Dreißig Jahre Kreta

Meine gefühlten Erinnerungen an das erste Mal auf Kreta, im Jahr 1986, sind noch immer sehr präsent. Nach einem längeren Aufenthalt auf der wesentlich kleineren Insel Naxos entsprachen meine ersten Eindrücke überhaupt nicht meinen Erwartungen. Weg vom sommerlichen, weiß-blauen Kykladenstil war es auf Kreta an diesem Novembertag kalt und regnerisch, und Iráklio laut und unübersichtlich. Auf meiner Flucht, raus aus der Stadt, verschlug es mich eher zufällig in den Inselsüden. Diese Dörfchen verströmten damals noch ein ganz anders Flair - die Touristenmasse war noch bei weitem nicht so gewaltig wie heute.
In der Hauptsaison müssen nun riesige an- und abreisende Menschenmengen bewältigt werden, und man ist froh, wenn man die Abfertigungszentren schnell wieder verlassen kann. Touristen wollen gefüttert, bedient, besänftigt werden, alles soll zu ihrer Zufriedenheit sein. Das ist für die im Tourismus Beschäftigten nicht so leicht und erfordert ein gewisses Maß an Professionalität. Manche glauben, dass man dafür vieles ändern und sogar die Architektur eines ganzen Dorfes anpassen muss, damit die Gäste aus Mitteleuropa das vorfinden, was sie von einem Urlaubsort erwarten. Manche Orte erkennt man kaum wieder.
Ich will nicht behaupten, dass damals alles besser war - nein, ganz gewiss nicht - aber intensiver, offener, sozialer, abenteuerlicher und näher an den Menschen war mein Erleben dort schon.
„Pah“, wird mir einer derjenigen zurufen, die es schon in den 1950er Jahren oder mit Beginn einer zarten Entwicklung des Tourismus ein paar Jahre später auf die Insel verschlug, „damals, als ich erstmalig hierher kam, konnte man noch das echte und wahre Kreta erleben!“
Aus der ganz eigenen Sicht der „Chippies“ Ende der 1960er und der Möchtegern-Vierwochen-Aussteiger, die sich als deren legitime Nachfolger sahen, war ihr persönlicher Standort in Orten wie beispielsweise Mátala oder Paleóchora auf ihre Zeit bezogen das Nonplusultra. Etwas vergleichbar Gutes gab es nur in Goa oder im Winter auf dem Sinai – wenn überhaupt.
Selbst viele derjenigen, die die bereits stark touristisch entwickelte Insel zu Beginn des Millenniums für sich entdeckten, denken sehr gerne an jene Zeit zurück.
Wer Kreta heute kennenlernt, wird in ein paar Jahren, nach dem soundsovielten Aufenthalt, zurückblickend vielleicht ebenfalls mit etwas Wehmut die Veränderungen sehen.
Zeit ist also relativ, je nach eigenem Blickwinkel. Ich selbst kann nur aus meiner eigenen Erfahrung berichten. Mein Bezugspunkt liegt dreißig Jahre zurück, und bildet den Beginn einer Spanne, in der sich mein Kreta-Gefühl sehr verändert hat.

Ich kenne noch die Zeit als man mit Drachmen bezahlte und mit Traveller- oder Eurochecks unterwegs war; als es im Dorf nur ein einziges Telefon gab und keine Tavernen, geschweige denn Zimmer- oder Hotelvermietungen. An den Wegrändern außerhalb der Ortschaften türmten sich stinkende Müllhaufen und die Straßen waren mit totgefahrenen Tieren gepflastert. Viele der heute wie selbstverständlich geteerten Strecken, die es jedem Kleinstwagenbesitzer ermöglichen, bis in den hintersten Winkel der Insel vorzudringen, bestanden damals maximal aus Schotter oder waren noch gar nicht vorhanden.


Weg von Pitsidia nach Komós, Winter 1990

Verkaufsangebote egal wovon, die früher als „special“, „spesial“ oder als „very special“ angepriesen wurden, sind heute alle „ecological“, „traditional“ und „home-made“. Frauen waren damals in den meisten Kafenía nicht gern gesehen. Ausländern war es nicht gestattet, Immobilien zu erwerben. Der Charakter der Dorfgassen war noch von den Bruchsteinen bestimmt, aus denen die Häuser bestanden.





Impressionen aus Sívas, Südkreta, 1990er Jahre

Heute leben diese Bilder nur noch in der Erinnerung. Seit EU- und Euro-Beitritt hat (nicht nur) die Insel einen großen Wandel erfahren, hin zu mehr Komfort und Lebensqualität, was beispielsweise die Infrastruktur betrifft. Die Häuser sind fast alle renoviert, einige in schickem Stil in Anlehnung an die traditionelle Bauweise, andere einfach mit Betonüberzug. Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten gibt es in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise zum Teil weniger als vor dem Beitritt. Der Tourismus boomt jedoch gewaltig.
Die Auswirkungen für die dort Ansässigen kann und möchte ich nicht bewerten, da ich nicht in Griechenland lebe. Andererseits kann ich den Wandel aber doch ganz gut nachvollziehen, weil ich bis Ende der 1990er mehrfach über einen längeren Zeitraum auf Kreta sein konnte und die Insel danach für viele Urlaube besuchte. Beispielhaft möchte ich auf eine Änderung in einem Dorf eingehen, die vielleicht am ehesten mein eigenes Gefühl beschreibt.


Der zentrale Platz ist das Gesicht eines Dorfes

Im öffentlichen Raum besuchte man sich immer gerne zum gegenseitigen Austausch. So zum Beispiel auf dem äußerst beliebten Dorfplatz von Sívas, einem traditionellen Dörfchen in Südkreta, das auf eine tausendjährige Geschichte zurückblicken kann. Diese Platía galt als die schönste in der ganzen Messará-Ebene.
Überquerte man den Platz, gab es immer einen Gruß in die eine oder andere Richtung, eine kurze Ansprache von irgendjemandem, häufig wurde man geneckt, oder man fragte, ob man jemandem etwas aus Míres mitbringen könne. Der Platz diente dem kommunikativen Austausch und gehörte eindeutig den Dorfbewohnern. Die Kafenía rundeten das Bild ab. Man konnte sich direkt vor die Gebäude oder in die Räumchen setzen, oder unter die Bäume in der Mitte - Konsumzwang bestand nicht. Vor und nach der Arbeit pflegten etliche Anwohner einen kurzen Besuch auf einen griechischen Mokka, zum Plausch über die Erlebnisse des Tages, über das Wetter, die bevorstehende Olivenernte oder was auch immer.
Aufgrund der Beliebtheit des Platzes im gesamten Umkreis konnte man dort sämtliche Bekannten treffen. Tische wurden zusammengerückt, und man verbrachte einen ganzen Abend von A bis Z miteinander, quatschte, lachte viel, lernte ganz selbstverständlich neue Leute kennen, die sich mit dazugesellten.
„Lass' uns nach Sivas fahren" war gleichbedeutend mit „Lass' uns mal schauen, wen wir auf der Platía treffen"; den Ankömmlingen, gerade dem Fahrzeug entstiegen und mit suchendem Blick herüberschlendernd, konnte man ansehen, wie schwer die Entscheidung fiel, an welchem Tisch man sich zuerst zum Palavern niederlassen wollte.

Diese Platía könnte viele Geschichten erzählen. Etwa die eines lyraspielenden Käse- und Joghurtverkäufers, der hin und wieder auch ins Dorf kam, zügig mit dem Pickup vor einem der Kafenía hielt, ausstieg, statt der quäkenden Lautsprecherstimme zum Musikinstrument griff und einen fetzigen Pentosális hinlegte. Im Nu kamen die Leute aus den benachbarten Häusern gekrochen, um zu gucken, was da los ist. Hin und wieder gab es dazu Tanzeinlagen von denen, die sich nicht mehr zurückhalten konnten.
Manchmal wurde auch spontan gegrillt, wenn Kapetan Giánnis Holzkohle aufs Eisen warf. Dann konnte man selbst Gekauftes aus der Metzgerei, die am unteren Ende der Platía liegt, zum Garen geben. Köstliche Düfte erfüllten die Luft, und alle freuten sich über die Abwechslung.
Ich erinnere mich an Sonntagnachmittage, an denen die Platía berstend voll war mit Einheimischen, und uns wenigen Touristen irgendwie mitten drin. Die Stühle standen dort, wo man sich gerade niederließ, und wenn ein Auto in Richtung Lístaros den Platz überqueren wollte, musste der Fahrer sich ganz langsam hindurchschlängeln, was häufig dazu führte, dass er den Wagen einfach abstellte und sich dazusetzte.
Oder die Geschichte eines langjährigen Residenten, der manchmal ein Glas zuviel trank. Die Idee, dabei mit dem Mini-Moped durch die Gegend zu fahren, fanden wir alle nicht gut, aber verständlich, da die meisten Kafenía damals über keine eigene Toilette verfügten, sodass man unter Umständen an einem Tag viele Meilen nach Hause und wieder zurück zu Fuß hätte gehen müssen.
Eines Nachmittags, es war wieder ein Sonntag mit gut gefüllter Platía, verlor er bei der Rückkehr leider die Gewalt über das Gefährt. Geistesgegenwärtig sprang er noch rechtzeitig ab, bevor es ihn in das Pantopolío schleuderte, das genau in seiner Fahrtrichtung lag. Bis auf den Schreck ist zum Glück niemandem etwas passiert. Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können! Und trotzdem, was haben wir uns den ganzen Nachmittag und noch lange danach vor Lachen über den Vorfall wie Zorbas ausgeschüttet, wie der lange Lulatsch mit den schwarzen Schaftstiefeln pfeilgerade auf den Lebensmittelladen zuraste, die Leute auf dem Platz davonpreschten, und wie der Motor des Mopeds punktgenau vor dem Geschäftseingang erstarb und die Maschine dann still dalag. Das alles innerhalb weniger Augenblicke. Den besten Beobachtungsplatz hatten übrigens wir auf dem kleinen Podest unter den Bäumen.

Die Anziehungskraft dieses Dorfes hatte immer schon viel mit der besonderen Atmosphäre dieses zentralen Platzes (im Übrigen einem ehemaligen Friedhof) zu tun. Das schützende Blätterdach der Bäume, unter denen man auf den Stühlen der Kafenía den Tag vorbeiziehen lassen konnte, trug erheblich dazu bei.
Dabei genossen die Einheimischen ihren Schatten am liebsten am Vormittag, wenn die gegenüberliegende Seite im Sommer schon vor Hitze kochte. Erst nach der Siesta zogen sie es vor, direkt vor den Kafenía zu sitzen. Uns zog es bei schönem Wetter eigentlich immer sofort zu den Bäumen, von wo man dem dörflichen Treiben bestens zusehen konnte. Vögel zwitscherten im Geäst, und manchmal löste sich ein Blättchen und segelte auf unseren Tisch. Es war einfach wunderschön, dort zu sitzen.


Kinder spielten am frühen Abend auf dem kleinen Spielplatz, direkt nebenan, während die stolzen Opas auf sie Acht gaben. Jugendliche hatten es eher auf die Basketball-Körbe abgesehen, die auf dem Schul-/Kirchhof standen, der direkt oberhalb des Platzes liegt und durch eine Treppe mit diesem verbunden war. Jeder, ob alt oder jung, konnte seinen Interessen nachgehen und sich hier, in der Gemeinschaft, wohlfühlen.


Als die erste Taverne mit ihren Stühlen und Tischen mitten auf dem Platz etabliert wurde, freuten wir uns, dass man zum Essen nun auch im Dorf bleiben konnte. Häufig sind wir von unseren Plätzen unter den Bäumen hinüber in die Taverne gewechselt, um nach einer kulinarischen Kräftigung den restlichen Abend später wieder in trauter Runde unter dem grünen Blätterdach zu verleben.
Immer mehr Touristen besuchten das Dorf, Übernachtungsmöglichkeiten wurden angeboten, einige logierten auch im neu eröffneten Hotel. Eine zweite und schließlich eine dritte Taverne kamen dazu, so wie im gleichen Maße die Kafenía und der Tante-Emma-Laden auf der Ecke im Laufe der Zeit verschwanden. Solange es die Kafenía noch gab, konnte ich mich mit dem Wandel innerlich arrangieren, obwohl der Platz unter den Bäumen für uns immer kleiner wurde. In den Kafenía nahm man Platz zum Austausch, in den Tavernen hingegen in erster Linie zum Essen, auch wenn man nach dem Verzehr dort sitzen bleiben konnte. Man kann über die Änderungen traurig sein, doch das alles ließ sich nicht aufhalten, da die Betreiber der alten Läden irgendwann mit dem Geschäft aufhörten.

Richtig erzürnt hat mich allerdings die Nachricht, dass man im Rahmen einer Umgestaltung des Dorfplatzes die schönen Bäume abgehackt hat, um ein nacktes, steinernes Rechteck zu bauen. Wer ist nur auf solch eine absurde Idee gekommen? Überhaupt nichts mehr ist von dem geblieben, was die Platía einmal so besonders machte! Diejenigen, die sie nicht anders kennen als aus dem Blickwinkel des Tavernenbesuches im Sommer, werden die Atmosphäre bestimmt ganz toll finden. Diejenigen aber, die den Charme des Platzes von früher kennen, werden weinen, wenn sie sehen, was daraus geworden ist.
Um nicht falsch verstanden zu werden - ich habe nichts gegen Tavernen, und schon gar nichts gegen die in Sívas. In jeder einzelnen kann man wahnsinnig gut essen und die Betreiber geben alles, um ihre Gäste fürstlich zu bewirten. Vielmehr kritisiere ich die Vereinnahmung des ehemals gemeinsamen Dorfplatzes, der doch für alle Dorfbewohner da sein sollte, nicht nur für Tavernenbesucher.
Wo kann man sich jetzt dort überhaupt noch zwanglos treffen, wenn man sich einfach nur mal unterhalten will? Wo ist der Zauber hin, das schöne Gefühl, wenn man sich im Schatten der lauschigen Bäume zusammenfand oder nachts dort saß, wenn schon alle weg waren, den rhythmischen Schreien der Käuzchen lauschte und beobachtete, wie eine große, weiße Eule ihre Runden drehte und man sich so wunderbar „zu Hause" und aufgehoben fühlte.
Um ehrlich zu sein: Ich fasse es einfach nicht, was man aus diesem so überaus wertvollen und schönen Platz gemacht hat! Wie man der Presse entnehmen kann, waren längst nicht alle Dorfbewohner mit der Zerstörung der Bäume einverstanden, ganz im Gegenteil. Trotz aller Proteste, den schönsten Dorfplatz der Messará hat man bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

Und so verlieren diese Sehnsuchtsorte immer mehr an persönlicher Bedeutung: nicht mehr dieses „Nichts-wie-hin“-Gefühl, in fiebriger Vorfreude in Gedanken zusammenspinnend, welche Bekannten und Freunde man auf dem Platz zuerst antreffen würde, hochgradig infiziert mit dem gerne bemühten „Kreta-" oder „Griechenland-Virus“. Zumindest nicht mehr mit dieser Intensität.
Vielleicht wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, die eigenen Erwartungen nachzujustieren. Ich bin froh und sehr dankbar dafür, dass ich auf Kreta, und insbesondere in diesem Dorf, Begegnungen mit überbordender Gastfreundschaft, spannenden Lebensgeschichten und kaum auszuhaltenden Glücksgefühlen erleben durfte, aber auch anderes, zum Beispiel, wie nah Krieg und Tod sein können; oder einfach nur den kretischen Alltag mit all seinen Mühen und Sorgen, und wie großartig die Menschen diesen mit viel Mut, Hingabe und Humor meisterten. Der Austausch über die täglichen Erlebnisse fand ganz selbstverständlich auf der Platía, häufig unter den Bäumen, statt. Aber das ist Geschichte, ebenso wie es die Bäume unwiederbringlich nicht mehr gibt. Die zahlreichen Berichte und Werbungen für den Ort, die sich gerne auf die Schönheit des Dorfplatzes beziehen und mit Fotos der Platía und ihren wie selbstverständlich dazugehörenden Bäumen garniert sind, müssen jetzt neu geschrieben werden. Allerdings sind seit der Platzerneuerung im Internet kaum Fotos von diesen Errungenschaften des modernen Wandels zu finden.

Dieses ist eines von vielen Beispielen, die mir eine Antwort auf die Frage geben, warum ich die letzten Jahre irgendwie die Lust verloren habe, meine Urlaube auf der Insel zu verbringen.
Zuerst dachte ich, ich sei vielleicht übersättigt, dass die Kreta-Dröhnung über die Jahre hinweg zu intensiv gewesen sei. Das wäre ein gutes Argument, bei all den Erlebnissen, die mir widerfahren sind. Der Verdauungsprozess ist allerdings schon seit längerem abgeschlossen.
Oder lag es eher an meinem eigenen Älterwerden und dem Entschluss, doch lieber in Deutschland zu leben als dort? Oder vielleicht auch daran, dass sehr viele von denen, die ich damals kannte und liebte, zurück in ihre Heimatländer sind oder nicht mehr leben.
Ich glaube allerdings, dass in ganz besonderem Maße die zähe, unaufhaltsame Anpassung an Kommerz, Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit in all ihren Ausprägungen den Schleier jenes Zaubers im Laufe der Zeit hat zerreißen lassen.
Wenn das so stimmt, was gäbe es aus heutiger Sicht also noch zu sagen? Um überhaupt etwas äußern zu können, müsste ich erst einmal wieder hin, und ein dreißigjähriges, höchst privates Jubiläum sollte doch Anlass genug dafür sein. Ohne Erwartungen, „nur“ als Tourist, bis auf die Flüge ohne sonstige Vorbuchungen, aber mit einer Vorstellung, in welche Richtung es gehen sollte – nämlich zunächst nach Westen. Vielleicht würde ich die Insel ja wieder neu entdecken.

Ankunft im Hüttendorf