Weitere Stationen des Blues im Mississippi Delta
Greenville Cyprus Preserve


Ein Frühstück gibt es im Hostel nicht, dafür aber in einem tollen Café und Restaurant um die Ecke, dem Yazoo Pass. Noch total verpennt betrete ich den Laden und werde prompt angesprochen. Ob ich Griechin sei? – Wieso das? Ach ja, Alex muss bei seiner kurzen Umgebungserkundung gestern schon mal hier gewesen sein, doch woher wissen sie, dass wir zusammen sind? Als ich mich als Nichtgriechin oute, ist das aber auch nicht schlimm.
Zunächst brauche ich etwas zum Wachwerden. An einem separaten Tisch gibt es aus einer Pump-Thermoskanne einen richtig guten, starken Kaffee. Irgendjemand in meiner Nähe erklärt mir, dass ich einfach Kaffee zapfen kann und hinterher bezahle. Butterzarte, frische Blaubeer-Muffins sowie andere kleine Süßigkeiten locken durch ihren Duft. Gibt es etwas Besseres zum Wachwerden als eine Coffein-Zucker-Dröhnung?
Während ich so vor mich hin mampfe, kommt immer mal wieder jemand mit der unaufdringlichen Frage vorbei, ob alles OK sei. Sie sind hier so aufmerksam, freundlich und gelassen. Wenn wir länger hier in Ort blieben, wäre das Bistro auf Anhieb mein Stammlokal.
Alex ist mittlerweile auch in den Innenbereich des Cafés gekommen, als ein weiterer Mann an unseren Tisch kommt und fragt, wie es uns in Clarksdale gefällt. Wir schwärmen von diesem Ort als einem ganz Besonderen und dass wir uns hier sehr wohl fühlen. Wir seien uns der Blues-Größen bewusst, die diesem Ort und der Umgebung entsprungen sind und natürlich wegen der vielen freundlichen Menschen, die uns ständig begegnen. Vielleicht hätten wir doch eine längere Zeit hier einplanen sollen, zumindest zwei bis drei Tage, doch diese Aufmerksamkeit verdienen auch andere Orte, und unser USA-Aufenthalt wäre immer länger geworden...
Schweren Herzens reiße ich mich nach einigen Muffins und zwei großen Bechern Kaffee endlich los, denn uns erwarten heute gleich mehrere Zwischenziele, die alle mit dem Blues zu tun haben. Gerade als wir uns im Café verabschieden, trifft ein Teil der norwegischen Combo von gestern Abend ein, heute Morgen alle mit Sonnenbrille. Die haben selbst morgens vor dem ersten Kaffee schon gute Laune.
Leider müssen wir jetzt wirklich los, das heißt zurück zum Hostel und unser Gepäck schnappen. Das Foyer ist mittlerweile von müde aussehenden Müttern mit mehreren Kleinkindern belagert, der Fernseher läuft. Von den Eigentümern ist auch zu dieser Zeit nichts zu sehen. Also werden wir unser Zeug zusammenpacken und genauso anonym davonfahren, wie wir am Vortag angekommen sind. Unser Auto ist bereits ordentlich aufgeheizt, doch mit pustender Klimaanlage lässt es sich bald aushalten.

Auf dem Blues Highway (im folgenden Abschnitt HW 278) fahren wir in südliche Richtung durch das platte Land des Bolivar County, das im Westen bis an den Mississippi River reicht.




Ursprünglich hieß die Region Choctow, so wie der Stamm ihrer einstigen Bewohner, die kurz vor der Gründung des County vertrieben worden waren. Durch seinen Wasserreichtum war es ein ideales Baumwollland. Als Robert Kennedy Ende der 1960er Jahre die Gegend besuchte, konstatierte er, dass er hier die schlimmste Armut in den USA gesehen habe. Trotz vieler Errungenschaften über die Jahrzehnte leiden viele Menschen im County weiterhin unter der Not: 29,1 % der Bevölkerung galten laut dem US-Zensus-Büro im Jahr 2022 mit einem jährlichen Durchschnitteinkommen von rd. 25.000 USD als arm. Der Median liegt bei knapp 38.000 USD. Bei der Durchfahrt durch die Dörfer fällt uns als Besucher jedoch nichts davon auf. Weder sehen wir armselige Häuser noch verlotterte Trailer-Parks. Viele der Häuser wirken zwar bescheiden, sind aber gepflegt. Sicherlich hat sich zwischenzeitlich trotz aller Widrigkeiten so manches zum Besseren geändert.
Einer der größten Reichtümer des Bezirks liegt in seiner Musikgeschichte. Wenn man behauptet, das Mississippi Delta sei die Wiege des Blues, so kann man das insbesondere hier im Bolivar County auf dem Mississippi Bluestrail, ganz leicht nachvollziehen.
Es scheint so, als ob jedes einzelne der Dörfer in diesem von Feldern und landwirtschaftlichen Betrieben durchzogenen, platten Land, das wir durchfahren, seine eigene Musikgeschichte hat. Beispielsweise hat das Dorf Alligator den Alligator Blues und der Ort Mound Bayou den Mound Bayou Blues hervorgebracht. In der Nähe von Duncan arbeitete der legendäre Jimmy Reed auf einer Plantage, neben vielen anderen Bluesmusikern, die hier ebenfalls ihre Wurzeln haben. Aretha Franklins Schwester Erma (Gospel und Soul) stammt ebenso aus dem Winzort Shelby wie der Bluesmusiker Henry Townsend.
Diese Orte hier zu besichtigen, fühlt sich für die Fans der Bluesmusik ähnlich an wie für Mozartfans ein Besuch in Salzburg oder für Anhänger von Goethes Lyrik ein Aufenthalt in Weimar. Allen ist gemein, dass der Geist jener herausragenden Künstler an diesen Orten durch die bereitgestellten Informationen, regelmäßig stattfindenden Versanstaltungen und durch die nie kleiner werdende Fangemeinschaft lebendig bleibt. Was mir im Delta besonders gefällt, ist die fehlende bzw. begrenzte Kommerzialisierung.


Po‘ Monkey‘s
Auch der mittlerweile geschlossene Juke Joint Po' Monkey's in Merigold war eine Blues-Institution. Und genau diese möchten wir uns als nächstes ansehen. Da wir allerdings falsch abgebogen sind, kommen wir zunächst durch eine dörfliche, idyllisch im Grünen gelegene Wohnlandschaft mit Einfamilienhäusern und Rasen vor der Hütte.




Einen Mann, der gerade am Mähen ist, frage ich nach dem Weg, und er zeigt auf eine Schotterpiste an einem Bayou entlang. „Vielleicht ist der Weg wegen des vielen Regens noch schlammig“, mahnt er, „passt auf, wo ihr entlangfahrt“. Die Sorge ist unbegründet. Eine grüne Traumlandschaft entfaltet sich zu beiden Seiten des idyllischen Jones Bayou vor uns. Wir müssen einfach anhalten und aussteigen, um diese landschaftliche Schönheit und Stille zu genießen.




Nicht sehr weit entfernt von der Hauptstraße finden wir schließlich die traurigen Überreste des früheren Juke Joints, in dem es Donnerstagabends heiß hergegangen sein soll. Ein parkender Traktor direkt vor dem früheren Treppeneingang vervollständigt das Stillleben.


In den 1960er Jahren eröffnet diente das Lokal zunächst den Einheimischen der Umgebung als Treffpunkt zum Musikhören und Tanzen. In den 1990er wurde er mehr und mehr auch Anziehungspunkt für Blues-Touristen. Im Jahr 2016 verstarb sein Gründer, Willie „Po' Monkey“ Seaberry, was zur endgültigen Schließung des Blues-Treffpunkts führte. Heute ist das ehemalige Lokal dem Verfall preisgegeben. Uns bleibt die Phantasie für das, was früher hier am Dorfrand los war, direkt neben dem Gewässer, wenn man je nach Wetter auch völlig vollgematscht hier ankam. Ehemalige Besucher werden ihre rauschenden Abende im Po‘ Monkey’s sicherlich nie vergessen.


Uns hat neben dem Besuch der historischen Bretterhütte der Eindruck gefallen, wie man hier in Merigold so lebt. Echt ein schönes und ruhiges Fleckchen Erde.


Dockery Farm
Zurück auf dem Blues Highway sind es nur noch ein paar Minuten Autofahrt bis nach Cleveland, Mississippi. Mit mehr Zeit im Gepäck hätte mich hier das Grammy-Museum interessiert. Doch unser Tag ist noch lang, und die Öffnungszeiten der weiteren Ausstellungen, die wir besuchen wollen, zeitlich begrenzt. Cleveland mit etwa 12.000 Einwohnern ist einer der beiden Verwaltungssitze von Bolivar County. Den Abzweig zur schmalen Landstraße 8 finden wir in der Ortsmitte leicht und kommen nun ins benachbarte, weiter östlich gelegene Sunflower County. Unser nächstes Besichtigungsziel ist nach wenigen Meilen erreicht: die ehemalige Baumwollplantage, die Dockery Farm.


Die Farm wurde 1895 von Will Dockery, einem Absolventen der University of Mississippi, gegründet. Zunächst für die Holzverarbeitung vorgesehen, erkannte man bald die Vorteile des fruchtbaren Bodens für den Baumwollanbau. Die Plantage soll überaus erfolgreich gewesen sein und vergrößerte sich immer weiter.
Es ist ein ganz besonderer Ort, denn hier haben sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die berühmtesten Bluesmusiker des Deltas getroffen! Und das hatte seinen Grund, denn einer der dortigen Arbeiter war der wohl einflussreichste Musiker des frühen Deltablues, Charlie (auch Charley) Patton, der – je nach Quelle – zwischen 1885 und 1891 geboren wurde. Die Dockery Farm war mit Unterbrechungen fast drei Jahrzehnte lang sein Zuhause. Gitarrenspiel und Bluesgenre lernte er von Henry Sloan, einem anderen Farmarbeiter. Ab 1910 war er bereits so weit, dass er selbst andere musikalisch beeinflusste.
Charlie Pattons spektakuläres Gitarrenspiel und seine raue, kräftige Stimme wollte man unbedingt sehen und hören. Mit einer Mischung aus afroamerikanischen-indigenen-weißen Wurzeln müssen die charismatischen Auftritte des gut aussehenden Künstlers der Hammer gewesen sein. So liest man es auf den einschlägigen Seiten. Wenn er spielte, strömten die Leute herbei, auch hierher, zur Dockery Farm. Für damalige Verhältnisse war er eine Berühmtheit, der sich nicht selbst seine Auftritte zusammensuchen musste, sondern der gebucht wurde! Charlie Patton mit A Spoonful Blues, High Sheriff Blues und I’m goin’ home.
Es war weithin bekannt, dass er auf der Dockery Plantage wohnte. Das zog auch andere Musiker, die sich ebenfalls dem Blues verschrieben hatten, in seinen Bann und die Arbeitsumgebung. Was muss das damals für eine Zeit gewesen sein, wenn die besten Bluesmen abends nach dem Job rund um den Grill oder bei einem der von Will Dockery für die Bewohner veranstalteten Picknicks zusammen jammten!
So lässt sich vielleicht nachvollziehen, wieso behauptet wird, dass der Blues genau hier auf der Farm seinen Ursprung hat. „Wenn man einen einzigen Punkt als Geburtsort des Blues herauspicken will, könnte man sagen, dass hier alles angefangen hat“, unterstrich auch B. B. King in der Dokumentation aus dem Jahr 1978 Good Morning Blues (ab 10:41).
Der auf der Farm aufgestellte Blues Marker wirft allerdings die eher bescheidene Frage auf, ob dem tatsächlich so war, denn ganz so eindeutig lässt sich das über hundert Jahre später nicht mehr nachvollziehen. Doch vorstellbar ist, dass die Dockery Farm eines der wichtigsten Zentren des frühen Blues war, von dem aus diejenigen, die sich um Charlie Patton herum hier eingefunden hatten, später den Blues durch ihre Reisen und ihren wachsenden Bekanntheitsgrad auch in anderen amerikanischen Bundesstaaten populär machten. Charlie selbst hat zwischen 1929 und 1934 mehr als 50 Songs aufgenommen, 1934 sogar in den Studios der American Record Company (ARC) in New York, sodass uns ein Teil seiner Lieder überliefert ist.

Aufgrund ihrer Bedeutung für das kulturelle Erbe wurde die Dockery Farm im Jahr 2006 in das National Register of Historic Places aufgenommen. Als signifikante Persönlichkeiten sind Will Dockery, Charlie Patton, Howlin‘ Wolf, Tommy Johnson, Sonny Boy Williamson, Elmore James, Willie Brown, Son House und Roebuck Staples angegeben. Die Farm stelle darüber hinaus ein gutes Beispiel für die Mississippi-Plantagen des frühen 20. Jahrhunderts dar, heißt es in der Beschreibung weiter. Acht Gebäude sind ohne große Veränderungen erhalten geblieben.


Das Farmgelände ist schon von der Straße aus an dem berühmten Hinweisschild am früheren Saathaus gut zu erkennen.


Das Saathaus war über ein Rohr, heute ebenfalls noch im Originalzustand, mit dem Cotton-Gin-Gebäude verbunden. Die Entkörnungsanlage, die die Baumwollfasern vom Samen trennt, wurde 1920 installiert und lief bis in die späten 1950er Jahre.


Die Cotton Gin (Abkürzung von Cotton Engine) erhöhte die Produktivität bei der Baumwollverarbeitung enorm.


Per Knopfdruck kann im Gebäude dazu ein passender Film eingeschaltet werden. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie das Arbeitsleben hier funktionierte.


Auch ein Baumwolllager, zwei Düngemittellager, ein Heuschober und ein Stall für Maultiere befanden sich in den Gebäuden. Ein weiteres war das Wohnhaus des Tischlers Ruffin Scott, der bis 1995 noch hier lebte. Auch eine Service Station gehörte zur Farm. Neben den Holzgebäuden befindet sich auch eine mittlerweile überwucherte Ruine auf dem Gelände, das ehemalige Leitungsgebäude. Die Veranda dieses durch Feuer zerstörten Hauses war häufig die Bühne für Spontanauftritte.
Auf dem Gelände treffen wir nur einen einzigen weiteren Touristen (aus Italien), der in den offenen Gebäuden herumstöbert. Er macht uns darauf aufmerksam, dass hinter dem Blues Marker ein Knopf angebracht ist. Drückt man ihn, ertönt Charlies Stimme plötzlich klar und deutlich aus einem Lautsprecher, als ob er gleich um die Ecke kommen würde. Während wir Charlies Songs hören, streunen wir noch ein wenig zwischen den Gebäuden herum und holen uns zum Abschluss einen Satz nasse Füße, als wir über den vor Wasser quellenden Boden vorsichtig wieder zum Parkplatz tapsen.

Der Nachmittag ist schon angebrochen, als wir uns auf den weiteren Weg machen. Die Landschaft unterscheidet sich durch nichts gegenüber der entlang dem Highway 61: endlos eben, platt und flach. Nach fünf Minuten erreichen wir Ruleville, letzter Ruheort von Fannie Lou Hamer, deren filmisches Zeugnis wir über den Versuch einer Wahlregistrierung in Indianola, der so gewaltvoll endete, im National Civil Rights Museum in Memphis gesehen haben. Auch wir sind unterwegs nach Indianola, mit dem Auto etwa eine halbe Stunde entfernt.


Indianola
Indianola ist ebenfalls ein Ort mit bedeutender Bluesvergangenheit. B. B. King und Albert King als Söhne des Ortes sind wahrscheinlich an allererster Stelle zu nennen, beide übrigens nicht miteinander verwandt. Mehrere Blues Marker im Ort erinnern an bluesgeschichtliche Orte, wie an den Club Ebony, ein bedeutender Nightclub für die Künstler in der Region (hier spielten unter anderem Ray Charles, Albert und B. B. King und Count Basie). Ziel unseres Besuches ist das B. B. King Museum and Delta Interpretive Center. Wir möchten uns nicht nur die große Ausstellung über das Leben des einflussreichen Bluesmusikers anschauen, auch sein Grab ist dort integriert.

Wie der Zufall es so will, treffen wir vor dem Museums-Eingang wieder einen Teil der norwegischen Blues-Combo aus Clarksdale, die ihren Museums-Rundgang gerade beendet hat. Sofort sind wir wieder am Klönen. Auch sie waren heute schon im Po' Monkey's. Einer von ihnen, ein Blues-Harp-Spieler, erzählt mir schwärmerisch von den Zeiten, als das Lokal noch geöffnet und er mehrfach zu Besuch dort war. Es sei jedes Mal grandios, ziemlich crazy und einzigartig gewesen. Der Eigner habe sich öfter am Abend umgezogen und sei jedes Mal mit einem noch schrilleren Outfit wieder zum Vorschein gekommen. Unvergessliche Erlebnisse.
Das B. B. King Museum haben sie gerade besucht, es sei sehr empfehlenswert, so die Meinung der Gruppe. Sie fahren jetzt weiter zur Dockery Plantation (ich gebe gleich den Tipp mit dem Musikknopf hinter dem Blues-Marker). Irgendwie könnte man glatt zusammen weiterziehen, so sympathisch sind uns die Leute, doch hier scheiden sich jetzt unsere Wege, und wir werden ihnen auf unserer Reise auch nicht mehr begegnen.

Das Gebäude des B. B. King Museums sieht äußerlich sehr modern aus. Im Foyer erstehen wir die Tickets zu jeweils 12 USD für Ü-60jährige (normal: 15 USD). Noch haben wir genügend Zeit für den Rundgang, denn das Museum schließt erst um 17 Uhr. In der Außenanlage ist das Fotografieren erlaubt, jedoch nicht im Innenbereich, auch nicht ohne Blitz. Es ist das einzige Museum von den vielen, die wir besichtigt haben, wo das Fotografieren gänzlich untersagt ist.




Das Leben und musikalische Wirken von B. B. King (1925-2015), einem der größten und bekanntesten Bluesmusiker, die das Delta hervorgebracht hat, ist im Museum chronologisch nach Dekaden aufbereitet. „Er begann als Riley B. King in einem der verarmtesten Orte, im Mississippi Delta“, so beginnt die Einführung auf der Internetseite des Museum. Der Rundgang beginnt dementsprechend in seinen frühen 1930er Jahren, die sein Schicksal als Traktorfahrer in der Baumwolle bestimmen sollten.
Als Vierjähriger ließen sich seine Eltern scheiden. Mutter und Großmutter, mit denen er zusammen lebte, starben, als er selbst noch jung war. 1943 zog er nach Indianola. Seine musikalische Karriere begann mit Gospel in der örtlichen Kirche, doch er übte auch unentwegt die Blues-Riffs, die ihn begeisterten. Sein größter Traum damals war es, so erzählt er in einem kurzen Filmbeitrag, einmal mit einer Frau und zwei bis drei Kindern ein Zuhause zu haben, samstags auf der Veranda zu sitzen, und dass seine Frau ihm ein Glas Wasser brächte.
Eines Tages beschädigte er versehentlich den Traktor seines Chefs. Aus Angst davor, dass dieser ihm den Kopf abreißen würde, türmte er nach Memphis, wo er einige Monate lang blieb. Das geschah in den 1950er Jahren und gab ihm die Möglichkeit zu erfahren, was in Memphis samstagnachts in den Bluesclubs so los war. Es müssen sehr rauschende Nächte auf der Beale Street gewesen sein.
Die Gründung des schwarzen Senders WDIA brachte seinen Durchbruch. Auch in dieser Ausstellung fällt auf, mit welch „primitiver“ Technik damals Platten aufgenommen wurden. Dies war erforderlich, damit sie karrierefördernd im Radio gespielt werden konnten. Mit seiner Blues-Band fuhr er im Tourbus von Auftritt zu Auftritt. Dieser Bus war mit der letzten Musiktechnologie ausgerüstet und diente als Zuhause, wenn er unterwegs war. Schließlich bereiste er zu Auftritten auch das Ausland. Es folgten weitere Aufnahmen zu vielen Schallplatten.
Die 1960er Jahre waren geprägt von der Bürgerrechtsbewegung und deren Bedeutung auch in der Musik. Vieles von dem, was wir im National Civil Rights Museum in Memphis gesehen haben, wiederholt sich hier auf eine etwas andere Art und Weise. Tatsächlich haben wir mit dem Museumsbesuch in Memphis eine gute Grundlage erhalten, all die Hinweise hier gut zu verstehen und einzuordnen. B. B. King war mittlerweile zur Bluesikone gereift.
Unter den vielen Gegenständen, die sich auf seinen letzten Lebensabschnitt beziehen, gehören zwei signierte Gibson Lucille Gitarren und eine Les Paul, sowie neben vielem anderen Schriftstücke, Noten und zwei seiner Karossen: ein Rolls Royce Silver Shadow und ein Chevy El Camino.

Eine Tür führt jetzt in den schwül-warmen Außenbereich und zum Grab der 2015 verstorbenen Blues-Legende. Unvergessen wird er sein, hochgeschätzt von seinen Weggefährten und alten wie jungen Fans.




Auf dieser Seite des Museums, ganz unten, sind mehrere Videos verlinkt, in denen Wegbegleiter und der Musiker selbst zu Wort kommen und Episoden aus B. B. Kings Geschichte erzählen.
Ein Botschafter des Blues sei er gewesen – ein Attribut, das ihm andere bescheinigen, und dass er auch im Laufe seiner Karriere nie die Bodenhaftung verloren habe, immer er selbst geblieben sei. Als Gönner und Förderer hat er jungen Musikern, die sich ebenfalls dem Blues verschrieben haben, durch seinen Einfluss einen Start ermöglicht, so wie beispielsweise Joe Bonamassa, der schon als 12jähriger in seinem Tour-Vorprogramm auftreten durfte. Unvergleichlich ist der weiche Sound von B. B. Kings Elektrobluesgitarre, an dem man ihn unter Tausenden heraushört: Blues Boys Tune und Lucille

Der Besuch dieses Museums hat uns ebenfalls wieder sehr beflügelt. Doch nun fahren wir zurück in Richtung des Großen Flusses. Unser letztes Ziel für heute ist Greenville, doch einen kleinen Abstecher haben wir unterwegs noch eingeplant.


Holly Ridge
Auf der Dockery Farm haben wir ein wenig über Charlie Pattons Lebensgeschichte erfahren. In Holly Ridge wurde er nach seinem Tod begraben.
Auf der Suche nach dem Weiler haben wir die erste Zufahrt schon verpasst und kratzen gerade noch so die Kurve, bevor wir auch an der zweiten vorbeirauschen. Diese Straße führt über eine rumpelige Schotterpiste. Irgendwie finden wir dann auch den Friedhof. Wie so üblich stehen die Grabsteine recht verstreut auf dem Gelände, einer wasserdurchtränkten Wiese.

Ein Blues-Marker am Eingang des Friedhofs gibt Auskunft darüber, dass neben Charlie Patton noch zwei weitere Blues-Musiker hier beerdigt sind: Willie James Foster (1921-2000) und Asie Payton (1937-1997).

Eine junge Frau, die uns zu Fuß entgegen kommt, weiß überhaupt nicht, wer Charlie Patton war. „Ich kenne nur B. B. King“, meint sie lachend. Doch der ältere Herr, der am Rand des Friedhofs an seinem Wagen herumbastelt, weiß es bestimmt. Er erklärt mir auch sogleich, wo ich ungefähr suchen muss. Recht weit hinten entdecke ich schließlich den Stein mit seinem einzigen bekannten Foto und einer Würdigung einer der größten Delta-Blues-Legenden und -Influencer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.




Die Geschichte des Grabsteins, den übrigens John Fogerty (Creedence Clearwater Revival) gespendet hat, und der im Jahr 1991 im Rahmen einer Zeremonie mit mehreren von Charlies Familienmitgliedern aufgestellt wurde, ist mit den dazugehörigen Fotos auf MississippiFolklife dokumentiert.

Charlies Geschichte, die uns auf den verschiedenen Stationen des Bluestrails nahegebracht wurde, hat mich tief beeindruckt. Es hat eine Weile gedauert, Zugang zu seiner so ganz anderen Musik zu bekommen, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass seine Lebensumstände im Delta, die er besang, so ganz andere waren, als diejenigen, die wir heute in Europa kennen. Und wohl auch, dass man mit Bluesmusik heute eher fantasievolle Riffs und Virtuosität auf einer elektrischen Bluesgitarre als sich eindringlich wiederholende Akkorde auf einer einfachen Akustikgitarre verbindet. Seine Melodien mit dem authentischen Knarzen der alten Shellack-Platten sind mir mittlerweile sehr vertraut geworden.
Eine Annäherung gelang mir auch durch die grobe Übersetzung einiger seiner Lieder. Dabei konnte ich feststellen, dass sprachlich vieles nur angedeutet wurde, in halben Sätzen, die kein Ende haben. Damals wahrscheinlich innovativ verwendete er in seinen Liedern auch gesprochene Zeilen zwischen den gesungenen, sodass der Eindruck entsteht, als ob sich mehrere Leute unterhielten, was wohl genauso beabsichtigt war.
Mir persönlich hat die bisherige Reise durch das Mississippi-Delta mit dem heutigen Schwerpunkt auf der Geschichte von Charlie Patton sehr viel gegeben, nämlich ein tieferes Verständnis für den Early Delta Blues und seine Pioniere.

Für heute schließen wir nun die Besichtigungen auf unserer Blues-Exkursion ab und machen uns auf zu unserer letzten Etappe, zurück in Richtung Westen, zum Mississippi, nach Greenville. Sie führt durch das nahe gelegene Leland, dem Heimatort von Johnny und Edgar Winter. Die beiden Bluesmusiker sind mir seit den 1970er Jahren ein Begriff. Ich wusste jedoch nicht, dass sie aus dem Delta stammen. Kein Wunder also, dass sie den Blues so dermaßen gründlich aufgesogen haben. Johnny und Edgar Winter: Tobacco Road und Johnny Winter mit Leland, Mississippi Blues.
Jeder kleinste Flecken hier scheint mit der Vergangenheit der großen Bluesmusiker verwoben zu sein. Der 3.000-Einwohner-Ort Leland verfügt ebenfalls über ein Bluesmuseum, und in zeitlichen Abständen findet hier das Highway 61 Blues Festival statt.


Greenville
Mittlerweile ist schon der Spätnachmittag mit länger werdenden Sonnenstrahlen angebrochen. Unser Ziel, Greenville, ist nun greifbar nahe. In einem etwas abgelegenen Bezirk, am Rande eines Gewerbeparks, liegt das einzige Hotel, das auf dem Buchungsportal eine vernünftige Bewertung hatte. Eine Essstätte werden wir später sicherlich auch noch finden, doch zunächst möchten wir uns eine Preziose des Ortes anschauen, für die wir eigens hier hergekommen sind. Mit Musik hat es eher nichts zu tun. Natürlich sind aus Greenville auch formidable Musiker hervorgegangen, wie zum Beispiel Eden Brent: Someone to love oder Mary Wilson (Gründungsmitglied der Supremes): I remember you/Both sides now Auch das Mississippi Delta Blues & Heritage Festival findet in Greenville statt. Doch für heute möchten wir nur noch in den Greenville Cypress Preserve, einen Naturgarten in unmittelbarer Nähe zum Mississippi.


Es besteht aus einem kleinen Waldstück, einer Wiese und einem Sumpf, bestückt mit altehrwürdigen Sumpfzypressen, die für uns am interessantesten sind. Ein schmaler Weg führt durch das Gelände, er ist nicht zu verfehlen. Diesen Weg wollen wir entlanggehen und den erlebnisreichen Tag in der Natur beschließen.


Die Anlage öffnet mit der Morgen- und schließt in der Abenddämmerung. Tiere und Pflanzen soll man in Ruhe lassen, warnt eine Hinweistafel, und die angelegten Wege sollten nicht verlassen werden.
Eine Frau, die um den einladenden und wunderschön mit Blumen bestandenen Eingang kleinere Arbeiten erledigt, warnt uns ebenfalls vor in der beginnenden Dämmerung nachtaktiven Tieren, wie z.B. Schlangen, die zwar Menschen in der Regel meiden, aber aufgeschreckt dennoch zubeißen. Wir sollen aufpassen, wo wir hintreten. Alligatoren oder Bären gibt es zum Glück keine.

In Abständen aufgestellte Infotafeln weisen auf Besonderheiten hin. Der Greenville Cypress Preserve ist eine Anlage, die vom Greenville Garden Club seit 1940 betrieben und instand gehalten wird. Die unmittelbare Nähe zum Mississippi River hat in der Geschichte immer wieder zu auch größeren Überschwemmungen geführt, die an seinem Ufer sumpfige Wälder zurückgelassen haben. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurden diese Wälder jedoch zunächst zur Holzgewinnung gerodet, um das Land für den Baumwollanbau urbar zu machen.
Mit dem Greenville Cypress Preserve wurde ein Stück ehemaliges natürliches Gelände erhalten, wie es vormals in dieser Region überall an den Ufern des Großen Flusses zu finden war. Insofern stellt dieser Sumpfzypressenwald in städtischer Umgebung eine Einzigartigkeit dar. Eine hölzerne Brücke führt zu einer Aussichtsplattform mitten hinein.


Verschiedene leuchtend blühende Blumen, die einerseits in den Wäldern und zum anderen im Sumpfgebiet vorkommen, sind auf einer Hinweistafel abgebildet.




Auf einer weiteren Tafel erfahren wir über hier ansässige Vogelarten, wie verschiedene Reiher und auch zahlreiche kleinere, wie zum Beispiel Nachtigallen und Drosseln. Auch Wood Ducks haben sich hier angesiedelt, Enten, die eigenartigerweise in verlassenen Baumhöhlen brüten.
Neben dem Wald und einer größeren Wiese stellt das Sumpfgelände mit seinen echten Sumpfzypressen (bald cypresses) wohl für jeden Besucher die größte Attraktion dar. Der Sumpf erfüllt gleich mehrere Zwecke: als Wasserspeicher und damit Überflutungskontrolle, als Filter zur Reinhaltung des Wassers, als Habitat für wilde Tiere, Brutgründe für verschiedene Fischsorten und Erholungsgebiet für den Menschen.


Es wird ein wundervoller, friedlicher Spaziergang. Wir sind fast ganz alleine in diesem Märchenwald. Das schöne, warme Licht, das üppige Grün in allen Schattierungen, die ungewohnten Vogelstimmen und die für unser Auge ungewöhnlich aussehenden Sumpfzypressen mit ihrem breiten Stamm wirken wie ein Entspannungsbad. Meine Vorfreude und Fantasie bei der Planung des Besuches hier werden bei weitem übertroffen.


Interessant gebildete, senkrecht nach oben zeigende Luftwurzeln, die Zypressen- oder Atemknie, verankern die Bäume im weichen Schlick. Außerdem sorgen sie für eine gute Belüftung der unter der Wasseroberfläche gelegenen Wurzelteile.


Nicht überall stehen die Bäume im klaren Wasser. Teilweise bedeckt Entengrütze die Oberfläche. Sie ist reich an Proteinen, und wird auch in der Landwirtschaft als Futter für Enten, Hühner und Schweine angebaut. Der grüne Teppich kontrolliert das Algenwachstum, absorbiert Nährstoffe und filtert und säubert verschmutztes Wasser. Eine sehr nützliche natürliche Futterkrippe und Kläranlage.




Auf dem Rückweg sind die Schatten noch länger geworden, und das warme Sonnenlicht spiegelt sich mannigfach im Gewässer zwischen den beeindruckenden Bäumen. Wo verläuft hier die Grenze zwischen der realen und der gespiegelten Welt?


Ab und an gluckert etwas unsichtbar im Wasser, ansonsten hören wir nur verschiedene Vögel, die hingebungsvoll vor sich hin zwitschern. Was für eine erholsame Ruhe! Die einzigen, die jetzt Krach machen könnten, sind wir selbst.


Am Ende ist unser Rundgang doch kürzer, als ich vorher dachte. Hinter dem Wald führt ein Weg an einer Wiese entlang, und schon sind wir wieder am Eingang angelangt.


Ein wenig verweilen wir noch auf einer Bank, genießen Ruhe und Natur und lassen die Highlights unseres vorabendlichen Spaziergangs nochmal Revue passieren, bevor wir wieder aufbrechen.


Die vielfältigen Erlebnisse des heutigen Tages haben Appetit gemacht, nicht nur auf die weiteren Erkundungen am morgigen Tag, sondern ganz profan auf einen ordentlichen Teller am heutigen Abend. Auf dem Hinweg sind wir an einem großen Parkplatz vorbeigekommen, um den sich mehrere Geschäfte gruppieren. Tatsächlich werden wir dort fündig. Wir wählen ein mexikanisches Restaurant, wo es stimmungsmäßig schon hoch her geht. Gleich nach unserem Eintritt werden wir in einen Nebenraum verfrachtet, Tisch und Stühle genau in der Mitte platziert. Der Boden, über den das Mobiliar schwungvoll geschoben wird, ist so glatt, dass man darauf tanzen könnte.
Die Speisekarte kommt pronto, begleitet von der Frage, was wir trinken wollen. – Wasser, water (ich denke an Mineralwasser) wäre gut. – Verständnislos schaut der mexikanische Mann, der uns bedient, in unsere verschwitzten Gesichter. Englisch versteht er leider kaum. Es braucht ein paar Wiederholungen, bis unser Getränkewunsch angekommen ist. ‚WAORRRRRR‘ ruft er in den Raum hinaus (sagt das doch gleich). Das Waorrrrrr kommt umgehend mit viel zerstoßenem Eis und einem Strohhalm und kostet erstaunlicherweise nichts.
Im Nachbarraum nimmt die Feierstimmung immer mehr an Fahrt auf. Hoch die Tassen mit Gebrüll! Yeah, das ist genau der Gegenpol, den wir nach unserem friedvollen Spaziergang in der Natur jetzt brauchen, nicht dass wir noch müde werden.
Zu Essen gibt es reichlich, doch verstehen wir die Speisen auf der Speisekarte nicht. Zum Glück sind auch Bilder hinzugefügt, sodass wir per Fingerzeig bestellen können. Alex möchte Rind, ich Schwein, dazu gibt es eine riesige Beilagen-Platte, köstlich mit Bohnenbrei, Avocadoscheiben, verschiedenen Gemüsesorten und Kartoffeln und äußerst sättigend. Am Ende haben wir die Portionen gerade mal so geschafft und bezahlen einschließlich 20% Tipp noch nicht einmal 40 USD. So wenig haben wir während unseres gesamten Aufenthaltes in den USA noch nie bezahlt. Und wenn wir uns die ausschließlich einheimischen Mitgäste anschauen, kommen die moderaten Preise auch ihnen gerade recht. Der Laden brummt jedenfalls.

Am Ende sind wir alle hochzufrieden, blechen und machen noch einen Abstecher in den Walmart nebenan, wo ich endlich mein Insektenspray erstehe. Einige Mücken haben mich leider schon erwischt und ich möchte keine weiteren Stiche riskieren. In diesem Gebiet, und auch noch weiter südlich, kommen Tigermücken und andere Sauger vor, die verschiedene Krankheiten übertragen können, wie Westnil-, Dengue-Fieber, Zika und andere.
Die grüne Plastikflasche mit dem Sprühzeug sieht eher so aus, als ob dort ein Insektizid für den Gebrauch im Freiland enthalten wäre, doch der Verkäufer versichert lachend, es sei eine Lotion für die Haut, und die würde gegen alle Viecher, auch Zecken, schützen. Nun denn, probieren wir es aus. Es steht jedenfalls groß DEET auf dem Etikett, die harte Chemiedröhnung also. Mal schauen, wie meine Haut das finden wird. Aber Hauptsache, die Mücken bleiben mir vom Leib.


Von Greenville zur Canemount Plantation