der Vergangenheit zu vergessen, sich auf den Song und dieses Gefühl in diesem Moment einzulassen und sich wie beim Gospel gänzlich der Inspiration hinzugeben.
In diesem Sinne kann man auch verstehen, warum Soulmusik auf der Bühne häufig sehr gefühlsbetont zelebriert wird. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Darbietung von James Brown 1981 im Kongresszentrum in La Hague: It's A Man's Man's Man's World. James Brown wird auch im Stax Museum als einer der Geburtshelfer des Souls genannt. Auch er begann seine musikalische Karriere, wie so viel andere, in einem Gospel-Quartett. Sam Cooke kam ebenfalls aus dieser Ecke, Ray Charles hingegen sang zunächst den Blues. Diese drei Musiker prägten Jahrzehnte lang die Entwicklung von innovativer schwarzer Musik.

Nicht nur Detroit und Memphis wurden zu Zentren schwarzer Soulmusik. Quer durch die USA, in Philadelphia, Indianapolis, natürlich Nashville, Seattle, Cleveland, Chicago, New Orleans und Los Angeles, feierte der Soul durch Plattenstudios und Festivals seine Erfolge.

Ein Teil der Ausstellung widmet sich den Künstlern, die bei Stax Records unter Vertrag waren. In Vitrinen sind Bühnenoutfits und andere Gegenstände ausgestellt, auf Plakaten werden die entsprechenden Musiker kurz vorgestellt. Genannt werden insbesondere Eddie Floyd, David Porter und Isaac Hayes, Deanie Parker, Otis Redding und die Memphis Horns.
Ein Prunkstück des Museums ist der 1972er pfauenblaue Cadillac El Dorado von Isaac Hayes, mit goldverzierter Front und weiteren goldfarbenen Applikationen, der zur Ansicht auf einer Drehscheibe rotiert. Heute wäre die Karosse über 140.000 USD wert.

Als wir an den Glasvitrinen mit den vielen Ausstellungsstücken und sogar einem Oscar (Isaac Hayes für Thema aus dem 1971 veröffentlichten Film Shaft) vorbeiwandern, gelangen wir schließlich zu einer kleinen Tanzfläche. Im Hintergrund läuft ein Musikvideo mit einer Band, die hier produziert wurde, und zu deren Mukke man das Tanzbein schwingen kann. Express yourself (Drück' dich aus), heißt die Aufforderung und Step your stuff onto that dance floor, it’s time to shake a tail feather (Stampfe dein Zeug auf diese Tanzfläche, es ist Zeit, eine Schwanzfeder zu schütteln).


Im Stax verstand man sich von Anfang an als große Familie. Man legte Wert darauf, dass das Talent an erster Stelle stand und nicht die Hautfarbe. Auch die Studioband bestand aus weißen und schwarzen Musikern zusammen.
Das ist ein realer Teil dessen, was Stax ausmachte. Wir befanden uns mitten in einer stark getrennten Stadt, einer sehr heuchlerischen Stadt, und wir waren in einer anderen Welt, wenn wir dieses Studio betraten, wird Jim Stewart auf einem Plakat zitiert.
Und Al Bell (früherer Miteigentümer von Stax) ergänzt: Stax war mehr für mich als eine Plattenfirma. Es war eine Bewegung, eine kulturelle Bewegung und eine spirituelle Bewegung.

Die Bürgerrechtsbewegung, die ab den 1950er Jahren immer stärker wurde, war eng mit der schwarzen Kirche verknüpft. Gospel-Interpreten wie Mahalia Jackson traten immer wieder auf, um für die Bewegung Geld zu sammeln. In den 1960er Jahren wurden die Soul-Hits Respect von Otis Redding und Soul Man von Sam und Dave in direkten Zusammenhang mit der Bewegung gebracht, obwohl sie gar nicht explizit dafür geschrieben worden waren. Als Aretha Franklin Respect interpretierte, wurde das Lied auch zu einer Hymne der Frauenbewegung. Erst Ende der 1960er Jahre schrieben Stax-Komponisten Songs, die direkt auf die Inhalte der Bewegung abzielten, wie When will we be paid (Wann werden wir bezahlt?)
Das Lorraine Motel in Memphis, in dem am 4. April 1968 Dr. Martin Luther King Jr. erschossen wurde, war schon immer eine Übernachtsmöglichkeit und ein Künstlertreff für schwarze Musiker, die das Stax besuchten. Hier wurden Lieder komponiert, wie In the midnight hour oder Knock on wood. Da das Stax keine Aircondition hatte, dauerten die Aufnahmesessions manchmal nur bis zur Mittagszeit; im Lorraine Motel gab es dagegen die Möglichkeit, in einen Pool zu hüpfen und gut zu essen. Mavis Staples (von den Staple Singers) erzählt auf einem Plakat, wie inspirierend ihre Familie, besonders ihr Vater, die Reden des Reverends fand und wie er schließlich den Mut fand, selbst Texte wie Freedom Highway zu schreiben und zu singen.
Nach der Ermordung von Dr. Martin Luther King Jr. kam es in Memphis zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Doch das Stax blieb unversehrt. Man wertete dies als Respektsbezeugung vor der bisher geleisteten Arbeit und dem fairen und familiären Miteinander zwischen schwarzen und weißen Musikern.

Für die Erfolgsgeschichte von Stax Records und seinen Musiker gab es zwei Voraussetzungen, die uns heute schon als antiquiert erscheinen, damals jedoch nicht selbstverständlich waren: zum einen die Möglichkeit, Platten zu einem erschwinglichen Preis aufzunehmen und pressen zu lassen; zum anderen der Zugriff auf Medien, wie zunächst das Radio, auf dessen einschlägigen Kanälen diese Platten gespielt wurden. So erreichte man ein wesentlich größeres Publikum. Ohne diese Möglichkeiten musste man sonst ständig für Live-Auftritte auf Achse sein, um die Platten zu promoten.


Witzig sind die uralten analogen Aufnahmegeräte von Stax Records, die vor einem nachgebildeten Aufnahmestudio ausgestellt sind. Heute kann man sich das kaum vorstellen, wie basismäßig damals von Hand gearbeitet wurde, und wie wenige Möglichkeiten der Tonverfeinerung es zu der Zeit gab.
Als dann das Fernsehen in die Wohnzimmer Einzug hielt, stieß man auf ein noch größeres, interessiertes Publikum, sodass das Stax-Label über Memphis hinaus weiter wachsen konnte. Der Soul Train war eine US-amerikanische Fernsehshow aus Chicago, die von ihrem Produzenten und Moderator Don Cornelius ins Leben gerufen worden war. Sie war so beliebt, dass sie 35 Jahre lang einmal die Woche ausgestrahlt wurde. Unter anderem wurden die neuesten Soul-Scheiben vorgestellt, sodass auch Künstler, die bei Stax unter Vertrag waren, ihre Songs bekannt machen konnten.
Des Weiteren veranstaltete Stax Records im Jahr 1972 in Los Angeles das Wattstax-Festival, das als das „Schwarze Woodstock“ bezeichnet wird und in dem die Künstler von Stax vor über 100.000 Besuchern auftraten. Unter dem Motto Laugh! Cry! Sing! Hear! Feel! Dance! Shout! wurden alle aufgefordert mitzumachen, ein seelenvoller Ausdruck einer lebendigen Welt.

Langsam nähern wir uns dem Ende der Ausstellung. Die Schüler, mit denen wir den Rundgang zusammen unternommen haben, erhalten in dem nachgebildeten Aufnahmestudio von einem engagierten Museumsmitarbeiter einen kleinen Überblick zu bestimmten Themen, der immer wieder von einer jungen Live-Band mit dem Vortrag bekannter Lieder, wie (Sittin‘ on) the dock of the bay von Otis Redding, ergänzt wird. Auch wir dürfen dabei sein.


Die Band ist spitzenmäßig gut drauf, insbesondere der Sänger performt am Vormittag schon mit vollem Elan und animiert die zunächst noch zögerlichen Kids zum Mittanzen. Die lassen sich das nicht zweimal sagen, und schon bald grooven alle ordentlich mit. Auch die Lehrerinnen müssen dran glauben – sie werden nach vorne gezerrt und unter Gejohle tanzen bald alle im Raum.



Danach ist unser Rundgang beendet und wir gelangen wieder in den Eingangsbereich.


Die gute Stimmung nehmen wir mit. Neben den vielfältigen Eindrücken, den intensiven Erkenntnissen zur Entstehung der Soulmusik, einer kurzen persönlichen Begegnung mit dem Sänger der soeben gehörten Band und der Musik vom Band auf dem Parkplatz knallt uns die heiße Sonne draußen aber mächtig auf den Kopf. Um kurz nach 11 Uhr sind es schon über 30 Grad.


Graceland

„Ich war von Anfang an ein richtiger Elvis-Fan. Ich konnte hören, dass er auf dem Land mit Countrymusik aufgewachsen war, aber ich hörte auch, dass er wie ich den Blues der Schwarzen in sich aufgesogen hatte. Außerdem klang Elvis‘ Stimme nach Gospel. All diese Stränge verwob er und trug sie mit einer Energie vor, die die Welt erstrahlen ließ. (...)“ (Willie Nelson, Seite 113, s. Literaturliste)


Wenn man schon die weite Reise von Europa aus bis nach Memphis gemacht hat, so dachte ich, sollte man auch einen Besuch in Graceland einplanen. Auch wenn man kein eingefleischter Fan ist, finde ich es doch interessant herauszufinden, was die Figur Elvis ausmachte. Denn dass sie die Musikwelt veränderte und viele namhafte Künstler sich auf Elvis als ihre Inspiration für ihre eigene Karriere beziehen, ist unumstritten.

Wo soll man anfangen, wenn man über Graceland etwas schreiben will? Vielleicht beim Anwesen mit der 1939 erbauten Villa, die der King erwarb, 1957 bezog und bis zu seinem Tod im Jahr 1977 bewohnte. Der Besuch dieser Mansion kostet extra, ist in unserem Ticket jedoch inbegriffen.
Alleinerbin von Elvis' Besitztümern war nach seinem Tod seine Tochter Lisa Marie Presley, die zum Zeitpunkt des Ablebens neun Jahre alt war und erst mit fünfundzwanzig Jahren ihr Erbe antreten konnte. Nach dem Tod von Elvis' Vater, Vernon Presley, wurde im Jahr 1981 die Elvis Presley Enterprises (EPE), gegründet, eine Gesellschaft zur Führung der Geschäfte und Vermögenswerte, wie die Verwaltung und Vermarktung der Rechte am Namen und Abbild von Elvis. Dazu gehörte auch der Plan, das Anwesen umzuwandeln und einen Teil dessen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das gelang 1982. Seitdem kommen jährlich über 500.000 Besucher. Obwohl der Unterhalt sicherlich viel Geld kostet, scheint Graceland eine Gelddruckmaschine zu sein. Mittlerweile gibt es auch ein Guesthouse mit Übernachtungsmöglichkeiten und vieles mehr.
Die Rechte an den musikalischen Werken und Filmen, die bis heute eine Goldader sind, haben jedoch andere, allen voran RCA Records (Sony), die diese Rechte schon vor 1973 erworben hatten. Bis heute wurden über eine Milliarde Tonträger von Elvis Presley verkauft (Schätzungen gehen sogar von 1,5 Milliarden aus). Nach dem Tod von Elvis‘ Eltern und seiner einzigen Tochter sind nun die drei Töchter von Lisa Marie die Erben. Ob Graceland in dieser Form weiter bestehen bleibt, wird man sehen.
Graceland bietet neben der Mansion auch einen riesigen Besichtigungskomplex über die Dinge, die in Elvis' Leben eine Rolle spielten. Wir sind gespannt darauf, wie man uns die Person, das Talent, den King, den Musiker Elvis näher bringen wird. Ich freue mich insbesondere auf seine Musik, einen Rundgang durch sein Haus und den Blick auf das, was er musikalisch geschaffen hat.

Um nach Graceland zu gelangen, nehmen wir vom Stax Museum aus gleich die Auffahrt zur Autobahn Nr. 69 in Richtung Süden, und brauchen nur wenige Autominuten bis zum Elvis-Presley-Boulevard. Für eine innere Umstellung vom Stax-Museum auf Graceland, sowohl was die Musikrichtung als auch die Dimension der Ausstellung angeht, haben wir noch ein wenig Zeit.
Noch scheinen nicht ganz so viele Besucher hier zu sein, denn auf dem riesigen Parkplatz sind bisher nur zwei Reihen besetzt. Etliche Besucher werden aber auch mit Bussen herangekarrt. Zusätzlich scheint heute auch ein Tennessee-weiter Schulausflugstag zu sein, denn mehrere Schulklassen wimmeln am Eingang herum.


Ich muss zuerst zum Will-Call-Schalter, um die online vorbestellten Tickets abzuholen, und bin froh, dass sich noch keine Schlangen gebildet haben. Gebucht haben wir eine selbst geführte Experience Tour, die alle Ausstellungsräume (aber ohne den VIP-Schnickschnack) umfasst. Auf den Audioguide verzichten wir jedoch, weil ich denke, dass die Ausstellungsstücke selbsterklärend sein werden. Billig ist es nicht, 158 USD kostet der Spaß für zwei Personen.
Bis wir um 13 Uhr (und keine Sekunde früher) in die Ausstellungshallen können, dürfen wir uns die beiden Flugzeuge Lisa Marie und das kleinere Hounddog II von Elvis ansehen, die im Außenbereich geparkt sind. Als wir das Gelände betreten, hören wir Musik aus einem Lautsprecher, ein Lied in Dauerschleife, perfekt zur Einstimmung.


Zunächst lassen wir noch eine Schulklasse vor, die die beiden Flugmaschinen in Windeseile durchpflügt. Elvis hat sie ganz nach seinem Gusto und voll bequem umbauen und einrichten lassen – dicke Plastikplanen jedoch verhüllen alles, was man beim Durchgang durch den schmalen Gang berühren könnte. Das Schlafgemach ist nur hinter einer Glasscheibe zu sehen – das war’s auch schon wieder. So furchtbar dekadent fand ich das jetzt nicht, wie manche im Internet z.B. wegen der vergoldeten Wasserhähne quengeln.

Wieder im Innenbereich der Ausstellungsräume geht es sehr pünktlich los mit einem Pre-Film in einem der „Theater“, das heißt in einem bestuhlten Raum gleich hinter dem Einlass, wo man auf Elvis‘ Glanzzeiten eingestimmt wird. Nach diesem Einführungsfilm müssen wir uns erneut in eine Schlange stellen und warten (obwohl wir doch eine self-guided Tour gebucht haben?). Der Sinn erschließt sich uns erst, als wir erfahren, dass wir per Bus zur Mansion gebracht werden. Eigentlich liegt diese einfach auf der anderen Straßenseite, doch der Zugang erfolgt nur über einen Shuttle-Service, wodurch man den Andrang der Besucher zahlenmäßig kontrollieren und lenken kann.
Gleichzeitig werden wir noch ungefragt vor einer Wand mit dem Konterfei des King abgelichtet, die Fotos könnten wir später an anderer Stelle abholen. Dort erfahren wir auch erst, dass wir über 30 USD pro Bild bezahlen sollen, worauf wir dankend verzichten. Auch die kostenlosen Audioguides, so man einen will, werden hier ausgeteilt.
Schließlich kommt irgendwann ein Kleinbus, der exakt 14 Personen einlädt und keinen mehr. Weiteres Herumstehen und Warten ist angesagt. Nach etwa einer Viertelstunde kommt der nächste Bus, in den wir auch noch nicht hineinpassen, aber der übernächste wird es sein. Der Bus fährt uns zum Eingang der Mansion. Es dauert gerade mal zwei bis drei Minuten, und dafür haben wir eine halbe Stunde angestanden. Nun gut, so sind die Regeln, wäre nur schön, wenn man das vorher wüsste, vielleicht wären dann manche und auch wir nicht so ungeduldig.


Noch eine kurze Weile müssen wir am Eingang ausharren, dann endlich ist es so weit, wir dürfen hinein in das Privathaus, in dem Elvis mit seiner Familie wohnte. Zu besichtigen sind das Erdgeschoss und die ausgebauten Kellerräume. Viele der Zimmer sind entsprechend hergerichtet, Plakate beschreiben Elvis‘ Bezug zu den Zimmern und Einrichtungsgegenständen mit Details aus seinem Leben.
Wir beginnen im Esszimmer, wo man rund um einen ovalen Tisch mit der Familie und Freunden zusammenkam. Die Speisen wurden in einer größeren Küche von eigens beschäftigten Köchen zubereitet, von denen meist einer zur Verfügung stand, um das Gewünschte sofort zuzubereiten. Elvis liebte laut Beschreibung die einfache Südstaatenküche, daneben insbesondere Fleisch in verschiedenen gebratenen Variationen und Cheeseburger sowie bestimmte Süßspeisen.
Neben dem ganz in Weiß und mit einer extralangen Couch ausgestatteten Wohnzimmer befand sich das ebenso gestaltete Musikzimmer mit einem Knabe Grand Piano. Hier verbrachte er viel Zeit, um seine Songs zu entwickeln. Auch Late-Night Gospels waren keine Ausnahme.

Einer der zentralen Räume ist der berühmte Jungle Room. Dieser Raum, ehemals eine Veranda, die Elvis rundum schließen ließ, mit Möbeln, die zum Hinfläzen einladen, sieht richtig gemütlich und ein bisschen schummrig aus. Die Wandbehänge sorgten für eine gute Akustik, und so wurden seine letzten beiden Alben (From Elvis Presley Blvd. Memphis, TN und ein Teil von Moody Blue) 1976 hier aufgenommen. Sessions daraus sind auf Way Down (In the Jungle Room) zu hören, unter anderem auch der Vortrag von Willie Nelsons Blue Eyes crying in the rain.
Witzigerweise stammt die Bezeichnung Jungle Room nicht von Elvis selbst, sondern wurde ihm nach der Öffnung von Graceland für die Öffentlichkeit von den Medien verpasst, wahrscheinlich durch die Einrichtung mit exotischen Holzmöbeln und den Grünpfanzen beflügelt. Elvis nannte ihn den Den, eine Bezeichnung für einen Verschlag, eine Bude, einen Hobbyraum oder eine Räuberhöhle.


Elvis war schon zu Lebzeiten sehr reich und richtete sich entsprechend ein. So entstand das Fernseh- oder besser Medienzimmer, mit mehreren TV-Geräten nebeneinander. Er fand es nämlich cool, verschiedene Footballspiele nebeneinander schauen zu können. Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre war das noch etwas Besonderes, zu einer Zeit, als der Besitz eines Fernsehers beim normalen Volk noch keine Selbstverständlichkeit darstellte. Außerdem steht hier zum Befüllen mit eigenen Platten eine Jukebox, die mit Lautsprechern im ganzen Haus verbunden war, und Elvis‘ persönliche Plattensammlung. „Er liebte jegliche Art von Musik, allen voran südlichen Gospel“, steht auf einer Beschreibung zu diesem Raum. Bestandteil der Einrichtung waren auch eine herunterziehbare Leinwand und ein Projektor zum Abspielen von Filmen.
In einem der angrenzenden Zimmer befand sich ein Pool-Tisch. Der Raum war in Rot gehalten, mit vielen Sesseln und Stühlen mit roten Lederbezügen. Nach der Renovierung des Raums 1974 inklusive dem Anbringen eines besonderen Wandbehangs wurde der Kamin, der als einziger im Haus mit Holz geheizt wurde, nicht mehr benutzt.
In dem angrenzenden Anbau war Vater Vernons eher funktional eingerichtetes Büro untergebracht. Hier befindet sich das Smokehouse, das schon hier stand, bevor Elvis Graceland kaufte. Vernon nutzte es, um Fleisch zu pökeln.
Im Nachbargebäude geht es um Ausstellungsstücke aus dem Familienleben. Ausgestellt sind unter anderem private Hochzeitsfotos, ein Kinderbettchen, ein Kinderwagen, ein Nachttisch aus der letzten Wohnung, bevor er nach Graceland zog, ein Schreibtisch aus seinem Office (nicht zugänglich), ein rotes Plüschsofa mit kunstvoller Stehlampe, seine Knarre nebst Waffenschein und vieles mehr. Auf einem Stammbaum mit Fotos kann man die Verwandtschaftsverhältnisse nachvollziehen.
Ein weiterer Trakt beinhaltet ein kleines Sportstudio, denn Elvis war verrückt nach Racquetball. Doch auch weitere Geräte für das Fitnesstraining sind installiert. Ich kann mir Elvis jedoch irgendwie nicht als Sportskanone vorstellen. Immerhin blätterte er für die Einrichtung 200.000 USD hin.

Die Gebäude der Mansion haben wir nun besichtigt und treten nach außen, wo wir vor einer schönen Weide und Pferdekoppel stehen. Platz für alle Hausbewohner und Freunde hatte man hier allemal.


Um die Rückseite der Mansion (mit einem Pool) führt uns der Weg jetzt zum Memory Garden, früher ein Rückzugsort für Elvis, heute letzte Ruhestätte der Familienmitglieder. Vernon Presley hatte nach dem Tod seines Sohnes bei der Stadt bewirkt, dass Elvis aus Sicherheitsgründen hier privat beerdigt werden konnte. Auch Gladys, Elvis Mutter, wurde hierher umgebettet. Hinzugekommen sind die Gräber von Vernon, Minnie Mae (Mutter von Vernon), Benjamin Keough (Enkel von Elvis und Sohn von Lisa Marie, 2020 gestorben), direkt daneben Lisa Marie (einziges Kind von Elvis, gestorben im Januar 2023)





Am Kopfende brennt eine ewige Flamme für den unsterblichen King of Rock ‘n Roll,
oder einfach nur Sohn, Ehemann und Vater.

Irgendwie sieht es aus, als ob das Leben im Haus mit Elvis‘ Tod in diesem Moment zum Stillstand gekommen ist. Das war am 16. August 1977. Die Einrichtung wäre ansonsten im Laufe der Jahre sicherlich modernisiert worden, so wie Elvis es auch vorher schon getan hatte. Nur der Teppichboden für den Rundgang im Haus wurde wohl für die Millionen Touristenschuhe ausgelegt.
Irgendwie hatte ich es mir viel protziger vorgestellt, doch angesichts seines Reichtums gestaltet sich die Innenausstattung einfach nur zugeschnitten auf die Bedürfnisse nach Behaglichkeit und Wohnlichkeit. Kostspielige Details wurden teilweise erst in späteren Jahren erworben und hinzugefügt. Zwar hat nicht jeder einen Billard-, einen TV- oder ein größeren Fitnessraum, aber warum auch nicht, wenn Platz und Geld genug vorhanden sind? Wenn man von den riesigen Villen der Superstars der heutigen Zeit mit Dutzenden von Räumen liest, erscheint Graceland noch sehr bescheiden, eben ein Familienanwesen. Auf jeden Fall ließ es sich hier sicherlich richtig schön wohnen.

Zurück geht es wieder zum Eingangsbereich des Wohnhauses und gleichzeitigen Wartebereich für den Bus und wieder zurück zum Ausstellungsgelände. Ab jetzt sind wir in der Gestaltung unserer Besichtigung frei und nehmen uns zunächst mal die Presley Motors Halle vor.


Der King muss verrückt nach exklusiven Autos gewesen sein. Von fast jeder Luxuskarosse entsprechender Hersteller steht hier mindestens ein Exemplar. Für Liebhaber solcher Autos hier mal eine Auswahl der zu besichtigenden Karossen:

1956 Cadillac Eldorado
1956 Continental Mark II
1962 Lincoln Continental
1969 Mercedes-Benz 600 Sedan
1969 Mercedes-Benz 600 Limousine
1975 Lincoln Mark IV
1960 und 1966 Rolls-Royce Silver Cloud
1971 und 1973 Stutz Blackhawk
1975 Ferrari Dino

Insbesondere der 1955er Pink Cadillac Fleetwood sticht natürlich hervor, der wohl berühmteste Wagen von Elvis, den er Zeit seines Lebens behielt (während er andere großzügig verschenkte).
Die Halle mit all diesen ausgestellten Kutschen ist riesig, und selbst für mich als Nicht-Autofan sehenswert. Auch andere Gefährte wie Motorräder, dreirädrige Geschosse, Boote, sogar ein Go-Kart aus seiner Kinderzeit befinden sich im Fundus. Diese Halle verdient tatsächlich einen ausgiebigen Aufenthalt.
Weiter geht’s in einen Bereich mit Ausstellungsstücken aus der Militärzeit des Private Presley. Uns beiden geht es ähnlich, denn wir haben hier in Graceland nun schon eine ganze Weile Eindrücke gesammelt, und diese Ausstellung mit Fotos, Uniformen, Kisten und Kästen in Regalen gehört nicht zu dem, was uns brennend interessiert. Auch wenn Elvis so wie Johnny Cash in Deutschland stationiert war, damals aber schon einen großen Bekanntheitsgrad genoss, regt uns auch dieser Bezug nicht zur näheren Besichtigung an. Daher muss ein Schnelldurchgang reichen. Da sich auch schon erste Ermüdungs- und Überfrachtungserscheinungen eingestellt haben, setzen wir die Besichtigung jetzt selektiv und in gestraffter Form fort.
Als nächstes betreten wir die Halle der Icons: The Influence of Elvis Presley. Wir begegnen anderen Ikonen der Musikbusiness, die Elvis nach eigenem Bekunden wesentlich beeinflusst hat. Zu sehen sind viele Plakate, Fotos, Musikinstrumente, anderes Zubehör von namhaften und uns unbekannten Künstlern mit Äußerungen zu Elvis, wie z.B. Kiss (mit ihren Bühnenoutfits). John Lennon wird auf einem Plakat mit dem Ausspruch Before Elvis there was nothing zitiert.
Zum Schluss kommen wir zum Höhepunkt der Ausstellung, dem Elvis: The Entertainer Career Museum. Es ist eine Kumulation aller Superlativen, die Elvis in seiner Karriere erreicht hat. Ausgestellt sind unzählige Gegenstände, die in irgendeiner Art mit seiner Musikerkarriere zu tun hatten, insbesondere Schallplatten, Schmuckstücke, Brille, Gürtel und Fotos.
Auf etlichen Plakaten wird auch Bezug auf die Filme genommen, in denen er mitspielte, wobei es hier eigentlich hauptsächlich darum ging, seine Musik zu vermarkten. Elvis selbst scheint schon zu diesem Zeitpunkt die Selbstbestimmung über sein künstlerisches Leben nicht mehr in der eigenen Hand gehabt zu haben, denn an einer Wand prangt sein Ausspruch: Later they send me to Hollywood, to make movies. It was all new to me, I was only 21. (Später sandten sie mich nach Hollywood, um Filme zu drehen. Es war alles neu für mich, ich war gerade 21 Jahre alt.)

Unwillkürlich kommen mir etliche Szenen aus dem neuen Film ELVIS (2022) in Erinnerung, den wir uns vor nicht allzu langer Zeit im Kino angeschaut haben. Er zeigt insbesondere die tragische Beziehung zwischen ihm und seinem Manager „Colonel Parker“ (im Film von Tom Hanks gespielt) auf, und die daraus folgenden dramatischen Wendungen. Bei unserem Rundgang hatten wir noch keine Hinweise auf den Film gesehen, doch kurze Zeit später wurde sogar ein Extra-Besichtigungsabschnitt dazu eingebaut. Der Film wird also den Begebenheiten aus familiärer Sicht sehr nahe kommen, nämlich das Elvis von verschiedener Seite, insbesondere von seinem Manager, ausgeplündert wurde. Selbst Scientology soll es versucht haben, doch Elvis war strikt gegen einen Beitritt (Priscilla und Lisa Marie hingegen viele Jahre Mitglieder).
Den Song Suspiscious Mind (im Film mit einer Wahnsinnsenergie von Hauptdarsteller Austin Butler vorgetragen) mit den Zeilen We're caught in a trap, I can't walk out, Because I love you too much (Wir sind in einer Falle gefangen, wir können nicht entkommen, weil ich dich zu sehr liebe) könnte man auch auf seine Situation in Las Vegas projizieren. Einerseits Ende der 1960er Jahre schon in einem Karrieretal angekommen, war Vegas für Elvis ein Weg wieder dort hinaus ins Rampenlicht, das er so sehr liebte; andererseits befand er sich in den Fängen seines Managers, der in seiem Lieblingscasino in der Wüstenstadt mehr als hundert Auftritte pro Jahr von Elvis zur Begleichung seiner eigenen Spielschulden verscherbelt hatte. Die damit verbundenen Anstrengungen forderten von Elvis ihren gesundheitlichen Tribut.

Das Herzstück dieser Ausstellung bildet für meinen Geschmack der Raum mit den unfassbar vielen Auszeichnungen auf einer meterhohen Wand, darunter sagenhafte 131 Goldene und Platin-Schallplatten. Auch drei Grammys (1967, 1972, 1974), alle erstaunlicherweise in der Gospel-Kategorie, hat er erhalten, für weitere vierzehn war er nominiert. Sogar die Freiheitsmedaille des damaligen US-Präsidenten wurde ihm verliehen. Diese Medaille wurde 1945 als Tapferkeitsmedaille für Zivilisten während des Zweiten Weltkrieges eingerichtet und von Präsident Kennedy später in der Weise modifiziert, dass sie auch kulturelle Errungenschaften mit einbezog. In der Begründung heißt es: Elvis definierte amerikanische Kultur für Milliarden seiner bewundernden Fans rund um die Welt. Der King des Rock and Roll, Elvis, verschmolz Gospel, Country und Rhythm and Blues, um aus all dem seinen eigenen Sound zu kreieren. (...). Des Weiteren bezieht man sich auf seine Militärzeit, seine Auszeichnungen und die Filme.

Am Ende der Ausstellung, wenn man glaubt, dass man alles gesehen hat, schließt sich doch noch eine weitere Halle an, die seine Bühnenanzüge in einer Vielfalt zeigt, die einen fast erschlägt: jeweils drei Schaukästen übereinander, mit je einem Anzug pro Kasten, in meterlangen Reihen gestapelt. Wer kann diese Menge noch aufnehmen?
Endlich, so möchte man mit komplett vollgestopftem Hirn sagen, ohne dass nur noch ein einziges Fünkchen an Informationen oder Bildern mehr hineinpassen würde, verlassen wir das Museum und werden uns auch sonst hier nichts mehr anschauen. Nach vier Stunden in Graceland sind wir redlich geschafft und möchten nur noch sitzen, etwas trinken und die Eindrücke verdauen.

Wenn man nach Memphis kommt, um das nachzuerleben, was Elvis für die Fangemeinschaft ausmachte, nämlich seine Musik, sein Charisma auf der Bühne, seine Performance, wird vielleicht enttäuscht sein. Es gibt nur eine einzige kleine Gelegenheit (abgesehen vom Pre-Film), wo man über einigen Vitrinen mit Anzügen eher im Vorbeigehen Filmausschnitte aus Las Vegas miterleben kann. Vielleicht liegt es an den fehlenden Musikrechten, die nicht bei den Betreibern von Graceland liegen, dass man seine Musik – und das war es doch, was ihn ausmachte – in seinem Museum nicht nachempfinden kann. Ich finde das sehr enttäuschend, denn insbesondere dafür bin ich hierhergekommen.
Was die ausufernde Sammlung sonst bietet, finde ich auf der einen Seite sehr steril, irgendwie seelenlos; eine Aneinanderreihung von unzähligen Gegenständen, mit denen Elvis sich umgeben hat oder die zu seiner Karriere gehörten, auch wenn man sich denken kann, dass der King die Outfits tatsächlich getragen hat, seine Auszeichnungen sicherlich mehr als einmal stolz in den Händen drehte, die heißen Autos mit großer Freude gefahren hat. Immerhin gibt es Fotos, auf denen er entsprechend zu sehen ist, ob hinter dem Steuer einer seiner Karossen oder in einem der unzähligen Anzüge auf der Bühne. Durch die fehlende Musik habe ich keine Möglichkeit, das alles irgendwie nachzuempfinden. Und das macht das stundenlange Betrachten all dieser Gegenstände auch so anstrengend und erweckt die Frage: Wozu?
Andererseits erscheint mir ein Teil der Ausstellung, insbesondere im Bereich der Mansion, für meinen Geschmack zu privat, ja fast schon intim. Mich interessieren weder das Kinderbettchen von Lisa Marie noch ein Tuch, dass Daddy seinem Töchterchen einmal geschenkt hat, noch ein simpler Nachttisch, den Elvis in seiner Wohnung, bevor er nach Graceland zog, benutzte. So bekommt man nach und nach den Eindruck, dass all das lieber in Vitrinen gestellt wird, als es in der Garage zu horten oder zu verkaufen. Diese Gegenstände erhalten durch ihre Ausstellung eine Wichtigkeit, die ihnen für mich als fremden Betrachter nicht zukommt, und die Gesamtausstellung unnötig aufblähen. Elvis‘ gesamtes Leben scheint bis ins kleinste Detail seziert und dann ausgestellt worden zu sein. Er ist jedoch nicht mehr da, um diesen Dingen Leben einzuhauchen, was insbesondere durch das Fehlen seiner Musik zum Ausdruck kommt.
Dennoch war der Gang durch einen Teil seines Wohnhauses auch ganz interessant, um z.B. einmal den berühmten Jungle Room zu sehen und einen Gesamteindruck zu erhalten, wie er so wohnte. Den Menschen Elvis kannten jedoch nur die wenigsten, unser klischeehaftes Bild von ihm haben über die Jahrzehnte die Medien mit all den Narrativen geformt.

Mich interessiert vielmehr der Musiker, der die Musikwelt revolutionierte und dabei stets mit dem Showbiz und seiner eigenen Vorstellung zu kämpfen hatte, der wie alle Musiker den Spagat zwischen einerseits Erfolg bzw. sich der Musikindustrie zu beugen und andererseits der Verwirklichung eigener musikalischer Ideen, die nicht so stromlinienförmig sind, hinkriegen musste.
Was bei mir positiv hängen bleibt, sind die Eindrücke seines gemütlichen Wohnbereichs, seine irre vielen Auszeichnungen und der unglaubliche Fuhrpark.
Graceland als Huldigungsort für einen Superstar begeistert Millionen Anhänger. Mir hat das bescheidene Johnny-Cash-Museum in Nashville den Künstler wieder nahe gebracht, in Graceland ist das trotz der überdimensionierten Ausstellung nur bedingt gelungen. Ob Elvis die exorbitante Zurschaustellung seines beruflichen und vor allem privaten Lebens so gefallen hätte?
Zum Abschluss dieser Gedanken der junge Elvis mit dem Gospel-Song Peace in the Valley, bei einem Auftritt 1957 in der Ed Sullivan Show. Hoffen wir, dass er seinen Frieden gefunden hat.


Am Ende sind wir nach diesem ereignisreichen Tag ganz froh, wieder im Hotel anzukommen. Zum Glück ist das angekündigte Gewitter bisher ausgeblieben, doch das bisschen Regen befeuchtet die Luft wie im Dschungel. Erst am Abend, als ein wenig Wind aufkommt, wird es erträglicher.
Wir sind so geschafft, dass wir zum Essen nicht einmal mehr in die Beale Street wollen, sondern auf etwa der Hälfte der Strecke in einer Pizzeria Aldo‘s in der Main Street mit einer sehr eigentümlichen Einrichtung landen. Der Raum gleicht eher einer Halle. Die unteren 2/3 der Wände sind mit Dielenbrettern aus grobem Holz vernagelt, das obere Drittel mit Zeitungspapier beklebt. Das Besondere für uns: Auf jedem Tisch ist auf einem Stempel eine Etagere angebracht. Den „Stiel“ umfasst eine Rolle mit grobem Papier, die man abrollen und nach Bedarf als „Serviette“ abreißen kann. Das Besteck wird in Gläsern hochkant stehend serviert.


Als unser Essen serviert wird, erkennen wir den Sinn der komischen Holzstempel auf den Tischen: die schon geachtelten Pizzen werden auf einem großen Blechteller oben drauf deponiert, während man von kleineren Tellern auf dem Tisch direkt einzelne Stücke essen kann. Sicherlich ist das sehr sinnvoll, wenn mehrere Leute von einer Pizza essen. Die Preise für die beiden „normalen“ Riesenpizzen sind hier auf jeden Fall sehr moderat, das Essen kaum zu schaffen und gleichzeitig sehr lecker. Die Bierkarte mit gezapften Bieren kann sich ebenfalls sehen lassen. Obendrein sind der Besitzer und seine Angestellten sehr freundlich. Wie auch am Abend zuvor in der Beale Street, erkennen wir auf der digitalen Rechnung, dass der Preis schon die Graduity (20% vom Netto) einschließt. Umso besser, dann muss man im trägen Kopf nicht mehr rechnen.


Bürgerrechtsbewegung und National
Civil Rights Museum in Memphis