Bürgerrechtsbewegung und National Civil Rights Museum in Memphis


Während wir uns an den letzten beiden Tagen einem Ausschnitt der Musikgeschichte von Memphis gewidmet haben, möchten wir uns heute einem ganz anderen Thema zuwenden: der Bürgerrechtsbewegung im Süden der USA. Memphis ist ein Ort, der wie Selma in Alabama, Jackson in Mississippi oder Little Rock in Arkansas kraftvolle, gleichzeitig aber auch traurige Kapitel der Bürgerrechtsbewegung geschrieben hat, denn Dr. Martin Luther King Jr. wurde am 04. April 1968 in Memphis ermordet.Der Darstellung der Ereignisse und wichtiger Stationen der Bewegung seit den 1950er Jahren widmet sich die Ausstellung im National Civil Rights Museum Es wurde genau an dem Ort eingerichtet, an dem das Attentat geschah: dem ehemaligen Lorraine Motel. Es liegt in einem historischen Bezirk, dem South Main Historic District, rund um die Verlängerung der Main nach Süden und jenseits der Beale Street.

Dieser Bezirk war schon lange zuvor Zeuge eines rassistisch motivierten Massakers, das als das Memphis Massaker von 1866 in die Stadtgeschichte eingegangen ist. Ab dem 1. Mai 1866, rund ein halbes Jahr nach dem gesetzlichen Ende der Sklaverei, verübte ein weißer Mob in diesem Viertel an drei Tagen hintereinander Morde und Vergewaltigungen an afroamerikanischen Einwohnern der Stadt. Vier Kirchen, zwölf Schulen und einundneunzig Wohnungen wurden niedergebrannt. Am Ende gab es über 40 Tote und zahlreiche Verletzte. Die Straftaten wurden gerichtlich nicht verfolgt, und ein Teil der afroamerikanischen Einwohner von Memphis verließ die Stadt. Seit 2016 weist ein Geschichtsmarker auf dieses furchtbare Verbrechen hin. In der Debatte rund um den Inhalt des Markers ging es, wie dem Artikel zu entnehmen ist, insbesondere um den sorgfältigen und eindeutigen Gebrauch der Sprache. Die Menschen, die hier ermordet wurden, starben nicht bei „Unruhen“, sondern bei einem Massaker.

Auf unserem Weg zum National Civil Rights Museum, passieren wir in unmittelbarer Nachbarschaft, an der Ecke Mulberry Street/Huling Avenue, das 1925 erbaute Lorraine Hotel. (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Motel).
Auf der gegenüber liegenden Straßenseite fällt ein ebenfalls seit 2016 angebrachtes, auffälliges Wandgemälde ins Auge. Es ist den Memphis Upstanders gewidmet, Einwohnern von Memphis, die durch ihr persönliches Engagement Herausragendes im Kampf um die Gleichberechtigung aller Einwohner von Memphis geleistet haben. Abgebildet sind Persönlichkeiten wie Ida B. Wells, Rabbi James A. Wax, Charl Ormond Williams und viele andere. Informationen zu den abgebildeten Personen gibt es auf der Seite von Facing History and ourselves, die das Gemälde initiiert haben.


Diese USA-weit tätige Organisation betreut seit 1992 Pädagogen, Schulen und Bezirke auch im Südosten der USA mit pädagogischen Konzepten. Teilweise wurden diese sogar in den Unterricht der staatlichen Schulen übernommen. Angesprochen werden die Fächer Geschichte/Sozialwissenschaften, Englisch/Sprachkunst sowie der Common Core State Standards (evidenzbasierte Standards in Englisch und Mathematik). In den einzelnen Projekten untersuchen die Teilnehmer bestimmte Fragestellungen, wie z.B. in Memphis 1968: „Was ist die Rolle von bürgerlichem Engagement in einer gesunden Demokratie?“ oder im Projekt Wie kann Musik sozialen Wandel inspirieren?: „Wie beeinflusst Musik die Art, wie Menschen denken und handeln?“ und „Gibt es zeitgenössische Beispiele von Musik, die ein gesellschaftliches Problem angehen?“
Untergebracht ist die Außenstelle dieser Gesellschaft in einem Gebäude gegenüber dem Eingang zu unserem eigentlichen Ziel, dem National Civil Rights Museum.



Der Zugang zum Museum führt zu einem Vorplatz, an dem sich auch das Gebäude des ehemaligen Lorraine Motels befindet.
Nachdem Walter und Loree Bailey 1945 das gleichnamige Hotel gekauft hatten, ließen sie 1955 das zweigeschossige Motel mit 16 Zimmern in unmittelbarer Nähe zum Hotel errichten. Das Motel war bekannt dafür, dass es afroamerikanische Besucher beherbergen durfte. Es kamen Sportathleten, Geschäftsleute, Reisende und insbesondere Künstler von Stax Records. Auch Cab Calloway, B.B. King, Aretha Franklin und viele andere waren Gäste, die hier immer wieder logierten. Das Motel war deshalb so beliebt, weil es als sauber und sicher galt, und man eine gute Mahlzeit bekam.
Nach dem Attentat an Dr. Martin Luther King Jr. am 4. April 1968, der bei seinen Aufenthalten in Memphis schon ebenfalls häufiger im Motel übernachtet hatte, wurde es 1988 geschlossen. 1991 öffnete an dieser Stelle das Museum, nachdem das Innere komplett umgebaut und in das Museum integriert worden war, das Äußere jedoch genau so erhalten blieb, wie es damals aussah.
Das Museum mit allen Objekten gehört der Lorraine Civil Rights Museum Stiftung, das Motel-Gebäude dem Tennessee State Museum in Nashville, das es an die Stiftung verpachtet hat. Von 2012 bis zum 4. April 2014 (das Datum ist sicherlich kein Zufall) war das Museum wegen größerer Renovierungsarbeiten und einer erheblichen Vergrößerung der Ausstellung geschlossen.


Beim Betreten des Außenbereichs sind die beiden alten Karossen, die in den 1960er Jahren auf Amerikas Straßen fuhren, sowie ein rot-weißer Kranz an einer bestimmten Stelle des Umlaufs vor den Zimmern mit entsprechenden Info-Tafeln augenfällig. Der Kranz ist an der Stelle angebracht, an der die Kugel Dr. Martin Luther King traf, die Parkposition der Autos befindet sich vor diesem Zimmer 306 im zweiten Stock, wo er mit einigen Freunden übernachtete und sich an diesem Abend aufhielt.




Der Anblick dieser Szene und das Wissen um das, was einst hier passierte, lässt nicht nur mich erschauern. Augenblicklich fühlt man sich in jenen Tag zurückversetzt. Zum Greifen nah ist die Vorstellung des Attentats. Wir stehen jetzt direkt an diesem Ort des Verbrechens. Das weltweite Entsetzen über den Mord im zeitlichen Kontext der Bürgerrechtsbewegung werden wir im Laufe der nächsten Stunden zu verstehen lernen.


Die abzuholenden Tickets für die selbst geführte Tour haben wir vorgebucht und kosten 15 USD. Uns erwartet eine chronologisch angeordnete Abbildung einer Zeitspanne, die zum umfassenden Verständnis die Anfänge des transatlantischen Sklavenhandels, Meilensteine der Bürgerrechtsbewegung bis zum Tod von Dr. Martin Luther King Jr. umfasst, und Ausblicke auf die Zukunft gibt.

Zunächst schauen wir in die gerade erst eröffnete, temporäre Sonderausstellung zum 55. Jahrestag des Attentats, ein Requiem für King von James Waddell Jr., Ernest Withers (Fotograf mit Ausstellungsgebäude in der Beale Street) & Dolphe Smith. Alle stammen aus Memphis und haben ihren Weg gesucht, als Zeitzeugen die damaligen Ereignisse zu verarbeiten.


In den ersten Museumsraum der Dauerausstellung werden wir persönlich begleitet und darüber informiert, dass wir nach einem etwa fünfzehnminütigen Aufenthalt dort wieder abgeholt und weitergeleitet werden.
Der kreisförmige, fensterlose Raum ist gespickt mit Informationen zu den Anfängen des Atlantischen Sklavenhandels. In der Mitte stehen lebensgroße Figuren in damaliger Kleidung, die eine Szene auf einem Sklavenmarkt darstellen: eine schwarze Frau mit Baby, daneben ein weißer Sklavenhändler, der „seine Ware“ anpreist.

Weiterhin wird das globale Geflecht des Atlantischen Sklavenhandels wird in diesem Raum beleuchtet, so die Wege zwischen Afrika und Europa nach Süd- und Nordamerika. Geschäftstüchtige Europäer kauften afrikanische Menschen von afrikanischen bzw. arabischen Händlern, verschifften sie in großem Stil auf den amerikanischen Kontinent und verkauften sie dort gewinnbringend weiter. Insgesamt waren es 12,5 Millionen Afrikaner, die dieses Schicksal erleiden mussten, davon bis zum Jahr 1860 vier Millionen nur in Nordamerika. „Es war die größte erzwungene Migration der Menschheitsgeschichte.“ (übersetzt von einem Museumsplakat)

Auf der sogenannten Mittelpassage zwischen Afrika und Amerika mussten die Gefangenen die dreimonatige Überfahrt unter Deck verbringen. Bis zu einem Fünftel von ihnen starben an Krankheiten, Unterernährung und schlechter Behandlung, andere begingen Selbstmord. Auf einem beträchtlichen der Schiffe wurde jedoch auch revoltiert.
Sehr eindrucksvoll ist eine mit Figuren nachgestellte Szene unter Deck eines solchen Schiffes, in der sie angekettet in gebückter Haltung dort kauern, denn der Raum ist auch nicht höher. Aus den Lautsprechern ertönt neben dem ständigen Knarren der Schiffsbohlen in zeitlichen Abständen immer wieder ein Peitschenknallen, gefolgt von den durchdringenden Schmerzensschreien eines Menschen.
„Für diejenigen, die die Neue Welt erreichten, war die Mittelpassage lediglich der Beginn eines Lebens von unvorstellbarer Brutalität und Härte.“ (übersetzt von einem Museumsplakat)

Virginia im Jahr 1619 wird als erster Ort des Sklavenhandels in Nordamerika angegeben, als die ersten Afrikaner hier ankamen. Es war der Start von wirtschaftlichem Reichtum und Erfolg, an dem auf dem Rücken der entführten und versklavten Menschen viele mitverdienten. Um sie zu den Arbeiten in der Landwirtschaft zwingen zu können, beraubte man sie aller Rechte. Eingesetzt im Tabak-, Reis- und Baumwollanbau und deren Verarbeitung, erwirtschafteten sie unglaublich hohe Summen für ihre „Besitzer“. Obwohl mit gewalttätigen Mitteln unterdrückt, gaben sie jedoch niemals auf, versuchten nicht nur zu überleben, sondern ihr afrikanisches Erbe - und damit einen Teil ihrer Identität - zu retten und über zwölf Generationen der Versklavung hinweg neue afroamerikanische Traditionen zu schaffen: eine Kultur des Widerstands gegen die Sklaverei, die über 250 Jahre lang, von 1619 bis 1861, dauerte. „In Wahrheit gibt es keine amerikanische Kultur ohne Afrika.“ (übersetzt von einem Plakat)

Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs 1865 wurde die Sklaverei offiziell mit dem 13. Zusatzartikel zur Verfassung abgeschafft. In Mississippi als letztem Staat wurde der Zusatzartikel allerdings erst 1995, 130 Jahre später, ratifiziert und ist tatsächlich erst am 7. Februar 2013 (!) in Kraft getreten.
Im Jahr 1998 wurde von der UNESCO der Internationale Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung eingeführt, der jährlich am 23. August begangen wird.

Mir stellt sich die Frage, was nach Ende des Bürgerkrieges mit den ehemals versklavten und nun befreiten Menschen geschah. Wie würde es ihnen ergehen? Und wie würden die ehemaligen weißen Sklavenhalter reagieren, denen nun der große Profit, den sie bisher auf so komfortable Weise erwirtschaften konnten, durch die Finger zu gleiten drohte?

Tatsächlich verließen viele der nun befreiten Sklaven ab 1870 den Süden der USA ins Ausland und in den Westen; im 20. Jahrhundert in zwei großen Wellen auch in den Norden des Landes, wo sie auf ein besseres Leben hofften. Egal in welchen Teilen der USA sie lebten, mussten sie ihr Leben in Eigenregie organisieren, da sie von der weißen Bevölkerung nur wenig erwarten durften. Dazu gehörte auch die Einrichtung von Zeitungen. Beim Memphis Free Speech and Headlight hatte die 1862 noch als Sklavin geborene Ida B. Wells zunächst ihre journalistische Heimat gefunden. Sie setzte sich für die Rechte Benachteiligter ein, war aktives Mitglied in der Bürgerrechtsbewegung und wandte sich insbesondere gegen Lynchjustiz. Als man ihr mit dem Tode drohte, zog sie schließlich in den Norden der USA, wo sie ihre Kampagnen weiterführte.


Ehemalige Sklaven traten auch ins Militär ein und kämpften in Kriegen, an denen die USA teilnahmen. Durch diesen Einsatz auf Anerkennung und Gleichberechtigung in der Gesellschaft vertrauend, wurden diese Hoffnungen abermals enttäuscht. Benachteiligung in allen Bereichen des Lebens sowie rassistische Anfeindungen im Alltag blieben erhalten.

Diejenigen, die nicht an eine Gleichstellung von Afroamerikanern mit der weißen Bevölkerung glaubten, sahen sich in dem Erlass vieler Einzelgesetze zur Segregation und Diskriminierung von Afroamerikanern bestätigt. Diese sogenannten Jim-Crow-Gesetze zwischen 1877-1964 betrafen die Trennung in Zügen, Bussen, Schulen, Restaurants – einfach in allen öffentlichen Einrichtungen.
Im Museum kann man unter der Überschrift „Der Aufstieg von Jim Crow“ mitverfolgen, wie Gesetze durch Gerichtsurteile ausgehöhlt und in der Praxis ganz anders interpretiert wurden. Historische Fotos und die Wiedergabe von mündlichen Erzählungen belegen, wie sich die afroamerikanische Gemeinschaft dennoch ein Leben einzurichten versuchte.

Während die einen versuchten, zu ihrem Recht zu kommen, antworteten die anderen mit Gewalt und Hass. Insbesondere in den Südstaaten, in denen durch die jahrhundertelange Ausbeutung unbezahlter menschlicher Arbeitskraft ein immenser Reichtum für die weiße Oberschicht entstanden war, sah man nach dem Ende der Sklaverei die Felle davonschwimmen. Die Antwort bestand in der Anwendung unglaublicher Gewalt. Afroamerikaner wurden täglich diskriminiert, ausgegrenzt, schikaniert, terrorisiert und von aufgestachelten weißen Mobs gelyncht. Zwischen 1890 und 1930 starben mehr als 3000 afrikanische Amerikaner durch Lynchmord. (von einem Museumsplakat)
Die Aufhebung dieser Segregations-Gesetze hin zu einer tatsächlichen Gleichberechtigung erfolgte auf einem Jahrzehnte währenden, sehr kleinschrittigen Weg des Widerstandes und ist noch längst nicht abgeschlossen. In einigen Bundesstaaten war diese Zeit geprägt von brutalem, willkürlichem Terror und erforderte vom Einzelnen unglaublichen Mut, dem zu widerstehen. Dieser Zeit, ab den 1950er Jahren, ist die Museumsausstellung ab hier in großem Maße gewidmet.

Um dorthin zu kommen, gelangen wir auf unserem Rundgang zunächst zu einer nachgebauten Kirche, in der wir uns in eine der leeren Bänke setzen, um das bisher Erlebte ein wenig zu verdauen. Die audio-visuellen Eindrücke, ausdrucksstarken Fotos, unzähligen Ausstellungsstücke und zahlreichen Schautafeln mit Hintergrundwissen haben mich auf der bisherigen Reise durch die Zeit mit der Darstellung des Ausgeliefertseins und der Entrechtung emotional ziemlich durchgeschüttelt.
Noch während ich ein wenig zur Ruhe komme, erklingt aus dem Lautsprecher We shall overcome, ein Gospellied mit seiner langen, Mut machenden Geschichte, hier interpretiert von den Freedom Singers.
Unseren Aufenthalt in der nachgebauten Gospelkirche und das Erlebnis dieses weltweit bekannten Liedes interpretiere ich als Übergang vom unfassbaren Leid der afroamerikanischen Bevölkerung hin zum organsisierten Widerstand.

Schon früh erkannte man, dass ein gleichberechtigter Zugang zur amerikanischen Gesellschaft nur über eine (bessere) Bildung erfolgen konnte. Dazu betreten wir auf unserem weiteren Rundgang ein „Klassenzimmer“ mit Holzpulten, die in einer Reihe hintereinander aufgestellt sind. Dahinter, perspektivisch passend, wurde über die ganze Wand ein Foto mit ausschließlich afroamerikanischen Schülern angebracht, die uns aus ihren Sitzbänken heraus mit ernsten Gesichtern entgegenblicken. Die Pulte im realen Raum enthalten kleine Vitrinen mit Zertifikaten und anderen Zeitzeugnissen. So wird zum Beispiel einer Schülerin mit Stempel und Unterschrift bescheinigt, dass sie die Schule im Jahr 1955 sechs Wochen lang erfolgreich besucht hat. Für damalige Verhältnisse wahrscheinlich schon eine Errungenschaft, aber dennoch niemals ausreichend, wenn man aus den eigenen Fähigkeiten etwas machen und zum Beispiel studieren wollte.
Auch wenn die damals geltende Gesetzgebung suggerieren wollte, dass es keine Ungleichheit aufgrund der Segregation gäbe, war man im Gegenteil zwar getrennt, aber keinesfalls gleich. So durfte man an verschiedenen Schulen den Unterricht zwar bis zum Abschluss besuchen. Man konnte auch Teil des Football- oder Basketballteams der Schule werden, nicht jedoch im Chor oder Drama Club mitmachen. Es dauerte bis zum 17. Mai 1954, als die Trennung nach Hautfarbe an Schulen durch den Obersten Gerichtshof verboten wurde.

Richtig los legte die Bürgerrechtsbewegung dann ab den Jahren 1955/56. Anlass hierfür war das mutige Verhalten der damals 42jährigen Rosa Parks aus Montgomery in Alabama, als sie sich am 1. Dezember 1955 weigerte, ihren Sitzplatz für einen Weißen zu räumen. Dafür wurde sie verhaftet, was zunächst zu einem Protest der schwarzen Bevölkerung führte, sich in der Folge jedoch zu einer Kampagne ausweitete. Organisiert wurden Fahrgemeinschaften oder man ging zu Fuß, in jedem Fall mied man den öffentlichen Nahverkehr. Dieser Boykott, an dem schließlich alle Afroamerikaner in Montgomery teilnahmen, dauerte ein ganzes Jahr und führte in der Folge zum Entscheid des Obersten Gerichtshofs (1956), dass die Trennung von Personen nach Hautfarbe im öffentlichen Nahverkehr verfassungswidrig sei.

In diesem Ausstellungsraum habe ich dann ein besonderes Erlebnis. Mitten im Raum ist ein Bus geparkt. Noch bevor ich die Geschichte über Rosa Parks erfahre, nähere ich mich den beiden Bustüren, die sperrangelweit geöffnet sind und möchte nur neugierig hineinschauen. Auf den Eingangsstufen ist ein Schild mit einer Warnung angebracht, beim Betreten aufzupassen, dass man nicht ausrutscht. Ich interpretiere dies als Warnschild aus der aktuellen Zeit und bin überzeugt, dass ich als Museumsbesucherin den Bus betreten darf. Ich steige also durch den hinteren Eingang ein, nehme zwei Figuren wahr: den Busfahrer, der auf seinem Platz sitzt und mich nach hinten gedreht „ansieht“, und einen einzigen weiteren Fahrgast in einer der Sitzreihen. Ansonsten ist der Bus leer. Als ich ein paar Meter nach vorne gehe, werde ich plötzlich von einer Stimme auf Englisch laut angeschnauzt: „GEH NACH HINTEN, ICH BRAUCHE DIESEN PLATZ!“ Und dann, als ich dennoch weiter vorgehe, erfolgt akustisch ein lauter, knallender Hieb (wie mit einem Stock), der mich zusammenzucken lässt: „GEH!! SONST LASSE ICH DICH VERHAFTEN!!!“ Ich muss zugeben, ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass man den Besucher eine solche Situation nacherleben lassen möchte, denn ich dachte zuerst, ich hätte den Bus doch nicht betreten dürfen, weil er ein Ausstellungsstück ist. Schlimmer noch ergeht es einem afroamerikanischen Besucher, mit dem ich schon seit einigen Minuten im selben Tempo und daher in etwa zeitgleich an denselben Schautafeln stehen geblieben bin. Als er wenige Minuten nach mir den Bus betritt und in der gleichen Weise angefahren wird, erschrickt er sich dermaßen, dass er fluchtartig den Raum verlässt. Danach habe ich ihn in der Ausstellung nicht mehr gesehen.
Nachdem ich mich von dem Schreck erholt habe, kann ich die Unsicherheit sehr gut nachvollziehen, mit der die afroamerikanischen Fahrgäste früher öffentliche Verkehrsmittel benutzten.
Vor dem Bus erkenne ich auch die nachempfundene Haltestelle, die bevölkert ist von lebensgroßen Figuren, insbesondere Frauen, die den Boykott damals besonders unterstützten.
Der damals erst 26jährige Martin Luther King Jr., ein aufstrebender Aktivist der Bürgerrechtsbewegung, hielt am 5. Dezember 1955 in Montgomery anlässlich dieses Boykotts eine Rede, die an dieser Stelle auch im Museum als Audioaufnahme wiedergegeben wird.

Das Mittel des zivilen Ungehorsams, dessen sich auch Rosa Parks bedient hatte - sei es, dass sie spontan reagierte, weil sie die Diskriminierung einfach satt hatte, sei es, dass sie sich vorgenommen hatte, um ihrer eigenen Würde willen die Gesetze und Regeln der Segregation nicht mehr zu achten – begeisterte viele Anhänger der Bewegung im Kampf gegen die Diskriminierungsgesetze und den Alltagsrassismus. Ziviler Ungehorsam und gewaltfreie Aktionen gegen diskriminierende Gesetze erfordern eine gute Organisation und einen großen Mut des Einzelnen, da die Teilnehmer immer mit ernsthaften Konsequenzen rechnen müssen. Im segregierten Süden der USA waren dies unter anderem körperliche Misshandlungen, Terrorisierung der Familie und Lynchmord.
Ein Anhänger dieser Art des gewaltfreien Protests war auch Martin Luther King Jr. Der Erfolg gab ihnen Recht, denn verschiedene Gesetze zur Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung hatte der Oberste Gerichtshof nach eindringlichem Protest schon kassiert.

Je mehr Gewalt seitens rassistischer Organisationen aufgrund der gesetzlich verankerten Ungleichbehandlung gegen Afroamerikaner verübt wurde, desto stärker wuchs ihr Widerstand. Die Diskriminierung galt in allen Bereichen des Lebens, ob im Geschäft, auf Toiletten, selbst auf dem Bürgersteig musste man ausweichen, um Weißen Vorrang zu gewähren. Wie nur konnte man eine solche stete Entwürdigung aushalten?
Die Entschlossenheit, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und für die Durchsetzung aller Bürgerrechte zu kämpfen, drückte sich auch in den Worten der Aktivistin Ella Baker aus, dass man fortan nicht länger gewillt sei, nur Bürgerrechte zweiter Klasse genießen zu dürfen. Man sei entschlossen, für den Kampf zur Erlangung der vollen Bürgerrechte auch ins Gefängnis zu gehen, lächerlich gemacht und bespuckt zu werden oder körperliche Gewalt zu erleiden.
In diesem Sinne organisierte das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) ab 1960 Sitzstreiks. als ein weiteres probates Mittel des zivilen Ungehorsams, nach dem Vorbild der Aktionen Mahatma Ghandis. In vielen Staaten der USA fanden diese Sit-Ins statt, so wie auch in der Hauptstadt Tennessees, in Nashville. Die Aktionen waren von Studenten schon seit längerem gut vorbereitet worden, darunter auch von Diane Nash.
Die üblichen Reaktionen in Form von Verhaftungen und Gewalt, selbst ein Bombenanschlag auf das Haus eines schwarzen Anwalts, konnten die Studenten nicht aufhalten. Aus einer Schautafel des Museums geht hervor, dass Nashville tatsächlich die erste Stadt im Süden der USA war, die nach und nach die Segregation aufhob. Angespornt durch diesen Erfolg wuchs die Bewegung weiter.

Ab 1961 entschloss man sich zu den Freedom Rides (Freiheitsfahrten), um mehr Druck auf die JFK-Regierung zur Durchsetzung der Ziele auszuüben, indem man mit Bussen über Staatsgrenzen hinweg zu Protestaktionen in den Süden fuhr. Inhaftierungen im berühmt-berüchtigten Parchman Prison, südöstlich von Clarksdale, Mississippi, und eine zunehmende Gewalt weißer Rassisten, die in den Medien dokumentiert wurde, löste bei vielen US-Bürgern Empörung aus. Das Bewusstsein und die Bereitschaft, für die Erreichung der Ziele zu protestieren und dafür möglicherweise mit dem Leben bezahlen zu müssen, zeigt die grimmige Entschlossenheit der Freedom Riders. John Seigenthaler, ein Journalist aus Nashville, gibt eine Unterhaltung mit Diane Nash wieder:
„Junge Frau, verstehen Sie, was Sie da tun? Verstehen Sie, dass jemand getötet werden wird?“ Nach einer Pause antwortet sie: „Sir, Sie sollten wissen, letzte Nacht haben wir alle unser Testament unterzeichnet. Wir wissen, dass jemand getötet wird, doch wir können die Gewalt nicht über die Gewaltlosigkeit siegen lassen.“ (übersetzt von einer Tafel im Museum)

Die Antwort auf die Proteste war noch mehr Gewalt mit Einschüchterungsversuchen, Anschlägen und Verhaftungen. Ziel war es, den Geist des Widerstandes der Inhaftierten zu brechen. Solche Gegenmaßnahmen erzielten jedoch genau das Gegenteil. Die Aktivisten waren entschlossener denn je. Weitere Forderungen und noch mehr Mobilisierung waren die Antwort, deren Ausweitung sich im Museum auf markierten Orten einer USA-Karte per Berührung nachvollziehen lässt. Auch in der internationalen Presse wurden die Proteste der Bürgerrechtler und die Gewaltexzesse weißer Rassisten aufgegriffen, wie ein im Museum ausgestellter Zeitungsausschnitt der Berliner Zeitung vom 24. Mai 1961 belegt. Unter der Überschrift „Nazi-Banditen nach Alabama, USA-Polizei den Rassenhetzern gewichen / Ku-Klux-Klan greift ein“, wird beispielsweise beschrieben, dass die explizit zur Bekämpfung rassistischer Ausschreitungen nach Montgomery gesandten 550 Bundespolizisten vor dem weißen Mob zurückgewichen waren. Im Gegenteil rotteten sich weitere Schlägerbanden aus verschiedenen Teilen der USA in Montgomery zusammen und drohten, Schulen, Busse und eine Rundfunkstation in die Luft zu sprengen. „Am Sonntagabend hatten die entfesselten Rassenhetzer eine Baptisten-Kirche überfallen (...). Mehrere hundert tobende Weiße durchbrachen einen Kordon von Polizisten, die ihnen keinen ernsthaften Widerstand entgegensetzten, und stürmten in die Kirche. Mit Knüppeln hieben sie auf die dort versammelten Menschen ein und bombardierten sie mit Steinen.“ (aus o.a. Zeitungsartikel). In der Folge wurden fünf Einwohner Montgomerys, die versucht hatten, mäßigend auf den Mob einzuwirken, verhaftet und zu Geldstrafen verurteilt.

In Anniston, Alabama, wurde ein Bus der Freedom Riders in Brand gesetzt - im Museum verdeutlicht durch eine Nachbildung des verwüsteten Greyhound-Busses. Während eine kleine Gruppe von weißen Einheimischen die Szene beäugte, ermutigten andere eine weiße, aufgebrachte Menge. Janie Forsyth, war Zeugin in der für sie schlimmsten Situation, in der sie sich jemals befunden hat. Die Zwölfjährige half, die Opfer mit Wasser zu versorgen. Dafür mussten sie und ihre Familie später Schikanen des Ku Klux Klans erdulden. Eine von vielen Geschichten, die im Museum bezeugt werden.
Medgar Evers, Veteran des Zweiten Weltkrieges, Bürgerrechtsaktivist, Mitglied und später Vorsitzender der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) in Mississippi, kämpfte insbesondere für den Zugang von Afroamerikanern zu Universitäten, auch weil er selbst davon betroffen war. Er wurde am 12. Juni 1963 in der Einfahrt zu seinem Haus in Jackson, Mississippi, erschossen, ein weiteres prominentes Opfer der Klan-Gewalt. Sein Mörder wurde in zwei Verfahren nicht weiter gerichtlich belangt und erst dreißig (!) Jahre nach der Tat rechtskräftig zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Einer immer stärker werdenden Bürgerrechtsbewegung, die mit gewaltfreien Mitteln Aktionen organisierte, wurde mit eskalierender Gewalt seitens weißer Rassisten begegnet. Auch in Birmingham, Alabama, machten Aktivisten in der US-Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Dortigen Protesten wurde ebenso mit beispielloser Gewalt begegnet, frei nach dem Motto von Eugene „Bull“ Connor, Mitglied des öffentlichen Sicherheitsausschusses: „Verdammt sei das Gesetz. Hier unten machen wir unser eigenes Gesetz“ (übersetzt von einem Museumsplakat). Polizeihunde wurden auf Afroamerikaner gehetzt, während der Klan Dynamitbomben benutzte. Doch die afroamerikanischen Bewohner Birminghams widersetzten sich weiterhin. Das brachte auch Dr. Martin Luther King Jr. 1963 in die Stadt, als sein Bruder, A.D. King, Ziel eines Bombenanschlags geworden war. Präsident Kennedy schickte unterdessen 3000 Truppenmitglieder, um der Gewalt ein Ende zu setzen, denn selbst die internationale Presse hatte aufgehorcht. Wiederum ein Ausschnitt aus der Berliner Zeitung vom 15. Mai 1963 trägt die Überschrift: „Bomben, Knüppelterror, Bluthunde – Birmingham gleicht einem Schlachtfeld, Zusammenstöße auch in Tennessee, Bundestruppen sehen tatenlos zu“. Auch in anderen Teilen der Welt wurde über die Massenverhaftung von Kindern berichtet und Fotos von Polizeigewalt gezeigt. Selbst wenn die Medienpräsenz kurzfristig solche Gewaltexzesse nicht verhindern konnte, half sie dennoch dabei, eine breite öffentliche Wahrnehmung dafür zu schaffen, die zu einer Solidarisierung in Teilen der weißen Bevölkerung führte.

Um weiteren Druck auf die Regierung zu erzeugen und endlich dafür zu sorgen, dass alle Bürger gleichermaßen ihre Bürgerrechte erhielten, beschloss die Bewegung für August 1963 den Marsch auf Washington für Arbeitsplätze und Freiheit. Mit Bussen aus allen Teilen der USA kamen die Demonstrationsteilnehmer, die Hautfarbe spielte hierbei keine Rolle mehr. Auf einem Foto im Museum über eine ganze Wand sieht man die Protestierenden, die unzählige Plakate mit vielfältigen Forderungen hochhalten. Vor dem Foto sind lebensgroße Figuren mit ebensolchen Plakaten aufgestellt. Durch die Schaffung dieser Dreidimensionalität wird uns das Gefühl vermittelt, direkt dabei zu sein. Unzählige weitere Fotos belegen die Kraft, die von dieser Menschenmenge ausging. CBS berichtete live in den Abendnachrichten.
Dr. Martin Luther King Jr. war einer der prominentesten Redner vor etwa 250.000 Teilnehmern am Lincoln Memorial. Seine Rede I have a dream ist in die Weltgeschichte eingegangen. Am 11. Dezember 1964 wurde ihm für seinen gewaltlosen Kampf gegen Ungleichbehandlung von Schwarzen und Rassismus der Friedensnobelpreis verliehen.

Der Erfolg der Bewegung und dieses Marsches manifestierte sich im Civil Rights Act. „Dieses am 2. Juli 1964 von Präsident Lyndon Johnson in Kraft gesetzte Gesetz verbot Diskriminierung an öffentlichen Orten, sah die Integration von Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen vor und machte Diskriminierung am Arbeitsplatz illegal. Es war die umfassendste Bürgerrechtsgesetzgebung (...).“

Im Museum werden viele Geschichten aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung erzählt. Es sind die Geschichten von Mut und Entschlossenheit auf der einen Seite, und von barbarischem Hass in seinen extremen Formen auf der anderen. Bar jeglichen Verständnisses für die Anliegen der Protestierenden und in vollem Bewusstsein ihrer illegalen Methoden wüteten die weißen Rassisten immer weiter. Mittlerweile waren es nicht mehr ausschließlich Afroamerikaner, die verfolgt wurden, sondern auch insbesondere Studenten, die die Bürgerrechtler unterstützten. Zu einem Aufsehen erregenden Vorfall kam es im Juni 1964, als die drei Studenten James Chaney, Michael Schwerner und Andrew Goodman im Neshota County, im Osten von Mississippi, verschwanden. Erst Monate später wurden ihre Leichen gefunden, sodass man den Mord an ihnen rekonstruieren konnte. Welche Bedeutung die Aufdeckung dieses Verbrechens hatte, zeigt die künstlerische Adaption der Geschichte auf vielfältige Weise, unter anderem im Film Mississippi Burning – Die Wurzeln des Hasses mit Gene Hackman und William Dafoe in den Rollen der beiden FBI-Agenten, die die Morde aufklären sollen. Richard and Mimi Farina (Schwester von Joan Baez) erinnern in ihrem Song an die drei Aktivisten: Michael, Andrew and James

Auch wenn der Civil Rights Act als ein großartiger Erfolg anzusehen ist, so stellte er dennoch nicht die vollkommene Gleichberechtigung auf gesetzliche Füße. Ein weiteres, sehr wichtiges Thema auf dem Weg zur Erlangung der vollen Bürgerrechte war die Durchsetzung der Wahlrechte. Doch auch dieser Weg war sehr steinig. Da es kein Melderegister gibt und jeder Wahlberechtigte in nur einem Bundestaat wählen darf, muss man sich vor der Wahl persönlich registrieren lassen. Schon dieses Vorhaben war für die afroamerikanische Bevölkerung zum Scheitern verurteilt.
Zeugnis ihres abenteuerlichen Versuches im Jahr 1962, sich für eine Wahl in Indianola, Mississippi, registrieren zu lassen, gibt Fannie Lou Hamer aus Montgomery, Mississippi. Sehr lebendig erzählt sie in einem Video vor dem Beglaubigungsausschuss des Democratic National Convention, was ihr dabei widerfahren ist, von ihrer Verhaftung, dem lange andauernden Auspeitschen, der Andeutung einer Vergewaltigung und der Bedrohung mit dem Tod an diesem Tag. Hier ein Rückblick darauf. Auch Dr. Martin Luther King war an jenem Tag des 22. August 1964 zugegen, um die Zeugin zu unterstützen.
Neben vielen anderen Medienangeboten bei unseren Museumsrundgang konnte ich mir das ausführliche Video mit der Erzählung von Mrs. Hamer selbst aussuchen und abspielen lassen. Die geschilderten Grausamkeiten, aber auch die Art und Weise, in der sie sprach, hat sich bei mir eingebrannt. Es sind wie so oft die Schilderungen von Einzelpersonen, die das Leid eines großen Bevölkerungsteils vollstellbar und nachempfindbar machen.

Für die Durchsetzung des vollen Wahlrechts für Afroamerikaner gegen alle blutigen Widerstände steht die Wahlrechtskampagne in Alabama.
Für den 7. März 1965 war ein Marsch von Selma zur Hauptstadt Montgomery vorgesehen. Als die Marschierenden die Edmund-Pettus-Brücke außerhalb von Selma erreichten, wurden sie durch Staatspolizisten angegriffen. Der Marsch endete mit zahlreichen Verletzten und ging als Bloody Sunday in die US-Geschichte ein. Durch die Präsenz der Medien wurde die Welt Zeuge der Gewalttaten.
Am 9. Juni 1965 fand ein zweiter Versuch statt, zu dem als Antwort auf die Brutalität der Gegenseite zuvor noch mehr Menschen angereist waren. Auch dieser Versuch endete vorzeitig, da Dr. Martin Luther King Jr. als Mitorganisator das Risiko weiterer Verletzter und eventuell Toter nicht eingehen wollte. Dennoch wurde zwei Tage später Reverend James Reeb, der an diesem Protest teilgenommen hatte, von Rassisten ermordet.
Am 21. März 1965 gelang schließlich das Vorhaben. Während fünf Tagen marschierten die Proteststeilnehmer von Selma nach Montgomery.
Es ist einer der emotionalen Höhepunkte unseres Rundgangs, diesen dritten Marsch mit zu verfolgen. Überall hängen große Fotos mit Szenen des Marsches an den Wänden. Schließlich kommt man durch einen Gang, auf dessen langen Wänden Panoramafotos des Protestzuges angebracht sind. Dargestellt sind Menschen in Lebensgröße, die in derselben Marschrichtung wie wir unterwegs sind; wir Schulter an Schulter mit ihnen, während aus einem Lautsprecher laut Parolen und Hintergrundgeräusche der Demo zu hören sind.
Am Folgetag fand ein Konzert unter der Teilnahme vieler bekannter Musiker statt, wie Joan Baez, Harry Belafonte und Nina Simon. Bei dieser Kundgebung hielt auch Dr. King eine Rede: How long? Not long!
Auch wenn es auf den Marsch selbst und während der Kundgebung keinen Angriff gegeben hatte, wurde um Mitternacht Viola Liuzzo von Mitgliedern des Ku Klux Klans erschossen.
Auch diese Kampagne wurde künstlerisch aufbereitet. Am besten hat mir dazu der Film Selma aus dem Jahr 2014 gefallen, in dem Dr. Martin Luther King Jr. nicht als strahlender Held, sondern als auch von Zweifeln geplagter Mensch dargestellt wird.

Sicherlich war diese Kampagne der letzte Stein, der den hart erkämpften Voting Rights Act (Durchsetzung des Wahlrechts für Afroamerikaner) zur Vollendung brachte und am 6. August 1965 von Präsident Lyndon Johnson unterzeichnet wurde.


Ab hier werden in der Ausstellung noch weitere Themen aufgegriffen. Dazu gehören Plakate zur einflussreichen Black-Power-Bewegung für den Zeitraum 1968 bis 1975. Sie wird als eine „Fortsetzung der Bürgerrechtsbewegung und nicht als eine radikal neue Bewegung“ erklärt. Weiter geht es zur Musik von afroamerikanischen Künstlern und Fotos von Sportlern, wie Muhammad Ali. Natürlich wird die Wahl von Barack Obama, des ersten Afroamerikanischen US-Präsidenten, im Jahr 2008 als weiterer Meilenstein gewürdigt.

Schließlich gelangen wir zum letzten Teil unseres Museumsrundgangs. Er spielt im Jahr 1968 und beschäftigt sich zunächst mit dem Streik der Müllmänner in Memphis mit dem Slogan I AM A MAN.
Memphis war damals eine Stadt mit einer hohen Arbeitslosenquote unter verarmten Arbeitern, die jeden Job annehmen mussten, um finanziell irgendwie über die Runden zu kommen. Die Arbeitsbedingungen waren sehr schlecht und der Lohn gering.
Direkter Anlass für den Streik war der Tod der beiden Müllmänner Echol Cole und Robert Walker, die aufgrund fehlender Sicherheitsstandards am hinteren Ende ihres Mülltrucks zerquetscht worden waren. Den Forderungen nach angemessenem Lohn und adäquate Arbeitsbedingungen sollte auf Streikkundgebungen Nachdruck verliehen werden. Lebensgroße Figuren mit großen Demo-Plakaten, stehen in einem Museumsraum. Sie werden von anderen Figuren begleitet, die Polizisten mit Gewehren in den Händen darstellen. Auch Dr. King kam in den Tagen des Streiks mehrmals hinzu. Am 3. April hielt er auf einer Kundgebung die Mountain-Top-Rede.

“(...) I just want to do is God’s will. And he’s allowed me to go to the mountain. And I’ve looked over, and I’ve seen the Promised Land. I may not get there with you, but I want you to know tonight that we as the people will get to the Promised Land. So I’m happy tonight. I’m not worried about anything. I’m not fearing any man (...)“

(...) Ich möchte nur Gottes Willen erfüllen. Und er hat mir erlaubt, auf den Berg zu gehen. Und ich habe geschaut und das Gelobte Land gesehen. Vielleicht komme ich nicht mit euch dorthin, aber ich möchte, dass ihr heute Abend wisst, wir als das Volk werden in das Gelobte Land kommen. Deshalb bin ich heute Abend glücklich. Ich sorge mich um nichts. Ich fürchte mich vor niemandem (...).


Dann, recht unvermittelt, stehen wir in einem Korridor zwischen Raum 306 und 307 des Lorraine Motels, nur durch Glasscheiben von den beiden Zimmern getrennt. Die Räume, in denen er und seine Mitstreiter untergebracht waren, wurden so rekonstruiert, wie es an jenem 4. April 1968 dort aussah, mit all den persönlichen Gegenständen von Dr. King und dem gerade eingeschenkten Kaffee in einer Tasse, als er draußen, vor seinem Raum, angeschossen wurde. Kurze Zeit später verstarb er im Krankenhaus. Er wurde 39 Jahre alt.

Henry Groskinsky vom LIFE Magazin) war innerhalb kurzer Zeit nach dem Attentat vor Ort und schuf mit seinen gespenstisch wirkenden Fotos Geschichtszeugnisse.


„Wir hatten gewartet, in Schmerz durch diese Nächte und Tage ohne Schlaf, von jedwedem Geräusch aufgeschreckt, unfähig zu essen, einfach nur auf unsere Mahlzeiten starrend.
Plötzlich, in paar Sekunden Radiozeit war es vorbei. Mein erster Sohn, dessen Geburt mir so viel Freude gebracht hat, sodass ich außerhalb des Raumes, in dem er geboren wurde, herumsprang und die Decke berührte – das Kind, der Gelehrte, der Prediger, der singende und lächelnde Junge, der Sohn –
Alles war weg.“

Reverend Martin Luther King Sr.
(übersetzt von einem Plakat)


Tief bewegt verlasse ich das Gebäude, gelange in den Museums-Shop und damit wieder in die Gegenwart, für die ich noch nicht wirklich bereit bin. Neben mir schniefen so manche Besucher vor sich hin, sind ebenso erschüttert. Es ist etwas anderes, über ein Thema abstrakt zu lesen oder die Geschichte tatsächlich vor Ort nachzuerleben zu können, nur einen Meter entfernt vom Ort des Geschehens, an dem sein Leben von einer Minute auf die andere ausgelöscht wurde.
Zur Erinnerung an die erlebnisreichen Stunden an diesem sehr besonderen Ort erstehe ich eine kleine Fibel mit Zitaten von Dr. Martin Luther King Jr.
Allen, die nach Memphis reisen, empfehle ich, sich den Besuch des National Civil Rights Museums nicht entgehen zu lassen und Zeit dafür mitzubringen. Selten habe ich ein so faktenreiches Museum besucht, das den Besucher förmlich in die Geschichte hineinzieht, interaktiv, multimedial und fesselnd. Nach diesem Besuch werden wir die Geschichte in anderen Orten der USA, die wir in den nächsten Tagen besuchen werden, noch besser verstehen.

Draußen brauche ich eine Übergangszeit, um wieder in der Gegenwart anzukommen. Auf einer überdachten Bank mit Blick auf Raum 306 schließt sich der Kreis, denn von hier aus hat unser Rundgang begonnen. Irgendwann bin ich dann soweit, und wir können uns noch ein wenig in Memphis umschauen. In der Nähe gibt es einen kleinen Park mit Sitzgelegenheiten zwischen plätscherndem Wasser, den Dr. Martin Luther King Reflection Park. Nur kurz halten wir uns hier auf, denn es ist heiß und sehr schwül geworden.


Wir brauchen jetzt unbedingt eine echte Pause, passieren auf dem Weg zur Beale Street die seit 2019 leider dauerhaft geschlossene Gibson-Fabrik (heute ein Logistik-Zentrum), die ich unglaublich gerne besucht hätte, um zu sehen, wie die berühmten Gitarren gebaut werden, die WLOK Radio Station, Sitz des ersten schwarzen Radiosender in Memphis und bis heute On Air, das Rock ’n‘ Soul Museum, das mich sicherlich auch fasziniert hätte. Doch heute bin ich dazu nicht mehr fähig, und morgen werden wir leider schon weiterreisen.


ehemalige Gibson-Fabrik


In der Beale Street angekommen folgen wir dem Klang sanfter Musik zu einem schattigen Innenhof eines Lokals. Die kalt servierten Säfte kommen gerade richtig. Ein Sänger unterhält die Gäste mit Liedern verschiedener Stilrichtungen auf angenehme Weise, als wie aus dem nichts plötzlich ein gewaltiger Sturzregen herniedergeht. Zunächst bleiben wir als Einzige noch draußen unter einer Überdachung sitzen. Bei dem Wetter könnte man tatsächlich den Beale Street Blues bekommen.

Schließlich müssen wir doch das Feld räumen, denn innerhalb kurzer Zeit ist es richtig unangenehm abgekühlt. Auch der unablässige Regen scheint so bald nicht wieder aufzuhören. Wie ich friere! Im Innenraum des Lokals wird es sicherlich etwas angenehmer sein, doch dort pustet zusätzlich eine Klimaanlage noch kältere Luft auf die Besucher. Ich will unbedingt zurück ins Hotel, wo man die Zimmertemperatur hoffentlich nach oben regulieren kann. Unterwegs passieren wir wieder die Musiklokale der Beale Street, doch heute erscheinen sie mir keinen Deut einladend. Einige Besucherinnen sind jedoch schon mit Alkohol so zugedröhnt, dass ihnen Kälte und Regen nichts mehr ausmachen.

Die Pizzeria mit den Holzstempeln auf den Tischen ist jetzt unser nächstes Ziel, doch auch dort ist es recht kalt. Nach unserem frühen Abendessen geht es eiligen Schrittes und in weiterhin strömendem Regen durch die Mainstreet in Richtung Hotel, vorbei an apathisch in der Nässe liegenden oder auf Bänken herumhängenden, armselig dahinvegetierenden Menschen.
Im Hotel hat sich die Hitze des Tages in unserem Raum unter dem Dach gut gehalten, augenblicklich taue ich wieder auf. Für heute habe ich keine Ambitionen mehr, das Zimmer nochmal zu verlassen.

Morgen werden wir weiter ziehen. Es hat sich schon abgezeichnet, dass es ein Fehler war, nicht ein paar Tage mehr für Memphis eingeplant zu haben, doch in den nächsten Tagen stehen noch zwei Ziele auf dem Programm, die wir wegen der begrenzten Öffnungszeiten sonst nicht mehr unter einen Hut gebracht hätten.


Über das Gateway Museum of the Blues nach
Clarksdale mit Ground Zero Blues Club