Über das Gateway to the Blues Museum nach Clarksdale mit Ground Zero Blues Club


Auf Weather Underground steht heute Morgen nichts Gutes: Für unser heutige Ziel Clarksdale und die gesamte Region wurde eine Sturzflut-Warnung ausgegeben! Oh je, noch mehr Regen, denke ich, doch die Hintergründe sind andere. Die Warnung für das Gebiet um den Arkabutla Lake gilt nämlich nicht nur kurzfristig, sondern bezieht sich auf die Feststellung von Schäden am Damm des Stausees und hat daher für mehrere Wochen Gültigkeit. In der gebotenen Eile wurde schon damit begonnen, Wasser des Sees abzulassen, um schnellst möglich die erforderlichen Notreparaturen vorzunehmen.
Sollen wir uns von der Warnung entmutigen lassen oder grenzt es an Dummheit, unter diesen Bedingungen nach Clarksdale zu fahren? Wir entscheiden uns dazu, wie geplant, unsere Reise fortzusetzen, weil wir die Gefahr als nicht akut erachten. Wir werden uns aber fortlaufend über die Lage informieren.

Eigentlich wäre die Fahrt nach Clarksdale über den berühmten Highway 61, den Blues Highway, eine einfache Sache, wenn man den Weg aus Memphis heraus so leicht finden würde, wie ich es mir auf der Karte vorgestellt habe. Eine Stunde reine Fahrzeit ist eingeplant. Trotz Navi gestaltet sich die Suche nach diesem Highway (und genau der soll es auch sein) als sehr zeitaufwändig, da uns mehrere Baustellen, die der Satellit nicht auf dem Schirm hat, vor vollendete Tatsachen in Form von gesperrten Straßen stellen. Also nehmen wir noch eine Kurve, und eine weitere, dann mal anders herum, bis wir schließlich sogar auf einer der Brücken über den Mississippi landen und eingeklemmt zwischen dahineilenden LKWs mal eben nach Arkansas rüberfahren. Das ist definitiv total verkehrt, also kratzen wir am anderen Ende wieder die Kurve und brettern auf der Parallelbrücke zurück nach Memphis. Mittlerweile ist schon eine Stunde vergangen und es hat angefangen zu regnen. Oder besser gesagt: Es schüttet.


Wir beschließen, an der nächsten Tankstelle anzuhalten und vorsichtshalber den Tank zu füllen – wer weiß, wie lange wir noch herumkurven werden. Wasser für die Scheibenwischanlage wäre für eine bessere Sicht auch nicht zu verachten. Getankt haben wir in den USA ja noch nicht. Ich weiß nur, dass man im Voraus bezahlen muss.
Ein junger Mann mit Hoodie und Basecap ist neben dem Eingang des Tankstellengebäudes in sein Handy vertieft. Zunächst ein erstaunter Blick, als ich ihn um eine Auskunft bitte, und ihm erzähle, dass wir Touristen sind und das Tanken in Deutschland anders funktioniert. Schließlich bestätigt er mir sehr freundlich die Reihenfolge, wie ich sie auch im Internet gelesen habe. Zunächst habe ich geschätzt, wie viele Gallonen wir voraussichtlich brauchen werden. Mit diesem Wunsch gehe ich zum Schalter und bezahle dafür. Erst nach der Freigabe dieser Menge für unsere Zapfsäule fließt der Sprit. [Man kann es sich auch einfacher machen, nämlich einfach den Geldbetrag sagen, für den man tanken will.] Ich ordere also 5 Gallonen (etwa 20 Liter) und zahle märchenhafte 16 USD. Wasser für die Wischanlage gibt es hier eigenartigerweise nicht. Für Alex dennoch Daumen hoch, der Sprit ist freigegeben.
Zwischenzeitlich suche ich erneut die Hilfe des netten jungen Mannes am Eingang und frage nach dem Weg zum Highway 61 in südlicher Richtung. Tatsächlich und ganz unerwartet sind wir nur noch zwei Abzweigungen davon entfernt. Also rein in die Karre und ab geht’s auf den Blues Highway. Erleichterung stellt sich ein, als wir ihn endlich leibhaftig ausgeschildert sehen.

Dieser berühmte Highway soll uns während der nächsten Tage tief ins Delta bringen, in den Deep South, zu den Wurzeln des Blues. Besungen von vielen Musikern, darunter Mississippi Fred McDowell und Bob Dylan, haben sich entlang des jetzt westlich verlaufenden Old Highway 61, wie in den Songs bekundet, viele Geschichten zugetragen. Für Fred war es im Lied die längste Straße, die er kennt.

Der Sturzregen hat noch nicht aufgehört, unablässig prasselt er aufs Dach und verwischt die Sicht, während uns Autos überholen und wir auf den Verkehr aufpassen müssen. Unter diesen Umständen fällt es mir anfangs schwer, einen sofortigen Bezug zu diesen Geschichten zu bekommen.
Kerzengerade zieht sich die zweispurige Straße nach Süden, maximal 65 mph (knapp über 100 km/h) sind erlaubt. Wir konstatieren, dass wir mit unserem superbequemen, technisch voll (sogar mit Einparkkamera) ausgestatteten Kleinwagen, der obendrein noch spritsparend ist, sehr gut bedient sind.

Mittlerweile haben wir die unsichtbare Grenze nach Mississippi überquert. Einen landschaftlichen Unterschied zu dem Süden von Tennessee können wir hier nicht ausmachen: Es ist flach, grün und wasserreich, ein perfekter Boden für den Baumwollanbau.
Noch im 19. Jahrhundert war dieses Gebiet besiedelt von den indigenen Stämmen der Chickasaw und Choctaw. Durch den wachsenden Bedarf an Land durch die unablässigen Einwandererströme aus Europa beschloss die US-Regierung unter Präsident Jackson (mit der knappen Mehrheit der Staaten des Südens unter Ablehnung der betroffenen indigenen Stämme) 1830 einen „Umsiedlungsplan“, den Indian Removal Act. Die Vertreibung dieser beiden Stämme auf dem Pfad der Tränen in die kargen Gebiete Oklahomas fand 1830 bzw. 1832 statt. Auch für die Cherokee, Muskogee aus den Gebieten weiter östlich sowie die Seminolen aus dem heutigen Florida war die Abtretung ihres Landes vorgesehen. Ich bin gespannt, ob wir auf unserer Reise durch das Delta noch auf Spuren des damaligen indigenen Lebens stoßen werden.

Nur 25 Kilometer entfernt, in östlicher Richtung, befindet sich nun die beschädigte Staumauer des Arkabutla Lake. Mit bangem Blick verfolgen wir die Wassermassen, die sich weiterhin von oben auf uns herniedergießen und hoffen, dass diese an der Mauer nicht noch zusätzliche Schäden anrichten.
Auf der Suche nach einem Hinweisschild zum Gateway to The Blues Museum, unserem ersten Stopp für heute, erhasche ich aus dem Augenwinkel lediglich ein Schild zu einem Visitors Center, das ich mit dem Tunica Resort mit zahlreichen Casinos verbinde. Von hier stammt im Übrigen der Blues Harp Spieler James Cotton. Immer weiter fahren wir durch den Platschregen. Irgendwo hier müsste das Gateway to the Blues Museum direkt am Highway doch liegen. Mittlerweile haben wir auch schon den langgezogenen Ort Tunica durchquert, als es mir dämmert, dass wir das Tor zum Blues verpasst haben. Ich hätte das aber sehr gerne besucht, so als Eingangstor auf unserem Roadtrip hinein ins Mississippi Delta, zu den Wurzeln des Blues, mit Haltepunkten an verschiedenen Highlights entlang der Strecke, bis hinunter nach New Orleans. Schade, doch ich denke, dass eine weitere Gurkerei jetzt auch nicht notwendig ist. Pech gehabt, aber schön wär‘s doch gewesen. Alex, die Engelsgeduld in Person, wendet bei der nächsten Gelegenheit, und auf der Gegenspur geht es wieder 15 (!) Meilen zurück. Tatsächlich wäre der Abzweig bei oben benanntem Schild zum Visitors Center gewesen. Ich hatte allerdings damit gerechnet, dass das Museum selbst ausgeschildert ist, aber egal, jetzt sind wir ja da. Wie durch ein Wunder hat der Regen plötzlich aufgehört.




Der Eintritt für dieses kleine Museum kostet 10 USD pro Person. Stilecht erinnert es äußerlich an einen Juke Joint, doch im Innern empfangen uns über 700 sehenswerte Ausstellungsstücke.

Was ist der Blues? Diese Frage bekommen wir zu Beginn unseres Rundgangs auf einer Tafel gestellt. Es gibt Annäherungen an den Begriff und die Bedeutung, unter anderem, dass sich spirituelle Musik, Feldgesang, Gefängnis- und Arbeitslieder der Afroamerikaner des frühen 20. Jahrhunderts auf Not und Unterdrückung fokussierten. Diese Musikformen verschmolzen miteinander zum Blues, der die harten Zeiten und Lebensbedingungen als Hauptthemen in den Vordergrund stellte.

Auch der Willie Nelson hat an mehreren Stellen in seiner Biografie Bezug zum Blues genommen. „Schon als kleiner Junge wusste ich, dass aus dem Blues die Wahrheit spricht. Er ist ein wahrhaft menschlicher Ausdruck. Alle meine Lieblingskünstler – von Hank Williams über Django Reinhardt bis hin zu Ernest Tubb und Ray Charles – spielten den Blues. Sie spielten den Blues, weil sie den Blues hatten. Sie spielten den Blues, um ihn zu vertreiben, wohl wissend, dass er schon bald wiederkommen würde.“ (Willie Nelson, S. Literaturliste, Seite 375)

Die Wiege des Blues, so sagte man, liege im Mississippi-Delta. Tatsächlich kann man nachvollziehen, dass diese Musikform spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts, also etwa vierzig Jahre nach Ende der Sklaverei, populär wurde. Die Arbeit auf den Feldern war nicht weniger geworden und die Bedingungen immer noch dieselben. Musik konnte man nur live hören, Radio und Schallplatten gab es zu der Zeit noch nicht. Damals trafe man sich zur Entspannung in den Juke Joints, in zusammengezimmerten Bretterbuden, in denen es mitunter sehr rau zuging. Häufig standen sie in der Nähe der Felder, auf denen man arbeitete. Abseits der Dörfer wurden sie für die afroamerikanischen Arbeiter zu einer Art Zufluchtsort mit Möglichkeiten zum Glücksspiel, dem Konsum von illegalem Alkohol. Auch Frauen verkehrten dort. Pistolen und Messer wurden präsentiert, Musik wurde aufgeführt, inhaltlich mit den Themen, mit denen man sich identifizieren konnte. In diesen Juke Joints hier im Delta wurden die alten Bluesmen zu Legenden.

Zu jener Zeit verfügte man als Musiker nicht über das Geld, sich teure Musikinstrumente zu kaufen. Häufig wurden sie selbst gebastelt. Witzig finde ich den ultraeinfachen Diddley Bow, der seine Ursprünge in Afrika hat. Erstaunlich, wie variantenreich sich ein Instrument spielen ließ, das aus einem Brett, einem gespannten Draht und einer leeren Flasche oder Blechdose als Resonanzkörper bzw. Schlaginstrument bestand, und mit einem kaputten Flaschenhals (Bottleneck) zum Sliden über den Draht. Dazu passten die Klänge einer Harmonika, auch diese in einfacher Form, und fertig war das Ein-Mann-Orchester. Kitchen Blues
Eine ganze Kollektion von Bluesinstrumenten ist im Gateway to the Blues Museum ausgestellt, einige können sogar selbst getestet werden, wie z.B. eine Lab Steel Guitar, die auch in der Countrymusik und anderen Musikrichtungen ihren Platz gefunden hat. Mit ihr kann man einen famosen hawaiianischen „Aloha-Sound“ mit lang gezogenen, weichen, fast kitschig klingenden Tönen erzeugen. Ein guter Kontrast und eine weitere Facette des Blues-Sounds zu den sonst oft harten Tönen in den Juke Joints. Elektrisch verstärkt klingt sie fast wie eine E-Gitarre.
Eines der wichtigsten Instrumente des Blues ist natürlich die akustische Gitarre. Ähnliche Instrumente spielte man schon in der Antike in Griechenland und noch früher in Persien, doch die Gitarre in der Form, wie sie die alten Bluesmusiker ab dem frühen 20. Jahrhundert spielten und wie sie bis heute als klassische Gitarre hergestellt wird, kommt aus dem Spanien des 19. Jahrhunderts. Diese Torres-Gitarre landete irgendwann auf ihrer Reise rund um die Welt auch im Mississippi Delta.
Spätere Blueslegenden verwendeten die Instrumente auch elektrisch verstärkt, als sie ihren Weg hinaus aus den Juke Joints und hinein in die Konzerthallen fanden. Viele tolle Gitarren sind mit Erklärungen im Museum ausgestellt, wie eine 1952er Gibson Les Paul (wie sie von Muddy Waters gespielt wurde) oder ein 1950er Kay Silverstone „Jimmy Reed“ Modell. Sogar handsignierte E-Gitarren sind dabei, zum Beispiel eine 1993er Telecaster von Keith Richards.
Nicht fehlen darf das Kornett, das Instrument, mit dem W.C. Handy berühmt wurde. Eigentlich fing alles mit einer billigen Gitarre an. Doch Vater Handy fand das Kornett gediegener, und er hoffte, dass sein Sohn mit diesem Instrument weiter auf einem ernsthaften Pfad bleiben würde. Er ahnte allerdings nicht, dass das Kornett ausgerechnet zu einem Instrument des Blues werden würde, wie Handy es später in seiner Band spielte: W. C. Handy mit dem St. Louis Blues in der Ed Sullivan Show 1949.

Blues-Musik ließ sich bald schon in verschiedene Strömungen unterscheiden, wie den St. Louis-Blues, den Memphis-Blues oder den Dirty Blues (1920er-1930er Jahre), der Tabu-Themen besang und daher im Radio verboten war, und viele mehr.
Ähnlich wie in anderen frühen Musikgenres war auch der Blues fast ausschließlich Männersache. Einige der wenigen Frauen, die sich für ein Leben als Bluesmusikerinnen entschieden und Erfolg hatten, waren Bessie Smith (1894-1934), hier mit Backwater Blues, und Memphis Minnie (1897-1973) mit Hoodoo Lady. Auf einem Friedhof von Memphis stand bis 1996 lediglich ein Holzpfahl mit einem groben Querbrett, auf dem MPhS Minnie zu lesen war, bevor er von einem Marker aus Granit ersetzt wurde. Dieser Pfahl ist hier im Museum ausgestellt. Über diese Würdigung freue ich mich besonders, denn als Frau war es zu ihrer Zeit unglaublich schwer, sich in der Musik erfolgreich durchzusetzen.

Weiterhin widmet sich die Ausstellung in Einzelvitrinen mit kostbaren Ausstellungsstücken den großartigen Musikern dieses Genres, die das Delta hervorgebracht hat: Legenden wie Blind Lemon Jefferson (1893-1929), Son House (1902-1988), Howlin‘ Wolf (1910-1976), Sonny Boy Williamson (1912-1965), Memphis Slim (1915-1988), Jimmy Reed (1925-1976), Muddy Waters (1913-1983) und B.B. King (1925-2015).


Auch den beiden Ur-Bluesmen sind Schaukästen gewidmet: Robert Johnson, (1911-1938) dem „King of the Delta Blues Singers“ und Charlie Patton (1887-1934), häufig als der „Vater des Blues“ bezeichnet. In der Vitrine von Robert Johnson liegen eine Gitarre, wie er sie gespielt hat, ein Exemplar der Schallplatte „Cross Roads Blues“ und seine Sterbeurkunde. Warum, so fragt man sich, wird ein solches Dokument ausgerechnet bei ihm ausgestellt. Der Fan weiß, dass sich um seinen Tod etliche Mythen ranken, selbst der Ort, an dem er beerdigt wurde, ist nicht eindeutig. Die Urkunde belegt, dass er am 16. August 1938 in Greenwood, Mississippi, gestorben ist, wo er mutmaßlich auch beerdigt wurde. Eine Todesursache ist nicht angegeben. Sein Ruhm, so heißt es auf einem Plakat, stellte sich erst ein, als in den 1970er Jahren Fotos von ihm gefunden wurden, denn bis dahin waren keine von ihm bekannt. Eine daraufhin neu aufgenommene CD seiner Lieder verkaufte sich so gut, dass sie Platin Status erreichte.
Von Charlie Patton ist die Platte „Founder of the Delta Blues“ (1929 – 1934) ausgestellt, ebenso wie eine bemerkenswerte 1930er National Duolian Akustik-Gitarre. Diesen beiden Bluesmen werden wir im Laufe der nächsten Tage noch intensiver begegnen.

Am Ende unseres Rundgangs verstehe ich, warum das erst 2015 eröffnete Museum sich zu Recht Gateway to the Blues Museum nennt (Slogan: Where the Blues begins). Hier, am Eingang zum Delta, werden die Grundlagen zum Verständnis der alten Blues-Meister mit wichtigen Informationen und interessanten Ausstellungsstücken gelegt. Von ihrer Musik entwickelte der Blues bis heute seine zahlreichen Facetten. Es geht ja um mehr als die Darstellung regionaler Musik. Es geht um die Beschreibung eines Lebensgefühls mit Hilfe des Blues, das jeder kennt. Vielleicht hat die Bluesmusik deshalb weltweit einen solch immensen Erfolg erfahren. In anderen Kulturkreisen wird er mit anderen Instrumenten gespielt und in anderen Sprachen gesungen, wie der Rembétiko in Griechenland. Doch der Inhalt ist identisch: Ausgedrückt wird ein oft kollektives Lebensgefühl von Trauer und Schwere, das in seiner jeweiligen musikalischen Form eine große Kraft besitzt. Der amerikanische Blues aus dem Mississippi-Delta mit seinen afrikanischen Wurzeln ist vielleicht aufgrund der oben beschriebenen besonderen Ausgestaltungsform bis in den hintersten Winkel der Welt bekannt geworden.
Die Museumsausstellung zu der Thematik ist einladend, nicht überfrachtend und dennoch ausreichend informativ. Ein richtiger guter Einstieg in die Welt des Delta-Blues. Uns wäre etwas Wichtiges entgangen, wenn wir einfach weitergefahren wären und auf den Besuch des Gateway to the Blues Museum verzichtet hätten.
Sehr anregend fand ich am Ende noch den Austausch mit der sehr freundlichen Frau, die uns die Tickets verkauft hat, und einem jungen deutschen Paar, das ebenfalls dem Blues Trail folgt. In Erinnerung ist mir der mulmige Eindruck der beiden jungen Leute über Memphis geblieben, dass ihnen die Gegend rund um die Beale Street in Memphis überhaupt nicht geheuer war, und der Besuch der Stadt deshalb insgesamt als nicht so positiv bewertet wird. Schade auch, dass sie das National Civil Rights Museum nicht besucht haben.

Bis nach Clarksdale liegt jetzt noch eine Dreiviertelstunde Fahrt auf dem schnurgeraden Highway vor uns. Sie führt durch eine eintönige Ebene. Landwirtschaft prägt das Bild mit Feldern, die vom Regen schon im Übermaß getränkt wurden. Richtige Teiche haben sich gebildet. Größere Ortschaften sucht man vergeblich, eher erkennt man kleinere Gehöfte abseits des Highways. Keine Erhebung, kein Hügel weit und breit, kein Wunder, wenn der eine oder andere hier auch ohne Plackerei auf einem Feld unter dem regenverhangenen Himmel den Blues bekommt.
Schließlich erreichen wir den Abzweig zur 161, die unweigerlich zur legendären Kreuzung der beiden Highways 61 und 49 in Clarksdale führt.


Dies ist also die berühmte Kreuzung, die zur Legendenbildung um Robert Johnson beigetragen hat, als er dem unmoralischen Angebot des Teufels folgte und seine Seele gegen ein besseres Gitarrenspiel eingetauschte. Auf diese „Crossroads“ greifen auch andere Musiker (Eric Clapton mit seinem gleichnamigen, erfolgreichen Album) ebenso wie Firmen zu Werbezwecken u.v.m. zurück. Auch Ry Cooder hat sich an der Legende versucht, doch einer seiner Protagonisten ist nicht Robert Johnson, sondern Willie Brown, ein Blues-Harp-Spieler, der in der Realität im Jahr 1900 in Clarksdale geboren wurde und tatsächlich mit Robert Johnson aufgetreten ist.

Bevor wir uns weiter in die zahlreichen Besonderheiten der Kleinstadt vertiefen, möchten wir unser Gepäck abladen und das Auto abstellen. Unsere Unterkunft, ein Hostel mit Privatzimmern, befindet sich in der Delta-Ave. Die Tür ist, wie per E-Mail angekündigt, verschlossen. Also rufe ich die angegebene Nummer an und erhalte, wieder per Mail, die Codes für den Eingang und unser Zimmer. Im Innern des Foyers sind wir ganz allein. Während unseres gesamten Aufenthaltes werden wir die Eigentümer nicht zu Gesicht bekommen. Irgendwie finden wir diese Anonymität etwas strange.
Die Herberge ist sehr liebevoll eingerichtet, sowohl was die Gemeinschaftsräume und einzelnen Zimmer anbetrifft, als auch die originelle Wandgestaltung mit Bezug zur Blues-Vergangenheit und –gegenwart des Ortes. Zimmer, Foyer und Flure sind geräumig. Schnell sind die Koffer die Holztreppe hochbuxiert und im Zimmer deponiert, dann geht es ab in den Ort.


Clarksdale wurde im Jahr 1848 an einer Kreuzung zweier alter Pfade der vor dem Indian Removal Act hier lebenden Stämme gegründet. Der aus England stammende Namensgeber John Clark (1823-1892) war zunächst in der Holzwirtschaft und später als Farmer tätig. Bemerkenswert ist, dass er den Einsatz von Sklaven ablehnte.

Bekannt geworden ist der Ort jedoch durch seine prominenten Künstler, die von hier oder der unmittelbaren Umgebung stammen. Die Liste liest sich wie ein Who’s Who der Musikszene. Zu ihnen gehören - neben Willie Brown - John Lee Hooker, Sam Cooke, Ike Turner, Christone „Kingfish“ Ingram und viele andere. Große Graffitis mit ihren Konterfeis prangen an Hauswänden, an verschiedenen Stellen sind Marker mit Kurzinformationen aufgestellt. Andere sind zwar nicht in der Stadt geboren, haben jedoch ebenfalls Beziehungen zu Clarksdale, sei es, dass sie eine Weile hier gelebt haben, geschäftlich tätig waren oder es immer noch sind. Dazu gehören W. C. Handy (lebte hier sechs Jahre lang), Robert Johnson (hielt sich hier in den 1930ern auf), Muddy Waters und Tennessee Williams (zogen als Kinder hierher) und neben vielen anderen der fünfmalige Oscar-Gewinner Morgan Freeman, der geschäftlich mit Clarksdale verbunden ist.

Ohne Plan streifen wir bei Sonne und mittlerweile recht warmen Temperaturen durch die Straßen der Nachbarschaft unseres Hostels. Einwohner stehen zusammen und unterhalten sich. Wir als Besucher nehmen die Stimmung als gelassen und freundlich wahr. Der Ort wirkt kleinstädtisch, absolut kein Vergleich mit Nashville oder Memphis, und dennoch mit einem großen musikalischen Spirit, der dem Besucher überall begegnet, sei es in Form von (jetzt noch geschlossenen) Clubs, Plakaten, Wandgemälden oder Blues-Markern.
Bescheidene Gebäude beherbergen Blues-Clubs, wie das Blues Alley Café oder das Bluesberry Café. Tatsächlich scheint sich alles in der Stadt um den Blues zu drehen.




Das Paramount Theatre, als erstes Kino der Umgebung 1918 eröffnet, ist schon seit vielen Jahren geschlossen. Nur noch wenige Buchstaben lassen erahnen, was vormals über dem Eingang stand: Now Showing Real Blues (Jetzt wird der echte Blues gezeigt).


Am Ende der Blues Alley, an der John Lee Hooker Lane, landen wir in der Nähe der Zuggleise am Delta Blues Museum, das um diese spätnachmittägliche Stunde geschlossen ist.


Gebäude des Delta Blues Museum, früher ein Eisenbahn-Fracht-Depot

Auf einem Flyer wird das 1979 gegründete Museum als das älteste Musikmuseum in Mississippi beworben. Nicht nur viele interessante Ausstellungsstücke sind zu sehen, das Museum ist auch sehr aktiv, was die musikalische Erziehung von Kindern und Jugendlichen angeht. 2014 wurde die hauseigene Delta Museum Blues Band sogar von Michelle Obama ins Weiße Haus eingeladen. Mit dabei war damals auch ein fünfzehnjähriger Junge, einer der Gitarristen der Gruppe. Sein Name ist Christone Ingram.
Im selben Jahr hatte die benannte Museumsband anlässlich des jährlich stattfindenden Sunflower River Blues & Gospel Festivals einen Auftritt auf der Bühne neben dem Museumsgebäude: Delta Blues Museum Band - Sunflower Festival Highlights (Christone ab Minute 2:23)


Spätestens ab diesem Zeitpunkt begann der steile Aufstieg des überaus begabten jungen Mannes mit der schon damals so erwachsen klingenden Stimme in den Blueshimmel. Bis heute war er Gast bei unzähligen Festivals rund um den Globus und ist mit den besten zeitgenössischen Bluesmusikern getourt, wie bei der Abschiedstournee von Buddy Guy oder mit Joe Bonamassa. Wer sich ein Konzert im Ground Zero Blues Club aus dem Pandemiejahr 2021 geben will, findet den zu dem Zeitpunkt 22jährigen als musikalisch weiter gereiften Bluesmusiker, der mittlerweile schon mit einem Grammy dekoriert wurde. Auf seiner Internetseite gibt es weitere Beispiele seiner grandiosen Spielweise.

Schräg gegenüber dem Delta Blues Museum steht ein ein oller Juke Joint. Wüssten wir nicht, dass dies der berühmte Ground Zero Blues Club ist, würden wir wahrscheinlich keinen Fuß hineinsetzen, so heruntergekommen sieht er von außen aus: eine vollgeklebte und vollgekritzelte Bretterbude.


Natürlich treten wir ein, unter anderem ist der Besuch dieses Clubs Ziel meiner Begierde bei unserem Besuch in Clarksdale. Uns erwartet ein gemütliches Lokal mit einer ganz eigenen, urigen und freundlichen Atmosphäre. Den Blues Club gibt es seit 1991, als er von Eric Meier, Howard Stovall, Bill Luckett und Morgan Freeman gegründet wurde.
Vor uns liegt ein langgezogener Raum mit einer Bühne ganz hinten, davor Tischreihen, seitlich eine Theke, gegenüber die Küche und im vorderen Bereich ein Billardtisch, der auch fleißig benutzt wird. Alle Wände und Gegenstände, wie die hölzernen Tische und Stühle, die Theke, einfach alles ist mit Bildern und Postern zugeklebt und ansonsten bekritzelt mit Namen von Besuchern, die einmal hier gewesen sind.




von John Lee Hooker signierte Gitarre


Wir nehmen an einem der Tische Platz, die zur noch schwach beleuchteten Bühne ausgerichtet sind. Jede Woche von Donnerstag bis Sonntag gibt es Livemusik, bekommen Talente oder auch schon bekannte Bluesmusiker ihre Möglichkeit für einen Auftritt. Heute Abend wird die Mitch Grainger Blues Band, wohnhaft in Nashville, den Blues für uns spielen (hier bei einem Auftritt in LA).

Doch noch ist es nicht so weit. Langsam meldet sich bei uns der Hunger, und für recht preiswertes Geld bekommen wir eine große Portion gebackenen Catfish mit Pommes und Ketchup, zünftig und passend, außerdem eine gute Grundlage für das ein oder andere Bier, das wir hier noch zu trinken gedenken.
Alex, mittlerweile im Außenbereich neben einem Aschenbecher aufgeschlagen, hat schon Bekanntschaft mit einer norwegischen Blues-Truppe aus Notodden gemacht, die sich dort gemütlich auf einer Bank eingerichtet hat. Auch sie folgen dem Blues-Trail, treten manchmal auf, besichtigen Museen und andere heilige Tempel des Blues. Alex erzählen sie, dass sie uns schon in Memphis, auf der Beale-Street, gesehen haben. Im Laufe unseres weiteren Trips sollten sich unsere Wege noch ein weiteres Mal kreuzen.
Diese Herrentruppe ist unglaublich nett, als ob man sich schon ewig kennen würde. Die Liebe zum Blues verbindet halt. Sie weisen uns auch auf das jährlich stattfindende Notodden Blues Festival hin, bei dem sie auch mit im Boot sind, als Mitorganisatoren, wenn ich es richtig verstanden habe. Dieses Jahr (2023) wird das Musikevent Anfang August mit einem Line-Up stattfinden, das sich sehen lassen kann. Später erfahre ich, dass Notodden und Clarksdale seit 1996 Partnerstädte sind, die insbesondere durch den Blues verbunden sind. Auch B.B. King, Christone Ingram und andere Musiker aus dem Delta haben in Notodden schon gespielt, umgekehrt auch norwegische Bluesmusiker in Clarksdale.

Langsam bricht die Dämmerung herein, und das Lokal füllt sich innerhalb kurzer Zeit bis auf den letzten Platz für das bevorstehende Konzert. 12 USD kostet der Eintritt.


Los geht es mit ein paar älteren Delta-Blues-Liedern, darunter auch Boom Boom von John Lee Hooker und ein Song von Muddy Waters. So gelingt es dem Sänger schnell, das Publikum einzufangen. Irgendwann singen wir alle unter seiner Leitung sogar einen Gospel! Im Focus stehen insbesondere eigene Songs von Mitch Granger, wie zum Beispiel Hollywood.


Während des mehrstündigen Musikevents finden immer wieder Pausen statt, in denen die Gäste an den Tischen immer mal wieder wechseln. Dem Künstler macht es nichts aus, auch nicht, dass sich eine Truppe am Tresen lautstark unterhält. Egal, das gehört offenbar dazu. Seiner und unseren guten Laune tut das keinen Abbruch, wir genießen das Konzert, den Ort und alles um uns herum in vollen Zügen.
Mittlerweile ist es schon spät geworden, als eine weitere Pause anbricht. Draußen, gegenüber dem Club, haben sich ein Paar Jugendliche um ein laufendes Auto herum versammelt und veranstalten zu ihrer Musik ihre eigene Freitag-Abend-Party. Irgendwie sind wir recht müde geworden und denken daran, dass wir morgen ja weiterfahren und dann ebenfalls wieder Programm haben. Zum Abschluss tauschen wir noch ein paar Scherze und weitere Worte mit den netten Norwegern, die Verabschiedung erfolgt per Handschlag. Dann trollen wir uns die paar Meter über die stille Straße hoch zum Hostel, in unser Zimmer, wo uns eine recht kühle Nacht erwartet. Zusätzlich zu den etwas niedrigen Nachttemperaturen bläst nämlich noch eine Air Condition automatisiert in zeitlichen Abständen ziemlich kalte Luft auf die dünne Decke. Hoffen wir, dass es am Tag wieder etwas wärmer wird!


Weitere Stationen des Blues im Mississippi Delta,
Greenville Cyprus Preserve