Komm', komm', Bootsführer...


Zunächst riefen wir nach einem Bootsführer: Gel, Gel Kaïksí (Komm’, komm’, Bootsführer) von Apóstolos Chatzichrístos (Musik) und Giórgos Fotídas (Text). In dem Lied geht es um einen Mann, der eine Frau (Hanum) aus dem Harem mit Hilfe eines Bootsführers entführen will. Welches Bild liegt da näher als das des alten Harems im Topkapı-Serail, sti Póli, und eines der vielen Boote und Schiffe, die auf dem Bosporus fahren.




Wahrscheinlich fühlte sich der sehnsuchtsvolle Mann im Boot von den schimmernden Wimpern (Matóklada) seiner angebeteten Hanum angezogen, die schon den großen Márkos Vamvakáris fasziniert hatten.


Giórgos machte Athiná ein Zeichen, und sie begleitete viele weitere der dargebrachten Lieder mit ihren Kastagnetten, was der Aufführung eine ganz besondere Note verlieh.




Zu einem seiner Lehrer, zu Vassílis Tsitsánis, hatte Daláras ein besonderes musikalisches Verhältnis. Wer weiß, ob Giórgos nicht eben die Bilder der Vergangenheit durch den Kopf gingen, als er seine Lieder anstimmte wie Píra ti Stráta oder To Skalopáti.

Deine Stufe werde ich zum Bett machen,
weil du deine Tür verschlossen lässt.
Ich werde draußen bleiben, weil du darauf bestehst,
und mein Herz wird vor Kälte erlöschen.

Deine Stufe werde ich heute Abend fragen,
weil sie mir Gesellschaft leistet,
ob ich kommen oder sie nie wieder betreten soll,
um deine Augen zu sehen, mein süßes Gemälde.


Vassílis Tsitsánis, Sänger, Komponist und Multiinstrumentalist, besonders bewundert für seine Virtuosität auf der Bouzoúki, wurde 1918 in Mittelgriechenland (Tríkala) geboren und starb 1984 in London. Seine musikalische Karriere begann ab Mitte der 1930er Jahre, also zum Beginn der Blütezeit des Rembétiko. Es ist nicht nur die Bewunderung für einen großartigen Musiker, einer von so vielen, denen Dalaras während seiner Karriere bisher begegnet ist, sondern auch für den Menschen, denn Tsitsánis verkehrte als Gast in seiner Familie zu Hause. (Quelle: "In the beginning of the song", abgerufen am 01.06.2014)

Und so kann man auch verstehen, warum Daláras neben all seiner Vielseitigkeit auf der Bühne immer wieder Lieder von Tsitsánis darbringt, wie Káthe Vrádi.

Jeden Abend immer traurig.
Jeden Abend tief nachdenklich.
Sag mir, was man dir über mich erzählt hat.
Und deine Augen sind immer voller Tränen.
Sag mir, was man dir über mich erzählt hat.
Und deine Augen sind immer voller Tränen.

Etwas versteckst du in deinem Herzen,
ich lese es, ich sehe es in deinem Blick.
Bist du etwa meiner überdrüssig? Soll ich gehen?
Lass’ mich nicht so peu-à-peu sterben.
Bist du etwa meiner überdrüssig? Soll ich gehen?
Lass’ mich nicht so peu-à-peu sterben.

Hör’ auf zu weinen, es reicht. Du weißt, wie viel ich für dich getan habe.
Du weißt, es gibt Konkurrenz.
Hör nicht auf die lügnerische Welt.

Es folgten dann mehrere Stücke, die ineinander übergingen, bis Giórgos uns die Gelegenheit gab, die Darbietung der Band und der beiden Sängerinnen einmal ohne ihn auf der Bühne zu genießen, denn eines ist sicher: Daláras selbst hat mit seiner Bühnenpräsenz eine dermaßen charismatische Ausstrahlung, dass man alle anderen um ihn herum mit ihrem musikalischen Können leicht nicht mehr wahrnimmt.


Auch wenn das Musikerensemble sicherlich nicht hoffnungslos am Rand irgendeiner Stadt ausgespuckt wurde, so erkennt man, wenn man ihrer Musik lauscht, dass sie das Lebensgefühl des Rembétiko verstanden haben. Wie sonst könnte ein junger Bursche wie Vassílis Korakákis die Bouzoúki so herzzerreißend zum Klingen bringen oder im Duett mit Aspasía Stratigoú seine Gefühle heraus singen.










Wie kommen so junge, zeitgenössische Musiker dazu, sich nicht dem finanziell vielversprechenden, oberflächlichen Mainstream zu verschreiben, sondern einer Musikrichtung, die seit 60 Jahren out sein könnte, wären damals nicht ebenfalls junge Künstler bekannt geworden, die den Rembétiko sozusagen wiederbelebt bzw. gerettet hätten, und zwar bis heute, wo er so populär ist wie in jener Zeit, da er den Menschen aus der Seele spricht. Die Probleme sind heute ja nicht weniger geworden, auch das Elend der Benachteiligten in den Städten nicht.
Das Ensemble brachte nun Musik verschiedener Epochen dar, wie ein altes Rembétikostück, das eigentlich immer von einer Frau gesungen wird und von einem Stadtteil in Smýrni, Bournóva, handelt. Ein Mädchen von dort nannte man Bournovaliá. Diesen Mädchen widmeten Stávros Chárchakos (Komponist) und Níkos Gátsos (Text) das gleichnamige Lied, hier in einer Version mit Glykería:


Opa Opa Opa
Ich sag es dir und habe es dir gesagt:
Das Körperlein, das schlangenartige,
neige es nicht nach vorne und nach hinten.
Das Körperlein, das schlangenartige,
halte es ein wenig gerade.

Tanze, meine Bournovaliá,
damit ich dir meine Küsse schicke.
Tanze, mein Liebchen,
dreh mir Märchen an.

Tanze, meine Bournovaliá,
damit ich mich an mein Vergangenes erinnere
Tanze, Hanumissa,
du bist mir ähnlich, ich bin dir ähnlich.

Opa Opa Opa
Schau dich um und bleib’ still.
Tausend Augen durchlöchern dich
durch die Öffnungen des Herzens.
Tausend Augen durchlöchern dich
mit Lächeln und Neid.


Sowieso: Schuld sind immer die Frauen!

Wie bei Spýros Peristéris: Ich trinke und berausche mich - Píno kai methó

Ich trinke und berausche mich
Och, Aman, Tag und Nacht singe ich,
und meinen Kummer vergesse ich in meiner Bouzouki.

Ich bin ein Säufer geworden, och Aman,
ein Haschischraucher und Liebhaber von Kummer,
weil du immer sagst, meine Puppe, dass du mich nicht willst.

Deine Äuglein, och Aman, und deine Haarbändchen
haben mich herumgekriegt und veräppelt.
Wie hast du das hingekriegt, und es mir verpasst?
Du hast mich mit einem anderen Kerl verlassen.

Ein Vertreter schnellerer Rhythmen im Vergleich zu den eher behäbigeren der alten Rembétes war der Komponist Manólis Chiótis, geboren 1921 in Thessaloníki. Er spielte nicht nur Rembétikolieder, sondern brachte als Innovation sehr schnellen Laïko mit Mamboeinschlägen ein. Seine revolutionäre Erfindung war die achtsaitige Bouzoúki (4 Doppelsaiten) im Vergleich zur sechssaitigen, und die elektronische Verstärkung des Instrumentes. Seine Musik machte Familienlokale mit Live-Musik damals salonfähig. Gassenhauer sind unter anderem, hier mit Mairi Linda:

Erotá mou Katergári


Afoú to thes

Publikum und Kapelle auf der Bühne waren bei diesem abwechslungsreichen Repertoire so richtig in Fahrt. Um ehrlich zu sein, wissen wir nicht mehr genau, ob wirklich alle Stücke aus dem Programmheft so und nicht anders, in dieser Reihenfolge oder überhaupt dargeboten wurden. Wir meinen uns aber erinnern zu können, dass als Kontrapunkt zur leichten Muse als nächstes ein traditionelles Bauchtanzlied erklang: Sala sala, hier in der Version von 1926, in NY aufgenommen, gesungen von der Göttin Maríka Papagíka.


Was für ein toller Abend! Was für eine tolle Auswahl an den guten alten Stücken! Aufgeführt von fantastischen Musikern! Das Publikum bezog sich selbst mit ein, klatschte und sang mit. Sehr viel Freude spürten wir um uns herum über diese Darbietung.
Wie die Musiker auftraten, sich mit ernster Miene ihrer musikalischen Darbietung hingaben; zu hören, wie Aspasía, Athiná und Vassílis uns mit ihrem Gesang verzauberten; die Soli einzelner Instrumente, das Laoúto, die beiden Bouzoúkis oder das Akkordeon – alles fügte sich harmonisch zusammen. Genauso und nicht anders saßen in früheren Zeiten musikalisch Interessierte zusammen, dichteten, komponierten oder sangen aus dem Stehgreif, was in ihnen gerade vorging.
Ungeachtet der hingebungsvollen Aufführung der Musiker fing einer aus dem Publikum plötzlich an, Daláras zu vermissen und ihn lauthals zurück auf die Bühne zu rufen. Ungeschickterweise, um nicht zu sagen, wie ein prolliger Grobian, mitten hinein in ein fantastisches Solo des Bouzoukispielers Giórgos Matsíkas. Doch Daláras war bereits auf dem Weg zurück zum Mikrofon, denn das Bouzoúki-Intro war das Vorspiel zu einem Stück, das Giórgos singen sollte. Auf jeden Fall kam dieser peinliche Eklat überhaupt nicht gut an. Die Künstler schauten irritiert hinauf zu den Rängen, verstanden offensichtlich die Pfiffe nicht.










Auch an Giórgos ging dieser peinliche Vorfall nicht spurlos vorbei. Doch er wäre nicht ein Profi mit Jahrzehnte langer Bühnenerfahrung, wenn er es nicht verstanden hätte, die Situation zu retten, indem er zunächst auf seine Musiker mit einem Mut machenden Lächeln einging und das Publikum mit einer außerplanmäßigen Einlage in Form einer Solodarbietung auf dem Tzourás für sich einnahm. Wahrscheinlich ging es den anderen Zuschauern so wie uns: zunächst ein peinlich berührtes Schweigen über das Prollverhalten dieses Banausen, und schließlich schallender Beifall nach dem Ende des Stücks, um zu zeigen, dass man sich von diesem merkwürdigen Intermezzo distanzierte.
Die erste Hälfte unserer musikalischen Reise rundeten dann wieder Stücke des guten Tsitsánis ab. Nach über einer Stunde entließ uns Daláras mit einem „Nicht dass ihr weggeht, das Gute kommt nachher noch!“ in die Pause.

Im Berberland



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